Die sind aber deutsch hier, dachte ich mir neulich beim Besuch eines Restaurants am Ufer des Lago Ceresio. So heißt der Luganersee auf italienischer Seite. Zumindest haben sie sich auf die deutschen Gäste eingestellt. Vor dem Eingangstor, das fünf Minuten vor zwölf noch mit einer Kette versperrt ist, gibt eine Tafel Auskunft über die Zeiten, zu denen Gäste bewirtet werden. Mittags von 12 bis 14, abends von 18.30 bis 22 Uhr.
Was ist daran deutsch, werdet ihr fragen? Nun, zum einen die Akkuratesse, mit der die Zeiten definiert und per verschlossenem Tor auch strikt eingehalten werden. Zum anderen und insbesondere ist es der Beginn des Abendessens um 18.30 Uhr, der uns Italienern (nach über zwanzig Jahren zähle ich mich einfach mal dazu) auffällt. Im klassischen italienischen Ristorante wird vor 19.30 Uhr nichts serviert, davor kann man ja einen Aperitivo an der Bar genießen. Oft denke ich mit Schmunzeln an mein erstes Jahr in Italien zurück und an meine Freunde, die mich der Reihe nach erstmals besuchten. Wie gewohnt, wollten sie um 18 Uhr zu Abend essen und waren sehr brüskiert, als ich sie über die italienischen Gepflogenheiten aufklärte. Natürlich kam der große Aha-Effekt mit den Häppchen zum Aperitivo, der sie allesamt nicht nur versöhnlich stimmte, sondern sogar begeistert dem Spät-Essen-Konzept zustimmen ließ.
Zurück zum Restaurant am Lago Ceresio. Wir selbst betraten kurz nach 12 Uhr das Lokal und verließen es fünf Minuten vor 14 Uhr wieder. Dazu mussten wir das Absperrband lösen, das späten Mittagsgästen bereits kommunizierte, dass kein Eintritt mehr gewährt würde. Zuvor hatte ich mich köstlich über die Speisekarte amüsiert. Wie immer warf ich einen Blick auf die deutsche Übersetzung, in Vorfreude auf kuriose Übersetzungsfehler. Ich glaubte meinen Augen nicht, als da nicht etwa kleingedruckt, sondern fett und breit Benimmregeln standen:
Keine getrennten Rechnungen an einem Tisch!
In Italien ist es unter Freunden üblich und oft vom Restaurant auch gewünscht oder erwartet, dass „alla romana“ bezahlt wird. Einer zahlt für alle und man teilt die Rechnung dann untereinander zu gleichen Teilen auf. Nicht etwa im Detail danach, was der eine verzehrt und der andere getrunken hat.
Keine halben Portionen!
Ich nehme an, einen sogenannten Seniorenteller als mengen- und preismäßig reduzierte Portion gibt es ebenso wenig. Ganz zu schweigen vom Räuberteller für Kinder.
Bei genauem Hinsehen ist das frühe Abendessen ab 18.30 also das einzige Zugeständnis an deutsche Touristen. Anderen landestypischen Erwartungen schiebt man lieber gleich einen Riegel vor. So weit kommt es noch, dass Urlauber um halb drei aufkreuzen und Mittagessen verlangen, die Speisekarte hoch und runter lesen, um am Ende eine Pizza zu teilen und auch noch getrennt bezahlen zu wollen. Da hört das Verständnis auf. Ganz so weit möchte man den Deutschen dann doch nicht entgegenkommen. Und Regeln lieben sie doch, i tedeschi, nicht wahr? In Italien gelten die italienischen.

Danke für den interessanten Bericht. Bin gerade durch Anadalusien gereist. Dort gab es mittags vor 14Uhr und abends vor 21 Uhr nichts Warmes zu essen, aber zum Aperitivo eigentlich immer Nüsse, Oliven und Salziges.
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Das ist schon extrem nach hinten verschoben, sicher steht man dann auch nicht vor um zehn Uhr auf.😉
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Genau! Man sollte sich als deutscher Gast an die Regeln im Ausland halten. Auch auch wenn die italienischen Restaurants damals rund um den Gardasee überall Schilder hatten, dass es auch „Würstel“ gibt. Das war ja gut gemeint, aber ich wollte in Italien doch keine Würstel essen, sondern typisch Italienisches.
Mit den Spaghetti habe ich dann gleich mal einen grossen Fehler gemacht. Ich war vor etwa 30 Jahren erstmals mit Frau und drei Kindern am Gardasee und habe dann auf der Speisekarte eines Restaurants auf einem Schiff auch auf die Preise geschaut. Immerhin waren wir ja zu fünft und wollten nicht schon gleich am Anfang die Urlaubskasse plündern. Ich entschied ich mich also für Spaghetti, das mochten die Kinder ja sowieso und die waren noch einigermassen günstig im Preis.
