Die Glücksfrage

Kann man heutzutage glücklich sein? Gute Frage! Kann ein Vortrag dazu Antworten liefern? Noch bessere Frage. Als ich den Aushang weiterlas und sah, dass es sich um ein Gespräch mit einem bekannten Schriftsteller handelt, war mein Interesse geweckt. Ein Abend am Vareser Theater, nichts wie hin! Erst wollte ich allein gehen und bat meinen Mann, mich zu vorgerückter Stunde abzuholen. Bis mir die Idee kam, ihn einfach mitzunehmen. Schließlich richtete sich der Abend nicht an literaturinteressierte Damen, sondern an Eltern und Lehrer. Es würde vermutlich um das Glücklichsein der Kinder gehen. Glückliche Kinder, glückliche Eltern. Oder war es andersherum? Ich bin Anhänger der Theorie, dass Eltern, die nicht glücklich sind, auch keine glücklichen Kinder haben können. Aber ich weiß nur allzu gut, dass auch das Unglück der Kinder den Eltern auf den Magen schlagen kann. Wie man es auch dreht, es bleibt die Frage nach der Henne und dem Ei.   

Ich war gespannt auf den Abend und überzeugt, er würde uns als Eltern und auch sonst weiterbringen. Die Besucher schienen überwiegend Lehrkräfte zu sein. Eltern waren kaum gekommen. An die war auch keine Einladung herausgegangen, zumindest nicht über die Schulen unserer Mädchen. Ich hatte den Aushang eher zufällig in der Bibliothek entdeckt. Hatten wir uns etwa in eine Weiterbildungsveranstaltung geschummelt? Nach fünfzehn akademischen Minuten und den unvermeidlichen Vorreden der Veranstalter sprach endlich er: Daniele Mencarelli. Italienischer Schriftsteller des Jahrgangs 74, der bereits als Dichter bekannt war, bevor er 2018 seinen ersten Roman veröffentlichte. Zwei Jahre später gewann er mit dem zweiten Roman u.a. den renommierten Buchpreis Premio Strega Giovani.

Ich war also ganz Ohr und hatte sogar meine Brille aufgesetzt. Mit der sah ich die Bühne und den Protagonisten besser und konnte gleichzeitig einen intellektuellen Eindruck machen. Mein Mann hatte nicht vorgesorgt. Er nickte nach wenigen Sätzen ein und ich sah schnell davon ab, ihn wachhalten zu wollen. Das ständige Anschubsen hätte bei den Sitznachbarn erst recht Aufmerksamkeit provoziert. Diesmal konnte ich dem Gatten nur aus Prinzip böse sein. Ich verstand, dass ihn der Redner nicht vom Stuhl riss. Es war anstrengend (trotz Brille), seinen Formulierungen zu folgen. Selbst für mich, die ich doch aus eigenem Antrieb und nicht gezwungenermaßen gekommen war. Doch ich hielt durch und Augen und Ohren offen. Ein paar Gedanken habe ich mitgenommen, eher philosophischer Natur als direkt umsetzbar. Glück, das sei weder ein zu erreichendes Ziel noch ein anhaltender Zustand. Es könne sich höchstens um einzelne Momente handeln, um Augenblicke wie ein Wetterleuchten. Statt des sogenannten Glücks kommt es im Leben vielmehr auf Salvezza an, auf Erlösung, Rettung. Und die erfahren wir, indem wir uns der Rettung anderer annehmen, die Schönheit auch im Entstellten sehen, den Menschen ins Herz blicken, ohne vor unserer eigenen Courage zurückzuschrecken. Mencarelli war als Jugendlicher wegen mentaler Probleme, Alkohol- und Drogenabhängigkeit in psychiatrischer Behandlung. Er fand seine Erlösung in der Poesie und fing selbst an, Gedichte zu schreiben. Ihm wurde klar, dass die Dichter längst vergangener Epochen ähnlich empfunden hatten wie er, den Abgründen und der eigenen Zerbrechlichkeit, aber auch dem Mut zum Leben Worte verliehen hatten. Seitdem spricht er von ihnen als seinen Brüdern. Seelenverwandte zu finden und sich nicht mehr allein zu fühlen, bedeutet für ihn Salvezza.

