Frohen Feierabend, Italy!

Im Panificio (Bäckerei) mit „Tavola Calda“ (warmen Speisen), in dem ich manchmal einen schnellen Mittagssnack einnehme, sind die Tische mit etwas Praktischem geschmückt. In einer adretten schwarzen Schale finden sich neben Salz und Pfeffer Extra Natives Olivenöl aus Umbrien, Aceto Balsamico aus Modena und ein Tomatenketchup eines Mailänder Herstellers. Alles in der hygienischen Einzelverpackung. (Mal ehrlich: Wer hasst es nicht, die fettverschmierten Öl- und Essigflaschen in die Hand zu nehmen, um seine Scheibe Brot mit Öl zu beträufeln oder den Salat anzumachen?) Woran mein Blick hängen bleibt, ist der Claim auf der Schale: „Questo locale sceglie le eccelenze Made in Italy“ (Dieses Lokal setzt auf Exzellenz Made in Italy.) Nun weiß man nicht, wo die Zutaten herkommen, mit denen in der Backstube gebacken und in der Küche gekocht wird. Gute Hoffnung ist berechtigt. Was ich mich als Hinzugezogene allerdings frage: Wäre solch ein Werbespruch in einer deutschen Bäckerei oder Fleischerei vorstellbar? Dass da auf dem Ständer mit Bautzener Senf und Ketchup aus Werder stünde: „Diese Imbissstube stellt deutsche Qualitätsprodukte auf den Tisch.“ Oder: „Dieses Lokal wählt Delikatessen Made in Germany.“ Hm, schwer vorstellbar. Schon eher, dass man auf die Region setzt: „Gutes von hier.“ So ist das in Deutschland.

Ich erlebe im Privaten immer wieder, dass der Italiener ein entspanntes, fast schon flexibles Verhältnis zu seiner Nationalität und seinem Land hat, das sowohl überschwänglichen Stolz als auch schamlosen Spott zulässt. Dass nun der 15. April, Geburtstag des großen Universalgelehrten und gern als Idol für italienischen Erfindergeist bemühten Leonardo da Vinci, von der Regierung zum jährlichen „Giornata Nazionale del Made in Italy“ erklärt wurde, davon sprach heute kein Mensch im Büro. Im Gegenteil, als ich es ganz beiläufig erwähnte und einen schönen FEIERabend zu diesem Anlass wünschte, erntete ich erstaunte Blicke. Sie werden noch davon gehört haben, meine italienischen Kolleg*innen. Spätestens im Autoradio auf der Heimfahrt. Nun kann man streiten, ob sich das Wirtschaftsministerium in Rom „Ministero delle Imprese e del Made in Italy“ nennen muss, und ich zweifele noch am Sinn spezieller „Made in Italy“-Gymnasien ab dem kommenden Schuljahr, die, so hört man, bislang wenig Zulauf haben. Grundsätzlich finde ich den Ansatz, den Gedanken des „Made in Italy“ wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, gar nicht verkehrt. Ein Land darf seine Traditionen im Hinblick auf intellektuelle und schöpferische Stärken und Ressourcen pflegen und zukunftstauglich machen. Das ist kein Nationalismus, das ist eher wie im Sport, wo jeder gewinnen will und darf. Es gibt genug Sportarten und Medaillen zu verteilen. Solange der eine den anderen, den befreundeten Wettbewerber, nicht mit unfairen Mitteln ausspielt ‒ in der Wirtschaft nennt man es boykottieren ‒ ist gegen motivierendes Training und eine starke Fankultur nichts einzuwenden. Am Ende profitieren alle vom gemeinsamen Spiel. Vielleicht gelingt es Italien so, die vielbeklagte „fuga di cervelli“, die Flucht gut ausgebildeter junger Akademiker und Fachkräfte ins Ausland, zu stoppen oder sogar umzukehren. Wer hier keine Zukunft sieht, keine Chance, die eigenen Talente und Kenntnisse gewinnbringend für sich selbst und die Gemeinschaft einzubringen, wer keinen Stolz auf Ideen und Produkte „Made in Italy“ verspürt, der sucht sein Glück anderswo. Und denkt nicht selten in der Ferne mit Wehmut an sein geliebtes Bella Italia. Dolce Vita ist ein schönes Leitmotiv, aber das Glück vom süßen Nichtstun muss erarbeitet werden. Hier. In Italy. Sonst ist bald Feierabend.