Stell Dir die Gesichter der Kleinen vor, als sie einen Teller mit einem kleinen Häufchen Spaghetti vorgesetzt bekamen. Wir hatten doch keine Kinderportionen für alle bestellt. Bis ich dann irgendwann später erfuhr, dass Italiener Spaghetti nur als Vorspeise essen.
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Am Gardasee hat sich mein Gatte mal mit einem Kellner angelegt, der ihm morgens statt des bestellten caffè einen deutschen Kaffee brachte. Sie sind dort voll auf die Touristen eingestellt.
Da hattet ihr Spaghetti in einem vornehmen Restaurant, wo man üblicherweise mehrere Gänge ist. Es gibt auch die simplen Trattorien, da werden auch die Primi, ersten Gänge, in üppiger Menge serviert. Am besten, man guckt vorher bei anderen Tischen, damit man keine falschen Erwartungen hegt.
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Ich frage mich, wie die deutschen Gäste sich aufgeführt haben, wenn es solche Benimmregeln gibt. Es kann auf jeden Fall nicht nur um Einzelfälle gehen. Mit dem gemeinsamen Bezahlen der Rechnungen ist es inzwischen in Deutschland etwas entspannter geworden. Es ist durchaus üblich, zu teilen. In Berlin zumindest, aber das ist ja nicht Deutschland oder? Es ist doch immer wieder spannend zu sehen, wo die Unterschiede und Gepflogenheiten schon in den kleinen Dingen liegen und wie wichtig diese werden können. Die Emotionen kurbeln sie auch kräftig an. Liebe Grüße aus Potsdam Roswitha
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Das habe ich auch gedacht. Nach (jahrelangen) entsprechenden Erfahrungen haben sie sich gesagt, klären wir es lieber schriftlich. Sicher spielt auch eine Rolle, dass es dort kaum Konkurrenz gibt, es ist ein kleiner Ort. Liebe Grüße ins schöne Potsdam!
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Herrlich! Ich musste, wie meistens bei deinen Artikeln, sehr breit grinsen. Ja, Regeln zu definieren und aufzustellen – hier müssen sich “i tedeschi” wohlfühlen. Man stelle sich vor, ausgesetzt in den Weiten Italiens, ich denke da z. B. an Napoli, wo sich mir auch nicht immer die Regeln erschlossen, und man hat keinen Leitfaden zur Hand. Schüchtern bestellt man den Seniorenteller und wird schief angeguckt. Ein Fauxpas! Und bei der Rechnung folgt der nächste: “Getrennt bitte – splitted, Gudrun, wie heißt das nochmal auf Italienisch? Du hattest doch den VHS-Kurs?“ „Ognuno per conto suo.“, erinnert sich Gudrun an einen Satz – und irgendwie ist er in dieser Situation auch treffend. Der Kellner rollt mit den Augen. Ein weiterer Fauxpas! Dann lieber so: Klare Regeln, klare Erwartungen. 😄 Herrlich, liebe Anke! Tanti saluti da Francoforte!
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Das freut mich, liebe Eva! Mein Mann ließ es sich übrigens nicht nehmen, bei der Bestellung erstmal vier Coperti (Gedeck) zu ordern. Die Kellnerin guckte nicht schlecht. Diese Position zum Preis von 2 Euro stand nämlich auch dick und fett in der Liste, und nicht nur kleingedruckt unten am Rand.
Nach Napoli muss ich auch irgendwann mal, und nach Sizilien. Da kann ich gar nicht mitreden, wie es da so zugeht und wie felxibel man mit Touristen im Restaurant umgeht.
Habt ein schönes Wochenende!
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Ich hoffe, du hast dann zum Ausgleich den Räuber-Teller bestellt? 😄
Es ist spannend, absolut sehenswert und kulinarisch eine Offenbarung. Vielleicht verschlägt es uns auch mal in die Ecke! 😃 Hab einen guten Start in die Woche und liebe Grüße, Eva
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Danke, liebe Eva! Den wünsche ich dir auch.
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Ich erinnere mich an Pasta als Primi Piatti. Als ich in der Toskana war, löste ich die Angelegenheit so, dass ich mir Prosciutto con Melone als Vorspeise gönnte und dann ein Pastagericht. An die Uhrzeiten erinnere ich mich kaum, aber vielleicht waren die toskanischen Urlaubsorte auch nicht mehr so streng?