Ich resümiere: Schreiben und Lesen als Rettungsanker. Verbindung zueinander aufnehmen über das geschriebene Wort. Erfahrungen festhalten, um sie anderen zugänglich zu machen. Das alles sind Gedanken, denen ich folge, mit denen ich mich identifizieren kann. Auf den Roman „Tutto chiede salvezza“ *, in dem Mencarelli seinen eigenen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik verarbeitet und für den er 2020 mit dem Premio Strega Giovani ausgezeichnet wurde, bin ich neugierig geworden.

Ob die Lehrkräfte erleuchtet nachhause gegangen sind? Vielleicht hatten sie die Titelfrage des Abends nicht als ein Versprechen auf praktische Antworten gesehen. Ich denke, für viele war es mehr die Neugier auf den Poeten und Schriftsteller gewesen, eine Gelegenheit, ihn live zu hören, noch dazu kostenlos. Ich hatte viele Fragen an ihn erwartet, aber kein einziger Arm ging hoch, als am Ende die Möglichkeit dazu bestand. Der Saal lehrte sich schnell. Es war sehr spät und am nächsten Tag wieder Schule. Auch mein Mann war flotten Fußes zum Ausgang geeilt und so verzichtete ich darauf, noch auf den Buchverkauf und ein Autogramm zu warten.

Den prämierten Titel werde ich mir demnächst in der Bibliothek ausleihen. Er hat ja nicht ohne Grund den Preis der jungen Jury beim Premio Strega bekommen. Die Jugendlichen in Varese übrigens, zu denen der Autor am Vormittag desselben Tages gesprochen hatte, waren interessierter gewesen, hatten viele Fragen gestellt. Ich bin gespannt, welche Antworten ‒ vielleicht auch für uns Eltern ‒ sein Roman liefert.

*In deutscher Ausgabe mit dem Titel „Für die Kämpfer, für die Verrückten“ bei S. Fischer erschienen. Werbung, unverlangt und unbezahlt.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

11 Kommentare zu „Die Glücksfrage

  1. Die Gedanken, die du mitgenommen hast, liebe Anke, empfinde ich zum Teil auch christlicher Natur. Aus solchen Veranstaltungen nimmt man eben immer etwas mit, wenn man wach bleibt 😉. Schön, dass ich fast zeitgleich auch etwas zum Glücklichsein veröffentlicht habe.

    Liebe Grüße aus Binz

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    1. Da hatten wir dasselbe Thema, es ist ja eines der ewigen. Durch deinen Text und die schönen Fotografien fühlte ich mich übrigens gleich an der Ostsee, liebe Bettina. In Binz war ich auch mehrmals und würde liebend gern mal wieder hin. Als Glückstherapie. 😊
      Liebe Grüße an dich!

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  2. Eine sehr sympathische Werbung ist dies, und vielleicht sollte man den Roman ja doch lesen, um diese Werbung selbst einmal zu be-herz-igen. ♥️
    Ich finde, hier schreibt eine lebenserfahrene, brilliante, stilvolle Roman-Schriftstellerin, die uns diese Menschenwelt feinsinnig neu erschließt.

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  3. Ich wage fast zu behaupten: Das wahre Glück war vielleicht ein wohlverdientes Schläfchen während der Veranstaltung? Der Schlaf der Glückseligen, die immer und überall einschlafen können? 😉
    Spaß beiseite: Klasse, dass du uns an deinen Gedanken und dem Vortrag teilhaben lässt. Denn ein neuer Beitrag von dir macht die Leserschaft glücklich! Somit wird Glück also mehr, wenn man es teilt. 😃

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    1. Gut möglich, mein Mann schlug zumindest anschließend vor, öfter mal einen Abend zu zweit zu verbringen. Er bezog sich vermutlich mehr auf die Pizza vor dem Vortrag, aber egal.😂 Über das Glück nachzudenken und dazu aus dem Haus zu gehen, kann nie verkehrt sein, meine ich.
      Herzliche Grüße und genießt euer erweitertes Familienglück, liebe Eva!

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