Also, wenn Sie mich fragen

Der Italiener und die Auskunftsfreude

Weeβ ick nich. Ihr lest richtig, mein Artikel über die Italiener beginnt diesmal mit einer patzigen Reaktion in liebenswertem Berliner Dialekt. Sie dient zur Veranschaulichung des Vergleichs, den ich hier führen möchte. Eine Antwort wie diese bekommt man in Italien eigentlich nie zu hören. Italiener geben von Herzen gern Auskunft, wenn sie nach etwas gefragt werden. Zum Beispiel nach dem Weg. Im Gegensatz zu uns eher maulfaulen Deutschen (und speziell den schnippischen Berlinern … ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, ick weeβ wovon ick rede), helfen sie bereitwillig weiter, sogar, wenn sie den Weg gar nicht kennen. Oder sich nicht sicher sind. Am Ende einer halbstündigen detaillierten Wegbeschreibung heißt es dann:

Aber fragen Sie an der nächsten Ecke noch mal nach, ich bin mir nämlich nicht sicher.

Gesenkten Hauptes gebe ich zu, dass ich selbst, statt Auskunft zu geben, gerne mal behaupte: „Ich bin nicht von hier.“ Nur, um keine Unsicherheit zugeben zu müssen, oder weil ich es gerade eilig habe. Ich gehöre übrigens der Herkunft nach zu den sogenannten Randberlinern, was die mundartliche Einleitung und den herangezogenen Vergleich erklärt.

Bereits während meiner ersten Kurzreise nach Italien, die ich als Alleinreisende und ohne ein einziges Wort Italienisch antrat, durfte ich die Freundlichkeit und Offenheit der Italiener erfahren. Alle waren unheimlich hilfsbereit, auch wenn sie mich und mein Englisch nicht verstanden und mir manchmal gar nicht helfen konnten. Natürlich brauchte ich bis zur Ankunft im Hotel ein wenig länger, weil ich den vielen bemühten Auskunftgebern Gehör schenkte. Aber die ersten Eindrücke von Italien und den Italienern blieben mir gerade deshalb in positiver Erinnerung. Ich möchte euch die Geschichte von damals gern erzählen:

Bologna, Guglielmo Marconi International Airport

An einem Freitag im März 1998, es war früher Nachmittag, landete ich von München kommend in Bologna. Erwartungsfroh die Gangway hinabstolpernd, atmete ich gierig die laue, mediterrane Luft ein. Primavera. Endlich! Wenn ich doch bloß wüsste, wo mein Hotel war. Im Leipziger Reisebüro hatte man mir das als Cityhotel bezeichnete Novotel auf dem Stadtplan leider nicht zeigen können. Doch von diesem kleinen ärgerlichen Hintergedanken wollte ich mir meine Vorfreude auf ein langes Wochenende in Bella Italia nicht trüben lassen. Ich schnappte meine Reisetasche vom Gepäckband und folgte dem Wegweiser zur Tourist-Info.

Oggi chiuso. Heute geschlossen.

Wie zur Entschuldigung lagen vor dem Schalter viele bunte Prospekte aus. Auch ein Busfahrplan war dabei. Beim Überfliegen des Liniennetzes blieb mein Blick einen Moment zu lange rechts außen in der Ecke hängen. Das konnte nicht sein! Sorgsam, mit einem Anflug von Verbissenheit, studierte ich das Stadtzentrum. Nichts. Hier waren sicherlich nicht alle Straßen eingetragen. Bloß die Hoffnung nicht aufgeben! Ich beschloss, mir einen richtigen Stadtplan zu kaufen. Im „Tabacchi“ war es verdammt eng, dennoch wollte ich erst schauen, bevor ich etwas kaufte. Also blieb ich trotzig vor dem Regal stehen und blätterte in einem Plan. Wo verdammt war bloß die Via …? Endlich fand ich eine Liste der Hotels. Meins war nicht dabei. Drängelnde Ellenbogen von hinten. Ich war zum ersten Mal den Tränen nahe, als die Ahnung zur Gewissheit wurde: Mein Hotel lag am Stadtrand. Ich fragte die Verkäuferin des „Tabacchi“, diese ihre Kollegin, beide nickten verständnisvoll und verwiesen mich an den Info-Stand gegenüber. Dort sprach man sogar Englisch und gab mir den gutgemeinten Tipp, mich an die Tourist-Info ein Stockwerk tiefer zu wenden. Ach so, geschlossen. Ja also, am besten, Sie nehmen ein Taxi, ein Bus fährt nicht direkt zu Ihrem Hotel. Ich erzählte der freundlichen Dame entrüstet, dass man mir das Hotel als Innenstadthotel verkauft hatte. Sie regte daraufhin an, meinem Reisebüro die Taxikosten in Rechnung zu stellen. Vielen Dank, eine prima Idee.