Mein bestes Erlebnis war eine Einkehr im Mailänder Navigli-Viertel. Ich gönnte mir Ravioli (nicht die üblichen klischeehaften aus der Dose, sondern wirklich gute!) und zwei Tische weiter verliess eine vierköpfige Familie nach dem Studium der Speisekarte. An einem anderen Tisch sah mich ein Gast fragend an. Ich meinte ein „Maybe they wanted Pizza“. Gab’s nicht auf der Speisekarte.
Und wie war das mit dem Cappuccino? Nicht vor oder nach 11 Uhr ordern?
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Entweder man geht essen, oder in eine Pizzeria!😂 Nein, oft gibt es auch beides, aber manchmal dann die Pizza nur mittags oder abends. Den Cappuccino trinkt der Italiener zum Frühstück, nie nach 11 Uhr. Ist doch mit Milch etwas Sättigendes, sozusagen eine Mahlzeit. Aber eben nur morgens.
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Irgendwie finde ich das herzig, dass die Benimmregeln schriftlich fixiert wurden. So spart man sich sicherlich manchen Ärger, und alle Seiten wissen von vornherein, woran sie sind.
Bei deinen Beschreibungen zu den späten Essenszeiten muss ich immer mal wieder an meine Zeit als Austauschschülerin in Argentinien denken. Da war das nämlich auch so. Für mich anfangs total ungewohnt! Gegessen haben wir manchmal sogar erst gegen 21 Uhr oder auch noch später! Und gezahlt wurde auch „alla romana“ (den Ausdruck dafür kannte ich allerdings nicht) oder immer abwechselnd: Mal lud der eine ein, mal die andere.
Wie ist das eigentlich mit der Pünktlichkeit in Italien? Unser Gesangslehrer kommt aus Rom – er ist immer zu spät, aber jedes Mal ist die U-Bahn schuld, was in Berlin vollkommen plausibel ist. Also: U-Bahn oder tipico?
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Wenn es im Sommer so heiß ist, verstehe ich das mit dem späten Essen sogar. Andererseits verdaut man dann doch nicht vor dem Schlafengehen! 🤨
Oh je, die Pünktlichkeit, da sprichst du etwas an. Bei offiziellen Terminen mag es anders sein, aber bei privaten Treffen geht uns dieser allzu lässige Umgang ziemlich auf die Nerven. Wir sind meist die ersten, wenn wir irgendwo eingeladen sind. Ich sage mal, dass ist einigermaßen tipico! 😎
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Hihi, danke für deine Einschätzung, liebe Anke! 😉
Einen wunderschönen Restsonntag und liebe Grüße aus Berlin!
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Grazie, euch auch!
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Bloß gut, dass ich schon gegessen hab 😉
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Ist schon lustig 😄, auch, wie du es uns darbietest, liebe Anke! Tja, andere Länder, andere Sitten. Wir sind hier fast immer die letzten im Restaurant, weil wir das schöne Wetter genießen und so lange wie möglich am Strand bleiben.
Liebe Grüße aus Binz, Bettina
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Dass man in Deutschland Mittag essen kann, wann man will, ist klasse. Obwohl die ursprüngliche Tradition um 12 Uhr sagt, oder? Habt eine schöne Zeit, genießt es! Ich war auch schon mehrmals in Binz und habe wunderbare Erinnerungen, ein schnuckliger Ort! Aber passt bitte auf, dass ihr nicht zu viel Mittagssonne abbekommt.😎
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12.00 Uhr, ja. Manchmal ist man heute noch überrascht, wenn man liest: „durchgehend warme Küche“ 😉. Stimmt, ein schnuckeliger Ort. Auch von unserer Tochter haben wir eindringliche Anweisungen bekommen, wie wir uns bei intensiver Sonneneinstrahlung zu verhalten haben ☀️🫡, danke 😄
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Liebe Anke, ich habe noch eine Anekdote zu deinem Beitrag. Als ich neulich in Mailand war, waren wir abends in einem Restaurant essen – natürlich erst zu fortgeschrittener Stunde! Zum Bezahlen wurden wir an einen Tresen gebeten. Vor uns war eine Gruppe von fünf Frauen. Und stell dir vor, diese fünf Damen – Italienerinnen – haben doch tatsächlich einzeln, nacheinander bezahlt. Es hat gedauert und gedauert. Geduld war gefragt und ich war am Ende etwas genervt. So etwas scheint es also auch in Italien zu geben. Das habe ich nicht erwartet. Liebe Grüße aus Potsdam, Roswitha
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Oh je, stimmt, es macht ja nicht nur dem Kassierer Umstände, auch die anderen Gäste müssen länger warten. Ich hoffe, ihr hattet trotzdem einen netten Abend und gutes Essen, liebe Roswitha.
Danke und schöne Grüβe zurück! (Wollt ihr ein paar Grad Celsius abhaben, heute waren es 36 bei uns? 😅)
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