Sag, dich schickt Antonio

Der Italiener und der Spezialist seines Vertrauens

Was uns in der DDR das sogenannte Vitamin B war, das ist in Italien Vitamina F. Dabei stand B für Beziehungen, F steht für Fiducia (Vertrauen).

Nur leben wir hier allerdings nicht in einer staatlichen Plan- und daraus resultierenden Mangelwirtschaft. In einer funktionierenden Marktwirtschaft müsste man als Kunde doch eigentlich König sein, egal, ob man den Inhaber oder einen Angestellten des Ladens kennt oder nicht. Dass dem in Italien nicht immer so ist, habe ich im Laufe der Jahre in den verschiedensten Situationen erfahren.

Eigentlich wollte ich als Titelbild für diesen Beitrag ein großes Werbeschild in unserer Gegend fotografieren, aber ich habe mit dem Fotografieren so lange gewartet, bis es nicht mehr da war. Es hing jahrelang an der Hauptstraße, und immer amüsierte es mich. Da ich keine Fensterläden brauchte, bin ich dem Rat nie gefolgt:

Di che ti manda Antonio!“ (Sag, dass dich Antonio schickt.)

Und du wirst bevorzugt behandelt? Und du bekommst einen Rabatt? Oder wirst du dann lediglich nicht über den Tisch gezogen, wie alle anderen? Schade, ich hätte die originelle Reklame gern mit euch geteilt. Nun seht ihr im Titelbild einen Gärtner. Auch das ist ein klassischer Beruf für den Spezialisten des Vertrauens, an den sich der Italiener wendet, wenn er einen Auftrag zu vergeben hat. Ich muss mir regelmäßig ein lautes Lachen verkneifen, wenn mein Mann daherkommt und sagt: „Chiamo il giardiniere / imbianchino / elettricista / idraulico di mia fiducia.“ (Ich rufe den Gärtner / Maler / Elektriker / Klempner meines Vertrauens an.) Oder er geht eine Besorgung machen. Mal nicht im Supermarkt, sondern beim „macellaio / fruttivendolo / pescivendolo / panettiere di fiducia“ (Fleischer / Gemüsehändler / Fischverkäufer / Bäcker des Vertrauens).

Die Händler, Handwerker oder ganz allgemein Spezialisten, denen der Italiener sein Vertrauen schenkt, sind entweder direkte Bekannte oder von Bekannten empfohlen worden. Kontaktiert man sie zum ersten Mal, muss man erklären, wer einen schickt. Das ist mit der Hoffnung verbunden, den Termin eher, die bessere oder frischere Ware und vor allen Dingen, einen besseren Preis zu bekommen. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, einen Vorteil daraus ziehen zu wollen, dass man den Anbieter einer zu erwerbenden Leistung kennt. Beim berühmt-berüchtigten Vitamin B ging es in der DDR darum, überhaupt an bestimmte Waren (die sogenannte Bückware, die unter dem Ladentisch versteckt war) oder Dienstleistungen heranzukommen. Hier in Italien geht es um die bevorzugte Bedienung und einen Freundschaftspreis. Benissimo, warum eigentlich nicht. Vorteile dieser Art lässt man sich gefallen. Die Freundschaft hört allerdings auf, wenn uns nonchalant das Angebot unterbreitet wird, keine Rechnung auszustellen. Das Missbehagen, durch unsere Ablehnung auf beiden Seiten ausgelöst, kann meist freundschaftlich überwunden werden. Man räuspert sich, und die Sache ist vergessen.

Sogar in der Zahnarztpraxis erlebte ich kürzlich, was es heißt, als Kunde, ähm, Patient, Vorzüge zu genießen, die auf einem vermeintlichen oder tatsächlichen Freundschaftsstatus beruhen. Nachdem ich die Zahnärztin unseres Vertrauens ‒ die Frau eines Jugendfreundes meines Mannes ‒ verlassen hatte, da der Anfahrtsweg zu ihr doch sehr weit war und sie irgendwann mein Vertrauen offensichtlich nutzen wollte, um eine unnötig große Umbauarbeit an meinem Gebiss vorzunehmen, war ich in das neue Ärztehaus bei uns um die Ecke gegangen. Fünf Minuten zu Fuß, so habe ich es am liebsten. Neben Vertrauen kann bei mir nämlich auch Bequemlichkeit eine geschäftliche Fedeltà (Treue) begründen. Es handelte sich diesmal um eine größere Arbeit für den Dottore, und so wurde mir der Kostenvoranschlag nicht am Empfang in Gegenwart der anderen Patienten vorgelegt. Man begleitete mich in ein separates Büro.