Taxi oder Bus? Eine Frage des Preises.

Der Taxifahrer freute sich schon von weitem über seinen potenziellen Fahrgast und öffnete mir einladend den Kofferraum. Schnell zog ich meine Tasche fest an mich und erkundigte mich nach dem Preis. Etwa 35.000 Lire (also im Zweifel mehr). Danke. Lieber nicht. Abenteuerlustig, wie ich gar nicht war, schaute ich der Ungewissheit ins Auge und nahm den Airport-Bus zum Bahnhof. Mit dem schlugen erstmal nur 7.000 kostbare Lire zu Buche.

So fuhr ich mit dem Bus quer durch Bologna und kannte immer noch nicht den richtigen Weg zu meinem Ziel. Aber ich hatte eine nette Sitznachbarin. Von ihr erfuhr ich, dass die Linie 89, die wahrscheinlich zum Hotel oder in dessen Nähe fuhr, am Bahnhof gar keine Haltestelle habe. Ich solle am besten dort wieder nachfragen.

Stazione di Bologna Centrale

Der Info-Stand am Hauptbahnhof Bologna Centrale war gut besucht. Wie funktionierte das hier? Irgendwann durchschaute ich das System: Nummer ziehen wie auf dem Amt. Warten, bis Nummer angezeigt wird. Endlich war ich an der Reihe. Der freundliche Mann am Schalter sprach sogar deutsch. Ein wenig. Genug, um mich aufzuklären, dass er mir zuständigkeitshalber nicht weiterhelfen konnte. Er war nur für Zugauskünfte da. Ich müsse zur Tourist-Info am Platz gegenüber. Aha. Ich lief über den Platz, aber nirgends gab es etwas, das nach einer Tourist-Info aussah. Deprimiert beschloss ich, einfach bis zu einer 89er-Station zu laufen. Weit konnte das nicht sein. Zunächst lief ich zielsicher in die falsche Richtung. Das freundliche ältere Ehepaar, an das ich mich nach einigen hundert Metern sicherheitshalber wandte, sprach kein Englisch, trotzdem bekam ich irgendwann heraus, was die beiden mir zu sagen versuchten. Ich hielt die Karte genau verkehrt herum. Alles klar. Also zurück. Da war auch schon eine Bushaltestelle. Aber bevor ich mich in den falschen Bus setzte, wollte ich fragen. Die nette Frau vor mir nahm leider den gerade vorfahrenden Bus und hatte keine Zeit, mir selbst etwas zu erklären und verwies mich an den Buchladen gegenüber. Dessen ebenfalls sehr nette Verkäuferin verstand kein Englisch, holte aber einen Kollegen zur Hilfe, der verstand mich ein wenig. So bekam ich meine Vermutung bestätigt und ein Ticket verkauft. Die Linie 89 wäre richtig.

Es kamen viele Busse, nur kein 89er. Dieser fuhr, so entnahm ich dem Fahrplanaushang, nur einmal pro Stunde, abends bis 20.00 Uhr und sonntags gar nicht. Das waren entzückende Aussichten für mein bevorstehendes Wochenende. Zum Trost wollte ich mir ein Eis gönnen, ein Gelato! Erst lief ich in die falsche Richtung, wie hätte es anders sein können. Hatte ich dort hinten nicht eine Gelateria gesehen? Wieder zurück. Auch nicht. Nur abgepacktes Eis in einer Bar. Aber das war fantastisch, lecker wie Kuchen! (Es muss ein Gelato Cucciolone*, Vanille- und Schokoeis zwischen zwei Keksschichten, gewesen sein, weiß ich heute.) Endlich der richtige Bus. Ich fragte den Busfahrer nach meinem Hotel, aber der wusste auch nicht so genau, ob er dorthin fuhr. Zum Glück begannen sich drei junge Damen für meine missliche Lage zu interessierten und ergriffen die Initiative, diskutierten erst untereinander und wandten sich dann an mich. Etwa jedes vierte ihrer Worte war zu meinem Vorteil ein englisches. So verstand ich, ich solle bis zur Endhaltestelle fahren, dann sähe man das Hotel. Fein. Es ging raus aus der Stadt, durch ein Gewerbegebiet. Genau, das hatte ja bereits die Auskunftsdame am Flughafen erwähnt. Bei einem Supermarkt solle es sein. An der Endhaltestelle deutete der Fahrer in eine Richtung. Nur, ich sah kein Hotel. Ich ahnte nicht, dass mir noch eine beachtliche Strecke zu Fuß bevorstünde.

