Oder: Blind Date mit einem Buch
Anfang August, Flughafen Mailand Malpensa. Meine Tochter und ich vertreiben uns die Wartezeit auf unseren Flug Mailand – München – Dresden in der Buchhandlung. Wie immer entdecke ich fünf oder zehn Titel, die ich mir sofort kaufen würde. Kann man das? Nein. Schon gar nicht mit Handgepäck auf dem Weg zum Boarding. Wieder wird es so sein, dass ich statt zehn Büchern gar keins kaufe, denn die Entscheidung für eines fällt schwer. Da bleibt mein Blick an einem ungewöhnlich dekorierten Regal hängen. Die Bücher sind mit Packpapier verhüllt, drei, vier handgeschriebene Worte sollen Hinweise auf den Inhalt geben. Obenauf jeweils eine fiktive Boardingkarte. Die Erklärung dazu gibt eine Tafel: „Libri al buio, accetti il rischio?“ (Bücher blind kaufen, akzeptierst du das Risiko?). Puh! Riskante Aktion, zumal ich sehe, dass es keine Schnäppchenpreise sind, die man für ein Überraschungsbuch bezahlt. Einen Augenblick später rufe ich aufgeregt meine Tochter hinzu. Es gibt ein Buch für den Flug Mailand – Dresden (wie schön wäre eine Direktverbindung), und die Stichworte lauten: Romanzo di formazione (Bildungsroman), DDR (was war das gleich?), Gioventù e fiducia (Jugend und Vertrauen). Einen Moment lang sorge ich mich, das Buch bereits zu besitzen oder gelesen zu haben, doch dann schließe ich das instinktiv aus und greife zu. Das Cover und der italienische Titel (I confidenti* – Die Vertrauten) sagen mir nichts, aber Charlotte Gneuβ, von der habe ich gehört. Der Klappentext bestätigt meine Vermutung: Gittersee*, so der Originaltitel. Das ist der Stadtteil Dresdens, in dem meine Schwester jetzt wohnt und wo wir sie besuchen würden. Dieses Buch hatte einfach zu mir gemusst, auf dieser Reise.



Was mich beim Lesen der italienischen Übersetzung und des deutschen Originals stutzig machte und was mir gefiel, davon schreibe ich in meinem Artikel bei der Berliner Zeitung.

*Werbung, unverlangt und unbezahlt.
Ich finde diesen Schreibstil äußerst spannend, wie für einen Roman bestimmt.
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Geniale Werbestrategie, Bücher in dieser Form in Szene zu setzen. Da hätte ich sicher auch zugegriffen.
Verlinkst du deinen Artikel hier, liebe Anke? Ich würde ihn nämlich gerne lesen. 🙂
Sonntagsgrüße Bea
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Er ist verlinkt, auch mit dem Bild. Schau noch mal!
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Eine geniale Aktion, ja. Und sicher kaufte so mancher, der nach Tokio unterwegs war, das entsprechende Buch. Es waren nur etwa fünf verschiedene Destinations, wenn deine dabei ist, juckt es in den Fingern. 😆
Danke und liebe Sonntagsgrüße an dich!
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Gratuliere! Dein Artikel in der Berliner Zeitung – toll!
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Dankeschön, liebe Bettina.
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Wow, Glückwunsch zum Artikel in der Berliner Zeitung. Das ist eine spannende Sache. Zum Übersetzen braucht es so viel mehr als zum Lesen und am Ende gibt es ja einfach keine 1:1-Entsprechung zwischen den Sprachen. Das stelle ich mir gar nicht so einfach vor.
Ich möchte ja auch gern mal ein Buch übersetzen, am besten eins, das es schon in deutscher Übersetzung gibt, damit ich anschließend vergleichen kann. 😉
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Wenn du Zeit hast, versuche es einfach mal. Vielleicht nur das erste Kapitel. Literatur zu übersetzen und zu versuchen, sie gut in die Zielsprache zu transportieren, ist in jedem Fall eine sehr bereichernde Erfahrung.
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Gute Idee! Ein Kapitel schaffe ich bestimmt mal.
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oh, danke für die Empfehlung. Mal sehen, ob ich das aushalte. Gelegentlich hauen mir solche Themen die Füße weg.
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Gerne, liebe Ilka! Du meinst sicher auch so Filme wie „Das Leben der Anderen“?
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Der ging komischerweise, es war eher sowas wie „In einem Land, das es nicht mehr gibt“. Wir sehen da Dinge und hinterfragen Aussagen, das ist anderen völlig fremd.
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Alles klar, jetzt verstehe ich, wie du es gemeint hattest. Nein „Das Leben der Anderen“ war gut. Zu „Das Land, das es nicht mehr gibt“ hatte ich auch auf dem Blog geschrieben, über Klischees und Übertreibungen und einiges, das nicht in die Zeit passte. Da zieht es einem die Schuhe aus.
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