Un’emozione per sempre oder der vielleicht wahre Grund, warum ich in Italien lebe

Als die Beziehung mit meinem ersten Italiener 2003 in die Brüche ging, etwas mehr als zwei Jahre, nachdem ich nach Italien gezogen war, fragten meine Freunde und hofften meine Eltern: Kommst du jetzt wieder nach Deutschland zurück?

Klar, das läge ja nahe, argumentierte mein Kopf.

NEIIIN, schrie mein Herz.

Es wäre das Schlimmste gewesen, wenn man von mir verlangt hätte, damals wieder nach Deutschland zurückzugehen. Es hätte sich angefühlt wie, wie … wie ein Koitus Interruptus, genau! Es war doch gerade so schön. Es hätte mir das Herz zerrissen, meine Koffer packen zu müssen. Was mich in Italien hielt? So einiges: der Job als Marketingtexter, der mich erfüllte, die netten Kollegen (ein lustiger, multikultureller Haufen aus Italienern, Deutschen und Franzosen), das kleine Leben, das ich mir im kleinen Ort Olgiate Comasco zwischen Como und Varese aufgebaut hatte. (Lest hier meine Erinnerungen in einem Zeitschriftenartikel von damals.)

Aber es war wohl auch: La Musica. Ich lebte und liebte Italien mit seinen aktuellen Popsongs. Mich begleiteten Interpreten wie Laura Pausini (Una Storia Che Vale – hier unten das Video), Nek (Sei solo tu – mit Laura Pausini), Le Vibrazioni (Vieni da me) … mein sentimentales Denken und Fühlen definierte sich über italienische Musik. Ich kannte so viele Titel mit ihren Texten auswendig. Und in Deutschland würde ich genau diese nicht mehr hören. UNVORSTELLBAR und UNZUMUTBAR.

Nennt es übertrieben, ich fühlte genau das. Nun ist es allerdings nicht so, dass ich selbst gut singen kann. Im Gegenteil. Aus gutem Grund tat ich es schon damals nur heimlich im Verborgenen, unter der Dusche, seltener vorm Spiegel. In Gedanken war ich dann in Deutschland, bei einem Treffen mit alten Freunden und Bekannten, und da wurde Karaoke veranstaltet. Alle feuerten und flehten mich an, ich solle ihnen doch etwas Italienisches vorsingen. (Und ob sie das getan hätten, was denn sonst?) Und ich sang aus schwacher Kehle und tiefstem Herzen und übersetzte meinen fiktiven Zuhörern die Texte, und allen blieb andächtig und begeistert der Mund offenstehen. Dabei hätten sie, wären meine wilden Karaoke-Fantasien jemals Wirklichkeit geworden, vermutlich nur

  • den Wirt gerufen, mich des Lokals zu verweisen,
  • wenn der es nicht getan hätte, mich eigenhändig rausgeschmissen,
  • wenn das nicht gelungen wäre, sich mit Schnaps die Birne voll gehauen, um den Jammer nicht ertragen zu müssen.

