Freu dich auf den nächsten Gag!

Oder: Bauch-Beine-Po auf Italienisch

Mir tut alles weh, lamentiere ich freudestrahlend. Und das nun schon drei Wochen lang. Wie bitte? Ich habe Schmerzen und bin stolz darauf? Okay, nicht auf die Schmerzen. Die spüre ich nur, weil ich vollkommen eingerostet war. Ich bin stolz, wieder etwas für mich und meinen Körper zu tun. Vor drei Wochen ging ich das erste Mal zu einer abendlichen Fitnessstunde in die Turnhalle. Vorher steckte ich monatelang in einem schwer zu erklärenden Dilemma, gefangen zwischen Langeweile und Terminstress. Die Wochen verflogen immer schneller, die Tage zogen sich hin. Es fühlte sich an, als schleppte ich mich in einem langsamen Laufrad vorwärts. Die Termine waren leider nicht meine, höchstens mal einer beim Facharzt oder natürlich in Rosis Friseursalon. Die Termine in meinem Kalender waren die unserer Töchter. Sie gehen zum Gitarrenunterricht, zum Hip-Hop, zur Gesangsstunde, zum Tennis und ins Fitnesscenter. Das heißt, sie werden von mir mit dem Auto gebracht. Mein Mann geht zum 5-Kegel-Billard. Mal Training, mal Turnier. Er fährt sich allein dort hin und muss auch nicht abgeholt werden. Das wäre auch noch schöner, mitten in der Nacht.

Ich selbst hatte bis vor drei Wochen keine Termine. Bis zu dem Tag, an dem mir eine Freundin vorschlug, mit ihr zu Monis Aero-GAG zu gehen. Du musst auch mal raus, hatte sie festgestellt und damit recht. Ich weiß nicht, was diesmal anders war, hegte ich doch immer Vorurteile gegenüber Fitnesskursen. Vielleicht die innere Unzufriedenheit, die langsam bedenkliche Ausmaße annahm. Seit zwei Geburten, die letzte liegt 13 Jahre her, trieb ich keinen regelmäßigen Sport mehr oder nichts, das sich ehrlichen Gewissens als solcher bezeichnen ließ. Daheim bekomme ich gar nichts auf die Reihe, keine zehn Pferde bringen mich auf den Hometrainer oder zu Liegestützen auf den Boden. Eine Zeit lang versuchte ich es mit Joggen, aber im Sommer ist es dafür zu heiß und im Winter zu kalt. Später ging ich alle zwei Tage „sportlich“, das heißt zügigen Schrittes, spazieren. Diese halbherzigen Aktivitäten führte ich als Ausreden an, wenn einer fragte: Und du, machst du gar nichts? Ich steige Treppen, gab ich manchmal augenzwinkernd zur Antwort. Meine Ausreden funktionierten vor allem bei mir selbst. Vielleicht muss ich dazu erklären, dass ich als Kind und junge Frau ausgesprochen sportlich war. Ich tanzte. Auf der Bühne. Mein Anspruch war hoch, ich war beweglich und talentiert. Ich tanzte in der ersten Reihe, oft als Solistin. Nicht mehr mitzukommen, nicht mehr in Form zu sein – das war in den vergangenen Jahren wohl meine größte Angst. Mich nervte dieser omnipräsente Selbstoptimierungswahn, all die Bilder und Videos im Internet, in denen sich fotogene Athleten und Athletinnen in sexy Outfits zu Zumba, Samba und Kick-Boxing bewegen oder tiefenentspannt auf der Matte rekeln. Nein, das war nichts für mich. Alles hat seine Zeit, sagte ich mir, wenn ich mit Wehmut an meine Tänzerinnenvergangenheit dachte, und fristete weiter mein alternatives No-Sport-Dasein. Schreibtisch statt Laufband, Couch statt Yogamatte. Na und?!  

