Stillsitzen konnte ich noch nie

Interview mit Giuseppe Gagliardi, Gastronom in Dresden

Giuseppe Gagliardi kann mit Stolz von sich behaupten, die Pizza nach Dresden gebracht zu haben. In diesem Jahr feiert er mit seiner Familie 30-jähriges Jubiläum, denn 1990 war er „Der erste Italiener in Dresden“. Eine Geschichte, die mich als Fast-Dresdnerin natürlich interessiert, zumal ich sein Lokal in Dresden Löbtau kenne und schon oft besucht habe. Am 5. November 2020 hatte ich die Gelegenheit, mit Herrn Gagliardi über sein bewegtes Unternehmerleben zu plaudern.

Die erste Erinnerung im Zusammenhang mit Dresden liegt Ewigkeiten zurück. Sie ist nur sehr vage. In meiner Heimat Salerno in Kampanien erzählte man uns in der Mittelschule von „Dresda“. Irgendwie war da etwas in meinem Hinterkopf geblieben. Dann habe ich viele Jahre nichts mehr von dieser Stadt gehört. Bis zu dem Tag, als ein Unternehmer in Köln mir vorschlug, mit ihm nach Dresden zu gehen. Es war mein dritter Ausflug in die DDR, nach dem Mauerfall. Zwickau und ein anderer Ort gefielen mir nicht. Dort stank es nach Trabi-Abgasen und Braunkohle. Meine dritte Reise ging nach Dresden. Und da hat es klick gemacht. Nach einer Tour durch die Innenstadt war ich, wie sagt man, „meravigliato“, beeindruckt. „Das Florenz des Nordens“, damals fiel es mir wieder ein, was ich über Dresden gelernt hatte.

Fangen wir von vorne an, Dresden war ja nicht Ihre erste Station. Wann kamen Sie nach Deutschland?

Schon als junger Mann, mit gerade mal Siebzehn. Das war 1968. Ich ging nach Deutschland, da ich so die Möglichkeit hatte, den Militärdienst zu vermeiden. Wenn man im Ausland lebte und dort den Wohnsitz nachweisen und eine Arbeitsbescheinigung vorlegen konnte, wurde man befreit. Und, mal ganz ehrlich, ich hatte keine Lust, 24 Monate ‒ für zwei Jahre wurde man damals in Italien eingezogen ‒ dem Staat zu dienen. Mein Vater hatte ganze zwölf Jahre mit Militärdienst, Krieg und Gefangenschaft verbracht, das war doch genug für unsere Familie?

Ich ging also 1968 nach Göppingen, gemeinsam mit zwei Brüdern, um meinen Weg zu machen und mein Leben in die Hand zu nehmen. Nach sechs Monaten begann ich dort neben meiner Arbeit in einer Fabrik meine erste selbständige Nebentätigkeit. Nachmittags brachte ich den italienischen Gastarbeiten den Lebensmitteleinkauf in ihre Baracken, die sogenannten Betriebswohnungen. Irgendwann organisierte ich auch für Bauarbeiter kalte Getränke, indem ich sie von der örtlichen Brauerei auf die Baustellen brachte. Ich hatte immer einen Blick dafür, wo es etwas zu tun gab.      

1975 eröffnete ich meine erste Pizzeria. Aber der ganz große Wurf gelang mir ein Jahr später mit der Idee, „Pizza al taglio“ (Pizza am Stück) als Imbiss in die deutschen Bierzelte zu bringen. Das kam gut an, war ja auch praktisch. Als ich im Mai 1990 mit meinem mobilen Pizzaofen bei einer Veranstaltung in Köln dabei war, traf ich einen Kölner Unternehmer, der die Silvesternacht in Dresden verbracht hatte und hin und weg war von dieser Stadt. Er schlug mir vor, meinen Pizzawagen in Dresden aufzustellen. In der DDR? Dresden, da war doch was … ich hatte es verdrängt. Und eigentlich war ich zu jener Zeit überall gut im Geschäft, sowohl in Göppingen als auch in meiner Heimat Salerno, ich hatte eigentlich nicht die Absicht, mich zu verändern.

Aber dann hat Sie die Abenteuerlust gepackt und der wilde Osten gereizt?

