Zimmerreisen: Die Fensterklemme, die vom Fenster hüpfte und verschwand

Gern folge ich wieder der Einladung von Puzzleblume, es geht auf in die dritte Runde der Zimmerreisen.

Diesmal gehe ich nicht selbst auf Gedankenreise, sondern eine kleine, unscheinbare Heldin nimmt uns mit auf ihren heimlichen Ausflug. Sie beginnt mit dem Buchstaben F, es ist die

Fensterklemme, die vom Fenster hüpfte und verschwand

Ich habe es satt, ungeliebt herumzuliegen, nur um von Zeit zu Zeit ruppig angepackt und auf den Fensterrahmen gesteckt zu werden, damit der Wind euch nicht die Scheiben zerschlägt. Versteht mich nicht falsch: Ich bin gern behilflich, wo ich kann. Das ist schließlich meine Aufgabe. Aber manchmal, da wünsche ich mir als kleines Dankeschön einen liebevollen Blick. Das wäre schön! Ich träume auch von einem reinigenden Bad im Waschbecken, wie es die Seifendose, der Zahnbürstenhalter und die anderen Kumpels in meiner Nähe alle naselang genießen dürfen.

Aber ach, ich bin nur ein kleines, braunes, unansehnliches Teil aus Plastik. Meine Besitzerin vermag, so fürchte ich, nicht einmal zu sagen, wo sie mich herhat. Ich selbst vermute, dass mich ihre fürsorglichen Eltern damals mitgegeben haben, als sie von daheim auszog und einen eigenen Hausstand gründete. Die wussten nämlich, welche praktischen DDR-Utensilien auch an anderen Orten der Welt nützlich sein würden. Sie haben nicht nur mich, sondern gleich mehrere meiner Art eingepackt. Vermutlich hat meine undankbare Besitzerin meine Brüder und Schwestern irgendwo während ihrer vielen Umzüge verloren. Nur ich allein habe es bis in ihr jetziges Heim geschafft und dort meinen bescheidenen, aber netten Platz gefunden: Ich residiere im Klo. Genaugenommen auf dem Fenstersims. Dort kann ich tagein, tagaus meiner vorbestimmten Tätigkeit nachkommen. Denn das ist es, was ich will: meine Arbeit tun. Ich pfeife auf einen Ehrenplatz in der Wohnzimmervitrine. Zumal ich bei geöffnetem Fenster, von meinem Platz auf dem Rahmen, eine nette Aussicht genieβe. Bei schönem Wetter sehe ich die Alpen, das hätte ich mir damals in der brandenburgischen Provinz nicht träumen lassen.

Und doch hat mir in all den Jahren etwas gefehlt. Ich verlange keine pompösen Huldigungen, nur hin und wieder einen kleinen Funken Aufmerksamkeit.

Jetzt habe ich mich auf eine Zimmerreise begeben und bin gespannt, wann sie mich vermissen werden. Meine Besitzerin wird mich suchen und endlich meinen wahren Wert erkennen. Psst, ich glaube, ich höre sie fluchen. Und nach mir rufen. Aber ich werde sie eine Weile zappeln lassen. So leicht mache ich es ihr nicht. Ich sitze hier im Wäschekorb und habe es mir gemütlich gemacht. Zwischen müffelnden Socken und dem zerknautschten Schlafanzug, den die Tochter des Hauses heute Morgen nach hitziger Diskussion mit ihrer Frau Mutter (identisch mit meiner Besitzerin) gepackt und in den Korb zur Schmutzwäsche geworfen hat. Mein Pech oder vielmehr Glück war, dass ich unter dem Schlafanzug lag und sie mich einfach mitgegriffen hat. Mal sehen, vielleicht darf ich sogar eine Runde in der Waschmaschine mitfahren. Das wäre sicher ein großer Spaß! Ich würde sagen, es ist Zeit, dass ich auch mal etwas erlebe. Und wenn ich dann später wieder am Fenster klemme, werde ich noch lange von diesem Abenteuer träumen. Das habe ich mir verdient!

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

30 Kommentare zu „Zimmerreisen: Die Fensterklemme, die vom Fenster hüpfte und verschwand

  1. Sehr schön! Und vielen Dank, dass Du mit jetzt für den Rest meines Lebens ein schlechtes Gewissen gemacht hast. Ich besaß nämlich auch mal eine Fensterklemme (schmuddelig-weiß, aus Hartgummi. Auch sie wurde nie gebadet, lag unbeachtet aber regelmäßig ge- oder missbraucht auf dem Fensterbrett herum, verschwand irgendwann, und weder weiß ich, wo ich sie gekauft hatte, noch wo sie irgendwann abgeblieben ist (vermutlich bei einem Umzug vergessen). Da ich jetzt in einer Wohnung wohne, in der es ein schieres Ding der Unmöglichkeit ist, so etwas wie Durchzug zu erzeugen, da alle Fenster zur selben Seite hinausgehen, wird sie auch keine Nachfolgerin finden.

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  2. Wenn Du Deiner Dienerin ein wenig Luxus gönnen möchtest: Die Fotos aus meinem Beitrag „Griffe ins Klo“ könnten weiterhelfen. So ein Lämpchen kostet nicht viel und bringt sogar Besucher zum Schmunzeln..

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    1. Wow, buntes Licht im Klo! 😂 Allerdings bevorzuge ich den Deckel geschlossen, von daher muss ich mir etwas anderes ausdenken für die Dame. 😉 Aber stimmt, der Überraschungs-Effekt für Besucher wäre garantiert. Ich hoffe, bald wieder welche empfangen zu dürfen, bis dahin kann ich mich mal erkundigen bzgl. dieses WC-Upgrades 😉

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      1. Das Teil hat einen Annäherungsschalter. Bei erstem Deckel offen, also unisex.. ca. 15 Euro bei Amazon.. Richtig schöner Kitsch weil’s für goldene Armaturen nicht gereicht hat😀😀

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  3. Klasse! Von jetzt an werde ich solche nützlichen, aber ungewertschätzten Gegenstände mit ganz neuen Augen betrachten. Von jetzt an kann ich nie mehr lieblos an ihnen vorbeigehen 😉 Ich wünsche der Fensterklemme noch viele schöne aufregende Abenteuer. Immerhin mit Alpenblick, daß ist doch kaum zu toppen! Herrliche Geschichte 🙂 LG Almuth

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      1. Ich bin ihr auch nachgegangen, und es stimmt natürlich nicht, was ich gesagt habe! Es gibt auch hier Fenster ohne Kippfunktion, aber es ist dann immer das zweite Fenster eines Doppelfensters, dessen andere Hälfte kippbar ist. So hat also jedes Fenster (als Gesamterscheinung meine ich jetzt) eine Kippfunktion, aber nicht zwingend jede Fensterhälfte. War das verständlich? Egal, ist eigentlich auch nicht wichtig. 😉
        Hab einen schönen Tag! 🙂

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