Eine königliche Pracht

Die Königsblumen des Frühsommers, der bei uns in Italien für gewöhnlich ein plötzlich hereinbrechender Hochsommer ist, sind für mich nicht, wie man vielleicht erwarten würde, die Rosen. Es sind die Hortensien. Wenn sie zu blühen beginnen, ist der Geburtstag unserer Jüngsten nicht weit. Spätestens eine Woche nach ihrem Fest stehen sie in voller Blütenpracht. Diese Zeitverankerung in meinem geistigen Kalender geht zehn Jahre zurück, damals kamen wir Mitte Juni von der Entbindungsstation heim und der Garten hinterm Haus präsentierte sich gepflegt und mit blauen und violetten Farbtupfen, wie auf dem Foto zu sehen:

Vielleicht hätte ich mein Kind Hortensia nennen sollen. Im Italienischen Ortensia. Ein fantasievoller Name, zugegeben weniger gebräuchlich als Rose oder Rosa, aber zu Unrecht, meint ihr nicht? Zur Bedeutung und Herkunft habe ich gefunden: Hortensia bedeutet „die Gärtnerin“, „die im Garten spazieren geht“ oder „die gerne im Garten ist“ (von lateinisch „hortus“ = Garten)*. Ein schönes Gleichnis für ein unbeschwertes, naturverbundenes Leben. Vielleicht steht der Name erst vor seinem Durchbruch. Angesichts der Tendenz zur Rückbesinnung auf die Natur würde es mich nicht wundern.

Aber ich schweife ab. Zurück zu persönlichen Erinnerungen, in denen ich mich sicherer bewege als in pseudo-wissenschaftlichen, onomatologischen Voraussagen. Zugegeben: Den wohlklingenden Begriff „onomatologisch“ − von Onomatologie (Namensforschung) − habe ich ergoogelt, er gehörte nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Aber man möchte beim Bloggen schließlich auch noch etwas dazulernen.

Wenn ich in den letzten Jahren nach Deutschland kam, sah ich auch dort vereinzelt Hortensien in den Vorgärten. Ich vermag nicht zu sagen, ob das schon früher so war, meine aber, dass ich diese zauberhaften Blumen erst in meiner neuen Heimat bewusst wahrnahm, dem Charme der üppigen ballrunden Blütenpracht hier in Norditalien erlag. In unserer Gegend zwischen Como und Varese zieren Hortensienbüsche fast alle öffentlichen Grünanlagen. Im Park der Villa Peduzzi in meinem ersten Wohnort Olgiate Comasco leisteten mir einzelne Exemplare während einsamer Joggingrunden Gesellschaft. Sie schienen mir augenzwinkernd Beifall zu klatschen, als ich sonntags in der Mittagshitze (ich nannte es: nach dem Frühstück) unbeirrt meine Runden lief. Jahre später in Malnate, im Parco Primo Maggio, säumte ein königliches Spalier von blauen Blüten den Waldweg, sich förmlich vor mir verneigend, und ich fühlte mich wie eine Königin, die ihre erstgeborene Prinzessin im Kinderwagen spazieren fuhr.

Mein zweitgeborenes Königskind plante ihren Erdenauftritt perfekt und kam mit der Hortensienblüte zur Welt. Mit ihr fuhr ich in jenen ersten Tagen nicht in den Parco Primo Maggio, dazu hätte ich das Auto nehmen müssen. Es war einer der besonders heißen Sommer, und ich genoss die Blüten im Garten, mit der Kleinen im Arm im Schatten auf unserem Balkon sitzend.

Mammi, guarda, i miei fiori!“ „Mami, schau mal, meine Blumen!“

So rief sie bereits als Kleinkind immer begeistert, wenn wir beim Spazierengehen Hortensien erblickten. Ich hatte ihr die Fotos von unseren ersten gemeinsamen Tagen daheim gezeigt und erklärt.