Naja, ich habe mich überreden lassen, es mir mal anzuschauen, und dann, wie gesagt, war ich von Dresden so begeistert. Ich hatte, mit damals Vierzig, auch Lust, in eine große Stadt zu gehen, Göppingen war mir irgendwie zu klein geworden. Natürlich war das gar nicht so einfach, in der DDR einen Imbiss aufzumachen. Ich spreche vom Sommer 1990.  Ich ging zur Dresdner Behörde und zunächst glaubte man mir nicht, dass ich Italiener sei. Dann gefiel ihnen meine Idee, aber sie hatten nicht die erforderlichen Papiere, wussten noch gar nicht, wie sie so einen Antrag abwickeln sollten. Also bin ich zurück nach Göppingen, habe mir dort die Unterlagen beschafft. Und wissen Sie, was man mir im Göppinger Amt sagte, als man von meinem Plan erfuhr, in der DDR einen Pizzastand aufzumachen? „Sind Sie verrückt?“ Ja, sie erklärten mich für verrückt. Die im Osten hätten doch eine andere Mentalität, ob ich mir das gut überlegt hätte. Ich konnte nur lachen. Andere Mentalität, was interessiert mich das? Ich bin Süditaliener, habe ich denen erklärt, und mit den Norditalienern kommen wir auch nicht so super klar. Na und, also? Wieder zurück in Dresden, unterschrieb und stempelte Frau Müller, so hieß die Angestellte, die bereits ausgefüllten Unterlagen. Dann machte sie sich eine Kopie. So hatte sie für künftige Fälle dieser Art ein schönes Arbeitsbeispiel. Ja, ich war der erste zugelassene selbständige Gastronom in Dresden. Darauf bin ich auch stolz.

Zu Recht. Man musste sich etwas trauen damals. Auch wenn man erstmal vor verschlossenen Türen stand …

So ging es mir, als ich mich für den Striezelmarkt interessierte. Ich hatte mit der Organisation von Festen und Märkten schon reichlich Erfahrungen, in Westdeutschland und in Salerno, und vom berühmten Striezelmarkt hatte ich gehört, es reizte mich natürlich, da mitzumachen. Aber niemand konnte oder wollte mir sagen, wer dafür verantwortlich war. Fünf, sechs Wochen klopfte ich vergeblich an verschiedene Türen. Als ich dann endlich den „Veranstaltungsbetrieb Dresden“ gefunden hatte und mit Glück den Chef zu sprechen bekam, erfuhr ich von ihm, dass das Büro kurz vor der Schließung stand. Er könne mir die Organisation übergeben, bevor er selbst in den Westen ginge. Wie hätte ich da nein sagen können, nach all der Rennerei. So kam es, dass ich zwischen Ende Oktober und Ende November einhundert private Weihnachtsmarktstände für die Stadt organisierte. Und obendrein platzierte ich vorm Café Prag zehn eigene Buden, holte dazu fünfunddreißig Leute vom Arbeitsamt sowie meine Söhne aus Italien, die dort studierten. Ihr werdet hier gebraucht, sagte ich ihnen. Wenn ich heute an diese verrückte Zeit denke, frage ich mich, wie ich das alles hinbekommen habe. Diese Erfahrung war wie ein „esame di vita“, eine Prüfung fürs Leben. In den darauffolgenden Jahren, bis 1996, betrieben wir dann jeweils nur noch einen Glühweinstand mit Pizza auf dem Striezelmarkt. Mein Glühwein wurde übrigens mehrmals prämiert. Ich habe nie gepanscht, lieber ein paar Cent mehr verlangt, denn ich bin überzeugt, dass nur Qualität langfristigen Erfolg garantiert.

Und Ihr erstes Restaurant in Dresden?

Als ich den Pizzaimbiss in der Zwinglistraβe betrieb, bekam ich das ehemalige Eiscafé Iglu angeboten. Es schien mir erst eine Nummer zu groß, mit 350 Plätzen. Aber dann habe ich zugeschlagen und investiert. In den nächsten Jahren kamen insgesamt 15 Lokale dazu. Die Pizzeria & Trattoria „La Contadina“ in Löbtau habe ich im August 1998 eröffnet. Dieses und das Lokal Pizzeria & Trattoria „Il Girasole“ mit dem Veranstaltungsraum „Die Scheune“ in Dresden Nickern, wo ich auch wohne, sind bis heute in meinem Besitz. Es ist nicht alles gut gelaufen über die Jahre, der Unternehmergeist, mit dem man in den Anfangsjahren der Wende gut fuhr, kommt nicht mehr so einfach an. An die Stelle von Improvisation und Enthusiasmus ist die Bürokratie getreten, aber das ist überall so, die Welt ist ein Dorf, oder nicht? Ich bin etwas ruhiger geworden, konzentriere mich auf meine beiden Traditions-Lokale, meine Familie. Ich bin gerade siebzig geworden, aber denken Sie nicht, ich setze mich zur Ruhe. Ich kümmere mich weiterhin jeden Morgen um die Einkäufe, und abends fahre ich rum und schaue vor Ort nach dem Rechten.

Apropos Tradition, habe Sie Ihre Rezepte dem (ost-)deutschen Geschmack angepasst, Kompromisse gemacht?

