Francobolli

Ich gebe zu, in manchen Dingen altmodisch zu sein. So schreibe ich hin und wieder Briefe und Karten, um sie auf schrecklich traditionellem, postalischem Weg zu versenden. Meine selbstgeschriebene Post möchte ich ins Ausland schicken, nach Deutschland zu Verwandten oder in andere europäische Länder, wo es einige Freundinnen hin verschlagen hat. Der Kauf von Francobolli (Briefmarken) gestaltet sich in Italien allerdings immer wieder zu einem wahren Schauspiel. Ich glaube, anfangs gab es noch welche in der Tabaccheria (Zeitschriften- und Tabakwarenhändler) gleich um die Ecke. Aber irgendwann führten die keine mehr oder zumindest nicht die teureren fürs Ausland. Eigentlich auch verständlich, schließlich ist unser Provinzkaff keine Touristenhochburg, und wo es keine Ansichtskarten zu kaufen gibt, braucht auch niemand Briefmarken dazu. Außer eine wie ich, die noch diesem antiken Hobby des Postverschickens frönt. So eine wie ich muss nun jedes Mal aufs Postamt. Dort spielen sich immer wieder hanebüchene Szenen am Schalter ab, wenn ich meinen ungewöhnlichen Wunsch vortrage.

Vorrei comperare dei francobolli per favore, se possibile.” (Ich möchte bitte Briefmarken kaufen, wenn das möglich ist.)

Ich formuliere immer angestrengt freundlich, denn mittlerweile weiß ich, dass mein Anliegen Unglauben hervorruft. Oft kommt prompt der Gegenvorschlag: „Aber Sie können den Brief doch hier bei uns am Schalter aufgeben.“ Nein, ich möchte meine Post direkt in einen Postbriefkasten werfen. Schließlich gibt es die noch.

Das letzte Mal, es muss Mitte Februar gewesen sein, war die Aktion „Briefmarken besorgen“ besonders amüsant, ich möchte sie euch gern beschreiben. Und glaubt mir: Nichts ist hinzugedichtet, es hat sich genau so zugetragen.

Wenn der Postmann zweimal nachfragt

Bereits während ich die Geburtstagskarte für meine Freundin in den Umschlag stecke, schwant mir, dass ich keine Briefmarke mehr habe. Bei der Weihnachtspost Mitte Dezember hatte ich schweren Herzens drei potentiellen Empfängern einen selbstgeschriebenen Gruß verwehrt, weil ich keine Lust hatte, inmitten der rapide ansteigenden Omikronwelle in eine überfüllte, stickige Postfiliale zu gehen. Nun gibt es keine Ausrede mehr. Dieser Geburtstag naht und es folgen weitere. Ich brauche einen neuen Vorrat an Briefmarken und mache mich mehr kurz als wild entschlossen auf den Weg. Es ist ein nervenaufreibendes Vorhaben und langes Zögern bringt erfahrungsgemäß keinen Vorteil. Die erste Hürde nach dem Betreten der Poststelle hat die Gestalt eines Touch-Screen- Automaten, an dem man sich anmelden und derzeit auch seinen Green Pass (Impfzertifikat) scannen muss. Nachdem mir das nach drei Anläufen gelungen ist, wähle ich die Art der Dienstleistung aus und darf am Ende des Vorgangs – vorausgesetzt, ich habe die richtigen Symbole berührt – eine Nummer ziehen. Mit dieser begebe ich mich in den Wartebereich, der aus zwei Stuhlreihen mit Blick auf die vier Schalter besteht. Auf einer elektronischen Anzeigetafel sehe ich die aktuellen Nummern, die vor mir im Rennen sind. Da es aber nicht einfache Nummern, sondern Kombinationen aus verschiedenen Buchstaben und Zahlen sind, ist es meist schwer einzuschätzen, wie weit vorn man dabei ist. An welchem Schalter welcher Vorgang bearbeitet wird, ist nicht verständlich, lediglich ganz links sieht es nach klassischem Postservice aus, Päckchen aufgeben und dergleichen. Vielleicht auch Briefe? Ich schaue mich um. Außer mir warten nur zwei weitere Kunden, anscheinend hat keiner von ihnen die Buchstaben-Zahlenkombination, die über dem Paketschalter angezeigt wird. Der Bedienstete dahinter tut aber keinesfalls so, als ob er Kundschaft erwartet. Er sitzt regungslos vor seinem PC, starrt auf den Bildschirm, und es sieht auch nicht danach aus, dass er die Tastatur oder Maus bedient. Da es an den anderen Schaltern länger zu dauern scheint, trete ich vor, positioniere mich gut sichtbar vor dem Paketschalter und wedele mit meinem Brief. Vielleicht hat der gute Mann nur vergessen, die nächste Nummer aufzurufen? Das kann schließlich mal passieren. Dumm wäre, wenn ich in einer Stunde noch warten würde, während er so tut, als ob er etwas tue, weil er ja keinen Kunden hat. Nicht mit mir!

