Oder: Traumkuchen mit Glow-up
Das Leben ist jetzt, denke ich, und Heißhungerattacken wollen befriedigt werden. Nach einem Termin habe ich noch Zeit, bis meine Bahn fährt. Ich bin gutgelaunt und wildentschlossen, mir vor der Heimfahrt noch etwas zu gönnen. Hier gab es doch diese Bäckerei, wo es immer so verführerisch duftete und der Kuchen vorzüglich schmeckte. Bin ich daran vorbeigelaufen? Ich stehe schon wieder am Bahnhof. Also nochmal zurück. Notfalls wird es eine Bahn später. Aufmerksam studiere ich die Auslagen der Geschäfte. Hier nicht, da auch nicht, da! Ich sehe große Werbeschilder für Pflaumenkuchen vor der Bäckerei, die ich anders in Erinnerung habe. Ein paar junge Mädchen sitzen draußen an den Tischen, ein ungewöhnliches Publikum, vielleicht ist die Schule grad aus. Der mit Pflaumen gehört zu meinen Lieblingskuchen, aber die Werbung inspiriert mich nicht. Es gibt irgendwas dazu oder man soll gleich drei Stück kaufen. In diesem Moment habe ich Lust auf Schokoladiges. Ich betrete den Laden, sehe Pastellfarben an den Wänden und Möbel aus Plexiglas. Kein Gebäck. Als ich vor dem Verkäufer stehe und er meinen umherirrenden Blick bemerkt, lenkt er ihn per Fingerzeig auf eine Vitrine unter dem Tresen. Ich muss mich bücken, um zu sehen, dass darin ein paar Stücke des beworbenen Pflaumenkuchens liegen und eine andere Sorte Blechkuchen, bei dem ich mir aber nicht sicher bin, ob der mit Schokolade ist oder nur eine dunkle Glasur hat. Ich frage. Was ist das für ein Kuchen, ist der mit Schokolade? Der junge Mann, gutaussehend und erkennbar geschminkt, antwortet mir nett und ausführlich, aber ich verstehe kein Wort. Ist es hier zu laut? Spricht er undeutlich? Ich wiederhole meine Frage und mache ein hilflos lächelndes Gesicht. Wieder verstehe ich nicht, was er mir erklärt. Ein drittes Mal zu fragen wäre peinlich, also nehme ich den Kuchen auf gut Glück. Zum hier Essen, sage ich noch, aber er schiebt ihn mir bereits in einer Tüte verpackt über den Tisch. Dazu zwei kleine Plastikteile. Bin ich beim Burgerbrater und habe ein Kindermenü mit Überraschung bestellt? Ich schaue mir das eine Teil näher an, mache den Deckel auf. Das muss ein Lidschatten sein, aus goldfarbenem Glitter. Nun trage ich nie Lidschatten und schon gar nicht in der Farbe Gold. Außerdem denke ich, dass es sicher billiger Kosmetikkram aus Fernost und keine hautfreundliche Formel sein wird. Das andere Plastikteil ist etwas größer. Auch dieses lässt sich öffnen, es ist leer. Ich meine darin eine Aufbewahrungsschachtel für Lidschatten-Applikatoren und Puderpinsel zu erkennen und schlussfolgere, dass man diese Accessoires extra erwerben oder beim nächsten Kuchenkauf dazuverdienen kann. Marketing nennt sich das. Nein danke. Ich komme bestimmt nicht wieder, zumal der Kuchen nicht mit Schokolade war und aus einem widerlich süßen, gummiartigen Teig.
Jetzt fragt ihr euch sicher, wo ich das erlebt habe. In unserer hippen Landeshauptstadt Mailand? Nein, da gibt es keinen Pflaumenkuchen. Also nicht, dass ich wüsste. In Deutschland, meiner alten Heimat?
Ich kann euch beruhigen: Es war nur ein Traum. Natürlich fragte ich mich beim Aufwachen, was diese Fantasie beflügelt haben könnte. Eine mögliche Erklärung fiel mir ein. Vor dem Einschlafen hatte ich noch ein wenig durchs Handy gescrollt, um zu sehen, was die Deutschen gerade bewegt. Da war ich auf die hitzige Diskussion um die LAP Coffee Läden gestoßen, die den kleinen Cafeterien in den großen Städten unerwartet Konkurrenz machen. Alle wollen jetzt schnell und günstig einen Espresso to go oder Cappuccino im Pappbecher mitnehmen. Warum nicht? Jedem Tierchen sein Pläsierchen oder auf Wirtschaftsdeutsch: Zu jeder Nachfrage das passende Angebot. Solange es beim Kaffee nicht ungefragt goldfarbenen Lidschatten dazugibt!
Titelfoto: Symbolbild von Pexels.
Davvero un sogno strano…
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Un sogno strano, ma che sembrava reale e che, visto alla luce del giorno, potrebbe anche essere vero.
Ein eigenartiger Traum, der sich aber verdammt echt anfühlte und, bei Tag betrachtet, durchaus wahr sein könnte.
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Pflaumenstreusel mag ich auch sehr gern. Unsere Kinder eher schokoladige Kuchen, aber die gibt es beim Bäcker nur selten. Tja, so ist das mit den Informationen, die man kurz vor dem Schlafen noch „konsumiert“ 😉
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Der war ohne Streusel, etwa wie Zwetschgendatschi, kennst du ja sicher aus deinem Lieblingsurlaubsgebiet.
Stimmt, ich sollte ein geeigneteres Einschlafritual finden.😉
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Zwetschgendatschi 😋😍
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Hätte mich überhaupt nicht gewundert wenn wirklich aus deiner Bäckerei so ein Chemo-Back-Shop geworden wäre
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Gruselig, nicht wahr, dass es sich so anhört wie etwas, das es irgendwo schon gibt.
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