Termingeschäfte

Immer wenn ich nach Deutschland reise, stelle ich fest, wie gut die Deutschen es haben. Sie wissen es nur nicht. Da ist zum Beispiel die Sache mit den Ärzten. Nein, nicht die unsterblichen Berliner Punkrocker, ich spreche von der medizinischen Versorgung. Mein Mann sagt immer: Wenn es dir in Italien mal richtig schlecht geht, ist gut für dich gesorgt. Ab in die Notaufnahme, und in den Krankenhäusern (ich spreche hier nur aus eigener Erfahrung in Norditalien) kümmert man sich nach aller Kunst und mit allen Mitteln. Unbequem wird es, wenn man für Kontrollen oder kleine Zipperlein, um auszuschließen, dass es ernste Sachen sind, einen Facharzt aufsuchen möchte. In einer solchen Situation kann man nicht einfach beim erstbesten Spezialisten vorbeigehen, seine Quartalsgebühr bezahlen und sich behandeln lassen. In Italien wird es kompliziert. Zunächst einmal muss der Hausarzt eine Überweisung ausschreiben. Damit begibt man sich auf die Suche nach einem freien Termin, irgendwo in der Provinz. Nix mit Arzt des Vertrauens, oder dem, der am bequemsten erreichbar ist. Man kann froh sein, innerhalb der nächsten sechs Monate einen Termin zu bekommen, der dann natürlich auf einen willkürlichen Wochentag und in die Mittagszeit fällt, so dass man sich von der Arbeit freinehmen muss, um in ein kilometerweit entferntes Krankenhaus oder Diagnosezentrum zu fahren. Und beim nächsten Mal geht es wieder so, wäre ja schön, wenn man dann immer wieder zum selben Spezialisten gehen dürfte. Wer diese in Deutschland selbstverständliche Betreuung aus einer Hand wünscht, muss in Italien tief in die Tasche greifen und in ein privates Studio gehen. Dort sitzt man dann mitunter demselben Herrn oder derselben Frau Doktor gegenüber, der oder die zweimal die Woche vormittags auch ein Gastspiel im öffentlichen Krankenhaus gibt. Um dort behandelt zu werden, hätte man sich monatelang gedulden müssen. Privat genügt ein Anruf, die Uhrzeit für den Termin ist verhandelbar, und zack, ein paar Tage später und um 150 Euro erleichtert bekommt man seine Visite. Wenn man Glück hat, gibt es anschließend sogar anstandslos eine Rechnung. Manchmal muss man auf deren Ausstellung aber bestehen. Die privaten Arztpraxen sind gut besucht. Man kann oder muss es sich leisten können*. Wenn es mal nicht so dringend ist, gehen wir persönlich den Weg über das Kassensystem. Schon aus Trotz. Kommt es dann zu irrsinnig langen Wartezeiten, zitiert mein Mann gern folgende berühmte Szene aus der Komödie „Fantozzi subisce ancora“ (Sinngemäß: Fantozzi wird erneut vom Pech verfolgt). Darin versucht der bedauernswerte Held Ugo Fantozzi**, in der gynäkologischen Station des Krankenhauses einen Termin für eine Schwangerschaftsunterbrechung (keine Sorge, soweit kommt es nicht) zu organisieren, verzweifelt Schmiergeld an jede vermeintlich hilfreiche Person verteilend. Als er endlich mit dem Chefarzt in Vertretung sprechen darf, geht der Dialog in etwa so:

Wann kann ich denn für meine Tochter einen Termin bekommen?

In zwei Jahren etwa, eher wird das nichts.

Aber, wie denn … eine Schwangerschaft dauert doch nur neun Monate.

Ach, tatsächlich? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich Orthopäde bin, da kenne ich mich nicht aus.

Beschriebene Szene aus dem Film „Fantozzi subisce ancora“.

Keine Sorge, dieser Film spielte Anfang der 80er-Jahre, und davon mal abgesehen, sind Komödien zum Glück nur eine grotesk übertriebene Abbildung der Realität. Ich selbst habe mich bei zwei Geburten in Italien gut betreut gefühlt. Ohne vorherige Anmeldung, Reservierung der gewünschten Räumlichkeiten, Vorgespräche und Abstimmungen, welchen Verlauf die Geburt nach meinen Vorstellungen nehmen sollte. So ähnlich, habe ich gehört, soll es in Deutschland möglich sein? Alles Firlefanz! Das Ding läuft, wie es laufen soll, Hauptsache, man ist in medizinisch kompetenten Händen. Es gibt nun mal zum Glück noch Ereignisse in unserem digitalisierten und durchgeplanten Leben, die nicht organisiert werden können und sollen. Bei allen vorher erdachten Ablaufszenarien im vermeintlich idealen Setting wird sich im entscheidenden Moment die Natur zu Wort melden und Improvisation gefragt sein. Fürsorgliche Eventplaner mögen da in guter Absicht handeln, sind aber, wenn ihr mich fragt, fehl am Platz.