Nun also Aero-GAG. Aero steht für aerobes Training, also das zum Aus-der-Puste-Kommen, für den Kreislauf und (falls gewünscht) die Fettverbrennung. Und GAG, da gibt es gar nichts zu lachen: Gambe-Addominali-Glutei. Ihr sagt „Bauch-Beine-Po“, das klingt auch lustig. Erst ging ich nur zur Probe, ganz unverbindlich. Ich durfte sogar zweimal kostenlos probieren, aber ich war schon nach der ersten Stunde innerlich angekommen. Alles hat seine Zeit, ganz richtig. Die für schweißtreibendes und muskelaufbauendes Wohlfühl-Workout beginnt für mich jetzt. Statt eines anonymen Kurses bei irgendeinem Fitnessstudio steckt hinter Monis Aero-GAG das Angebot, sich zum Workout in der Turnhalle und im Sommer auch im Freien zu treffen, gemeinsam zu Fitness-Events zu fahren, an Benefizveranstaltungen mitzuwirken und sicher noch anderes, wovon ich erst noch erfahren werde. Mit italienischer Popmusik und ihrer sympathischen und motivierenden Art hatte mich Trainerin Monica, Moni, sofort. Jetzt weiβ ich: Es war nicht das tänzerische Können, die akrobatische Klasse, die ich im Rückblick vermisste, es war die Freude, die ich beim Tanzen mit den anderen Mädchen gehabt hatte. Nun bin ich Teil einer Gruppe, die bunter und entspannter nicht sein könnte: Frauen aller Altersklassen und Kleidergröβen. Jede gibt alles, turnt, wie sie kann.

Vi faccio sudare e divertire!“ (Bei mir schwitzt ihr und habt Spaß dabei!) Monis Ansage irritierte mich. Was sollte an anstrengendem Muskeltraining „divertente“, lustig sein? Wie sollte das Abstrampeln Spaß machen? Aber es funktioniert! Für mich und die Kursteilnehmerinnen in meinem Alter würde ich sagen: Es ist die Leichtigkeit des Ü-50-Seins, die uns trägt. Wir haben gelernt, zu lachen, auch wenn es weh tut. Und die „Bella Figura“, die machen wir im Kopf. Mit Anfang 40 ging ich ein paar Monate zu Pilates, das habe ich eingangs nicht erwähnt. Aus gutem Grund, denn ich hatte es als langweilig und anstrengend empfunden. Mein Bauchgefühl hatte nicht gestimmt. Und als mir einmal eine Mitturnerin zur Schwangerschaft gratulierte, verflog auch mein letztes bisschen Enthusiasmus. Das wollte ich mir nicht mehr antun und zog mich in Schlabberklamotten in meine Komfortzone zurück.

Was das mit dem Bauch eigentlich war, darauf kam ich erst Jahre nach der zweiten Schwangerschaft, die so ausladend gewesen war, dass mich alle fragten, ob ich Zwillinge erwartete. Ausladend allerdings nur nach vorne. Von hinten erkannte kein Mensch, dass ich im neunten Monat war. Meine kaum trainierten Bauchmuskeln gaben unter diesem Druck vollkommen den Geist auf und dachten nach der Geburt nicht im Entferntesten daran, sich selbst wieder in Stellung zu rücken. Wenn die Bauchdecke so extrem gedehnt wird, kommt es häufig ‒ darüber spricht man heutzutage endlich ‒ zu einer sogenannten Rektusdiastase. Ich erinnere mich daran, wie es schmerzte, mein Kind auf dem Arm zu tragen, weil es dabei auf den Oberbauch drückte. Manchmal ist dieses Auseinanderklaffen der geraden Bauchmuskeln so schlimm, dass zu einer Operation geraten wird. Normalerweise hilft das richtige Training. Das richtige, hier liegt der Knackpunkt. Als ich las, dass man verdammt viel falsch machen kann und mit Sit-ups und ähnlichen Übungen die Situation eher verschlimmert, gab das meinem inneren Schweinhund nur zusätzlich Futter. Nicht alle Trainer*innen (ich fragte damals beim Pilates und im Fitnessstudio) kennen sich mit dieser Problematik aus. Für mich lag der Schluss nahe: Lieber gar nichts, als etwas falsch machen. Auch diesmal, vor der ersten Runde Aero-GAG, schrillten meine altbewährten Alarmglocken. Mehrmals musste ich mir gedanklich in den Hintern treten, das Problem endlich anzugehen. Ich suchte mir eine Physiotherapeutin und ließ mich untersuchen und beraten. Zum Glück ist meine Diastase nur gering, das wahre Problem sind ‒ ich hatte es geahnt ‒ die schlaffen queren Bauchmuskeln darunter. Die Physiotherapeutin zeigte mir, was ich zunächst machen soll und was nicht oder erst später. Und das werde ich jetzt. Jeden Morgen vor dem Aufstehen die Atemübungen mit Muskelkontraktion (die queren), und am Abend nochmal fünf Minuten die Beine dazu. Vielleicht sogar zehn. Das sollte machbar sein.