Der Schaltermensch, nennen wir ihn Postmann Eins, wendet für mich zwar nicht seinen Blick vom Bildschirm, aber er hebt die linke Hand und zeigt mit dem Finger auf seine Kollegen. Die würden mich bedienen. Aha. Kleinlaut ziehe ich mich zurück und murmele etwas wie „Man wird ja wohl noch fragen dürfen“ in meine Maske.

Während ich Postmann Eins vor seinem PC sitzend betrachte, assoziiere ich: Sein Posten bei der Post musste so ein heiß begehrter „Posto Fisso“ (Festanstellung) sein, wie ihn Checco Zalone im Film „Quo vado?“ verzweifelt verteidigt. (Deutscher Trailer: Der Vollposten).

Endlich wird ein Schalter frei. Tatsächlich stellt Postmann Zwei die Anzeige über seinem Sportello (Schalter) weiter. Bingo, ich bin dran. Entschlossen trete ich vor, zeige brav den Zettel mit meiner Nummer, bevor ich denselben in das dafür bereitstehende Körbchen werfe, und schiebe zunächst den Brief durch die Luke.

„Ich möchte den hier aufgeben und dann bitte noch Briefmarken kaufen.“

„Briefmarken?“

Da war er wieder, dieser ungläubige Gesichtsausdruck des Postangestellten. Ich fürchte, dass in meiner Antwort eine gewisse Nervosität mitschwingt. Das kann freilich nur derjenige verstehen, der weiß, dass es hier jedes Mal so oder ähnlich abläuft.

„Ja, Briefmarken bitte. Für Europa.“

Postmann Zwei dreht sich hilfesuchend zu seinen Kollegen um. Ich habe mittlerweile Blickkontakt zu dem Kunden am Nebenschalter aufgenommen und signalisiere ihm mit den Augen über der Maske ein „Na das kann ja heiter werden!“, bevor ich etwas wie „Warum, ist das ein Problem?“ in den Mundschutz nuschele. Postmann Zwei schaut nun wieder zu mir und fragt: „Wie viele Briefmarken brauchen Sie denn?“

Oha, es waren also nicht genug da. Trotzdem traue ich mich und sage mit fester Stimme: „Zehn Stück bitte!“

Worauf sich Postmann Zwei wieder an seine Kollegen wendet, die jetzt zu dritt beraten. Leider kann ich hinter der Scheibe und dem Umstand geschuldet, dass alle Masken tragen, kein Wort verstehen.

