Privilegien

Oft empfinde ich es wie ein Privileg, als Deutsche in Italien zu leben. Und wenn es nur die Möglichkeit ist, in bestimmten Momenten wählen zu können, für wen man sich ausgibt. Die italienische Carta d’Identità zu verwenden oder den deutschen Reisepass, wie es gerade besser passt. In Italien kann ich die Ausländerin spielen, wenn es mir gelegen kommt. Beispielsweise dann, wenn ich mit aufdringlichen Botschaftern zweifelhafter Vereine nicht diskutieren mag. In Deutschland entschuldige ich mich zuweilen mit der Ausrede, dass ich in Italien lebe, wenn mir ein aktueller Begriff nicht einfällt oder ich frage: „Wie funktioniert das hier, helfen Sie mir mal bitte!“

Es ist manchmal praktisch, wählen zu können, wer man sein möchte. Aber als Olympia war und ich mit meiner Familie auf der Autobahn zwischen Italien und Deutschland, fühlte ich mich plötzlich ausgeschlossen. Von beiden Seiten. Das ging schon los, als ich im Autoradio bei einem deutschen Sender ganz nebenbei vom spektakulären Sieg Marcell Jacobs’ über 100 Meter erfuhr.

„Du, ich glaube, ein Italiener hat den Sprint gewonnen“, informierte ich sofort meinen Mann.

Er, der links von mir saß und über die deutsche Autobahn sprintete, vermutete, ich würde von der Qualifikation im Halbfinale sprechen. Die Nachricht war nur eine unter vielen, er hatte sie nicht herausgehört.

„Nein, richtig gewonnen, im Finale“, beharrte ich auf dem, was ich gehört zu haben glaubte.

Grande! Ein Italiener, der schnellste Mann der Welt!“

Und der Mann neben mir trat aufs Gaspedal, als wolle auch er einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellen oder zumindest der schnellste Italiener auf der deutschen Autobahn im Sommer 2021 sein.

Später im Hotel ‒ wir gönnten uns trotz Rekordgeschwindigkeiten auf dem Weg nach Sachsen einen Zwischenstopp in Bayern ‒ überflog ich in meinem News-Feed die anderen Olympianachrichten. Auch im Hochsprung der Herren hatte es Gold für Italien gegeben. Meine Mailänder Freundin zeigte in ihrem WhatsApp-Status bereits ein Bild von den beiden überglücklichen Azzurri d’oro, den italienischen Goldjungen des Tages. Ich reagierte sofort, wie, um mich zu entschuldigen, dass ich all das verpasst hatte. „Hast du gesehen, wie er ausgerastet ist vor Freude“, schrieb sie im selben Augenblick zurück. Nein, nichts hatte ich gesehen. Ich würde mir das Video jetzt nachträglich online anschauen, das den Moment zeigt, in dem Barshim und Tamberi sich einigen und das Hochsprung-Gold teilen. Aber Rai Sport, vor unserer Abreise in Italien mein treuer Berichterstatter, war plötzlich nicht abrufbar. Mir kamen erste Zweifel, ob mein Plan für den nächsten Morgen aufgehen würde. Ausgerechnet 10.50 Uhr, um eine Zeit, in der wir wieder auf der Autobahn wären, würde unsere Geräteturnerin Vanessa Ferrari im Bodenfinale antreten. Zum Wettkampf ihres Lebens. Es war die vierte Olympiateilnahme der italienischen Ausnahmeathletin, die im zarten Alter von knapp sechzehn Jahren bei der WM 2006 im Mehrkampffinale das erste Turn-Gold der Geschichte für die italienischen Damen geholt hatte. Nach weiteren Erfolgen bei Europa- und Weltmeisterschaften, aber nach zwei undankbaren vierten Plätzen am Boden bei Olympia, nach Verletzungen und Rückschlägen, wollte sie es mit mittlerweile dreißig Jahren noch einmal allen zeigen und endlich die ersehnte Olympiamedaille erkämpfen. Diesen Moment nicht live zu verfolgen, kam für mich und meine geräteturnende Tochter einem Verrat am italienischen Turnverband gleich. Aber wie und wo würden wir die Liveübertragung sehen können? Wir spielten alle Möglichkeiten durch. Das Streaming der Sportschau, klar! Was ich in Italien nicht sehen konnte, würde jetzt abrufbar sein. Stattdessen die Nachricht: Inhalt aus rechtlichen Gründen nicht verfügbar.  Aber wir waren doch auf deutschem Boden. Und ich eine Deutsche. Mein Smartphone erkannte mich also als Italienerin oder vielmehr als Person mit italienischem Internetzugang.

