Am Strand

„Insgeheim aber genieße ich dieses Sitzen am Meer, ich habe es sogar völlig neu für mich entdeckt. Es gibt nämlich, denke ich jetzt so im Stillen, auch gewisse Wonnen des einfachen Lebens, die man nicht vorschnell verachten sollte, nur weil man sie mit Hunderten oder Tausenden teilt.“

Hanns-Josef Ortheil

Italienische Momente*, btb Verlag, 1. Auflage Originalausgabe August 2020, Seite 283

Vermutlich weilte Hanns-Josef Ortheil mit seiner Familie nicht in Ligurien und garantiert nicht am Strand in Spotorno, wo das Titelbild während unseres eigenen Sommerurlaubs vor einigen Jahren entstanden ist. Mein Foto illustriert jedoch gut die von ihm beschriebenen Urlaubsszenen am Meer.

„Es stört mich sogar nicht einmal, dass ich in Reihe drei, Platz siebenundzwanzig, sitzen muss, obwohl sich das anhört, als wären wir hier nur eine armselige Nummer in einer Herde.“ So geht es in Ortheils Text weiter.

Ich gebe zu, dass ich selbst kein Freund von Reihe drei Platz siebenundzwanzig bin. Zumal wir es ‒ immer nur Zufalls- und nie Stammgäste ‒ höchstens in Reihe zehn aufwärts geschafft haben. Und da blieben wir für das Notwendige. Also genau die Zeit, um die Kinder am Strand mit den Wellen spielen und im Sand eine Burg bauen zu lassen und selbst ein paar Züge zu schwimmen. Dann schnell wieder weg, duschen im Hotel (was bei zwei kleinen Strandnixen mit Sand in Sandalen, Kleidern und überall einige Zeit in Anspruch nimmt), um anschließend gepflegt an der Strandpromenade entlang oder durch die engen Gassen der Altstadt zu schlendern, für einen Aperitivo oder ein Gelato. Vorzugsweise im Schatten. Überhaupt sitze ich lieber leicht aber bekleidet unter einer duftenden Strand-Kiefer, mit Blick auf das Meer, und lese dabei ein gutes Buch. So lässt es sich aushalten. Im Gegensatz zu der Tortur, im Sand in brütender Hitze zu schwitzen und aufgrund blendenden Sonnenlichts oder unbequemer Haltung gar nicht lesen zu können. Obendrein müsste ich gegen den quälenden Durst ankämpfen, weil ich auf einen Besuch der Toiletten des Strandbades, für welches man einen horrenden Eintritt bezahlt, lieber verzichten möchte. Denn diese Örtlichkeiten teilt man sich freilich auch mit Hunderten oder Tausenden, um auf das Zitat zurückzukommen.

Was sind nun die von Ortheil beschriebenen „Wonnen des einfachen Lebens“? Aber ja, ich kann es mir durchaus vorstellen, nur zu sitzen, zu liegen, unter einem Schirm, und die Geräusche des Strandlebens um mich herum wie eine Hintergrundmusik laufen zu lassen. Dazu die leichte Meeresbrise, das Salz auf der Haut, die Füße im Sand (aber auch nur die). Vielleicht bin ich zu penibel, zu wenig relaxt, um solch elementaren Genuss empfinden zu können? Aufs Lesen verzichtet sogar Ortheil am Meer, und das nicht nur, weil er sich um die Kleinkinder kümmert. Seine Frau, La Mamma genannt, ist diejenige, die liest. Wie sie das am Strand schafft, bleibt mir ein Rätsel. Ich würde sicher eher die Augen schließen und vor mich hindösen. Wenn jemand andereres sich um die Kinder kümmert, wohlgemerkt.

Aber was rede ich da, die Zeit vergeht und wir haben längst keine Kleinkinder mehr. Ehe wir uns versehen, werden sie gar nicht mehr mit Mama und Papa, sondern mit Freunden in den Urlaub fahren wollen. Vielleicht machen dann mein Mann und ich auch mal so einen typisch italienischen Strandurlaub, und ich entdecke dessen wahre Wonne. Non si sa mai. Man kann nie wissen.