„Venga con me, Signora, ne discuteremo con calma.“ (Kommen Sie, Signora, das besprechen wir ganz in Ruhe.)

Ich ahnte, dass es sich um eine vierstellige Summe handeln würde. So musste es sich anfühlen, in einer Bank um einen Kredit vorzusprechen. Aber nur dann, wenn man als Kreditkunde attraktiv und profitbringend scheint. Ich bin nicht der Bittsteller, sondern man macht mir ein besonders attraktives Angebot.

Das Gespräch unter vier Augen, den geplanten stomatologischen Eingriff betreffend, begann mit der Einleitung:

„Sie sind doch eine Freundin oder Bekannte von Alessia …“

Ja, ich erinnere mich, dass ich damals mit der Mutter eines Klassenkameraden meiner Tochter gesprochen hatte, die als Zahnarzthelferin in der Praxis arbeitet.

„Bei den letzten Behandlungen haben Sie 20 Prozent Preisnachlass bekommen.“

Stimmt, aber nicht als Freundin von Alessia, sondern weil ich den geforderten Preis für eine simple Versiegelung der kindlichen Backenzähne, die in 15 Minuten erledigt war, für unverschämt hielt, und das zum Ausdruck gebracht hatte.

Aber egal. Jetzt zählte, wie ich Patientin in dieser Praxis geworden war, nämlich über den Kontakt zu einer Angestellten. Deshalb würde man mir nicht nur 20, sondern sogar 30 Prozent, den höchsten Rabatt einräumen, den man überhaupt bekommen könne. Soso. Leider hängt in einem Arztstudio gewöhnlich keine Liste mit Standardpreisen aus. Was sie mir als diesen Preis aufzeigen, um dann den Rabatt zu gewähren, bleibt ihnen überlassen und meine Begeisterung, gar erwartete überschwängliche Dankbarkeit, hält sich in Grenzen. Ich lasse mir nichts vormachen. Einen Moment überlege ich, ob ich den Kostenvoranschlag nicht sofort unterschreibe, sondern tatsächlich Angebote in anderen Praxen einhole. Dann siegt wieder, ihr ahnt es, die Bequemlichkeit. Die Sache muss gemacht werden, und zwar nicht erst in ein paar Monaten, da ich bereits leichte Beschwerden habe. Ich nuschele einen selbst für mich unverständlichen Kommentar in meinen Mund-/Nasenschutz und nicke das Angebot ab. Wäre nicht Pandemie, hätte mir die Geschäftsfrau der Zahnarztpraxis womöglich zum erfolgreichen Vertragsabschluss die Hand geschüttelt. So bleibt mir das erspart und ich verlasse mit einem bitteren Beigeschmack, aber erhobenen Hauptes ihr Büro. Als ich anschließend am Empfang noch einen Termin mit einem anderen Spezialisten im Ärztehaus mache und vorsichtig nach dem Preis für diese erste Visite frage, denke ich angestrengt nach, ob ich nicht auch dessen Assistentin kenne. Leider zählt die Zahnarzthelferin Alessia beim Besuch des Physiotherapeuten nicht.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

19 Kommentare zu „Sag, dich schickt Antonio

    1. Ja, so sehe ich das zum Beispiel bei der Mitarbeiterführung.
      Wenn ich in den Fischladen gehe, will ich auf Frische vertrauen können, ob ich den Typen kenne, oder nicht. 😉

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  1. Jaja – der xy des Vertrauens ist auch hier bekannt. Und genau deshalb werde ich übernächste Woche mein Auto in die Werkstatt meines Vertrauens bringen und hoffen, dass mein geliebtes Vehikel ohne größere Probleme über den TÜV kommt! 🙂 Liebe Grüße Bea

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    1. Einem Vehikel als geliebtem, treuem Begleiter verzeiht man kleine Macken. Dann drücke ich die Daumen, dass ihm deine Werkstatt des Vertrauens auch wohlgesonnen ist und ihn gut durch den TÜV bringt, liebe Bea!

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  2. Gut zu wissen, dass es ueberall auf der Welt aehnliche Strukturen gibt. Soziale Netzwerke gibt und gab es eben auch offline – eigentlich ein beruhigender Gedanke, oder? 🙂 Nur die Rabattgeschichte ist nervig, da gebe ich dir recht. Hauptsache die Qualitaet bei deiner Zahnsanierung stimmt, dann kannst du bald wieder ohne zu zoegern in den sauren Apfel beissen. 😉
    Liebe Gruesse aus dem Yukon,
    Luisa

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    1. Eine verlockende Vorstellung, in einen knackigen sauren Apfel zu beißen, liebe Luisa. Derzeit schiebe ich selbst weiche Nahrung lieber auf die andere Seite. Ich hoffe auch, dass am Ende wieder alles perfekt sein wird. Danke und liebe Grüße an dich!

