Großes Kino

Zu Zeiten von Netflix und Prime und Sky und Mediatheken, ganz zu schweigen von all den Streamingdiensten, deren Namen ich gar nicht kenne, gehen wir selten ins Kino. Ein-, höchstens zweimal im Jahr mit den Kindern, und seit sie lieber mit Freundinnen unterwegs sind, schaffen wir selbst das nicht mehr. Doch in diesem Jahr gab es Barbie. Okay, kennt ihr. Und nun einen italienischen Überraschungserfolg. Kennt ihr nicht. Solltet ihr aber.

Schon bei der Ankündigung im Herbst wusste ich: Den will ich sehen. Im Kino. Was ich nicht wusste, war, ob ich meine Familie dazu überreden könnte. Ein Schwarz-Weiß-Film, der in Rom nach dem Zweiten Weltkrieg spielt und so wie die Filmklassiker aus jener Zeit daherkommt. Künstlerisch ambitioniert und dialektal gefärbt. Aber die Regisseurin und gleichzeitige Hauptdarstellerin hatte es mir angetan. Es gibt diese Namen, die sind eine Garantie. Paola Cortellesi sehen mein Mann und ich regelmäßig im Heimkino, bei Sky und wie sie alle heißen, siehe oben. Meist sind es Komödien, viele davon mit einem gewissen Tiefgang. Eine begnadete Komikerin und hervorragende Schauspielerin. Eine attraktive Frau. Und jetzt, mit fünfzig, gibt sie ihr Regiedebüt und übertrifft mit ihrem ersten Werk gleich alle Erwartungen. Ende Oktober hatte „C’è ancora domani“ (deutsch sinngemäß: Es gibt immer ein Morgen) Premiere und sorgte sofort für volle Kinosäle und Präsenz in allen Medien. Eine Freundin war hin und weg und fragte, wann wir gehen würden. Doch uns kam immer etwas dazwischen. Mal konnte der eine nicht, mal wollte die andere nicht. In der Zwischenzeit brach der Film alle Rekorde und gehört bereits zu den zehn erfolgreichsten italienischen Kinofilmen aller Zeiten. Im laufenden Jahr 2023 sahen ihn bereits mehr Italiener als den Blockbuster „Oppenheimer“*. Cortellesis Film erhielt mehrere Auszeichnungen beim Festa del Cinema di Roma. Die Künstlerin führt Interviews rund um den Globus, zuletzt für die New York Times. Der Film thematisiert auf tragikomische Weise und im Stil des großen italienischen Nachkriegskinos häusliche Gewalt gegen Frauen und ihren Kampf um gesellschaftliche Gleichberechtigung. „Ha toccato un nervo scoperto“ (er trifft einen offenliegenden Nerv), begründete Cortellesi im Interview für die New York Times den Erfolg ihres Stoffes, der sie in dieser Gröβenordnung selbst überrascht hat. Strazziante e edificante, wie es in der italienischen Übersetzung im besagten Artikel** heißt, trifft es meiner Meinung nach genau. Eine Erzählung, herzzerreißend tragisch und ermutigend zugleich. Auch oder gerade weil man konstatieren muss, dass in über siebzig Jahren in Italien zwar Rechte und Gesetze im Sinne der Gleichberechtigung geschaffen wurden und sich die Möglichkeiten für Frauen im Hinblick auf berufliche und politische Karriere verbessert haben, die Mentalität sich aber noch lange nicht von patriarchalischen Mustern befreit hat. Ein Film zur richtigen Zeit, denn die Gesellschaft ist reif für Veränderungen. Nehmt mir das Vorgreifen nicht übel, aber ich MUSS euch diesen Film empfehlen, noch bevor er in deutsche Kinos kommt. Schauspielerische Glanzleistungen (an der Seite von Paola Cortellesi in der Rolle der Delia interpretiert Valerio Mastandrea den gewalttätigen Ehemann) und neben der zuweilen tänzerisch choreografierten Brutalität immer wieder feinfühlig inszenierte komische Momente, die tief in die Seele der italienischen Nachkriegsgesellschaft blicken. Ein mysteriöser Brief und die überraschende Auflösung seines Rätsels führen zu einem hoffnungsvollen Ende mit Symbolkraft. Großes Kino.