Selbst in diesen außergewöhnlichen Zeiten lassen uns unsere Lieblingsblumen nicht im Stich und sorgen für besondere Erinnerungen. Im Juni 2020 wagten wir eine Woche Smart Working in einem Agriturismo in der Nähe des Gardasees. Dort latschten, nein, stiegen wir am späten Nachmittag nach getaner Arbeit die Stufen zur Piscina (Swimming Pool) hinauf, umschmeichelt und hofiert von einem rosafarbenen Blütenmeer. Wer weiß, warum, aber auf diesen Stufen kam mir schon damals Dante und eins seiner berühmten Zitate aus der Göttlichen Komödie in den Sinn: „Geh deinen Weg, und lass die Leute reden.“ In diesem Jahr kann es einem in Italien übrigens öfter passieren, über Dante zu stolpern. 2021 wird anlässlich des 700. Todestag des großen Dichters offiziell als Jahr des Dante Alighieri gefeiert.

Ob unsere Jüngste, auch wenn sie nicht Hortensia heißt, sich womöglich irgendwann der Gartenarbeit widmen wird? Derzeit gehört ihre volle Leidenschaft noch ausschließlich dem Gesang. Kürzlich hatte sie ihren Saggio, den Abschlussvortrag am Ende des Musikschuljahres. Die Musikschule befindet sich an einem Park in unserem Nachbarort, und ihr ahnt, welche Blüten dort gerade die Spaziergänger bezaubern. Ihre Farbe tendiert an diesem Ort zu Fuchsia, der Lieblingsfarbe unserer kleinen Sängerin.

*Quelle: CharliesNames.

Titelbild: Jedes Jahr am 1. Samstag im Juli öffnet die Gärtnerei im Tessiner Castel San Pietro ihre Türen zum „Tag der Hortensien“. Dort konnten wir uns 2019 nicht sattsehen und haben herrliche Fotos wie dieses aufgenommen. Wenn ihr einmal Anfang Juli in der Gegend seid, lohnt sich ein Besuch: https://www.vivaio.ch

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

33 Kommentare zu „Eine königliche Pracht

  1. Hortensien, eine meiner Lieblingsblumen. Leider schaffe ich es einfach nicht, dass sie sich in unserem Garten wohl fühlen und so überleben sie meistens nur 1 bis 2 Jahre 😔. Als Name habe ich Hortensie aus einem Märchen in Erinnerung, aber ich weiß nicht mehr aus welchem.
    Mein Geburtstag riecht nach Herbstastern. Schön, diese sinnlichen Verbindungen.

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    1. Ich hatte damals bei der Gärtnerei im Tessin ein wunderschönes Exemplar gekauft, rosa Blüten in zwei Nuancen. Sie hat, allerdings auf dem Balkon, auch nur ein Jahr gehalten.
      Genau, Herbstastern haben diesen speziellen Duft. Wir hatten in Strausberg immer welche im Kleingarten, ich erinnere mich gut. Farblich wie die Hortensien lila, rosa, weiß … Da hattest du Glück mit deinem Geburtstag, bei mir im Februar gabs höchstens mal einen Krokus, wenn man mit Glück dazukam.

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    1. Danke, liebe Barbara. Da geht es mir ähnlich, ich habe es aber bisher auch nur einmal versucht, im nächsten Jahr ist sie nicht mehr geworden (obwohl ich der „Gebrauchsanleitung“ gefolgt war). Zum Glück bieten hier die Parks und Gärten die volle Pracht. Buona notte auch dir!

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  2. Als Name ist Ortensia irgendwie schön. Meine Frau mag die Dinger, aber die mögen her nicht wachsen und es scheint immer ein wenig Glückssache zu sein, wenn sie im kommenden Jahr wieder blühen (oder eben auch nicht).
    Hier sind – auch in den Parks – eher Rhododendren anzutreffen. Ob Rhodo auch als Name für’n Kind durchginge?

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    1. Rhoda habe ich gefunden, das bedeutet Rose. Wieder ein Frauenname. Wie ungerecht. Aber ja, warum nicht Rhodo für einen Jungen? Klingt vielleicht nicht blumig, sondern ein bisschen wild und verwegen. 😂

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  3. Eine Hortensie habe ich auch probiert, aber sie ist mit unserer vollsonnigen Terrasse nicht zurecht gekommen. Schade, aber dann haben wir die blaue Säckelblumen entdeckt. An der haben wir und diverse Insekten viel Freude. 🙂

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    1. Bei uns in den Parks, die oft waldartigen Charakter haben, gedeihen Hortensien prächtig. Bei euch im Süden ist es zu heiß (Apropos, wie geht es euch gerade?) Säckelblumen kannte ich nicht, sie sehen auch fantastisch aus! 👍

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