Weißt du noch?

Neulich musste ich wieder an ein Zitat meines italienischen Lieblingsautors Lorenzo Licalzi denken:

„Sie machten einen glücklichen Eindruck, aber wer weiß, ob das wirklich so war oder ob sie allmählich ahnten, dass es mit ihnen bereits bergab ging oder sie bestenfalls den höchsten Punkt des Berges erreicht hatten, wo vieles von dem, was man tun kann, bereits getan ist und nach und nach die Erinnerungen an die Stelle der Vorhaben treten.“

Lorenzo Licalzi: Signor Rinaldi kratzt die Kurve, Eisele, 2017. Seite 218

Diese Gedanken kommen dem Erzähler bei der Beobachtung eines Abi-Treffens, deren Teilnehmer Mitte vierzig sind. Sicher berührte mich Licalzis Roman auch deshalb so stark, weil ich mich an gewissen Stellen betroffen fühlte. Beim Lesen der hier zitierten Textzeilen schwor ich, mich selbst solange wie möglich auf Vorhaben zu konzentrieren.

Nun sieht es hinsichtlich großer Vorhaben gerade nicht so rosig aus. Zumindest was die kommenden Monate betrifft. Es mag natürlich auch an meinem Alter liegen, dass ich mich immer öfter dabei ertappe, mit Familienmitgliedern und Freunden gemeinsame Erinnerungen hervorzukramen. Die gegenwärtige Lebenssituation legt diesem Phänomen allerdings den Turbogang ein. Und sei es drum! Baden wir in Erinnerungen, wenn das Schwimmbad geschlossen ist. Kramen wir gemeinsam mit Schulfreunden die besten Stories von damals raus. Drehen wir die Musik der 80er laut auf, und tanzen wir eine Runde zwischen zwei Zoom-Meetings! Alles im grünen Bereich, würde ich sagen, denn diese gefeierten Rückblenden bescheren uns gute Laune, von der wir alle eine Stange gebrauchen können. Ich fühle mich nicht alt, wenn ich an vergangene gute Zeiten denke. Ich freue mich darüber, was ich alles schon erleben durfte und manchmal spüre ich sogar für einen Moment die Ausgelassenheit von damals wieder. Fröhliche Erinnerungen kleben ein Pflaster auf die pandemiegepeinigte Seele.

Was ich erstaunlich finde, ist, dass auch meine Kinder jetzt oft zusammenglucken und ihre „alten“ Erinnerungen feiern. Ich höre sie dann herzhaft und aus vollem Hals lachen, wie es daheim viel zu selten vorkommt. Leider dominieren mittlerweile die Sticheleien, Nörgeleien, Streitereien. Verständlich, wenn man bedenkt, dass sie nun schon seit einem Jahr kaum ausgiebigen Kontakt zu Gleichaltrigen haben, sondern immer nur die Schwester „am Hals“. Es tröstet mich deshalb sehr, dass meine Töchter so herrlich lustige und unbeschwerte Erlebnisse teilen. Manchmal sind es Szenen aus dem Familienurlaub oder aus den Ferienspielen. Aber sie erinnern sich sogar detailgetreu an länger zurückliegende Dinge, die sie im Kindergarten oder Hort ausgeheckt und angestellt haben. Manches höre ich zum ersten Mal, es wurde mir damals verschwiegen. (Warum bloß?)

Weißt du noch, wie wir … und Mama durfte es nicht erfahren.

Dann kugeln sie sich auf dem Fußboden und ich wünsche mir, dass sie auf gar keinen Fall das Thema wechseln und halte mich selbst im Hintergrund, um sie nicht aus ihrem schönen Moment zu reißen. Was ich besonders erstaunlich finde: Immer öfter höre ich die Kinder nun auch von ihren Erinnerungen an den strengen Lockdown vor einem Jahr schwadronieren.

Weißt du noch, in der Quarantena …

Wir sprachen damals in Italien von Quarantäne, und dieser Begriff ist bei ihnen dafür hängengeblieben. Jetzt ‒ die Einschränkungen sind ähnlich aber nicht mehr neu ‒ heißt es auch bei uns Lockdown. An die Quarantena haben meine Töchter schöne Erinnerungen: Wie sie ab April immer nachmittags draußen auf dem Trampolin sprangen, während Mama auf dem Balkon strickte (was dabei herauskam, könnt ihr hier nachlesen). Wie sie gemeinsam Brötchen, Kekse und Kuchen buken, ganz allein, ohne Mamas Hilfe (die ihnen bis dahin noch nicht einmal den Umgang mit Mixer und Ofen erlaubt hatte). Wie wir drei Frauen im Mai, als es wieder erlaubt war, mit einem sportlichen Morgenspaziergang in den Tag starteten, während der Papa die gewonnene Zeit bis zum Homeoffice-Beginn mit verlängerter Nachtruhe verbrachte.

Ich denke an die Hängematte, in der ich spätnachmittags gern ein halbes Stündchen entspannte (Notiz auf der To-Do-Liste für meinen Gatten: Bitte bald Hängematte montieren!!!). Ich denke auch an unseren schönen Muttertags-Sonntag 2020, zu dem wir uns daheim schick anzogen, schminkten, Locken eindrehten und Absatzschuhe trugen ‒ mein Mann nur ersteres in dieser Aufzählung ‒ und anschließend ein Fotoshooting für die Familie im fernen Deutschland veranstalteten.

Die Erinnerungen von morgen werden heute geschaffen. Und auch jetzt, in dieser eingeschränkten, mühseligen, traurigen und mit dem furchteinflößenden Namen Pandemie betitelten Zeit, schaffen wir mit unserem Tun und Erleben Erinnerungen. Lassen wir es schöne Erinnerungen sein. Es heißt ja, die negativen Details werden auf lange Sicht ausgeblendet, wir erinnern uns vornehmlich an glückliche Momente und lustige Begebenheiten. Das trifft wohl vor allem für die Kinder, aber ganz sicher auch für uns zu.

Vielleicht zählt eines Tages auch das kommende Wochenende zu unseren Erinnerungsschätzen. Da fallen Frühlingsanfang und Complemese der Großen zusammen (Complemese nennen unsere Kinder den monatlichen im Vergleich zum jährlichen Geburtstag Compleanno). Unsere Töchter möchten uns ein Frühlingsmenü zaubern. Bei schönem Wetter werden wir diesen Doppel-Anlass mit einem kleinen Ausflug verbinden und draußen feiern. Wie, Ausflug? Nun ja, Not macht erfinderisch und aus schönen Erinnerungen erwachsen Traditionen. Auch in diesem Frühjahr heißt es bei uns wieder: Willkommen auf Balkonien!

Foto: Morgenspaziergang im Mai 2020

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

15 Kommentare zu „Weißt du noch?

    1. Stimmt, bei uns blüht schon einiges … Aber leider nix Villa Panza in Varese. Wir sind wieder in der Roten Zone und dürfen nicht aus der eigenen Kommune hinaus. Fast wie im vergangenen März. Deshalb: Balkonien. Dazu muss es aber schnell wieder zehn Grad wärmer werden, der kalte Wind von euch aus dem Norden 😉 hat auch bei uns heftig abgekühlt.

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      1. Wenn ich gemein wäre würde ich sagen, dass ihr dann auch hier wohnen könntet🙂 Da ich aber oft genug in Oberitalien nicht nur das Wetter geniessen konnte meine ich: doch lieber bleiben und auf besseres Wetter und das Ende der Seuche warten..☀️😊

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  1. Das Phänomen des Umherschweifens in der eigenen Erinnerung hast du ganz zauberhaft in Worte gefasst. 😃 Wenn wir schon nicht reisen können, dann machen wir doch wenigstens eine Zeitreise in unserer Erinnerung. Und am schönsten sind Erinnerungen, wenn man sie teilen kann. Sätze, die mit “Weißt du noch, damals…” beginnen, sind doch der Zuckerrand auf den Caipirinha Gläsern der Erinnerung. 🍹

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  2. Ich habe auch kein Problem damit, mir mit Erinnerungen die Zeit sehr angenehm zu vertreiben. Bei Deiner Einleitung allerdings und bei der Erwähnung von Licalzis Roman habe ich mir vorgenommen, mir wieder mal „Harold und Maude“ anzusehen – Erinnerung an eine alte Dame, die bis zum Schluss voller Pläne und Ideen war.

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    1. Da gibt es noch andere Parallelen, lese ich gerade. Maude nimmt sich am Schluss mit 80 das Leben, wie es der Protagonist Rinaldi zu Beginn des Romans auch plant, aber dann kommt einiges dazwischen.
      Danke dir für die Anregung, ich habe den Film noch nicht gesehen, nur davon gehört.

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      1. Etwas anderes als Heimkino geht ja gerade auch nicht, Übrigens glaube ich nicht, dass der Film heute noch im Kino liefe. Es ist Jahre her, dass ich ihn dort gesehen habe. Fürs Kino müsste man jetzt wohl auf eine Retrospektive – und natürlich auf bessere Zeiten warten

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