Komm mir nicht mit Mimosen

Es sei denn, du willst mir einen Cocktail servieren. Zu einem Mimosa mit Prosecco und frisch gepresstem Orangensaft sage ich nicht nein.

Photo by Sabel Blanco on Pexels.com

Über Duftpräferenzen und Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Worauf wir uns aber sicher einigen können: Die wunderschönen gelben, landläufig Mimosen genannten Silber-Akazien haben einen recht eigenwilligen Geruch. Zu meinem Leidwesen sind sie in Italien das Symbol für den 8. März, den Weltfrauentag. Dagegen war die sozialistische Nelke eine olfaktorische Wohltat. In der DDR wurde der Frauentag nicht nur als staatlich vorgeschriebene Planveranstaltung in Betrieben gefeiert, nein, er spielte auch daheim in den Familien eine Rolle. Mütter und Großmütter bekamen von Männern und Kindern Pralinen und Blumen. Das waren oft Nelken oder irgendwelche Frühblüher, die man angesichts der herrschenden Mangelwirtschaft gerade ergattern konnte. Töchter? Keine Ahnung. Ich war noch zu jung, um als Frau durchzugehen, und erinnere mich nicht, ob es in den Übergangsjahren zwischen Kindertag und Frauentag etwas Altersgerechtes zu feiern gab.

Die Italienerinnen und der Frauentag

In Italien ist die Festa della Donna ein großes Thema, viel präsenter als ich es im vereinten Deutschland erlebt hatte. Ganz besonders in der Werbung. Jeder Anlass ist ein guter, um seine Ware an die Frau zu bringen. Neulich sah ich diese Anzeige für personalisierte Friseurumhänge, gelbe Mimosen auf weißem oder schwarzem Hintergrund. Ich hoffe, meine Parrucchiera (Friseuse) kommt nicht auf die Idee, solche Designunfälle anzuschaffen. Vielleicht gehe ich sicher und hole mir erst vor Ostern wieder einen Termin. Harmlose Osterhasen auf dem Umhang wären mir lieber.

Der 8. März ist in Italien auch der Tag, an dem Italienerinnen zusammen ausgehen und einen Abend in der Pizzeria verbringen, gern mit anschließendem Diskothekenbesuch. Angeblich gibt es in manchen Tanz-Etablissements zu diesem Anlass spezielle Unterhaltungsbeiträge männlicher Entertainer. Der Eintritt ist für Frauen frei und der Begrüßungstrunk zum Auflockern gleich inbegriffen. Mit persönlichen Eindrücken kann ich nicht dienen, diese Unternehmungen waren mir immer suspekt. Meine Italienisierung war damals, zu Beginn der Nullerjahre, wohl noch nicht ausreichend fortgeschritten. Dann wurde ich Mutter. Und jetzt fange ich auch nicht mehr damit an.

Meine frühen Erinnerungen an die italienische Art, die Frauen an ihrem Ehrentag mit Mimosen zu beglücken, gehen auf mein erstes Arbeitsumfeld zurück. In Deutschland waren die gelben Dolden als Schnittblumen vollkommen unbekannt. Für mich war „Mimose“ immer eine Kritik, der meist an eine Frau gerichtete Vorwurf, zimperlich, eingeschnappt oder beleidigt zu sein.* Und plötzlich sollte ich mich freuen, Mimosen geschenkt zu bekommen. Am 8. März versank unser Großraumbüro bei Avon regelmäßig in einem betäubend penetranten Geruch. Jede Frau fand morgens zur Begrüßung ein Sträuβlein mit den gelben Kügelchen auf ihrem Schreibtisch. Verstehen wir uns nicht falsch: Die Mimosen, die vor dem Firmengebäude blühten, waren in jedem Frühjahr ein zauberhafter Anblick. Aber warum ließen sie die Blüten nicht am Baum, da, wo sie hingehören? Man muss nicht nah rangehen, wenn man den Duft nicht mag. Aus dem Büro konnte ich schlecht fliehen, da ich nicht zu den in dieser Hinsicht privilegierten Raucher*innen gehörte. Wenn überhaupt, dann konnte ich mich aufs stille Örtchen verziehen. Dumm, dass ich damit die Gerüchteküche anheizte, zumal mein Gesicht im Laufe des Tages immer blasser wurde. „Ist die schwanger?“, hörte ich die lieben Lästerschwestern, ehem, Kolleginnen, tuscheln. Avon war draußen im „Field“, im Verkauf, eine Frauenveranstaltung, aber zum Glück gab es im Büro auch viele Männer. Und da war jeder vermeintliche Flirt, ehe er einem selbst bewusst geworden war, bereits großes Pausengespräch. Ich glaube, das zahlenmäßige Verhältnis männlicher und weiblicher Angestellter lag etwa bei Fifty-fifty. Das Besondere war, so muss ich heute rückblickend sagen, dass es viele Frauen auch in Führungspositionen geschafft hatten. Neben der damaligen Präsidentin von AVON Italia, Anna Segatti, waren auch in unserem trinationalen Marketing-Cluster beide Geschlechter auf der Managerebene gut vertreten. Das kann man bis heute nur von wenigen Arbeits-Realitäten behaupten. Und deshalb ist mein Verhältnis zu diesem Tag grundsätzlich auch eher ambivalent. In der DDR ‒ über die dort gelebte Emanzipation schrieb ich bereits ‒ ließ man sich die Feierlichkeiten als nette Geste gefallen. Heute und hier fehlt, in meinen Augen, oft der Sinn. Männer kaufen im Vorbeifahren pflichtgesteuert einen Strauß Mimosen, im Geschäft oder bei einem der vielen plötzlich auftauchenden Straßenhändler. Die damit Beschenkte sieht am Abend zu, dass sie schnell das Haus verlässt, um mit ihren Freundinnen zu feiern und zu trinken.

