Sanremo – ein Selbstversuch

Nachdem ich im vergangenen Jahr komplett auf Sanremo verzichtet hatte (was ich stattdessen in Berlin erlebte, könnt ihr hier nachlesen) wollte ich mir das 76. Festival della Canzone Italiana komplett anschauen: fünf Tage beziehungsweise Nächte in Folge. Von Dienstag- bis Samstagabend dreht sich in Italien alles um das, was im legendären Teatro Ariston von Sanremo auf und hinter der Bühne abgeht. Ich habe mich der Herausforderung, jeden Abend den Fernseher einzuschalten, gestellt und berichte hier, wie es mir dabei ergangen ist.

Erster Abend 24.02.2026

18:00 Uhr im Supermarkt: Per WhatsApp-Nachricht bittet mich mein Mann, doch Campari und Prosecco für Sanremo zu besorgen. Noch an der Kasse texte ich zurück: „Einkauf erledigt, schaffst du ihn nach Sanremo? Aber sag mal, bezahlen die uns eigentlich für unseren Service?“ Noch vor dem offiziellen Start um 20.40 Uhr sitzen wir mit dem ersten Spritz und in der Erwartung, gut unterhalten zu werden, vor dem TV. Ich mag Laura Pausini als Sängerin, in der Rolle als Co-Moderatorin etwas weniger. Schöne Kleider trägt sie, von Armani, lese ich am nächsten Tag. Gleich der erste Wettbewerbsbeitrag geht ins Ohr, auch wenn Name der Interpretin und Titel zusammen eine irrwitzige Kombination bilden: Ditonellapiaga (Finger in der Wunde) singt „Che fastidio!“ (Wie lästig!). Stargast des Abends, erster Co-Co-Moderator oder wie man es nennen will, ist ein türkischer Schauspieler, der in Italien gerade mit der Hauptrolle in der Neuverfilmung von Sandokan bekannt geworden ist. Ich kenne ihn nicht und habe keine Lust auf ein Remake der Kultserie von 1976, die es sogar bis zu uns in die DDR geschafft hatte. An Kabir Bedi kommt er nicht ran. Dessen Auftritt gegen Ende der Sendung erlebe ich nicht mehr live. Es bewahrheitet sich meine Vorahnung als kleines Mädchen: Unsterblich verliebt in den Tiger von Malaysia, betrübte mich die Erkenntnis, dass uns nicht nur viele Jahre Altersunterschied, sondern auch Welten trennen. Die traf mich eines Abends auf dem Klo sitzend, und ich konnte mit dem Weinen nicht mehr aufhören. Diesmal ist es die späte Uhrzeit, die mir einen Strich durch die Rechnung macht. (Aber heutzutage kann man sich alles auch am Tag danach anschauen.) Kurz nach 23.00 Uhr heißt es, man wäre jetzt bei der Hälfte. Noch einmal fünfzehn Beiträge, unterbrochen von weiteren Themen, die gar nicht zum Thema gehören, warten immer noch hinter den Kulissen. Ich weiß nicht, wie lange mein Mann aufnahmefähig bleibt, ich streiche um 23.30 Uhr die Segel.  Hat denen noch keiner gesagt, dass dreißig (!) Songbeiträge zu viele sind? Nein? Dann erkläre ich es ihnen: Zwanzig Lieder täten es auch. Von mir aus zehn. Gut: Fünfzehn wären ideal.

Zweiter Abend 25.02.2026

Allein zu Haus. Gegen 20.30 Uhr habe ich mich am Handy in einem Newsletter der S. Fischer Verlage festgelesen und festgeschaut. Das Interview mit Judith Hermann und ein Video-Gespräch mit Nadine Schneider zu ihren Neuerscheinungen haben meine volle Aufmerksamkeit. Gedanklich liebäugele ich mit der Idee, den großen Bildschirm heute schwarz zu lassen. Dann rettet mich bzw. meinen Selbstversuch die Nachricht einer Freundin. Sie schickt mir den Link zur minutengenauen Programmplanung des Abends mit ihrer eigenen Wette, sie würde bis 23.00 Uhr wach bleiben. Augenzwinkernd gesteht sie mir, dass sie den Gast des Abends, Achille Lauro mag. Ich auch! Also quäle ich mich vom Sofa, und mit dem kombinierten Einsatz zweier Fernbedienungen und einer Kurzanleitung des Gatten am Telefon lande ich bei Rai Uno. Diesmal sehe ich den Beitrag von Ermal Meta, bei dessen Auftritt ich am ersten Abend abgebrochen hatte. Sein „Stella Stellina“ ist ein berührend poetisches, folkloristisch anmutendes Schlaflied für ein Mädchen ohne Namen, das symbolisch für alle getöteten Kinder von Gaza steht. Ermal Meta ist der Meister für emotionale Botschaften zum Zeitgeschehen. 2018 gewann er bei Sanremo im Duett mit Fabrizio Moro und der starken Hymne gegen den Terror in Europa „Non mi avete fatto niente“ (Ihr konntet mir nichts anhaben). Wird er auch beim Festival 2026 triumphieren? Der Gewinner der Herzen ist er auf jeden Fall.