Eine Autowerkstatt außerhalb der Stadt

Also erkundigte ich mich erneut, diesmal in der Autowerkstatt gleich neben der Endhaltestelle der Linie 89. Der nette Mechaniker fing an zu erklären (kein Englisch, gar keins), aber als er sah, ich war zu Fuß, schloss er subito seine Werkstatt und bot mir an, mich zu fahren. Mir war in diesem Moment sowieso schon alles egal. Nur deshalb schob ich alle unangenehmen Bedenken der Art „XY-Ungelöst“ beiseite und ließ mich von dem freundlichen und kein bisschen gefährlich aussehenden Mann bis vors Hotel chauffieren. Dort kramte ich demonstrativ nach Geld (ich hatte nur sehr große Scheine, die wollte ich doch nicht …), aber er nahm kein Geld. Na, dann. Grazie, stotterte ich beschämt, aber vor allen Dingen erleichtert.

Endlich eingecheckt. Und jetzt?

Ich war da. In einem Hotel mehr außerhalb als am Rande der Stadt, die ich besichtigen wollte. Die Rezeptzionistin zeigte wenig Mitleid, nur Erstaunen wie alle zuvor, als ich ihr berichtete, ein Stadthotel gebucht zu haben. Ob ich auch zur Messe hier sei, fragte sie noch. Nein. Darin unterschied ich mich offensichtlich von den übrigen Gästen, vorzugsweise männliche Geschäftsreisende mittleren Alters. Am Sonntag könne ich mit einem Shuttle zur Messe fahren und von dort einen Innenstadtbus nehmen. Ob dieser Shuttleservice etwas kostet, fragte ich sie nicht. Ich hatte keine Lust mehr, Fragen zu stellen. Obgleich alle, wirklich alle auf meinem heutigen Irrweg so nett geantwortet hatten, war ich erschöpft von der Odyssey. Ich liebäugelte tatsächlich mit dem Gedanken, dem Reisebüro etwas in Rechnung zu stellen. Meine durchgelaufenen Schuhsohlen? Die Tickets für die Busse? Den Stadtplan?

Vom Zimmer aus nahm ich die ersten Urlaubsfotos auf: Blick auf Fernverkehrsstraße und Baustellenmüll. Wenigstens hatte ich hier draußen nicht die Qual der Wahl, wo ich zu Abend essen würde. In Bologna, also in der Stadt, in der ich eigentlich sein sollte, gäbe es so viele zauberhafte Trattorien, dass man sich gar nicht entscheiden könne. Diesen Stress hatte ich mir erspart. Heute Abend würde ich im Hotelrestaurant speisen. In diesem Moment dachte ich noch, dazu meinen hochgeschlitzten Rock anzuziehen. Als ich kurze Zeit später zu einem Abendspaziergang hinunterging, überlegte ich es mir schnell anders, denn mein erster Eindruck bei der Ankunft bestätigte sich jetzt: Ich war die einzige junge Frau, die in diesem Hotel abgestiegen war. Ich würde sowieso auffallen. Vor dem Hotel umwanderte ich zunächst die hauseigenen Tennisplätze und den vermoosten Pool. Nachdem ich beim dritten Anlauf den Ausgang gefunden hatte (es war niemand da, den ich hätte fragen können), überquerte ich den Parkplatz in Richtung Supermarkt. Der entpuppte sich als mittelprächtiges Einkaufszentrum. Na also, ich war doch nicht im Niemandsland gestrandet. Erfreut nutzte ich die unerwartete Gelegenheit, vorsorglich Tickets für den Bus zu kaufen. Überraschenderweise bot mir der nette Verkäufer im „Tabacchi“ die 10er City-Card an. Dabei hatte ich gedacht, die City-Card galt hier draußen nicht. Mein Versuch, dies zu klären, endete trotz Intervention eines anderen netten Kunden erfolglos. Ich gab mich geschlagen und nahm das Ticket, ich würde es in der Stadt gebrauchen können. Auch eine Telefonkarte holte ich mir. Ich wollte Mutti Bescheid geben, dass alles gut gegangen war. (Das war es doch auch!) Das Telefonieren gelang mir mit Hilfe des freundlichen Mannes vom Sicherheitsdienst, der mir erst eine Weile bei meinen vergeblichen Versuchen zugesehen und dann gezeigt hatte, dass es einen Trick gab: Man musste erst eine Ecke aus der Telefonkarte herausbrechen.