Es ging an diesem Tag ursprünglich einmal um elementare Rechte der Frauen und sollte jetzt um Chancengleichheit gehen. Ist es damit getan, dass an diesem Abend in der Diskothek männliche Animateure ihre Reize zeigen, anstatt wie üblich junge Frauen? Sicher nicht und darüber hinaus Geschmackssache. Genau wie die Mimosen, auf die ich auch in diesem Jahr wieder gerne verzichte. So einen Mimosa Cocktail aber, den wollte ich gern einmal probieren, und deshalb habe ich gestern schnell die Zutaten besorgt. So kann ich in Gedanken mit euch anstoßen. Und zwar mit allen: Lesern, Leserinnen und all denen, die sich nicht festlegen lassen. Auf dass es zum Kämpfen für die Rechte der einen oder anderen irgendwann keinen mehr, dafür zum Feiern für alle immer einen guten Grund gibt. Salute!

Nachtrag aus aktuellem Grund: Leider sind wir auf dem Weg zu einer idealen Welt, wie ich sie im letzten Satz zu formulieren versuchte, gerade ein riesengroßes Stück zurückgeworfen worden. Denn wenn Krieg ist, dann geht es erstmal um das Elementarste, darum, dass er sofort aufhört. Menschen dürfen nicht weiter sinnlos sterben. Weder Frauen auf der Flucht, noch Männer im Kampf. Ich bin mir sicher, dass auch in Italien den wenigsten Frauen in diesem Jahr nach Feiern auf die hier beschriebene, sonst übliche Art zumute ist.

*Dieser Vergleich bezieht sich auf die echte Mimose, die in Südamerika beheimatete Mimosa pudica, nicht auf die gelb blühende Silber-Akazie, auch „falsche Mimose“ genannt.

Titelbild: Mimosen vor einem Blumengeschäft Anfang März in Rapallo, Ligurien. Wunderschön! Als Dekoration im Freien wohlgemerkt.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

21 Kommentare zu „Komm mir nicht mit Mimosen

  1. In der DDR gab es auch diese Plaste-Ansteck-Blümchen. Meine Mama hatte sie über Jahre in einer kleinen Blumenvase gesammelt.

    Abgesehen davon finde ich den Frauentag wichtig. Solange nicht überall auf der Welt die Frauen die gleichen Rechte wie Männer genießen,solange sie nicht die gleichen beruflichen Chancen haben, Mädchen nicht zur Schule gehen können, früh verheiratet oder gar beschnitten werden …. solange brauchen wir einen Frauentag. Was man dann persönlich daraus macht, bleibt einem selbst überlassen.

    Ich liebe meine Mimose auf der Terrasse und möchte sie im Frühling nicht missen. Die Blüten machen einfach gute Laune. In der Wohnung muss ich sie nicht haben. 🙂

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    1. Ach ja, die DFD-Blumen. Ich erinnere mich, dass ich sie im Haus mal gegen Mitgliedsbeiträge verteilt habe. Die waren schick.😉
      Dass die Rechte der Frauen in vielen Ländern der Erde noch im Argen liegen, ist schlimm. Gut, wenn man da Organisationen und Initiativen unterstützen kann, die gegen die Missstände kämpfen und Frauen und Mädchen unterstützen.
      Der Feiertag bei uns hat damit aber leider, so empfinde ich es, herzlich wenig zu tun. Mich stört der Kommerz, zu dem dieser wie alle anderen Anlässe im großen Stil genutzt werden.
      Ich wünsche dir weiter viel Freude an der Blütenpracht deiner Mimose! An der frischen Luft sind sie wundervoll!

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      1. Nord und Süd? Sicher gibt es da gewisse Unterschiede, wie, wo und mit wem man feiert. Ganz gewiss aber auch eine Frage des Alters. Ich schreibe hier von meinem damals recht jungen Umfeld, und heute habe ich auch jüngere Kolleginnen, da hört man zumindest noch mit. 😉

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  2. Oh ja, ich erinnere mich an Eierlikör zum Frauentag. Und an merkwürdige Brigadefeiern. Eventuell noch Alpenveilchen. Nelken waren 1. Mai. Bei meinem jetzigen Job spielt Frauentag auf Arbeitsebene keine Rolle (oder es ist bei mir nicht angekommen). Dafür profitieren wir vom Feiertag in Berlin und konnten heute endlich einen Handwerkertermin absolvieren, bei ich nicht allein machen wollte.