Gut für mich und alle Frühzubettgeher am zweiten Abend: Nur 15 Gesangsbeiträge laufen in veränderter Reihenfolge zum Vortag. Dafür sind die Zwischeneinlagen länger und es zieht sich wieder hin. Am Ende habe ich immer noch nicht jeden der dreißig Titel zu sehen bzw. zu hören bekommen. Wieder gebe ich kurz vor 23.30 Uhr auf.

Dritter Abend 26.02.2026

Erschwerte Bedingungen. Nicht für die Sängerinnen und Sänger, sondern für mich. Eine Kopfschmerzattacke will mir den Abend verderben, aber ich werfe um 18.30 Uhr die magische Tablette ein, dann sollte es bis 20.30 Uhr besser sein. Mein Sportsgeist ist geweckt, gestern hat mir das Programm richtig gut gefallen. Wasser statt Prosecco ‒ aber hey, nur weil Sanremo ist, kann man nicht jeden Abend darauf anstoßen. Obwohl mein Kopf rechtzeitig wieder klar ist, kommt das Programm bei mir nicht an. Nicht die Gäste, nicht die Lieder. Schön, dass Laura Pausini irgendwann Michael Jacksons „Heal the World“ singt, gemeinsam mit dem berühmten Kinderchor „Piccolo Coro dell’Antoniano“ aus Bologna. Für Frieden kann man nicht genug plädieren, aber das wars dann auch schon wieder. Warum in diesem Kontext ausgerechnet ein russisches Topmodel ihre halbnackten Brüste zur Schau stellen muss? Nicht, dass Russ*innen mit ihrem herrschenden Diktator über einen Kamm geschoren werden sollen, aber hat Irina Shayk irgendetwas noch so kleines Aufopferungswürdiges getan, für den Frieden zum Beispiel, dass sie hier an diesem Abend auf der Bühne stehen darf? Das Auf-der-Bühne-Stehen bleibt das Einzige, was ihr dekorativ gelingt.

Was die Wettbewerbsbeiträge betrifft, habe ich noch immer keinen Favoriten. Diesmal fehlen Interpret*innen, für die mein musikalisches Herz schlägt. Weder Nek noch Tananai, Achille Lauro oder Francesca Michelin treten hier an. Doch, einer ist dabei: Raf, dessen Konzert mich im Sommer 2025 begeistert hatte. Er widmet das Liebeslied „Ora e per sempre“ seiner Frau. Das ist nett, aber nichts Besonderes. Es wird nicht für die Top Fünf reichen. Gelangweilt suche ich nach der minutiösen Programmplanung im Netz. Um 23.00 Uhr sind es schon zwanzig Minuten Verspätung. Als ausgerechnet beim Duett der Stargäste Eros Ramazotti und Alicia Keys ein technisches Problem (Alicia kann das Piano nicht hören) dazu führt, dass schon wieder in die Werbung geschaltet wird, gebe ich auf. Nein, aus Respekt warte ich ihren Auftritt ab, der gemeinsam interpretierte Song „L’Aurora“ ist vermutlich das künstlerische Highlight an diesem Abend. Aber dann: Gute Nacht!