Und am Abend: Tagliatelle, Vino, Amore.

Meinen Abend im Restaurant verbrachte ich am Katzentisch abseits der lauten und lachenden und hin und wieder zu mir rüber starrenden Dienstreisenden. Ich grinste vor mich hin, denn ich musste daran denken, wie ich als Kind in solchen Situationen reagiert hatte. Ich konnte mich gerade so beherrschen, den Gaffern heute nicht die Zunge rauszustrecken. Mit dem bescheidenen Menü war ich zufrieden. Die Tagliatelle Bolognese im kleinen Teller schmeckte fantastisch und der Tischwein tat’s auch. Das Dessert wartete ohnehin im Zimmer auf mich. Ich wusste, dass es eine unverzeihliche Sünde wäre, noch dazu gleich am ersten Abend, aber … Nach dem anstrengenden Tag hatte ich mir einen netten Abschluss verdient. Ich machte es mir auf meinem extra-breiten King-Size-Bett gemütlich und naschte hintereinanderweg die drei oder vier Pralinen, die ich mir zuvor als eine Art Tapferkeitsbelohnung im „Tabacchi“ geleistet hatte (die famosen Baci Perugina*, weiß ich heute). Darin waren kleine transparente Zettelchen eingewickelt, mit Sprüchen darauf. Nur leider nichts Intelligentes. Irgend so ein Unsinn zum Thema Liebe. Was auch immer die meinten. Ich war so müde, dass ich eigentlich den Wecker nicht stellen wollte. Aber die spärlichen Bus- und langen Laufzeiten würden Disziplin gebieten, sonst konnte ich gleich im Hotel bleiben. Ich beschloss, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen: So ein gediegenes Messehotel war doch allemal besser als eine schmuddelige Jugendherberge. Auch wenn die vielleicht im Zentrum läge. Und die fremden Italiener ‒ Männer, Frauen, Alte, Junge ‒ waren alle richtig nett gewesen. Ich hatte keine Sorge, mich am nächsten Tag ins Zentrum Bolognas zu wagen.

Die kleinen Zettelchen mit den Pralinensprüchen steckte ich vorsichtshalber in die Jackentasche. Man konnte ja nie wissen, wofür sie noch gut waren.

*Keine Werbung, nur Hintergrundinfo zur Geschichte. In jedem Fall unbezahlt.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

10 Kommentare zu „Also, wenn Sie mich fragen

    1. Danke 😊 Bologna ist einfach ein Traum. Die Farben, die Arkadengänge, die herrlichen Kirchen, die Plätze, das studentische Leben … diese Stadt hat einen ganz besonderen Charme, nicht nur, weil dort mein „Nach-Italien-Auswandern“ ursächlich seinen Anfang nahm. Den Song kenne ich nicht, werde ihn suchen und reinhören, danke für den Tipp!

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    1. Das waren etwa 35 DM damals … heute wäre ich auch zu bequem und würde, ohne überhaupt zu überlegen, ein Taxi nehmen. Auch wenn man vielleicht etwas verpasst … Im fortgeschrittenen Alter siegt leider meist die Bequemlichkeit.😂
      Klar wars dann schön, das mit den Baci-Pralinen war vermutlich ein Zeichen 😉

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      1. Na ja, im Vergleich zu 1998 😉 Und mit fortschreitendem!!! Alter zählt Geld immer weniger (wozu ist es denn da, wenn nicht zum Ausgeben) und Komfort immer mehr.

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    1. Das war schon ein Abenteuer damals. So ganz ohne Smartphone und GPS 😄 Wie es weitergeht? Da werde ich mal in den Erinnerungen kramen und sie bei Gelegenheit in eine neue Geschichte verpacken. Buona Notte, jetzt aber … 😴😉

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