Italogermanico: von Sprachwirren und Wortschätzen

Ein einfaches Ticket für die Reichsbahn nach Kassel, bitteschön!

Die müde Angestellte der Deutschen Bahn löst den Blick vom Bildschirm, sieht zu mir rüber und zieht die linke Augenbraue hoch. Sie mustert mich von oben bis unten, versucht es zumindest, denn tiefer als bis zu meiner Brust kann sie von ihrer Position hinter dem Schalter aus nicht sehen. Ich wiederhole mein Anliegen und versuche es mit anderen Worten:

Einen Fahrschein bitte, für den Zug RB 12, der geht in zwanzig Minuten.

Ein mitleidiges Grinsen, irgendwo zwischen „Na also!“ und „Wo kommt die denn her?“, weckt für einen kurzen Moment das eingeschlafene Gesicht der Schalterdame.

Die Regionalbahn meinen Sie, na sagensedat doch gleich.

RB … stand das nicht für Reichsbahn? Verschämt krame ich in meiner Geldbörse, um von der Peinlichkeit abzulenken, und brabbele dabei mein immer bereites „Ich bin nicht von hier, entschuldigen Sie“. Innerlich muss ich grinsen. Schnell verlasse ich den Servicebereich und eile hinaus, an die frische Luft. Dort pruste ich los und sehe aus dem Augenwinkel, dass ein kleiner Junge sich nach mir umdreht und seine Mutter in die Seite boxt: „Guck mal, die Frau da, ist die besoffen?“

Nein, ich war natürlich nicht besoffen, vormittags um halb elf am Bahnhof Frankfurt am Main. Ich war mitten auf meiner „Tour of Germany“, wie ich die Rundreise zu Freunden und Bekannten im Oktober 2004 nannte. Damals lebte ich seit drei Jahren in Italien und hatte mich bereits tief in die neue Sprache eingefühlt, dass ich manchmal Schwierigkeiten hatte, bestimmte deutsche Begriffe zu finden. „Wie sagt man gleich …?“, rutschte mir immer öfter heraus. Vor allem auf der Suche nach Worten, die ich in meinem Leben in Deutschland nie gebraucht hatte. Alles rund ums Auto zum Beispiel. Da ich mich erst (und ausgerechnet!) in Italien an das Abenteuer Führerschein gewagt hatte, nachdem ich in Deutschland nur als passive und technisch desinteressierte Beifahrerin in Autos gesessen hatte, betrat ich mit Anfang Dreißig begriffliches Neuland. „Tergicristalli“ ist so ein schönes italienisches Wort, bei dem ich immer wieder stocke, wenn ich das deutsche Wort „Scheibenwischer“ finden soll. Oder noch schlimmer: „il cambio“. Dieser Knüppel, da in der Mitte, mit dem man die Gänge wechselt. Wie sagt man dazu eigentlich in meiner Muttersprache?

Schwierig wird es auch, wenn ich ein Hotel buche. Dann passiert es mir zuweilen, dass ich freundlich vortrage, ein Zimmer „pränotieren“ zu wollen. Jaja, ich weiß schon, dass es reservieren heißt und nicht wie im Italienischen „prenotare“. Aber es klingt gut, oder nicht? Eine Pränotation tätigen. Möchte ich mal vorschlagen.

Das Italokauderwelsch schleicht sich gern auch ins Englische ein. Klang es nicht really british, als ich in London einmal fragte: „Is this park periculous by night?“ Die Lacher hatte ich auf meiner Seite, denn ich erklärte, dass ich wohl „dangerous“ meinte, aber an „pericoloso“, gefährlich, im Italienischen gedacht hatte. Dabei klang es cool, dieses „pericolous“! Sprecht es mal, und ihr werdet mir zustimmen. Das IST Englisch. Werde ich mal vorschlagen.

Fast habe ich das Gefühl, dass die Sache mit den begrifflichen Aussetzern bei mir in letzter Zeit zunimmt, aber ich schiebe das ganz uneitel auf mein fortschreitendes Alter (und das ein oder andere Glas Vino zu viel). Für die lustigen Wortkreationen sorgen jetzt auch meine Töchter, die zweisprachig aufwachsen. Italienisch ist ihre erste Muttersprache, auch wenn Vatersprache bei unserer Familienkonstellation die zutreffendere Bezeichnung wäre.

