Dilemma

oder: Gelassenheit verzweifelt gesucht

Vor Jahren sah ich mit Vergnügen „Das Pubertier“, die Fernsehserie nach dem gleichnamigen Roman von Jan Weiler. Ich erinnere mich an den Vorspann, die Szene, in der der Vater ins Kinderzimmer schleicht und in Essensreste tritt, über Verpackungen und Wäsche stolpert. Damals fand ich das lustig. Jetzt haben wir selbst zwei Pubertiere. Ganz so schlimm ist es bei uns nicht. Die Sachen liegen nicht alle am Boden oder wenn, dann zumindest in Ecken. Lachen könnte ich heute nicht mehr über die Szene.

„Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Reinhold Niebuhr

Gilt das sogenannte Gelassenenheitsgebet eigentlich auch im Hinblick auf das Zusammenleben mit Pubertieren und die damit verbundene ‒ nun ja, vorsichtig ausgedrückt ‒ Unordnung in der Wohnung? Ich fürchte nämlich, solange man mit Kindern im Übergangsstadium zum Erwachsensein vier Wände teilt, kann man es einfach nicht ändern. Auch wenn man es sich noch so sehr wünscht. Da hilft es manchmal, sich unter Betroffenen auszutauschen und sein Leid zu teilen, zu wissen, dass man nicht allein ist. Bestimmt gibt es Eltern, die es im Vergleich mit mir gelassener hinnehmen. Ich werde manchmal zu einer Furie. Ich halte es nicht aus. Ich könnte schreien und tue es auch. Ich kann es nicht gut verkraften, dass ich in meinem eigenen Heim Dinge nicht wiederfinde, die eigentlich ihren festen Platz haben. Das Klebeband zum Geschenkeverpacken, meine Augen-Make-up-Entferner-Lotion, den Kugelschreiber beim Notizblock. Andererseits ist die Wohnung zugemüllt mit Dingen, die da nicht hingehören und die obendrein kein Mensch braucht ‒ ich nicht, aber offensichtlich die Besitzerinnen auch nicht, sonst würden sie diese Dinge doch beisammenhalten.

Ich stehe morgens auf, wenn die Älteste die Wohnung verlässt, um in die Schule zu gehen. Sie stellt sich den Wecker immer sehr früh, damit sie fürs Wachwerden, Waschen, Stylen, Frühstücken und die letzten Hausaufgaben genug Zeit hat. Nur leider bleibt keine, ihr Geschirr wegzuräumen. Und das steht nicht etwa einfach auf ihrem Platz. Nein, ich sammele die Überbleibsel ein wie ein Straßenkehrer die weggeworfenen Getränkedosen im Stadtpark: Ein Teller steht auf dem Esstisch, das Glas mit dem Teebeutel auf dem Schrank, die Kaffeetasse vor der Kaffeemaschine, daneben tummeln sich leere Teebeuteltüten und Zucker, ein Joghurtdeckel ruht neben der Spüle und der Joghurtbecher, dessen Restinhalt nach einer Stunde gut angetrocknet ist, fristet auf dem Schreibtisch sein vergessenes Dasein. Meine Zeit ist frühmorgens leider knapp bemessen und ich würde lieber fünf Minuten mehr Zeit für mich haben, um selbst in Ruhe mein bescheidenes Frühstück einzunehmen. Aber ich räume erstmal auf.

Dann komme ich ins Bad. Unter dem Fenster liegen Schlafanzug, auf links gekrempelte Jeans, Socken, mehrere Unter- und Oberteile (getragen oder nur probiert, man müsste einen olfaktorischen Test machen) und neben der Dusche die Sportsachen vom Vorabend. Ich schiebe alles beiseite, habe weder Zeit noch Lust zum Sortieren. In die Zimmer meiner Mädchen gehe ich nur, wenn ich muss. Und dann mit halbgeschlossenen Augen. Eventuell auf den Boden schielend, damit ich nicht in etwas hineintrete. Am nervösesten bin ich an dem Morgen, an dem unsere Haushaltshilfe putzen kommt. Schon am Nachmittag des Vortages bitte ich meine Mitbewohnerinnen sehr behutsam, doch bitte aufzuräumen und am Morgen nicht alles liegen zu lassen. Ich nerve sie damit. Ich höre immer wieder die bekannten Sprüche: „Jaja, mach ich“, oder „Nachher, jetzt nicht.“ Nachher ist leider nie. Von den Joghurtdeckeln erzählt auch Sophie manchmal auf ihrem Blog, das tröstet mich ein wenig. Sophie hat einmal sogar ein Experiment gewagt, bei dem sie wie die Kinder einen Tag lang alles überall herumliegen ließ beziehungsweise absichtlich ihre Sachen an den ungewöhnlichsten Plätzen ablegte, ganz nach dem nicht erkennbaren Muster der Kinder. Wenn ich das täte, würde es niemanden stören. Muss ich also, wie mir Kolleginnen empfahlen, die herumliegenden Sachen am dritten Tag aus dem Fenster werfen? Das bringe ich nicht übers Herz.

Es heißt ja, das Chaos, mit dem sich Teenager umgeben, spiegelt einfach das in ihren Köpfen wider. Sie können nicht anders. Da liegt die Frage nahe: War ich in ihrem Alter auch so und habe es nur vergessen? Leider kann ich meine Eltern nicht mehr fragen. Aber ich bin überzeugt, dass ich einigermaßen Ordnung hielt. So hatte ich eine extra Kiste unter dem Schreibtisch, in der ich feinsäuberlich Sekundärrohstoffe wie Bierdeckel und Staniolpapier sammelte. Diese Kiste oder vielmehr ihr Inhalt verbreitete einen leicht abgestandenen, süßlichen Geruch. Ich erinnere mich trotzdem nicht an zeternde Eltern, die mich zum Aufräumen anhielten oder verlangten, die Sekundärrohstoffe im Keller aufzubewahren. Ich in der Mutterrolle schimpfe zu viel und weiß genau, dass es nichts bringt. Es heißt – und es klingt wunderbar einfach und einleuchtend: Statt zu erziehen, soll man vorleben. Hah! Das bringt im Hinblick auf Ordnung leider nichts. Gar nichts. Manchmal habe ich Angst, dass meine Kinder später einmal nur das Zetern in Erinnerung haben, wenn sie an ihre Mutter denken. Also sollte ich es nicht tun. Und doch: Kann ich einfach alles liegen lassen? Kann ich nicht! Nicht in den gemeinsamen Räumen. Ich kriege Zustände. Aber wenn ich jedes Mal selbst aufräume, lernen sie es nie. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? Vielleicht hilft nur der sehr, sehr lange Atem. Oder einen Text darüber zu schreiben.  

Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann ‒ wo gibt es die zu kaufen? Ich nehme eine XXL-große Tüte davon.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

31 Kommentare zu „Dilemma

  1. Das kenne ich mehr als nur zu ungut, ist jedoch schon ein paar Jährchen her. Einfach mal sgnt. unabdingbare Sachen temporär verschwinden lassen so sie nicht am dafür vorgesehenem Ort sind 😉 dann fällt deren grad nicht Vorhandensein ihnen selbst mehr als auf ihre Füße und das pubertierende Gezeter ist groß 😉 *lach erinnerungsbewegt* derart ist meine konsequente Handlungsweise als Hausmann gewesen 😉 Weißt was 😉 auch das geht irgendwann vorüber

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    1. Danke für deinen Zuspruch, es hilft wirklich ungemein, zu wissen, dass alle Eltern diese Zeiten (mehr oder weniger krass) durchstehen müssen. Dinge verschwinden lassen? Oh nein, da habe ich Angst, denn dann ist neapolitanische Tragödie, und der/die vermeintlich oder tatsächlich Schuldige sollte man lieber nicht sein. 😉

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  2. Ich wünsche dir viel Gelassenheit. Wahrscheinlich nur ein schwacher Trost, aber auch das geht vorbei (habe ich mir sagen lassen ;)). Hätte ich jetzt Teenager zu Hause…puh. Der Wunsch mit der Gelassenheit ist also lieb gemeint. Ich glaube es kann wirklich anstrengend sein. Liebe Grüße

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    1. Vielen lieben Dank für dein Mitgefühl, liebe Mitzi. Ich hoffe sehr, dass der Ordnungssinn sie ereilt, noch bevor sie bei uns ausziehen.😉 Herzliche Grüße an dich!

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  3. Willkommen im Club!
    Das macht, glaube ich, jede Familie durch. Bei uns ist es eine Weile her, aber ich erinnere mich, dass auch ich erst aufstand, wenn die Tür hinter den Kindern zuschnappte.
    Ich sammelte alles ein, was von den Kindern herumlag und ‚warf’ es in ihre Zimmer, die sie selber in Ordnung halten mussten. Es gab mehrfach SCHIMPFE für die Mutti, wenn ich ihre Freunde ohne Ankündigung in ihre Zimmer ließ. Das mochten sie gar nicht!
    Denn auch die Lagerungsversuche diverser Lebensmittel unter dem Bett verströmten eigenartige Gerüche und hatten eine pelzige Schicht.
    Wenn ICH heute in die Wohnung der Tochter komme und nicht sofort alles an die richtigen -für sie richtig!- Stellen räume, gibt es wieder Schimpfe.
    Sie hat zwei Töchter, die demnächst pubertieren😜

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    1. Zum Glück fand ich noch keine vergammelten Lebensmittel unterm Bett oder im Schubfach, dafür leere Verpackungen aller Art. Es ist einfach zu schwer, sie wieder zurück in die Küche in den Müll zu schaffen.
      Na, da soll sie sich mal frisch machen, deine Tochter, beziehungsweise die Ruhe vor dem Sturm genießen, solange noch alles am richtigen Platz liegt und steht. 😉

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  4. Liebe Anke, verzeih mir, wenn ich beim Lesen an der einen oder anderen Stelle schmunzeln musste. Es hat mich einfach zu sehr an uns erinnert und an meinen sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlen. Die auf links gedrehte Wäsche, verkrumpelte Socken, Joghurtdeckel, Zopfgummis, benutztes Geschirr. Ich kann ein ganz trauriges Liedchen davon singen und noch dazu jeden Tag dasselbe. Und weißt du was? Mir selbst fällt es in all der Unordnung auch zunehmend schwer, total ordentlich zu bleiben.
    Also, liebe Anke, ich kann zu hundert Prozent nachvollziehen, wie du dich fühlst. Und leider habe ich keine Lösung parat! Bitten, jammern, schimpfen ‒ es hilft leider alles nicht. Wenn ich irgendwann doch einmal den Durchbruch in Sachen Ordnung erziele, lasse ich es dich umgehend wissen. 😉
    Herzlichen Dank für deine Erwähnung!
    Und einen wunderschönen geordneten Sonntag wünscht dir von Herzen: Sophie aus Berlin

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    1. Danke liebe Sophie, so spenden wir uns gegenseitig Trost. Und ja, wenn irgendeine neue Taktik Erfolg bei euch haben sollte, dann her damit! Ich werde auch berichten. Herzliche Grüße und einen schönen Sonntagabend!

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  5. Sein Leid mit anderen teilen zu können, befreit unglaublich! Ich weiß, wovon ich rede und ich weiß, wovon du redest, liebe Anke 😉. Es wird noch einiges hinzu kommen: nächtliches Kochen von Partyrückkehrern und wochenlang Essensreste davon im Kühlschrank. Beruhigen kann ich dich auch: das geht vorüber. Aber dann sind die lieben Kleinen auch bald weg 😔. Was soll man sich nun wünschen?! Liebe Grüße, Bettina

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    1. Liebe Bettina, na, solange die Partys nicht hier stattfinden, und wir aufräumen sollen … Mit Essensresten würde ich nicht lange fackeln, die kommen nach spätestens zwei Tagen weg. Was mich gerade umtreibt, sind die aufgerissenen und unverschlossenen Tüten (Kekse, Nüsse, Cracker, was auch immer), die ich im Vorratsschrank finde. Dabei stecken die Klipps zum Verschließen der Packungen gut sichtbar an der Tür. Aber die zu benutzen, das würde ja Arbeit machen.😉
      Liebe Grüße an dich!

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  6. Deinen Ärger verstehe ich sehr gut. Kann man die jungen Damen nicht irgendwie „austricksen“? Ihre Zimmer nicht aufräumen, ihre Wäsche nur waschen, wenn sie ordnungsgemäß im Wäschkorb liegt usw.? Ich war z.B. als Jugendliche morgens die letzte, die aus dem Haus ging, und die erste, die wiederkam. Meine Aufgabe war Ordnung in Küche/Abwasch/Müll. Also habe ich schon morgens aufgeräumt, damit es nachmittags nicht so viel war.

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    1. Das mit den Zuständigkeiten ist sicher ein Punkt, den wir versäumt haben. Wart ihr viele Kinder zuhause? Da muss jeder mit ran, und die großen Kinder kümmern sich um die Kleinen, so heißt es. Nur zwei zu haben, verleitet Eltern dazu, alles selbst zu machen, und das Ergebnis ist dann das beschriebene. Die Sachen mal nicht zu waschen, ist eine gute Idee. Ich muss dann nur aushalten, dass sie sich in den Ecken stapeln. 🙈

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    1. Immerhin hast du es versucht. Ich höre immer nur, dass ich maßlos übertreiben würde und ihnen nicht auf die xxx gehen soll (hier fehlen mir gerade die deutschen Fachbegriffe 😉).

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  7. Ach herrlich… da könnte ich ja schon eine eigene Kategorie auf dem Blog aufmachen. Versuchen wir es einfach zu genießen, versuchen wir drüber zu lachen, denn irgendwann sind die weg und dann wird es ganz schön still.

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      1. Ich bin ja schon froh, wenn die mal ihre Köpfe aus den Zimmern stecken …
        Wie es dadrin aussieht, versuche ich zu ignorieren, aber auf den „Verkehrsflächen“ … da könnte … ich auch jedes Mal … wie meine eigene Mutter schimpfen

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      2. Haha, du bekennst dich also zu deinen eigenen unaufgeräumten Zeiten. Ich habe in diesem Hinblick alle Erinnerungen erfolgreich verdrängt und behaupte, dass ich (so gut wie) nichts herumliegen ließ und keinen Anlass zum Schimpfen gab. 😉

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  8. Danke für diesen unterhaltsamen Beitrag! Es ist beruhigend zu sehen, dass man nicht der einzige ist, der sich mit Unordnung stiftenden Teenagern plagen muss. Vor allem dieses Vertrösten auf „später“ führt auch bei mir dazu, dass ich Sachen dann doch selbst mache… Es ist zwar inkonsequent, aber dann herrscht wieder – für eine Weile – Ordnung!
    PS Kleine Anmerkung: Zwei der Links im Blog funktionieren nicht.

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    1. Danke für deinen beipflichtenden Kommentar, geteiltes Leid ist halbes Leid. 😉 Und vor allem vielen Dank für den Hinweis auf die Links. Ich habe sie nochmal über den anderen Browser generiert und bei mir funktionieren sie jetzt, probierst du auch mal, bitte. Wie blöd, Technik hat immer wieder ihre Tücken. Liebe Grüße!

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