Ich warte. Mir wird heiß. Warum muss der Heizlüfter seine viel zu warme Luft ausgerechnet an diesem Schalter und direkt über meinem Kopf ausstoßen? Ich versuche, dem unangenehmen Gebläse auszuweichen, indem ich einen Schritt zurücktrete. Eine gefühlte halbe Stunde später (sicher waren es nur wenige Minuten) erhebt sich überraschend Postmann Eins, der bis dahin vor seinem PC festgenagelt schien, und begibt sich nach „hinten“. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Angestellten für Briefmarken den Raum verlassen müssen und sie aus einem Nebenzimmer holen. Womöglich sogar aus dem Keller, denn es dauert immer eine gewisse Zeit, ehe der Beauftragte zurückkommt. So auch heute. Postmann Zwei wartet derweil ergeben und schaut dabei auf seinen Bildschirm, so ähnlich, wie es sein Kollege zuvor getan hatte. Der taucht schließlich wieder auf und trägt eine Art Briefmarkenalbum vor sich her, in der die kostbaren Francobolli aufbewahrt werden. Postmann Zwei nimmt die Mappe ehrfurchtsvoll entgegen.

„Welche Marken brauchen Sie?“, fragt er mich zur Sicherheit noch einmal.

„Solche für Europa. Also Deutschland, Österreich, aber auch Großbritannien“, versuche ich so präzise wie möglich zu antworten.

Postmann Zwei blättert in der Mappe und studiert deren Inhalt. Dann blättert er wieder zwei Seiten zurück. Ich halte den Atem an.

Ah, eccoli.“ (Ach, da sind sie ja.)

Nun trennt er die Marken säuberlich ab, zählt zweimal mit dem Finger nach, ob es auch zehn Stück sind. Vielleicht hätte ich doch gleich ein paar mehr nehmen sollen, schießt es mir durch den Kopf. Aber ich verzichte lieber darauf, Postmann Zwei jetzt aus dem Konzept zu bringen. Denn nun folgt die wichtigste Angelegenheit: Er muss den Vorgang „Zehn Briefmarken der Preisklasse 1,15 Euro für den Verkauf umbuchen“ ins System eingeben. Zum Glück funktioniert im Anschluss auch der neben seinem PC stehende Drucker beinahe sofort und ich erhalte den Kaufbeleg überreicht, den ihr im Foto rechts zusammen mit den kostbaren Briefmarken seht.  

Vollkommen verschwitzt, aber erleichtert – schließlich habe ich auch diesmal am Ende meine Francobolli bekommen – verlasse ich das Postamt. Eins ist klar: Beim nächsten Mal nehme ich zwanzig Stück.

Ich weiß nicht, warum, aber bei meinen (zum Glück seltenen) Besuchen im Postamt muss ich immer an folgende Szene aus Zoomania denken:

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

23 Kommentare zu „Francobolli

    1. Quando posso evitarlo, non ci vado. Purtroppo, i pacchi postali sono costosi, la posta a volte ci mette una vita (una cartolina di Natale per la Germania è arrivata l’anno seguente in estate e ha sconvolto i destinatari perché abbiamo annunciato la nostra visita. Si sono spaventati, pensando che volevamo venire di nuovo. 😂
      Del resto, mi dispiace anche per i dipendenti, non vorrei lavorare così in modo antico, e dover scendere chi sa dove per i francobolli.
      Buona serata!

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  1. Herrlich, Anke! 🙂 Ich kann es mir bildlich vorstellen. Und „Francobolli“ war mit eine der ersten Vokabeln, die ich in meinem Italienisch-Unterricht gelernt habe – und tatsächlich konnte ich diese auch brauchen, denn im Italien-Urlaub war ich früher eine fleißige Postkarten-Schreiberin. Allerdings hatte das früher den Charme, dass man sowohl die Postkarten als auch die „francobolli“ gleich zusammen im Tabacchi kaufen konnte. Liebe Grüße und buona serata! Barbara

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    1. Stimmt, es ist ein typisches Touristenwort, das man gleich zu Beginn lernt. Schade, dass das mit den Francobolli hier in der Provinz nicht ganz so charmant abläuft wie im Urlaub.
      Grazie, cara Barbara, e buona serata anche a te!