Da hören wir zum Beispiel die Kleine, die sagt: „Mama präpariert den Caffè.“ Nein, ihr Lieben, keine Angst, ich bereite unseren Kaffee fachgerecht und einfach zu, ohne Hexenpantsch. Zubereiten heißt nun mal „preparare“ in Italienisch, also liegt es nahe, im Deutschen „präparieren“ zu sagen, oder nicht? Beim Stichwort caffè und dessen unkonventioneller Zubereitung mit abenteuerlichen Zutaten fällt mir immer gleich das wunderbare Kinderlied „Il caffè della Peppina“ ein. Ein vergnüglicher Dauerbrenner auf jeder Kinderparty, seit Generationen. Feste feiern können sie, die Italiener. Unsere Große erzählte der Oma gestern am Telefon, dass am Freitag keine Schule sein wird, wegen einer Festivität. Sie meinte einen Feiertag. Aber Festivität klingt sehr vornehm, findet ihr nicht? Ich musste gleich nachsehen, der Duden sagt tatsächlich zu „Festivität“: veraltet, noch umgangssprachlich scherzhaft. Oma hat es auch verstanden. Und freut sich mit uns, wie gut es mit den beiden Sprachen klappt. Aus gelegentlichen Sprachwirren entstehen manchmal neue WortSchätze. Da ist nicht immer alles richtig, aber immer liebenswert kreativ. Einfach tutto paletti!

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

17 Kommentare zu „Italogermanico: von Sprachwirren und Wortschätzen

    1. Gern. Den kreativen Umgang mit Sprachen lernt man im Ausland und es macht einfach Spaß und ist eine schöne Bereicherung! Ich kann jedem nur empfehlen, sich bei Gelegenheit darauf einzulassen. Du hast auch ein wenig Italienisch im Gepäck, stimmts?

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      1. Ich habe vor über 30 Jahren als Liegewagenschaffner für die DSG gearbeitet. Da konnte ich neben deutsch und englisch auch noch etwas französisch und italienisch. Jetzt reich es in den zwei letztgenannten Sprachen nur noch um einen Kaffee zu bestellen… Allerdings kommt mir bei romanischen Sprachen mein großer Wortschatz an Fremdwörtern zugute. Da ist viel nützliches dabei um sich verständlich zu machen. Kommunikation ist mehr eine Frage des guten Willens!

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      2. DSG musste ich jetzt erstmal nachschauen … die West-Mitropa 😉 Ja, guter Wille und die Gelegenheiten, ins kalte Wasser zu springen. Dann geht alles!

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  1. Das „pericoloso“ dürfte sehr dominant in unserem Denken sein :-)!! Ich hatte dein Erlebnis im Urlaub kürzlich! Ich zu Franzosen „ohja, das Meer hier ist periculeux.“ Sie sehen mich an, grinsen auch „dangereux“. Unsere anderen Fremdsprachen wurden italianisiert, macht auch nichts! 🙂 Liebe Grüße

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    1. Portieren gefällt mir auch sehr. 😊
      Die Venezianer heißen bei uns Persiane. Hab mir das gerade mal von meinem Mann aus dem Stehgreif erklären lassen: Die Venezianischen Kaufleute haben sie aus Persien importiert. In Süditalien sagt man auch Gelosie (vgl. Deutschland Jalousien) denn Sinn der Erfindung war, die Frauen (des Harems) vor den Blicken fremder Männer zu schützen. Ha, danke dir, wieder was dazugelernt.🤓

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  2. Ach, tut es gut zu wissen, dass es allen Mehrsprachgen etwa gleich geht! Wir haben einen viersprachigen Alltag (wenn man Bernisches Schweizerdeutsch noch dazu nimmt, sind es sogar 5 Sprachen) und du sprichst mir aus der Seele. Wie oft suche ich nach Worten, am meisten sogar in der Muttersprache! Wortkreationen sind an der Tagesordnung, der absolute Hit ist immer noch: „Achtung, da hat es noch Bohnen drin (bones = Knochen, Gräten)“. Niemand am Tisch reagiert, alle haben es verstanden, bis dann der erste in Gelächter ausbricht und sich erklären muss 😉

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    1. Viersprachiger Alltag, das ist ja kaum zu toppen! Im Arbeitsumfeld im Büro habe ich drei Sprachen. Aber wenn ich jemanden mit Schwyzerdütsch am Telefon habe, muss ich passen und bitten, dass er es für mich auf hochdeutsch versucht. In einem der Schweizer Dialekte ist mein Name Anke ein Begriff für Butter, habe ich mir sagen lassen. Also am Tisch wäre das dann: „Reich mir mal die Anke rüber, ich hoffe es sind keine Bohnen drin.“ 😂

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      1. 😂 In der Tat, im Kanton Bern sagen wir teilweise eher ‚Anke‘ anstelle von Butter. Ich benutze zwar Butter, aber bei uns ist die Butter männlich, Anke, ausgesprochen Angke, ist demnach auch maskulin. Die Gefahr, dass du missbraucht wirst, ist somit etwas geringer 😉

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