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    1. Eierlikör, haha. Stimmt, der war in der DDR ein Klassiker, wir bekamen ihn sogar einmal auf einer Tour mit dem Tanzensemble serviert. Als Kinder und Jugendliche. Sicher hieß es offiziell, der spendet Kraft. 😉
      Ein Feiertag ist immer praktisch, ich hoffe, mit den Handwerkern ist alles glatt gegangen. Noch einen schönen Abend, liebe Ilka!

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  3. Anke, ich habe sehr über deinen Artikel geschmunzelt. Was sich bei mir über den Weltfrauentag und die DDR geschrieben habe, hast du ja offenbar gelesen.
    Ich habe es so in Erinnerung, dass die (roten) Nelken die Blumen zum 1. Mai waren, weiß aber nicht mehr, welche es zum Frauentag waren.
    Jetzt weiß ich endlich, wie diese gelben Kugelblumen heißen – es sind also Mimosen – ich kannte sie auch nur als Bezeichnung für empfindliche Leute.
    Meine Vorgängerin bei den Kommentaren schreibt auch über Mainelken. Da ich ja ein furchtbar schlechtes Gedächtnis habe, kann ich mich an die Feiern nicht mehr erinnern und ob es da Eierlikör gab.
    Na gut, dein Cocktail 🍹 hat dir hoffentlich geschmeckt.

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    1. Klar, die Mai-Nelken, das waren die großblütigen roten. Aber auch zum Frauentag soll es Nelken gegeben haben, vielleicht diese kleinen, duftenden, gemäß Befragungen in der Familie. Meine Schwester bekommt zu diesem Anlass übrigens immer noch Blumen von ihrem Mann.
      Dass in Berlin Feiertag war, las ich bei dir und anderen. Nun ja, aber da ja auch der bei euch so genannte „Männertag“ Christi Himmelfahrt einer ist, ist es nur gerecht. 😉
      Ja, der Cocktail war gut und ich habe ihn genauso serviert, wie auf dem Bild: mit einer Erdbeere. Liebe Grüße nach Berlin!

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    1. Bravo! 😋👍 Il mio è tornato dal lavoro scusandosi che non avrebbe preso le mimose, avendo visto il mio post, ma neanche altri fiori per non farsi fregare dagli commercianti come a San Valentino, Festa della Mamma etc. Meno male che avevo pensato io, nel nostro supermercato di fiducia hanno sempre bei mazzi a prezzi ragionevoli.
      Auguri Luisella!

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  4. Zu DDR-Zeiten hatte ich mit dem Frauentag nicht viel am Hut. Er schien mir zu sozialistisch. Kurz nach der Wende lernte ich dann meinen Mann kennen, dessen Geburtstag ausgerechnet der 8. März ist 🤷‍♀️
    Wer ist also die Hauptperson in jedem Jahr an diesem Tag…. 😏
    Aber inzwischen gratulieren sich ja nun auch Frauen untereinander und an der Kasse im Einkaufsmarkt gab es heute auch zwei Rosen für mich. Ich will nicht undankbar sein 🌹

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    1. Schon verrückt: Was damals so aufgesetzt, oder wie du sagst, sozialistisch wirkte, das dient im Kapitalismus Marken für ihre Werbung. Eine Blume (oder gleich zwei) im Supermarkt ist natürlich eine nette Geste, und sicher hast du dafür auch nicht mehr kaufen sollen/müssen.
      Deinem Mann nachträglich alles Gute! Bekommt er eigentlich Blumen zum Geburtstag? Bei uns schenkt man Männern keine Blumen (sagt mein Mann).

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      1. Dankeschön! Ich werde ihm deine Glückwünsche ausrichten. Ein Strauß Frühlingsblumen muss sein. Kein Geburtstag ohne sie. Das sieht er anders als dein Mann und freut sich immer. Ich verstehe aber, was dein Mann meint und finde die Einstellung eigentlich ganz schön, nur als Frau mit Blumen bedacht zu werden. Ohne ins Fettnäpfchen zu treten, darf ich es mit Nostalgie bezeichnen? Ich bin keine Vorreiterin des Feminismus, was solche Dinge betrifft 😉

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      2. Hm, ich habe es immer als „falsche männliche Ehre“ betrachtet. So in der Art, ein Mann braucht keine Blumen. Aber deine Theorie gefällt mir viel besser! 😍

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  5. Ich finde solch einen Tag wichtig, er darf halt nur nicht als „verordnet“ rüberkommen.

    Aber bei „ spezielle Unterhaltungsbeiträge männlicher Entertainer“ geht bei mir das Kopfkino an … neeeee … bitte nicht

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    1. Nicht verordnet. Und nicht vermarktet. Und genau dieser eigentliche ursprüngliche Sinn hat es schwer, in den Köpfen (und den Taten) seinen Platz zu behaupten.
      Sorry für das Kopfkino … Ich musste mal als unbeteiligte Diskothekenbesucherin einen Junggesellinnenabschied miterleben, da lief vergleichbares Programm. 🙈

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