J und K und eine Zimmerreise, die von Norditalien in vier europäische Städte führt

Jetzt habe ich doch glatt im April eine Runde Zimmerreisen ausgelassen. Vielleicht kann ich das wieder gutmachen, indem ich bei der aktuellen Reise gleich mit zwei Buchstaben an den Start gehe: J und K sind im Rennen, mein fliegender Teppich hängt im Schlafzimmer an der Wand. Es ist ein Bild von Gustav Klimt. (Was es mit den Zimmerreisen auf sich hat, könnt ihr bei Puzzleblume, die diese nette Schreibanregung moderiert, nachlesen.)

Klimt: Judith I

Eigentlich sollte man sich im Schlafgemach auf mehr oder weniger direktem Weg ins Land der Träume begeben, und doch startet genau dort meine Zimmerreise in vier europäische Großstädte. Gegenüber dem Bett, neben dem Fenster, hängt das Bild einer Frau. Es erinnert mich an meine Mutter. Nun werdet ihr fragen, was mein Mann dazu sagt. Wer hat schon gerne die Schwiegermutter ständig dabei? Nein, ich kann euch beruhigen. Es ist kein Bildnis meiner Mutter, sondern das einer Frau mit erotisch provozierendem Blick aus halbgeöffneten Augen und mit halbseitig freigelegter Brust. Es ist ein Stickbild, meine Mutter hat es angefertigt.

Dieses Stickbild betrachtend, reise ich in Gedanken durch die Zeiten und halb Europa. Gern lade ich euch ein, mich dabei zu begleiten.

Alles beginnt Anfang der Vierzigerjahre in Berlin, als meine Mutter ein Mädchen war und die ersten Bomben fielen, vor denen sie im Keller ihres Wohnhauses in Berlin Adlershof Schutz suchte. Als die Freundin ihres älteren Bruders vorschlug, sie könne einige Zeit in Wien bei ihrer Familie verbringen, war meine Oma froh, ihr Kind in Sicherheit zu bringen. Die Stadt an der Donau blieb damals noch von Luftangriffen verschont. Also zog meine Mutter für mehrere Monate nach Wien, wo sie wie ein siebtes Kind herzlich und ganz selbstverständlich in die große Familie aufgenommen wurde. Von diesen besonderen und unbeschwerten Tagen blieben ihr wunderbare Erinnerungen, die immer mehr verblassten, nachdem der Kontakt zu ihrer Gastfamilie mit der Teilung Deutschlands abbrach. Nach Wien kam meine Mutter fast fünfzig Jahre lang nicht mehr. Als die Grenzen wieder offen und Reisen in die Welt außerhalb des Ostblocks wieder möglich waren, sprach sie oft von Wien. Dort möchte ich so gerne noch einmal hin. Also nahm ich Anfang der Neunziger die Sache in die Hand und buchte meinen Eltern ein Zimmer in einer netten Pension in der Wiener Altstadt. Nun gab es keine Ausreden mehr. Meine Mutter meldete sich bei ihrer Freundin, einer Tochter der ehemaligen Gastgeberfamilie, und besuchte sie nach der langen Zeit mit klopfendem Herzen. Stolz zeigte sie meinem Vater auch die Votivkirche, von der sie ihm all die Jahre erzählt hatte. Aus dem Fenster ihres Quartiers hatte sie damals den Blick auf dieses imposante Bauwerk gehabt. Wie schön, dass sie noch stand, dachte meine Mutter, die als Kind in Berlin wenig gesehen hatte, was stehen geblieben war. Noch mehr als das Wiedersehen der Kirche berührte meine Mutter das langersehnte Treffen mit der Freundin. Die charmante Wienerin zeigte ihr bei dieser Gelegenheit ihre kunstvollen, selbstgefertigten Stickbilder. Eine Handarbeitskunst, die meine Mutter bis dahin nicht kannte, obwohl sie selbst gelernte Schneiderin war und begeistert strickte, häkelte und knüpfte. Doch es gab weitere Entdeckungen. Am nächsten Tag besuchten meine Eltern das Belvedere. Die Klimt-Sammlung faszinierte meine Mutter sehr. Mein Vater spürte das und schenkte ihr sofort eine kleine vergoldete Pillendose, dessen Deckel Klimts berühmtes Werk „Der Kuss“ ziert. Die Inspiration war geweckt: Meine Mutter würde Klimts Bilder nachsticken! Zurück in Dresden, wo meine Eltern mittlerweile wohnten, machte sie die Handarbeitsgeschäfte unsicher und fuhr schließlich weit raus zu einem Geschäft an der Elbe, das spezialisiert war und passendes Material führte. „Der Kuss“ und „Judith I“ sollten es sein. Diese und weitere gestickte Werke schmückten viele Jahre die Wohnung meiner Eltern, bis es den beiden im Alter allein zu schwer wurde und sie in ein Pflegeheim zogen. Wenn man von einer Wohnung in ein Zimmer zieht, können nur wenige Dinge mit. „Der Kuss“ fand seinen Platz im Heim, meine Schwestern und ich durften die anderen Stickbilder unter uns aufteilen. Die Dame mit der freien Brust nahm ich mit nach Italien. Ich hatte da keine Hemmungen, zierte doch bereits ein Gemälde einer halbnackten Dame, Erbstück der Eltern meines Mannes, unseren Flur. Klimts Judith, noch eine Spur verruchter, zog ins Schlafzimmer ein. So kam es, dass die in Dresden handgefertigte Nachbildung eines in Wien hängenden Originals, das meine Mutter vielleicht nur entdeckte, weil sie damals als Kind von Berlin nach Wien geschickt worden war, zu uns in die norditalienische Provinz kam.