Jeden Montag und Mittwoch schwitze ich nun am Abend beim Aero-GAG und habe Spaß. Man kann mit sportlicher Bewegung auch mentale Anspannung abbauen und Sorgen runterdimensionieren, da haben die Sportpsychologen recht. Allein Joggen zu gehen war nicht das Richtige für mich. Ich brauche Gemeinschaft. Statt daheim auf der Couch mit dem Alltagstrott oder gar dem Leben im Allgemeinen zu hadern, gehe ich nun raus und lasse mich von einer gesunden Gruppendynamik mitreißen. „Sport for body and mind“, lautet Monis Motto. Das unterschreibe ich gern. Schade, dass wir uns nur zweimal die Woche treffen. Ich würde gern ein drittes Mal gehen. Aero-GAG passt wunderbar in meinen Terminkalender. Die Woche wird länger und die Tage kürzer. Ich weiß, das klingt verrückt. Aber so fühlt es sich an. Und das Beste: Endlich kann ich zu der Musik, die ich in meinem Autoradio am liebsten höre und dabei stillsitzen muss, mal richtig die Sau rauslassen.

Ein paar Kostproben für die Ohren (und Beine) gefällig?

Hier geht die Post ab:

Und fürs anschließende Stretching etwas romantisch Melancholisches:

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

21 Kommentare zu „Freu dich auf den nächsten Gag!

  1. Liebe Anke, ich finde, das klingt richtig gut! Und ich freue mich sehr für dich, dass du etwas gefunden hast, das dir so großen Spaß macht. Ich finde das Training in der Gruppe auch toll. Das motiviert einfach, wenn man weiß: Da sind auch andere. Ich zum Beispiel treffe mich am Mittwochabend meist mit drei anderen Frauen zum Laufen. Und ganz ehrlich: Wenn ich abends allein losziehen müsste, würde ich es oft sein lassen. 😉
    Viel Spaß weiterhin beim Kurs und liebe Grüße aus Berlin!
    PS Am Muskeltraining gefällt mir, dass sich recht schnell erste Erfolge einstellen. Ein netter Nebeneffekt.

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    1. Danke dir, liebe Sophie. Ich argumentierte immer, unabhängig sein zu wollen von Terminen. Deshalb das allein Joggen oder Gehen, wann es mir gerade dazwischen passte. Aber das ist Quatsch. Es lässt sich einrichten. Dein PS möchte ich mir ausdrucken!!! Es ist nämlich meine Sorge und ich kenne mich, wenn nach ein, zwei Wochen keine Verbesserung spürbar wird, gebe ich auf (der Schweinehund). Also die Gruppentermine kann und will ich ja nicht aufgeben, ich meine das Heimtraining, zehn Minuten täglich würden reichen, sagte die Physiotherapeutin. Diesmal bleibe ich dran, versprochen! Hab ein sonniges Wochenende, liebe Grüße nach Berlin!

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    1. Liebe Jutta, so ist es ja mit allem. Und eigentlich bin ich schon eine, die den Hintern hochkriegt und rausgeht, also im ganz allgemeinen Sinne.
      Danke dir und liebe Grüße zurück!