Also die Rai, juchhai. Denkste! Ci dispiace, il video non è disponibile nel suo paese. Leider ist das Video in Ihrem Land nicht verfügbar. Wie bitte? Die Italiener erkannten, dass ich mich nicht auf ihrem Territorium befand, da nützte mir mein italienischer Anschluss plötzlich weniger als niente. Ihr könnt euch die Nervosität nur annähernd vorstellen, die sich in meinem Innersten zusammenbraute. Wer war ich? Ein Niemand, auf der Reise zwischen den Welten, ohne Berechtigung, in der einen oder der anderen Welt einen Videoinhalt bzw. Livestream abzurufen.

Meine letzte Hoffnung: die ARD. Das gute, alte Fernsehen. Würden wir eben eine Stunde später losfahren und noch in der Unterkunft die Übertragung sehen. Am Morgen nahm ich allen Mut zusammen und trug mein Anliegen der netten Gastgeberin vor. Sie war sogar noch netter, als ich sie bis dahin bereits kennengelernt hatte. Unser Zimmer benötigte sie sofort, dafür stellte sie uns fürs Fernsehen ein anderes kostenlos zur Verfügung. Am liebsten hätte ich sie umarmt. Aber das ging ja nicht, Abstandsregeln im Besonderen und Anstand im Allgemeinen verboten es mir. In freudiger Erwartung saßen wir also, fast wie im Kino, vorm Fernseher unseres Bonuszimmers. Noch zehn Minuten. Noch fünf Minuten. Mir schwante Schreckliches. Die ARD brachte zwar Olympia, aber nicht Geräteturnen. Statt des erhofften Turnquadrats stand die Radrennbahn im Rampenlicht, da waren schließlich gerade die deutschen Damen am Start.

„Schatzi, kannst du nicht irgendetwas zaubern?“, versuchte ich es in letzter Minute verzweifelt bei meinem Mann.

Er konnte. Fragt mich nicht, welche Einstellungen mein Held an seinem Smartphone vorrübergehend änderte, um uns die Rai-Übertragung doch noch sehen zu lassen. Um 10.51 Uhr platzierte ich mit zittrigen Fingern das Handy auf einem Buch vor dem Fernsehbildschirm, damit wir es alle sehen konnten. Vai, Vanessa! Für alle, die mit Geräteturnen nichts am Hut haben, aber vielleicht schon mal eine Eiskunstlaufkür mitverfolgt und dabei einem Favoriten die Daumen gedrückt haben: So spannend fühlt es sich an. Denn jeder Sprung und jede Landung, jede Drehung und jeder Überschlag müssen sitzen. Perfekt. In diesem einen Versuch. Ein kleiner Wackler, ein Fuß, der einen Zentimeter hinter der Linie absetzt, und der Traum ist geplatzt. Zehntel-Punkte entscheiden bei der Platzvergabe, viele Konkurrentinnen sind beinahe gleichstark. Eine Medaille, wenigstens Bronze, bitte! Die Anspannung stieg ins Unermessliche, als Vanessa nach tadellosem Vortrag zu den Klängen von Andrea Bocellis „Con te partirò“ auf dem zweiten Platz lag und alles nur noch von den nach ihr an den Start gehenden Athletinnen abhing. Drei Turnerinnen waren es, jede konnte sie theoretisch überholen. Es folgten Minuten wie eine Zitterpartie, eine kaum auszuhaltende Ewigkeit. Dann die Erlösung: Alle blieben knapp hinter ihr, die Silbermedaille ging nach Italien. Bei all der Aufregung verzieh unsere Tochter ihrem Vater sogar großzügig seine unqualifizierten Kommentare zum Wettkampfgeschehen. Nur ihm hatten wir es schließlich zu verdanken, dass wir diese Dreiviertelstunde mitfiebern durften und die Spannung und Freude live teilen konnten. Grazie, Vanessa, und grazie, amore mio! Manchmal ist es ein Privileg, ausgerechnet einen technikversierten Italiener zum Mann zu haben. Daheim und auf Reisen.

Die Highlights aus dem Bodenfinale in Tokio. Ab Minute 2.22 die Silbermedaillengewinnerin Vanessa Ferrari.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

14 Kommentare zu „Privilegien

  1. Liebe Anke! Schön, dass Du Dich wieder aus der Sommerpause zurückmeldest. Ich habe mich schon sehr auf einen neuen Beitrag von Dir gefreut und ich hoffe, Du hattest einen wunderbaren Urlaub! Aus dem verregneten Bayern sende ich ganz herzliche Grüße nach Italien! Barbara

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Barbara,
      Danke schön. Die drei Wochen waren wie immer ratzfatz vorbei. Aber es ist noch Sommer hier. Jetzt wäre das ideale Wetter zum Urlaubhaben, wir durften diesmal das „Vergnügen“ der 40-Grad-Marke auskosten. Ich schicke dir gerne ein paar Sonnenstrahlen! Ciao Anke

      Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu coffeenewstom Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: