Andere Zeiten

Gestern fuhr ich nach der Arbeit schnell zum Tanken. Das erledige ich aus Gewohnheit in der Schweiz, auch wenn es preislich keinen Vorteil mehr bedeutet. Ebenfalls aus Gewohnheit trug ich beim Betreten der Tankstelle meinen Mund-Nasen-Schutz. Gewohnheitsmäßig stieß ich die Tür mit dem Ellenbogen auf, grüßte freundlich die Kassiererin gleich neben dem Eingang, um wie gewohnt zunächst zum Brotregal zu gehen, und … blieb irritiert stehen. War ich im falschen Film? Die junge Frau hinter der Kasse musste die sein, die ich kenne, denn sie trug das krause, halblange Haar wie immer mit einer Spange zurückgesteckt. Trotzdem schaute ich zweimal hin. Ihr Gesicht sah ich zum ersten Mal. Es war nicht von einer Maske bedeckt. Sie tat so, als ob das normal wäre. Auch die zweite Mitarbeiterin der Tankstelle sowie ein Kunde, der die Süßigkeiten-Auslage studierte, waren nackt im Gesicht. Langsam fiel der Groschen. Hier war ich in der Schweiz, hier waren die Masken bereits gefallen. Natürlich hatte ich das gehört. Und natürlich behalten wir sie im Büro auf, da hätte es der Anordnung der Geschäftsleitung gar nicht bedurft. Oder etwa doch? Hey, wir sind Italiener, wir fallen uns jetzt nicht einfach ungeschützt in die Arme, nur weil irgendeiner sagt, das dürften wir jetzt wieder. Da läutet einer die Glocke, und die Pandemie ist aus wie eine ungeliebte Schulstunde, die sich ewig in die Länge gezogen hat?

Auf dem Heimweg im Auto musste ich daran denken, wie es damals angefangen hatte. Ich war, so befremdlich es klingt, eine überzeugte „No-Mask“-Vertreterin (diesen Begriff gab es wohlgemerkt noch nicht). Ich rede hier von März, Anfang April 2020. Damals, als es noch gar keine oder nicht genügend Masken zu kaufen gab. Als die WHO sagte, nur im Umgang mit Infizierten wären Mund-Nasen-Bedeckungen sinnvoll. Als ob sie das nicht gehört hätten, trugen im Supermarkt von Woche zu Woche immer mehr Kund*innen eine. Ich hielt tapfer dagegen und schaute herausfordernd zurück, wenn mich einer über seine Maske hinweg schräg ansah. Das war damals, als ich an der Kasse Angst hatte, mich an meiner Spucke zu verschlucken und dabei zu husten. In den Gang mit den Waschmitteln traute ich mich nicht, weil mir das süßliche Pulver in die Nase stieg, Juckreiz auslöste und ich niesen musste. Jeder huschte damals durch die Gänge, konzentrierte sich auf seinen Einkaufszettel, fasste nichts unnötig an. Und keiner sprach mit niemandem. Bis an jenem Tag. Da war dieser ältere Herr. Vielleicht war er nur wenig älter als ich selbst, wenn überhaupt, aber ihr wisst ja, wie das ist. Er überholte mich in einem Affentempo und rief mir dabei zu: „Und Sie, Sie brauchen wohl keine Maske?“ Ich war geschockt und brüskiert, nahm meinen ganzen Mut zusammen und hatte überraschend schnell eine Antwort parat, die ich ihm trotzig hinterherrief: „Nein, die werden schließlich in den Krankenhäusern dringender gebraucht.“ Ich war mir nicht sicher, ob er es noch hörte, denn sein Einkaufswagen hatte anscheinend einen eingebauten Motor und er war längst am anderen Ende des Ganges.

Ich spüre noch das Schamgefühl, die Entrüstung, mein Herzklopfen in jenem Moment. Aber ich fühlte mich im Recht, in meinen Augen war es damals unsinnig, egoistisch, unsolidarisch, diesen kostbaren Schutz für sich zu beanspruchen. Für einen banalen Einkauf, bei dem man mit niemandem in Berührung kam.

Kurze Zeit später wurde die Maske ein Pflicht-Accessoire, sie fühlte und fühlt sich richtig an, und wir haben sie in Italien bis auf wenige Momente im Sommer und mittlerweile im Freien nicht mehr abgelegt. Die nörgeligen Diskussionen darum anderswo machten mich traurig.

Die Zeiten ändern sich. Und sie ändern sich so abrupt und so extrem, dass ich mir nicht einmal sicher war, ob ich diesen Text schreibe. Interessiert doch keinen mehr. Schnee von gestern. Ich habe mich dafür entschieden. Denn die Masken sind gefallen, die Gewehre im Anschlag. Die Frage schmerzt, was wirklich wichtig war und ist. Ob es sich gerade eben noch gelohnt hat, über Masken zu streiten, während sich weltpolitisch eine Katastrophe zusammenbraute. Dass man dazu bereit sein muss, umzudenken, eine Situation neu zu bewerten, das sollten wir gelernt haben. Was bis gestern, wie die Italiener sagen, „era dato per scontato“, für selbstverständlich gehalten wurde, ist es heute nicht mehr. Neue Bedrohungen erfordern neue Mittel. Bleibt zu hoffen, dass unsere Demokratien stark genug sind, die Grundfesten einer freien, friedliebenden Welt und humanistische Werte gegenüber nationalistischen und profitmaximierenden Interessen zu verteidigen.