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      1. Liebe Anke,
        das weiß ich ja, dass du definitiv keine Frau bist, die ihren Hintern nicht hochbekommt. Es bezog sich auf etwas nur für dich allein, ohne an die Familie zu denken, etwas, das nur du spürst, weil du dich besser „fühlst“, in und mit deinem Körper zufriedener wirst. Letztlich haben alle etwas davon, weil du eine andere Ausstrahlung hast.
        Ich hoffe, ich habe mich jetzt besser ausgedrückt ☺️
        LG Jutta

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      2. Schon klar, liebe Jutta. Ich hatte es nicht falsch verstanden, sondern wie zu mir selbst gesagt: Aber ich bin doch eigentlich nicht so! Manchmal braucht es einen Weckruf. 😀

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  2. Klasse, liebe Anke, dass du es angehst. 🤩 „Vi faccio sudare e divertire!“ – bei diesem Motto muss man gleich lächeln. Was für ein sympathischer Spruch!
    Ich hoffe, Moni bleibt euch lange erhalten! Liebe Grüße, Eva

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    1. Ja, Monica ist klasse. Ihre mitreißende, positive Art wird auch mir helfen, den inneren Schweinehund klein zu halten. Ich bin auch meiner Freundin sehr dankbar, dass sie mir den Vorschlag gemacht hat. So konkret und einladend, dass ich gar nicht nein sagen konnte.
      Vielen Dank, liebe Eva, und Grüße nach Frankfurt!

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  3. Mir ging es ähnlich. In der Schule immer sportlich (Geräteturnen und Leichtathletik), dann nach der Ausbildung vier Kinder und kaum Zeit für mich. Mein Mann ist immer gelaufen. So habe ich ihn kennengelernt und in einer Lebenskrise hatte ich die Kraft, mich ihm anzuschließen. Seit zehn Jahren nun zusätzlich Zumba bei einer studierten Tanzlehrerin. Eine Stunde unterschiedlichste Bewegungen und Tanzschritte zu Musik, die ich einspiele. So etwas gibt es kein zweites Mal in unser Gegend und unsere kleine Gruppe (8) ist äußerst dankbar für das Engagement unserer fast achtzigjährigen Trainerin.

    Liebe Grüße, Bettina

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    1. Ja, vom Tanzen hast du schon mal geschrieben, liebe Bettina. Dann wünsche ich auch deiner Gruppe weiter eine gute gemeinsame Zeit, mit sportlichem Tanz für Körper und Seele. Liebe Grüße an dich!

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  4. Ah, es geht doch nichts über einen guten Muskelkater. Schon das Zittern der müden Muskeln nach dem Duschen ist toll. Oder? 🙂 Ich mache gern Sport und freue mich über jede, die das auch tut. Ich hatte Anfang 40 mein „Du musst was tun“-Erlebnis. Da entdeckte ich draußen eine Art Barren und wollte ein paar Übungen turnen, die ich als Kind/Jugendliche gut konnte. Aber da waren kaum Muskeln, die mitmachen wollten. Ich quälte mich da durch und flog beim Abgang mit Schwung in die Grünanlage. Das brachte mir so viele blaue Flecken ein, dass ich die Peinlichkeit nicht verheimlichen konnte. Seit dem: Bauch, Beine, Po und Rücken, Arme, Schultern …

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    1. Hüftaufschwung? Genau, all die kinderleichten Sachen, die man plötzlich nicht mehr hinkriegt. Wer rastet, rostet. Das weiß man, aber will es nicht wahrhaben.
      Brava, trainiere weiter, wichtig ist das passende Umfeld und die Freude dabei und schon ist es machbar.
      Liebe Grüße!

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      1. Also mal ein Update hierzu. Die Stadt hat es nun dem windigen Investor wieder abgekauft, jetzt wird das Ding abgerissen und es kommen viele Wohnungen hin. Auch gut. Hauptsache es tut sich mal was. Der Chlor-und Bockwurst-mit-Senf-und-Toastbrot-Geruch wird uns für immer angenehm in der Nase bleiben

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