Was dem reiferen Deutschen sein Musikantenstadl, war mir Anfang der Nullerjahre ‒ in meiner, sagen wir mal, reiferen Jugend ‒ die Festivalbar. Diese alljährliche Liveshow der Sommerhits mit ihrem Finale vor zauberhafter Kulisse in der Arena von Verona, im TV bei Italia 1 übertragen, lieferte den Soundtrack zu meinen ersten italienischen Sommern. Leider kam im Jahr 2008 das kommerzielle Aus für die Show, aber wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann ein Remake beziehungsweise eine Neuauflage und dann ist klar, wer daheim auf dem Sofa abfeiert. Aber zurück ins Jahr 2003. Was war die Lösung für mein Dilemma? Es gab nur eine: Ich musste in Italien bleiben. Natürlich hätte ich die Musik auch mitnehmen können, damals auf CD, heute dank Internet überhaupt kein Thema mehr. Aber das ist nicht dasselbe. Sicher kennt ihr auch diese von Musik begleiteten Lebensabschnitte, zu denen Ambiente und Menschen einfach dazugehören. Gewonnen hat die Festivalbar 2003 übrigens kein Geringerer als Eros Ramazotti: Un’emozione per sempre, seine Hymne auf die Liebe, die auch, wenn sie gescheitert ist, eine Emotion fürs Leben bleibt, bekam in der Arena von Verona den bitteren Beigeschmack seiner noch frischen Trennung von Michelle Hunziker, die die Show moderierte. Auf der Bühne neben ihr stehend, widmet Eros seinen Sieg den Menschen, die ihn lieben: seiner Tochter und seiner Mutter. Michelle klatscht brav und lächelt ihr professionelles Showlächeln. (Ihr könnt diese Szene im folgenden Video sehen.) Wie es im Erfolgstitel von Eros heißt, geht das Leben weiter, gibt es nicht nur sie in seinem Leben, da sind die Freunde, die auf ihn warten, da ist das Meer, das er wiedersehen möchte … Vielleicht hat dieser Hit im Sommer 2003 ja ein bisschen dazu beigetragen, dass auch ich nur nach vorn schaute, auf all das Schöne und Spannende, was das Leben auch nach dem Ende einer Liebe bereithält. Ich wollte (und bekam) all das in Italien.

Der Gewinner der Festivalbar 2003: Eros Ramazzotti Un’emozione per sempre

Wenn ich es genau bedenke, habe ich bereits zu tiefsten DDR-Zeiten den Rhythmus italienischer Popmusik in Appetithäppchen verabreicht bekommen. Erste Gedanken dazu könnt ihr hier in einem früheren Beitrag nachlesen, aber ich werde diesen Spuren noch tiefer auf den Grund gehen. Denn da steckt ganz sicher ein höherer Plan dahinter.

Zu dieser Annahme passt auch, dass meine jüngste Tochter den Gesang zu ihrer Leidenschaft gekürt hat, und ‒ zumindest für liebende Mutterohren ‒ auch ein gewisses Talent zu besitzen scheint. Im zarten Alter von drei Jahren erstaunte und begeisterte sie die Krippenerzieherinnen mit ihrem hingebungsvollen Vortrag eines Adriano Celentano Hits aus den sechziger (!) Jahren: „Grazie, Prego, Scusi“.

Scusi, vuoi ballare con me. Grazie, preferisco di no. … Verzeihen Sie, darf ich Sie um einen Tanz bitten? Danke, nein, lieber nicht.

Mittlerweile nimmt die kleine Künstlerin Gesangsstunden und interpretiert mit Enthusiasmus die stimmlich anspruchsvollsten Titel von Elisa, Marco Mengoni, Giorgia und wie sie alle heißen. Ich hatte ehrlich gesagt eher an zauberhafte italienische Kinderlieder des Kinder-Songfestivals Zecchino d’Oro für sie gedacht, aber ihre Lehrerin meint wohl, früh übt sich, wer mal auf der ganz großen Bühne stehen will.

Wer weiß, ob aus der kindlichen Leidenschaft irgendwann mehr wird. Vor einiger Zeit wurde sie von einer neugierigen Nachbarin gefragt, als was sie denn arbeiten wolle, wenn sie mal groß sei.

Arbeiten? Nein. Ich werde Sängerin.

Na dann, so schließt sich vielleicht der Kreis. Und das mit der Musica Italiana und meinem Hierbleiben, das war ein Wink des Schicksals. Und bleibt in jedem Fall ein Gefühl für immer, Un’emozione per sempre.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

33 Kommentare zu „Un’emozione per sempre oder der vielleicht wahre Grund, warum ich in Italien lebe

  1. Dein Artikel versetzt mich in die 80er, in denen die Welle 🌊 der italienischen Musik über Deutschland schwappte und auch ich mich ihr nicht entziehen konnte. Adriano Celentano, Ricchi e Poveri, Toto Cutugno, Drupi. Wunderbar: Sommer, Sonne, Leichtigkeit! Kann man gut lesen, nicht nur heute, an einem Tag mit Dauerregen im Osten Brandenburgs 😉 Schön!

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    1. 80er … und Gianna Nannini, Albano und Romina Power … Aber dann, in den 90ern und später, wurde es ruhiger, oder? Da schwappten nur einzelne Songs nach Deutschland rüber.
      Wir konnten heute bei herrlichem Sonnenschein mal die Außengastronomie genießen! Aber jetzt ziehen auch hier wieder dicke Wolken auf, so richtig Frühsommer wie in anderen Jahren um diese Zeit ist es auch bei uns noch nicht. Trotzdem ein schönes Wochenende für dich, vielleicht wird es ja besser!

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      1. Milva und Andrea Bocelli blieben. Alles andere ebbte ab🤷‍♀️. Jedenfalls für mich.
        Es dauert alles in diesem Jahr, aber irgendwie ist das Zeitgefühl durch Corona sowieso ein wenig anders. Wir bleiben optimistisch.
        Danke, dir auch ein schönes Wochenende. Es wird besser, ganz bestimmt ☀️

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  2. Ein sehr schöner Grund. ❤️ Du hast dich richtig entschieden. Ich habe Eros Ramazzotti nach Jahren oder Jahrzehnten vor wenigen Wochen den ganzen Tag lang gehört, auch wenn sonst mein Musikgeschmack ganz anders ist, aber er transportiert etwas ganz Besonderes … non ho parole per descriverlo. Soprattutto in tedesco :). Grüß mir Italia 🇮🇹!

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    1. Da hast du recht, wie drückt man es aus? Es geht um Emotionen, die sie ganz wunderbar – miracolosamente – vermitteln. Es sind aber auch keine Songs oder Lieder, es sind Canzoni 😍😉 Im Text erinnere ich mich an die Nullerjahre, derzeit gibt es wieder ganz neue Einflüsse, gerade läuft im TV-Radio Andromeda von Elodie, auch fantastisch. Tja, ich muss weiter hier bleiben 😊 Liebe Grüße zurück nach Vienna!

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  3. „Mach deine Leidenschaft zum Beruf und du wirst nie wieder arbeiten müssen.“ Eine sehr kluge Tochter hast du, die schon früh merkt, in welche Richtung es sie zieht. Aber klar, die Liebe zur Musik hat sie von ihrer mindestens genauso klugen Mutter, die nicht ihrem Kopf, sondern ihrem Herzen folgte. (Ich merke gerade, dass ich heute recht schmalzig unterwegs! Aber du verstehst sicher den Sinn. 😄)

    Ich freue mich auf jeden Fall auf die ersten Interviews und Konzerte deiner Tochter. Und wer weiß, vielleicht singt sie in 10 Jahren schon ein Duett mit Fedez beim San Remo Festival? 😉

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    1. Keine Sorge, alles genau verstanden! 😉
      Was die kleine Nachwuchskünstlerin betrifft, halte ich dich auf dem Laufenden. Sie probte mal das wundervolle „Tu sei una favola“ von Francesca Michielin zum Film „Ballerina“. Es gab davon eine englische, aber keine deutsche Fassung, da hatte ich versucht, eine zu texten, aber leider hatte sie (damals noch) keine Lust, deutsch zu singen. Aber wahrscheinlich ist eh Italienisch die verführerischste Musik in den Ohren, dazu schrieb ich ja kürzlich. 😊 Also San Remo, nix Musikantenstadl 😉😆

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  4. Wenn ich den Brenner Richtung Italien überquere, dann gibt es zwei festgelegte Rituale: das eine ist der Espresso an der ersten Tankstelle nach der Grenze, das andere ist das Einstellen eines italienischen Radiosenders. Wenn schon in Italien, dann möchte ich bitte auch von Italo-Pop musikalisch begleitet werden! Ob ich deswegen aber dorthin ziehen würde? Ich weiß es nicht. Aber verstehen kann ich es.

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    1. Bei dir wäre es vermutlich eher der Espresso, der dich mit einem Umzug liebäugeln ließe? Den echten italienischen, zum symbolischen Preis von einem Euro … da könntest du richtig sparen im Vergleich zu Deutschland.😎

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  5. Liebe Anke, wir teilen die Liebe zur Musik. Deine Songs von damals sind mir wohl bekannt. Natürlich war ich als junges Mädchen selbst mal in Eros vernarrt, aber auch Laura Pausini ist wirklich ganz toll.