Eigentlich nicht. Ich glaube an unsere Mission, die Familie Gagliardi steht für „Gastronomia, Tradizione, Innovazione“. Ich verwende unser eigenes Olivenöl, aus Kampanien, da habe ich damals als Junge nachmittags nach der Schule mit meinem Vater die Olivenbäume gepflanzt. Man entwickelt sich weiter, das ist ganz klar, aber die Basis ist immer die Tradition. Die Küche meiner Restaurants war stets in italienischen Händen. Was die gute Küche angeht, weiß ich, dass man Stammkunden nur mit Qualität gewinnt und bei der Stange halten kann. Zu uns kommen Familien seit 25, 28 Jahren, feiern alle ihre Feste bei uns. Und die Menschen entwickeln sich auch weiter, gerade in der Stadt sind sie viel aufgeschlossener als in ländlichen Regionen, was fremde kulinarische Kulturen betrifft. Vor Kurzem sah ich, wie in meinem Restaurant eine große Portion Cozze (Miesmuscheln) serviert wurde, und staunte nicht schlecht, dass es sich bei dem Gast um ein Kind, fünf oder sechs Jahre alt, handelte. Das ist eher kein gewöhnliches deutsches Kindergericht, nicht wahr? So etwas zu sehen, macht Freude. Ich sage manchmal, ich habe viel von Dresden gelernt. Aber die Dresdner auch von mir.

Was mögen Sie besonders an Dresden und den Dresdnern?

Als ich noch pendelte, zwischen Göppingen und Dresden, habe ich Unterschiede erlebt, ich habe die besondere Gastfreundschaft der Dresdner zu schätzen gelernt. Wenn ich über die Zimmervermittlung eine Unterkunft suchte, wurde ich immer sehr herzlich aufgenommen, nie bekam ich zu hören „Italiener wollen wir hier nicht.“ Und dann hat mich überrascht, dass es in der Stadt so viele italienische Nachnamen gab. Einmal blätterte ich im Telefonbuch, und konnte meinen Augen nicht trauen. Spätestens da stand für mich fest: Jetzt ziehst du endgültig hierher.

Eine Entscheidung, die Sie nicht bereut haben?

Nein, im Gegenteil. Ich würde alles wieder so machen. Auch wenn zwischenzeitlich nicht alles glatt lief, ich Rückschläge einstecken musste. Aber das ist normal, das ist das Leben. Wenn man etwas anfängt, ein Unternehmen gründet, eine Aktivität, geht man immer ein Risiko ein. „Non si vince sempre“, man kann nicht immer gewinnen. Und was mir besonders wichtig war, neben den Geschäften, das waren die Momente mit Kindern. Ich habe von Anfang an Feste für Kinder veranstaltet, Spaghetti-Essen (das war ein Spaß, sie kannten die ja in der DDR nicht oder aßen sie mit Messer und Gabel), Schuleinführungen, Weihnachtsfeste in Kinderheimen. Da konnte man auch viel bewegen, in den 1990er und frühen 2000er Jahren. Das habe ich immer gern getan, und auch mein Personal war immer sofort dabei, und zwar auf ehrenamtlicher Basis. Auch von diesem Helfergeist ist einiges auf der Strecke geblieben, die behördlichen Vorschriften und Umständlichkeiten machen vieles heute unmöglich, so sehe ich das.

Gerade war in Italien die Beerdigung von Gigi Proietti, ein großer Künstler und als Mensch ein Vorbild für mich … Wissen Sie, ich habe Träume, noch heute. Wenn ich zwischen meinen beiden Lokalen hin und herfahre, und das tue ich mehrmals am Tag, träume ich, was ich noch auf die Beine stellen könnte. Es ist wichtig, zu träumen. Egal, ob man es dann umsetzt oder nicht. Ich habe immer geträumt und höre noch nicht auf.

Und ich kann auch nicht aufhören zu arbeiten. Ich konnte noch nie stillsitzen, das liegt mir nicht. Sind Sie denn nie krank, werde ich manchmal gefragt. „No, non è il mio mestiere.“ Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Giuseppe schmunzelt und zieht die Schultern hoch.

Danke, Giuseppe, für das interessante Gespräch, das wir den Umständen entsprechend per Videokonferenz geführt haben. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie Gesundheit und Schaffenskraft für weitere gute Jahre italienische (Ess-)Kultur in Dresden. Kommen Sie gut und sicher durch diese Krise. Diesmal konnte ich nicht wie geplant in Dresden sein und das Gespräch persönlich vor Ort mit Ihnen führen, aber bei der nächsten Gelegenheit komme ich in der „La Contadina“ in Löbtau vorbei. Versprochen!

Hier geht’s zu Gagliardi in Dresden: https://www.gastro-gagliardi.de/

Fotos zur Verfügung gestellt von Giuseppe Gagliardi.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

Ein Kommentar zu “Stillsitzen konnte ich noch nie

  1. Ein wunderbares Interview! Tolle Geschichte und ein engagierter Mann. Wer hätte gedacht, dass gerade ein Italiener kurz nach der Wende den Stritzelmarkt gerettet hat. 🙂

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