Titel: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

25 Kommentare zu „Andere Zeiten

  1. Bin ganz bei dir, auch ich frage mich am laufenden Band: Was ist eigentlich wichtig. Das wurde mir gestern Abend im Bett ganz deutlich, als ich darüber nachdachte, wie gut es mir geht: In einem Bett in meiner eigenen warmen Wohnung zu liegen statt in einem Bunker mit der Angst mit x anderen gepaart und der Angst, dort nicht mehr lebend rauszukommen…. 😦
    Ist wirklich alles unangenehm momentan, alles spielt verrückt!

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  2. 😷 ich freu mich auf die nackichen Zeiten … vor allem als Brillenträgerin 🤓
    Allerdings war das für mich die einzige Unannehmlichkeit, was die Maske anbelangt.
    Früher hab ich mich gewundert, warum asiatische Touristen oftmals Masken trugen – jetzt weiß ich Bescheid ☺️
    Die kennen solche Probleme.
    Im Moment kommt mir sowas Pillepalle vor 🙄 Jetzt haben wir ganz andere Sorgen …
    Liebe Grüße aus dem 🕷🕸
    Sabine

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    1. Es wäre sinn- und rücksichtsvoll, wenn man stark erkältet ist, auch „nach“ Corona eine Maske zu tragen, im Büro und überall, wo es eng wird. Aber jetzt hoffen wir erstmal auf ein umgehendes Ende des Kriegsalbtraums. Liebe Grüße an dich!

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  3. Gewehre im Anschlag, ein schreckliches Bild vor Augen und leider Realität, die so unvorstellbar schien.
    Die Maske ist gesellschaftsfähig geworden und wenn die Maskenpflicht jemals abgeschafft wird, fällt es mir in Zukunft, die wir hoffentlich haben werden, nicht schwer, sie zu gegebenen Anlässen, ohne Hemmungen zu tragen.
    Zeiten ändern sich.
    Liebe Grüße

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    1. Eben, unvorstellbar für Europa bis vor einer Woche. In der Pandemie war es im Vergleich einfach, sich und andere zu schützen. Jetzt hätte ich gern eine Anti-Kriegsmaske, oder was auch immer. Liebe Grüße zu dir!

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    1. Danke dir fürs Lesen. Man kommt nicht mehr hinterher, mental nicht, und erst recht nicht mit dem Schreiben. Dabei würde ich gern so viel Heiteres erzählen, aber das bleibt in der Ablage, bis auf Weiteres. Schönen Abend in Berlin!

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  4. Und wir dachten, es könne nicht schlimmer werden. 🙁 Wie unrecht wir behalten sollten. Der Krieg geht mir, wie den meisten vermutlich, dermaßen an die Nieren. 😔 Doch gleichzeitig diese Welle an Solidarität zu sehen, Bürgerinnen und Bürger, die helfen. Russinnen und Russen, die mutig sind und in ihrem Land protestieren, die betonen, dass das nicht ihr Krieg ist, sondern seiner, dass lässt einen doch in die Menschheit vertrauen. Und doch: Es war die Lage in Afghanistan noch nicht verdaut, mutige Afghaninnen und Afghanen, die hoffentlich nicht vergessen werden und denen geholfen wird und dann das. Das nächste, arme Volk, dass gebeutelt wird. Hoffen wir das beste und helfen wir dort, wo wir können, liebe Anke! 💛

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    1. Du hast recht, liebe Eva, die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft der ganzen Welt macht Mut. Und trotzdem bleibt dieses hilflose Gefühl. Man möchte hingehen können und den/die Verantwortlichen (es ist ja nie nur eine Person, sondern ein Interessen-System und irregeführte Anhänger dahinter) am Kragen packen und zur Vernunft bringen. Hoffen wir, dass das irgendwie gelingt, und dass durch den weltweiten Protest auch die humanistischen Kräfte in Russland gestärkt werden. Ein paar Tausend kann er wegsperren, aber wenn die Mehrheit rebelliert … Liebe Grüße nach Frankfurt!

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  5. Bei deinem letzten Satz hoffe ich mit. Sehr.
    Gerade packe ich für Ligurien. Auch Masken. Beide Arten, weil ich nicht mehr überblicke was in welchem Land gilt. Also in Deutschland schon, aber der Zug ist österreichisch und…ach, ich nehm einfach alles mit. 😉 Im Bus kann ich mir ehrlich gesagt noch gar nicht vorstellen, wieder ohne Maske Gruppenzukuscheln.

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    1. Hallo Mitzi, du packst für Ligurien? Ich auch! Sicher hast du ein paar Tage mehr, wir nur ein langes Wochenende. Was die Corona-Masken betrifft, darfst du im Freien ohne spazieren, in geschlossenen Räumen reicht die OP-Maske. Nur in öffentlichen Verkehrsmitteln zurzeit noch FFP2.
      Wenn es doch nur ein hoffnungsvolles Ergebnis bei den Verhandlungen in Belorussland gäbe. Beim Kofferpacken denk ich an die Menschen, die das gerade aus diesem anderen Grund tun oder schon unterwegs sind, auf der Flucht. Wie sich das anfühlen muss, können wir kaum ahnen. Es ist so unsagbar traurig und macht so wütend.
      Liebe Grüße und gute Reise dir!

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      1. Auch bei mir nur ein langes Wochenende. Kurzfristig jetzt doch erst das nächste. Danke für die Info – dann lag ich ja richtig mit meinem Vorsatz einfach beide Maskenarten einzustecken.
        Mir geht es mit den Gedanken ähnlich. Ich reise zu meinen Freunden und weiß, dass ich bald zurück bin und mir hier wie dort nichts geschieht, während andere gerade aus unsagbar traurigen Gründen unterwegs auf der Flucht sind.
        Ein schönes Wochenende auch dir. Vergessen kann und wird man alles was gerade passiert nicht. Aber schönes, wie zum Beispiel ein ruhiger Blick auf Berge oder Meer, helfen die Gedanken zu sortieren.

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