PS: Italienische Momente* ist eine Anthologie und enthält Auszüge aus Ortheils in Italien angesiedelten Texten. Das Zitat entstammt ursprünglich dem Kapitel „Am Meer“ aus Lo und Lu. Roman eines Vaters*. Dieses Buch lese ich gerade und kann es besonders Eltern in Erinnerung an die ersten Jahre mit dem Nachwuchs sehr ans Herz legen. Ein großes Lesevergnügen, auch wenn nur zwei Episoden in Italien spielen: die beschriebene am Strand und eine weitere in Rom.

*Werbung, wie immer unbezahlt.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

26 Kommentare zu „Am Strand

    1. Italienische Momente ist tatsächlich eine Fundgrube und allen Italienliebhabern absolut zu empfehlen, ich habe hier nur eine Briciola, eine Krume herausgepickt. Ein paar weitere nette Stellen habe ich schon beim Lesen notiert … mal sehen.

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      1. Es gibt darin eine Stelle über die Qualität von Cappuccino … da hatte ich beim Lesen an dich gedacht! 😉 Na dann, viel Vergnügen bei der Lektüre!

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    1. Habe ich meine Freundin in Cannes besucht, zogen wir es vor, in den Abendstunden an den Strand zu gehen. Alles andere wäre eine Tortur gewesen. Französische Momente waren für mich das Verweilen in Straßencafes, um, wie meine Freundin sich auszudrücken pflegte, „Leute zu gucken“. Das kannte ich bis dahin nicht. Aber es war sehr entspannend und hochinteressant 😄. Sogar die Kinder haben mitgemacht 💪

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      1. Oh ja, das kann ich mir wunderbar vorstellen. Wer gesehen werden will, flaniert die Strandpromenade entlang, wer gucken will, trinkt ein Gläschen im Lokal. Oder erst das eine, dann das andere. 😉

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    2. Diese Gegend kenne ich gar nicht. Ich persönlich mag auch eher Ligurien als zum Beispiel die Adria um Rimini, denn man hat dort sowohl als auch. Also auch freie Strände oder steinige Buchten, ein bisschen wild. Dafür mangelt es in Ligurien an Parkplätzen.

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  1. Ob Rimini oder die Cote,‘ ich habe nur Fotos von leeren Stränden. Liegt ein wenig an der Reisezeit 🙂😊 Und selbst in Vor,- Nach- oder am besten gar keiner Saison sind die kleinen Gassen und Lokale nicht ganz vereinsamt. Ich staune immer über die Leidensfähigkeit der Urlauber in den handtuchgrossen Strand Domizilen..🙂

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      1. Ganze Saison klingt gut. Muss man dann aber wohl irgendwie seinen Arbeitgeber verständlich machen..😊 „Strandmiete muss muss abgewohnt werden, komme etwas später zurück“ oder so😊

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  2. Ich teile deine Präferenzen zu 100% mit dir! Auch ich bin lieber im Kleid in der schattigen Altstadt 👗 anstatt verschwitzt und, dank Sonnencreme wie ein paniertes Schnitzel im Sand kniend, am Meer zu verweilen. Dazu muss man dem ebenso panierten Kleinkind im UV-Anzug verständlich machen, dass ein Sonnenhut keine Kann-Option darstellt. Nicht, dass wir mit unserem Ableger bereits am Strand gewesen wären, aber so stelle ich es mir vor. 😄
    Wie la mamma allerdings lesend am Strand verweilen kann, mit Kleinkind, das erschliesst sich mir nicht.
    Liebe Grüße nach 🇮🇹! Ich hoffe, die Sonne kehrte bei euch bereits zurück und ihr sitzt im kurzen Kleid (oder Shorts 😉) auf den Restaurant- und Bar-Terrassen, die die Piazza säumen. ☀️

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    1. Liebe Eva, was das Wetter betrifft, habe ich dir gerade an anderer Stelle geantwortet. 😉 Aber hier noch einmal, weil es so schön ist: Endlich sitzen wir auf dem Balkon, ohne zu frieren. Wurde auch Zeit, und hoffen wir es hält jetzt an. Immerhin sparen wir an der Klimaanlage, die sonst zu dieser Jahreszeit oft schon auf Hochtouren lief.
      Ja, das mit dem panierten Schnitzel hatte ich auch noch im Kopf, aber es passte dann nicht mehr in den Text. Wie nervig, bäh. Und die lieben Kleinen, nachdem man sie mühevoll eingecremt hat, hinter den Ohren, in der Kniekehle und überall, weißt du, was die undankbaren Gören dann wollen? Nach fünf Minuten schon ins Wasser. NEIN, du gehst jetzt noch nicht! Aber warum? Weil ich dich gerade eingecremt habe! … Freu dich drauf! 😆

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      1. Liebe Anke, als hätte dein Kommentar über Nacht erst seine volle Wirkung entfaltet, ist es heute sonnig! Ich vermute stark, dass ich dir diesen Umschwung verdanke, nach Wochen voller Regen. Ich möchte darüber kaum schreiben, so zerbrechlich schätze ich dieses Glück ein. 😄
        Das mit dem Wasser hatte ich gar nicht bedacht! 😬 Ich kann es kaum erwarten und werde, wie gewohnt, darüber berichten. 😉
        Auf dass es bei euch so sonnig bleibt und ihr die Klimaanlage langsam anschalten dürft, liebe Grüße, Eva

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  3. Klingt sehr interessant. Ach ja, das Meer. Mit all den geraden Reihen kann ich mich noch immer nicht richtig anfreunden und suche nach öffentlichen Stränden wo ich mein Handtuch einfach ausrolle. Zum Unverständnis meiner Freunde vor Ort, die sich auch nach Jahren über ihre seltsam Freundin wundern. 😂

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      1. Mag sein, die gibt es sicher auch. Aber m.E. sind es viele ausländische Touristen, denen es in Italien in der Saison eigentlich eh schon zu teuer ist 😉 Es ist wohl ein kulturell-ökonomisches Ding, man verbringt ganze Vor- und Nachmittage am Strand und das wird schamlos zum Business gemacht. Wenn man das will, ist es praktisch, ein Hotel mit Privatstrand zu suchen. 😎

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  4. Schockschwerenot! Die „Italienischen Momente“ harren noch immer auf meinem Stapel ungelesener Bücher – noch dazu unter der „Erfindung des Lebens“, die ich für wichtiger halte. Ich glaube, man muss mir die Hände eingipsen, damit ich endlich lese, statt zu tippen. – Am Strand zu liegen fand ich immer langweilig, erinnere mich aber an eine Gelegenheit, bei der ich auf dem Bauch liegend eine wenige Meter entfernte Familie mit Kindern belauschte – ganz fasziniert von der Besonderheit der Akustik, wenn man alles so „flach über den Sand hinweg“ hört, nah und gleichzeitig unendlich fern – wie Nachrichten aus einem Pocket-Transistorradio, die auch so bedeutungslos klingen. Die Leute wissen gar nicht, was sie sich mit ihren Kopfhörern antun.

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    1. Ich denke, es gibt Zeiten zum Lesen und Zeiten zum Schreiben. Oder zumindest dominiert immer eins von beidem. Ich „zwinge“ mich gerade zum Lesen, aber mit Vergnügen, endlich ist es warm und auf dem Balkon sitzt es sich gut mit einem Buch. „Italienische Momente“ sind einfach ein leichter Einstieg und Vorgeschmack sowohl auf einen Italienurlaub als auch auf Ortheils weitere Werke.
      „Die Erfindung des Lebens“ klingt sehr wichtig, vielleicht lässt du uns dann wissen, ob das Werk seinem Titel gerecht wird.
      Du hast Recht, am Strand sollte man ohne Kopfhörer liegen und einfach lauschen. Ich stelle es mir genau vor, wie du es beschreibst, alles so nah und fern und die Wortfetzen wie von den Wellen heran- und wieder weggespült. Sehr entspannend!😊

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      1. Mit den Zeiten zum Lesen und Zeiten zum Schreiben hast Du vollkommen recht. Vielleicht ist es eine Alterserscheinung – dieses Gefühl, man müsse ALLES tun, solange noch Zeit dafür ist. Da erwartet man, mit dem Alter ruhiger zu werden, und dann wird man immer nervöser. Mist!

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      2. Weniger Kaffee trinken, lieber ein Gläschen Wein 😉 Aber ja, und die Zeit verstreicht immer schneller, darunter leide ich bereits, zack, wieder nichts geschafft, oder viel zu wenig. Bleib entspannt und lass dich nicht stressen, liebe Christa! 😊

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