*Nun muss ich noch klarstellen: Auch im staatlichen italienischen Gesundheitswesen gibt es Facharztbesuche nicht kostenlos, ein sogenanntes Ticket ist immer aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Dieses beläuft sich aber in der Regel auf 25 bis 50 Euro, bei Laboruntersuchungen geht es mitunter auch in den dreistelligen Bereich. Für finanziell schlechter gestellte und Personen mit chronischen Krankheiten gibt es Freistellungen.

**Ugo Fantozzi ist eine italienische Literatur- und Filmfigur, die den klassischen obrigkeitshörigen Verlierer der Gesellschaft verkörpert, geschaffen und interpretiert vom unvergessenen Paolo Villaggio.

Titelbild: Der aufmerksame Betrachter hat sofort gesehen, dass es sich bei dem Symbolbild von Pexels nicht um eine italienische Arztpraxis handelt. Das hat zwei grundlegende Vorteile: Das Bild ist für mich kostenlos, und Verbindungen von im Text getroffenen Aussagen mit lebenden Personen in Italien sind zweifelsfrei ausgeschlossen. Pexel Photo 2182979.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

33 Kommentare zu „Termingeschäfte

  1. Liebe Anke, hier in Deutschland hat man zwar freie Arztwahl, aber da kann es auch häufig schon mal bis zu zwei Monaten dauern, bis man einen Termin bekommt.
    Von daher heißt es: Möglichst gesund bleiben…. 🍀
    Liebe Grüße Bea

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    1. Liebe Bea, na klar, gesund zu bleiben ist immer und in jedem Land die beste Lösung. Und auch das sollten wir uns immer vor Augen halten und es genießen, solange es uns gut geht. Liebe Grüße an dich!

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  2. Oh ja, so geht es mir auch! Wenn sich hier jemand beschwert, dass zum Beispiel die nächste U-Bahn erst in sechs Minuten kommt oder man erst in drei Wochen einen (kostenlosen) Arzttermin beim Spezialisten hat, muss ich nur lächeln und würde gerne einmal alle auf Austauschjahr schicken :-). LG!

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    1. Liebe Barbara, ein Austauschjahr, stimmt. Gute Idee. Eine fremde Kultur und die dortigen Lebensumstände kennenzulernen, klärt den Blick auf die eigenen zuhause. Danach kann man besser werten und womöglich entscheiden, ins Ausland zu ziehen, oder eben nicht. Hab einen schönen Abend!

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  3. Eine Zahnarztpraxis gab mir Ende September einen Termin im Dezember.. Selbst meine privatversicherte Frau bekam keinen Termin in angemessener Zeit. Gibt aber glücklicherweise auch noch andere. Hatte heute nach nur 14 Tagen Wartezeit im gleichen Ort bei einem Kollegen meine erste Behandlung. Auch in Deiner alten Heimat ist da vieles Glücksache.😊

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    1. Schön, dass du nicht so lange warten musstest. Hier ist alles eine Frage des Geldes. Ich war, als ich nach Italien kam, so irritiert, viele alte Leute ohne oder mit schlechten Zähnen zu sehen. In Deutschland kannte ich das nicht. Seit ich hier zum privaten Zahnarzt, zu dem es eigentlich keine vernünftige Alternative gibt, gehe, weiß ich, warum sich den nicht alle Leute leisten können oder wollen. Ich konnte nur müde lächeln, als es vor Jahren diesen Aufstand in Deutschland wegen der Quartalsgebühr von 10 Euro gab. Hier kosten selbst die Facharzttermine „auf Kasse“, sonst wo und sonst wann immer Geld. Ich fürchte, viele Menschen lassen es ein wenig schleifen in Sachen Vorsorge und kann mich da selbst nicht ausschließen. Auch mit (kostenloser) Vorsorge habt ihrs glaub ich besser.
      Aber was solls, dafür ist in Italien das bessere Wetter. Obwohl, das stimmt so auch gar nicht mehr unbedingt. 😉

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      1. Von wegen „Kasse“, den Gegenwert eines guten gebrauchten cinquecentos muss man schon opfern 🙂Und wenn schon in Italien auf das Wetter kein Verlass ist, wo soll das noch enden?😄😄

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  4. Sicher: es geht immer irgendwie besser. Dem medizinischen Personal wäre ein bessere Schlüssel zu wünschen – wie in einigen skandinavischen Ländern bereits Realität – und die Privatisierung der Krankenhäuser mach viel kaputt. Trotzdem sind wir im internationalen Vergleich gesehen noch ganz gut versorgt…

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    1. Das glaube ich auch. Und es ist nur allzu menschlich, dass man das, was man hat, erst mal für selbstverständlich ansieht. Und über das, was besser sein könnte, meckert. Schade. Ich versuche, was ich auch mit dem Hinweis auf die nach meiner Erfahrung vorbildliche Versorgung im Krankenhaus meinte, diese positiven Aspekte zu schätzen und auch anzusprechen. Wir haben Bekannte, die lieber in der Schweiz viel Geld bezahlen, weil sie den italienischen Krankenhäusern nicht trauen.