Ich bin froh, dass wir es noch geschafft haben und alle vier ins Lichtspieltheater gegangen sind. Filme wie „C’è ancora domani“ muss man auf der großen Leinwand sehen.

Zum Weiterlesen:

Einen guten deutschsprachigen Artikel zum Film und zu seinem grandiosen Erfolg in Italien gibt es hier bei der NZZ.

**Interview in der New York Times. “I wanted to make a contemporary movie set in the past …”, wird Cortellesi zitiert. Lest den ganzen Artikel hier. In english, of course.

*Quelle: mymovies.it.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

30 Kommentare zu „Großes Kino

  1. Weißt du, wann ich das letzte Mal im Kino war, liebe Anke? Als Herr der Ringe, Teil3 lief.
    Von daher perlt sämtliche Werbung definitiv ab! 🙂
    Aber wers mag, der soll gerne gehen. Ich schaue mir die Filme (wenn überhaupt) lieber im TV an. 🙂 LG Bea

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    1. Ach, vielleicht solltest du es mal wieder probieren? Ich hatte auch eine lange Zeit, in der ich gar nicht mehr ging. Egal, danke trotzdem fürs Lesen und liebe Grüβe an dich, liebe Bea!

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    1. Stimmt, das kann ich mir gut vorstellen. Vielleicht gelingt es mir sogar, ihn in deutscher Sprache noch einmal zu sehen. Die sprachliche Umsetzung würde mich sehr interessieren. Es gibt auch einige Szenen mit Musik, da spielt der Text der Lieder eine Rolle für die Geschichte … wie machen die das dann in Deutsch? Spannend! Liebe Grüße an dich!

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      1. Eine Empfehlung kann ich noch geben. Der Film ‚Little Figutive- Der kleine Ausreisser‘ von 1953, erstmals 1960 im Kino, soll nochmals ins Kinoprogramm aufgenommen werden.
        Vor Jahren sah ich den Film von dem kleinen Jungen, der allein auf der Kirmes in Coney Island unterwegs ist, schon einmal.
        Hoffe, dass der Film nach Ankündigung im Kulturjournal von 3sat auch zu uns in die Provinz kommt.
        Feuchtkalte Ostseegrüsse!

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  2. Na kiek mal einer an … da werde ich mal die Äuglein nach aufhalten
    PS: habe neulich den Napoleon hier getroffen, im Kino natürlich … und hatten eine italienische Austausschülerin aus Bergamo dabei …

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      1. Die wohnt nicht bei uns, aber wir wollten mal zeigen, dass es auch nette Deutsche Familien gibt die mit den Kids auch was machen. Quasi als Ersatz-Gasteltern für einen Abend 😉

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  3. Den Film habe ich jetzt endlich auch angeschaut, nachdem er in die deutschen Kinos gekommen ist. Ich fand ihn einfach großartig!!! A must-see, würde ich sagen. Sehr interessant auch, wie du den Film empfunden, was du recherchiert und zusammengetragen hast. Habe deinen Beitrag heute nochmal mit anderen Augen gelesen, jetzt, wo ich den Film kenne. 🙂

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    1. Schön! Danke für die Rückmeldung, liebe Sophie. Ich würde ihn auch sehr gern noch einmal in deutscher Sprache sehen. In Bezug auf die Adaption frage ich mich zum Beispiel, wie die Rolle der Musikstücke in Schlüsselszenen umgesetzt wurde. Da spielte auch der Text der italienischen Lieder eine Rolle.
      Wie schade, dass ich nicht mit dir in Berlin ins Kino gehen konnte, aber irgendwann später läuft er ja vielleicht mal in einer Mediathek. Liebe Grüβe!

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