Vierter Abend 27.02.2026

Vor dem großen Finale gibt es am Freitag traditionsgemäß den Abend der Coverversionen, an dem die teilnehmenden Interpreten im Duett mit anderen Künstlern einen großen, zumeist italienischen Hit interpretieren. Zur Abwechslung oder zum Beweis ihrer Vielseitigkeit. An diesem Abend wird ein Sieger gekürt, die Wertung geht aber nicht in die des eigentlichen Wettbewerbs ein. Da mir mein Mann gern das Original zum Cover vorspielt, wenn ich meine, es nicht zu kennen, sind wir mit dem laufenden Programm schnell dermaßen in Verzug, dass uns nicht einmal mehr das Überspringen der Werbung rettet. Ich kürze bereits die Diskussionen ab, ob ein älterer italienischer Titel, bei dem ich nicke, auch in der DDR zu hören war oder nicht, indem ich kurzerhand nein sage. Das Model des Abends, das diesmal tatsächlich mitmoderiert, ist Bianca Balti. Sie hat nicht nur eine kleider- und juwelentragende Rolle, sondern eine Botschaft: Es lohnt sich gegen den Krebs zu kämpfen und das Leben zu genießen. Im vergangenen Jahr auf der gleichen Bühne nach Chemotherapie noch ohne Haare, trägt sie jetzt einen nostalgisch-eleganten und gleichzeitig feschen Kurzhaarschnitt. Sie genießt es und strahlt in die Kamera. Welches der dreißig Duette beim Ausflug in die Musik-Geschichte gewinnt, erfahre ich am nächsten Morgen aus der Zeitung, ähem, im Netz. Wieder habe ich nicht bis zum Ende durchgehalten. Eine Vorahnung fürs Finale?

Fünfter Abend 28.02.2026

Spielplanänderung bei mir. Ich liege den ganzen Tag mit Kopfschmerzen flach. Da wir für den Abend noch Theaterkarten haben, müssen wieder meine magischen Tabletten und zwei doppelte Espressi her. Ich kann dem Monolog von Umberto Galimberti, Philosoph und Psychologe, zufriedenstellend folgen. Wieder daheim sieht mein Mann mich mitfühlend an und schlägt vor, statt des bereits laufenden Programms morgen in aller Ruhe das komplette Finale als Aufzeichnung zu sehen. Ich stimme enttäuscht aber erleichtert zu.

Und so sitzen wir am Sonntagnachmittag in Decken gehüllt und warmen Tee trinkend (diesmal fehlt nicht nur das warme Wasser, sondern auch die Heizung) auf dem Sofa. Anstelle eines Modells co-moderiert das Finale die nicht weniger attraktive TG1-Nachrichtensprecherin Giorgia Cardinaletti.  Wie die Werbung wurde in unserer Replay-Version auch die Unterbrechung mit den schlimmen neuen Nachrichten aus Nahost rausgeschnitten, die kommentierenden Worte im Anschluss können wir trotzdem einordnen. Cardinaletti stand so symbolisch für eine Doppelfunktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: zu unterhalten und zu informieren. Nicht erst im Angesicht des eskalierenden Weltgeschehens kann der Komiker des Abends einpacken. So ging es mir auch mit seinen Kollegen an den Abenden zuvor. Flache Witze, zu denen Publikum und Moderator Carlo Conti wie verlangt lachen. Beispiel: Für eine der kommenden Sendungen wird ein 106-jähriger Mann angekündigt. Achtung, jetzt der Witz: Er wird in Begleitung seines Vaters kommen. Gut, dass wir vorspulen und überspringen können. Endlich sehe ich auch die letzten Liedbeiträge, die mir noch fehlen, darunter einen, der mir gefällt und für den ich am Ende hoffe, dass er das Rennen macht: Sayf, ein junger ligurischer Rapper und Liedermacher, mit „Tu mi piaci tanto“. Kein klassisches Liebeslied, wie der Titel (Du gefällst mir sehr) nahelegt, sondern eine subtile Offenlegung der Probleme der heutigen italienischen Gesellschaft. Und am Ende doch ein Liebeslied, an seine tunesische Mutter, die am Finalabend kurz auf die Bühne kommt, und an sein unperfektes Land Italien. Warum ich mich hier so lange beim Zweitplatzierten aufhalte? Weil ausgerechnet der Titel gewonnen hat, von dem ich es am wenigsten erwartet habe: Sal da Vinci mit „Per sempre si“. Ich will hier gar nichts weiter dazu sagen, oder nur: Geschmackssache. Googelt gerne selbst oder schaut ihn euch beim ESC in Wien an. Gut, dass wir gestern nicht bis nachts um zwei Uhr aufgeblieben sind.

Titelfoto: Sanremo 2012, Source: Wikimedia Commons, Author: Zdravko Petrov

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

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