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  2. Während Briefe früher alltäglich waren, ist es schon etwas Besonderes, heute einen handgeschriebenen zu bekommen. Ich tue das auch gern, aber nur sehr selten. Dann nehme ich mir aber Zeit, mit Vorschrift und Reinschrift und Zeit und Muße.
    Briefmarken in Deutschland zu bekommen ist noch kein Problem, aber eine Poststelle zu finden wird immer schwieriger. Auch die Post spart und schließt eine Filiale nach der anderen.
    Deine Geschichte erinnert mit an den Film „Scampolo“ mit Romy Schneider und Paul Hubschmid 😉
    Einen schönen Abend wünsche ich dir, liebe Anke.

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    1. Brava, da beneide ich die Empfänger deiner so liebevoll verfassten Schriftstücke, liebe Bettina. Ich gebe zu, dass ich immer hoffe, die Bedachten können meine wahrlich nicht als Schönschrift zu bezeichnenden Worte überhaupt lesen und freuen sich über die nette Geste. 🙈 (Sie ahnen ja nicht, welch logistischer Aufwand briefmarkentechnisch dahintersteckt.)
      „Scampolo“, oh, das ist schon sehr lange her, dass ich den gesehen habe. Na, immerhin haben sie jetzt schon eine Art Personal Computer, die gab es damals in den Fünfzigern noch nicht.
      Dir auch einen schönen Abend, danke und bis bald auf einem unserer Blogs! LG Anke

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      1. Ach, dankeschön. Natürlich bemühe ich mich bei der Schrift, aber Schönschrift 🤷‍♀️ ist es auch bei mir nicht. Man ist total aus der Übung, was das Handschriftliche betrifft. Die nette Geste wird bei dir in jedem Fall gesehen und nun wissen alle auch, dass noch viel mehr dahinter steckt 😉. Ja, schön, bis bald bei unserem Hin und Her.
        LG Bettina

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    1. Stickig ist es dort leider immer: Im Winter wegen der Heizlüfter, im Sommer dank der Ausdünstungen der Besucher. 🥴 Ich hoffe für die Angestellten, dass es auf ihrer Seite, hinter der Scheibe, angenehmer ist.
      Danke, Nicole, und dir auch ein angenehmes Wochenende!

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  3. Herrliche Geschichte! – Bei Briefmarken habe ich mir inzwischen angewöhnt, die zu bestellen. Und zwar ganz altmodisch die „naßklebenden“, wie es sich gehört. Denn in der Postfiliale haben sie schon Schwierigkeiten mit Sondermarken. Neee, dann lieber bestellen, fein mit Rechnung und gut ist’s. 🙂

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    1. Bestellen! Das wäre die Lösung. Ich muss mich mal erkundigen, ob die Italiener auch schon darauf gekommen sind.
      Nein im Ernst: Du klebst noch nass? Mit dem Daumen oder der Zunge? Ich hätte gedacht, es gibt nur noch die Selbstklebenden.
      Es gab doch mal einen, ich glaube, es war bei „Wetten, dass“ vor ein paar Jahren, der erkannte Briefmarken am Geschmack. Das warst aber nicht du? 😉

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      1. Nee, das war ich nicht 🙂 Und die schmecken alle nach nix, klebe mit der Zunge.
        Selbstklebende sind doch wie Abziehbilder, finde ich. Und ich kenne auch noch einige wenige Leute, die sammeln. Und die freuen sich dann und für mich ist es keine Mühe, denen die Freude zu machen.

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  4. Was für eine Story und ein Abenteuer für etwas gezacktes Papier. Ja, Zoomania kam mir auch in den Sinn und aber auch die Sch‘tis 😉

    Zum Glück habe ich bei uns in High-Tech-Germany eine Lösung für mich gefunden. Die Post bietet Briefmarken zum selber drucken an. Sehen zwar nicht gerade mega aus und erinnert mich immer etwas an Bastelstunde, aber ich muss nicht vor einem Postbeamten knien.

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    1. Ah ja, Sch’tis, das französische Original. Ich kenne natürlich „Benvenuti al Sud“ die italienische Adaption. Na zum Glück lebe ich im Norden.😉
      Ich muss hier mal vorschlagen, dass die Italienische mit der Deutschen Post ein Dschoint Wäntscha macht, ich will auch selber drucken.
      Saluti nach Berlino!

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