Es fehlt aber noch eine Stadt, werdet ihr sagen. Richtig, und diese Stadt ist Hamburg. Dort lernte ich während eines Redaktionspraktikums eine meiner besten Freundinnen kennen, eine Wienerin! Wir haben uns mehrmals in Wien und Italien wiedergesehen und zuletzt in Hamburg, am Ort unseres Kennenlernens. Ich kann es kaum erwarten, nun endlich auch einmal mit Mann und Töchtern dem wundervollen Wien einen Besuch abzustatten. Um meine Freundin und ihre Familie zu besuchen, und um ins Belvedere zu gehen. Das Original der „Judith I“ wartet dort nämlich auf uns.  

Lust auf Gustav Klimt und seine Werke in Wien? Hier gibts einen Vorgeschmack auf die Ausstellung im Belvedere.

Eine kurze Einführung in die kunstgeschichtliche Interpretation der „Judith I“ gefällig? Das übernimmt gerne Herr Markus Hübl von der Kunstvermittlung Belvedere. Hier könnt ihr seinen Erklärungen im Video-Stream folgen.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

29 Kommentare zu „J und K und eine Zimmerreise, die von Norditalien in vier europäische Städte führt

  1. Unglaublich, dass sie das selbst gemacht hat! Und so schön, was sie/euch mit Wien verbindet. Ich wohne übrigens direkt hinter der Votivkirche. PS. Am Sonntag geht es nach Italia, Bologna und Roma. Einen klimtschen Gruß aus Wien!

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    1. Dankesehr, liebe Barbara! Tja, nicht nur nach Rom führen viele Wege, auch nach Wien. 😊 Oh, na dann gute Reise, insbesondere nach Bologna würde ich gerne mitkommen, wie du weißt.😉

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  2. Es ist wirklich immer beeindruckend zu lesen, was unsere Eltern und Großeltern im Krieg auf sich nehmen mussten und erlebt haben. Ein wunderbarer Spannungsbogen, sehr interessant erzählt! Es berührt mich ganz besonders weil: Zu Ostern 1991 bin ich das erste Mal mit meinem Mann verreist. Wir hatten uns gerade erst kennengelernt. Auf der Reise schenkte er mir ein Bild. Es war von Gustav Klimt: Der Kuss.

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  3. Die Geschichte Deiner Mutter in und ohne Wien ist ein wundervolles Sujet. Klimts als Tassendeko überstrapazierter „Kuss“ hängt bei mir als größtmöglicher Leinendruck an der Wand. Ich mag dieses Bild so sehr, dass selbst die exzessive Vermarktung es mir nicht verleiden konnte. – Ich bin begeistert von Deiner Geschichte.

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  4. Ich mag Gustav Klimt und auch ich stand schon staunend und mit einem schwer zu beschreibenden Gefühl vor seinen Gemälden im Belvedere. In gestickter Form kannte ich ihn noch nicht, aber eine wunderbare Geschichte, die Du hier mit uns teilst und schön, dass Du das Bild Deiner Mutter in Ehren hältst. Danke und buona notte!

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    1. Gern! Es ist sehr anregend, der Geschichte von solchen persönlichen Erinnerungs-Stücken nachzugehen. Ich betrachte diese Handarbeit jetzt nicht mehr nur als Nachbildung eines berühmten Kunstwerkes, sondern mit neuen Augen, nachdem mir meine Mutter all das noch einmal im Detail erzählt hat. Dir auch einen schönen Restabend und eine gute Nacht!

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  5. Ein ausgesprochen schönes Bild und eine mindestens genauso schöne Reise durch die Zeit und durch Europa. Ich kann mir vorstellen, dass dir dieses Bild sehr viel bedeutet. Am schönsten und am wertvollsten sind ja meist die Gegenstände, die eine Geschichte erzählen. Ein schönes Wochenende und viele Grüße

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  6. Gestern einen Satz gelesen und an deine Zimmerreisen gedacht: „There was no need to go on an expedition to distant countries. Why not travel at home? Thoreau noted in his journal – it didn’t matter how far one journeyed ‚but how much alive you are‘.
    Passt doch. Lg!

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