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  3. „Fiducia“, wie wunderbar! Nur leider funktioniert das hier in Schweden so ganz und gar nicht – hier ist alles sehr transparent und Warteschlangen werden äußerst genau genommen. Da kommt man selten in den Genuß von Rabatten oder Bevorzugungen, auch im Vergleich zu Deutschland. Das ist natürlich sehr gerecht und irgendwie auch beruhigend, aber im Geheimen manchmal auch ein wenig langweilig…denn das Gemauschel mit persönlichen Beziehungen kann ja auch ein bisschen Spaß machen…

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    1. Wow, so richtig fair ist das also bei euch, wer zuerst kommt usw. Eigentlich finde ich das Klasse. Es erspart auch den ganzen Stress mit dem Getue und Gekenne. Machen sich nämlich viele. Freundschaftliche, echte Beziehungen können natürlich auch mal im geschäftlichen Bezug Freude machen, da hast du schon recht. Liebe Grüße in den Norden!

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  4. Oh ja, das ist hier mit Handwerkern so. Wir hatten den Klempner nach einem Elektriker gefragt. Das war mit Empfehlung in beide Richtungen, der Handwerker als Profi und Person und wir als Kunde (die können sich das auch aussuchen).
    Und bei Ärzten macht manchmal die Praxis den Termin beim Spezialisten oder du kriegst genau eingeschärft, was du sagen sollst. Und toi toi toi für die Zahngeschichte.

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    1. Wenn Handwerker und Kunden sich mögen und gegenseitig empfehlen, ist alles in Butter. Einen Elektriker haben wir jahrelang beschäftigt, weil er ein guter Bekannter war, leider aber offensichtlich nicht so helle bei dem, was er tat. Trotzdem hielt mein Mann an ihm fest. In diesem Fall lag der Vorteil der Bekanntschaft also einseitig beim Dienstleister. 🤦‍♀️
      Der Allgemeine Arzt verhilft dir zum Termin beim Spezialisten? Super! Läuft hier leider ganz anders, der Hausarzt überweist, und du kannst sehen, wann und wo und ob du einen Termin bekommst. Darüber schrieb ich schon mal: https://tuttopaletti.com/2021/10/14/termingeschaefte/
      Danke fürs Daumendrücken, die Zahnbehandlung läuft. Sind mehrere Etappen.

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  5. Ach ja, zu DDR Zeiten war man wirklich arm dran, war man nicht Teil eines Beziehungsgeflechts und hatte auch etwas zu bieten. Meine Mutter arbeitete beim Kleist Theater und saß an der Quelle, was ausserordentlich
    beliebte Kabarettkarten betraf. Dafür bekam sie für ihre Kinder schon mal einen Termin beim Orthopäden o.ä.
    In Frankfurt (Oder) gibt es keinen Hautarzt mehr. Hausärzte und Augenärzte nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Da nützt einem die beste Beziehung nichts. Handwerker muss man sich, wie zu alten Zeiten, „warm halten“, weil auch rar. Manchmal ist es schon zum Verzweifeln. Da heißt es gesund bleiben und das nötige Kleingeld in der Tasche zu haben 🤷‍♀️.
    Liebe Grüße, Bettina

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    1. Oh ja, Theaterkarten allgemein und die fürs Kabarett speziell waren der große Renner damals. Und dann kosteten sie so wenig. Vielleicht hätte ein angemessen hoher Preis Angebot und Nachfrage besser regeln können? Jetzt habe ich mal nachgeschaut: Frankfurt Oder verlor nach der Wende eine Menge Einwohner, es liegt wohl vielen zu weit im Osten. Ich stelle mir vor, dass im Gegenzug der Zuzug aus dem Westen auch nicht so doll war, wie zum Beispiel in Leipzig oder Berlin. Aber so wenig Einwohner, dass es nicht alle normalen Fachärzte gibt, hat die Stadt doch auch nicht. Hach, das ist ja blöd. Da muss das Stadtmarketing mal besser ran. Wahrscheinlich fehlen aber auch die Arbeitsplätze. Mitfühlende Grüße, immer gute Beziehungen und das nötige Kleingeld! LG Anke

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      1. Beziehungsgeflecht hört sich irgendwie ein bisschen makaber an, oder? Mir fällt auch wieder der Begriff aus der Wendezeit ein: Seilschaften. Och nö. Wie wäre es mit „gute Kontakte“. Das klingt positiv. 😉💪

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