    Ich war im Sommer 2013 das letzte Mal in Neapel, Urlaub alleine um die Soulfood zu genießen und teile Deine Leidenschaft. Ich freue mich für Dich, dass Du in Deiner Wahlheimat so gut angekommen bist. Das ist beneidenswert, im positiven Sinne. Mich packt beim Lesen Deiner Beiträge immer direkt das Fernweh.
    Ich sende Dir alles Liebe. Herzlichst, Sovely

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    1. Hallo Sovely, das war schön, beide zu Musik und Gefühlen mit Rückblick auf 2003 gepostet zu haben! Ja, Musik verbindet und begeistert, wo auch immer man lebt.
      Dann wird es aber Zeit für dich, mal wieder nach Bella Italia zu kommen. Aber du hast mir auch etwas voraus. Mir fehlt der Süden, ich kenne nur Kalabrien. Kampanien, Sizilien, Apulien stehen noch auf auf der To-do bzw. To-see-Liste.
      Liebe Grüße an dich, ciao Anke

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  6. Deine Begeisterung für Italien und die italienische Musik kann ich sehr gut verstehen. Ich zum ersten Mal am Gardasee, verliebt in die Musik …. Dann folgten spätere Reisen und Besuche in italienischen Familien. Diese Liebe ist bis heute geblieben, wenn ich heute italienische Musik höre, kommen die Erinnerungen wieder. Eine meiner Cousinen ist ja auch in Italien geblieben, vielleicht wäre ich es auch, wenn nicht jemand anderes dazwischen gekommen wäre. Bella Italia per sempre.

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    1. Da sind wir also einer Meinung.😊 Der Zufall hat natürlich auch immer seine Hand im Spiel. Wenn sich für mich damals nicht diese Jobgelegenheit ergeben hätte, als deutscher Texter in Italien zu arbeiten, das gibt es ja auch nicht an jeder Ecke … wer weiß, ich wäre vermutlich in Deutschland geblieben, Amore hin oder her.

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    1. So soll es sein, ansteckend! (Das klingt blöd in diesen Zeiten, ich weiß, aber wir wissen, dass wir hier nicht DAVON reden, und das tut gut.) Habt auch einen schönen Sonntag, mit guter Musik nach eurem Gusto! 🤩

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  7. Che bello questo articolo Anke!! Posso solo dire…si, ci sono canzoni che possono essere cantate solo se ci si trova a viverle da dentro, conoscendo la lingua ma anche il modo di sentire attraverso quella lingua. Ieri è mancato Franco Battiato e stavo camminando per Monaco ascoltando La Cura, la conosci? Mi sono detta…mi sento un extraterrestre ad ascoltare questa canzone in questo contesto. E come potrebbe mai un tedesco scrivere in questa maniera? Vale anche al contrario eh, non voglio fare discriminazioni..ma tradurre frasi come ti salverò dalle correnti gravitazionali?

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    1. Grazie, Alessandra! Certo che conosco „La cura“, con la pandemia era di nuovo molto popolare. Di Battiato sapevo che ha scritto „Alexanderplatz“, ovviamente. Ma non sapevo proprio che aveva scritto anche per Alice, „Per Elisa“ e altre belle canzoni …. Infatti, ieri sera mio marito ha fatto con me un giro su youtube ed è rimasto anche lui impressionato quante canzoni famose ha scritto o interpretato Battiato. Un vero genio. E sì, certi testi sono intraducibili, direi. Sono così poetici che lasciano una libera interpretazione anche nella lingua italiana. Questa è vera arte.

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    1. Panikrocker bleibt Panikrocker. 😂 Mir gefallen aber auch viele Titel von Udo Lindenberg, muss ich sagen. Die erinnern mich dann an die Jugend in Deutschland (Hinterm Horizont …) Danke fürs Lesen und liebe Grüße aus Italien!

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