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  5. Auch wenn es hier in Deutschland immer schwerer wird, in naher Zukunft einen Termin beim Facharzt zu bekommen, ist es doch um vieles besser als in anderen Ländern. Die Leute meckern hier manchmal auf hohem Niveau, ich habe in anderen Ländern wirklich katastrophale medizinische Versorgung gesehen, da können wir froh für unser Gesundheitssystem sein.
    LG Marie

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  6. Da hast du wirklich Recht – offensichtlich ist es in Deutschland preiswerter und schneller – aber auch nicht überall. Auf dem Land und in der „Provinz“ müssen die Leute für Facharztuntersuchungen weite Wege in Kauf nehmen und brauchen dafür oft ein Auto oder müssen sich von der Verwandtschaft fahren lassen.
    Bis jetzt bin ich in Berlin immer recht gut versorgt worden.
    Mit deinem Buch dauert es noch ein wenig. Ich hatte kurz zuvor in der Onleihe ein Buch mit ähnlichem Inhalt bestellt – und das habe ich nur 21 Tage und kann es nicht verlängern. – Aber ich bestelle kein neues Buch, so dass ich dann das von dir gleich danach lese.
    Lasse es dir gut gehen, damit du nicht auf Arztsuche gehen musst.
    Und tschüss!

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    1. Von der Landflucht selbst der Hausärzte bei euch habe ich gehört und hoffe, man findet dafür bald Lösungen bzw. Anreize, sich dort als Solcher anzusiedeln. Klar kann es auf dem Land nicht auch alle Spezialisten geben. Da hast du es in der Großstadt praktisch. Und die BVB (die hoffentlich nicht so oft streiken, wir ihre italienischen Kollegen). 😉
      Bleib trotzdem lieber auch du gesund!

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  7. Arztbesuche, inzwischen ein sehr sensibles Thema, zumindest hier in Ostdeutschland. Frankfurt (Oder) hat seit mindestens zwei Jahren keinen Hautarzt mehr. Bei Augenärzten bekommt man nur im Notfall und dann nur für diesen Akutfall einen Termin. Wer bis heute keinen Augearzt hat, kommt in keine Kartei. Man wird nach Berlin, Potsdam und weiter verwiesen. Termine beim Orthopäden, etwas in einem halben Jahr, aber nur, wenn man bereits in der Kartei ist. Eine befreundete Ärztin aus Greifswald erzählte haarsträubende Geschichten über den Klinikalltag. Und alles hängt am Geld. In verschiedenen Kliniken, gerade im Osten werden die Entbindungsststionen geschlossen. Hausärzte in Frankfurt nehmen keine Patienten mehr auf. Gern würde man manchmal in den Geldbeutel greifen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Dann droht aber Kapazitätsmangel und die Moral. Ein Lichtblick: Zahnärzte gibt es wie Sand am Meer in Frankfurt.
    Du merkst, ein wirklich heikles Thema und wie schon mehrfach gesagt, am besten gesund bleiben.
    LG Bettina

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      1. Ja, komisch. Ich muss mich auch bei einigen Blogs ständig neu anmelden. Gibt sich vielleicht wieder 🤷‍♀️.
        Solange ich mobil bin und selbst mit meinem Auto überall hinkomme, kann ich das auf mich nehmen. Für ältere Menschen ist das fatal.
        Wir hoffen auf Besserung.
        Danke.
        LG Bettina

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    1. Nein, ehrlich gesagt habe ich davon hier noch nie reden hören. In Deutschland wurde man ständig bombardiert mit Versicherungsangeboten in allen unerdenklichen Dingen, das hatte mich taub gemacht auf diesem Ohr. Habt ihr eine abgeschlossen, lohnt sich das? Im Zweifel hätte man das eher machen sollen, nicht erst im „Alter“ wo das Risiko steigt und der Tarif entsprechend.

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      1. Ich habe mich mal ein Angebot erstellen lassen. Das belief sich kostenmäßig auf ein komplettes Monatsgehalt; mit kooperierenden Vertragsärzten für regelmäßige Untersuchungen. Das Geld hat mich erstmal abgeschreckt. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es vielleicht doch besser wäre, denn man wird eben nicht jünger. Aber ich kenne leider wirklich niemanden, der so etwas schon hat und Erfahrungen teilen könnte.

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      2. Mein Mann sagt zum Thema Versicherung, es würde hier nicht dafür geworben, weil Versicherungsbetrug die Beiträge in die Höhe treibt. Ähnlich wie bei den Autos bei euch im Süden. Ein weites Feld, und vor allem ein Thema, das ich gerne verdränge, weil es mir mein schönes Italien verleidet. 😔

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