Zum Weiterlesen: Martina Haas betrachtet das Thema auf ihrem Blog mit größerer Skepsis.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

16 Kommentare zu „Frohen Feierabend, Italy!

  1. Ein – wie immer – sehr interessanter Beitrag, liebe Anke. Warum nicht stolz sein auf seine Produkte? Ich erinnere mich an den römischen Taxifahrer, der uns zu Pasta-Sorten beriet: La Molisana wäre das einzig Wahre. Schließlich würde der Weizen aus Italien kommen. „Grano Italiano“ prangt auf der Verpackung.
    Rummo hingegen würde „nur“ europäischen Weizen verwenden. Das galt bei ihm als Abstufung, ja, als Mangel.

    Mittlerweile sehe ich auch viele Deutsche „cervelli“, die abwandern. Ich kann es manchmal verstehen.

    Hab‘s fein, liebe Anke und liebe Grüße, Eva

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    1. Liebe Eva, ja, ich erinnere mich an euren Pasta-Spezialisten und mag diese leidenschaftliche Überzeugung sehr. Wo, wenn nicht beim guten Essen, sind die Italiener zurecht weltweit anerkannte Meister ihres Faches. Danke und schöne Grüße an dich!

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    1. Grazie, Luisella, per il tuo commento. Non credo che l’orgoglio per i propri prodotti e le proprie competenze economiche, culturali e scientifiche siano, di base e per sé, una “propaganda sovranista”. Infatti il marchio “Made in Italy” è diventato importante almeno dagli anni 80. Certo, la politica di destra può appropriarsi di tutto. È importante riflettere sui propri punti di forza e, in cambio, non solo riconoscere ma anche apprezzare quelli degli altri. Così funziona anche in Europa, infatti ci sono tanti “Made in …”, per creare una ricchezza comune. Forse sono un’idealista, ma sono felice di sostenere questa tesi. Buona serata!

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  2. Vielen Dank fürs Verlinken, liebe Anke 😀 der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck hat das, was du beschreibst, neulich als Standortpatriotismus bezeichnet. Das war, als der deutsche Fußballbund angekündigt hatte, ab 2026 zum Sponsor Nike zu wechseln. Nach 70 Jahren. Ich finde das auch entsetzlich, schon allein aus ästhetischen Gründen. Na ja, dafür ist ein Foto aufgetaucht, auf dem der britische Premier Sunak bei einem offiziellen Termin Adidas-Sneaker trägt. Das ist jetzt wohl das endgültige Aus für das deutsche Traditionsunternehmen 😉

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    1. Gern geschehen. Oh ja, das ist von außen nicht nachvollziehbar und sehr schade. Konnte man sich tatsächlich nicht einigen? Klar, der DFB muss sich über Sportsponsoring finanzieren, und beim Geld hört die alte Freundschaft auf. Man soll sich eben nicht auf Lorbeeren ausruhen. Kein Sponsor hat ein Gewohnheitsrecht. Herzliche Grüße in den Süden und noch viel Freude mit Made in Sicily!

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  3. Der neapolitanische Pizzabäcker in unserer Stammpizzeria verwendet für seinen Pizzateig ausnahmslos Mehl aus Neapel. Als einmal eine Mehllieferung aus Neapel ausgeblieben war, gab es keine Pizza: obwohl er beim Aldi nebenan Mehl hätte kaufen können, aber damit weigerte er sich seine Pizza Napoletana herzustellen, so sehr er das auch bedauerte und sich bei seinen Gästen dafür entschuldigen musste. Un patriota con principi, veramente!

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  4. Danke für diesen kleinen Ausflug in den Patriotismus. Charmant. Und doch gar nicht so anders als in Deutschland, wo wir auch zwischen dem Stolz auf „Made in Germany“ und die deutsche Ingenieurskultur und dem Fremdschämen für unsere Lebensarten, Errungenschaften und kleinen Macken herum irrlichtern.
    Und auch die Flucht gut ausgebildeter Menschen ins Ausland ist nicht unbekannt, obwohl sie hier gut gebraucht werden können.
    Ist es vielleicht ein größeres Phänomen, dass wir auf der anderen Seite des Zauns das Gras als grüner und die Möglichkeiten als größer empfinden?

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    1. Gerne, liebe Annuschka!
      Nein, im Fall von Italien ist es wohl nicht nur der Blick über den Gartenzaun. Es gibt hier einfach für die jungen Menschen nach der Ausbildung kaum ordentliche Einstiegsmöglichkeiten. Berufsausbildung ist in der Regel nicht an einen Betrieb gebunden, der dann die Übernahme vorsieht. Nach dem Studium herrscht das sogenannte „Prekariat“, was bedeutet, jahrelang ohne jegliche Vergütung oder nur für ein Minimum, das für keine Miete reicht, ein Praktikum nach dem anderen zu absolvieren. Da freut es mich, dass es Initiativen wie die der Confindustria Arbeitgeberorganisation gemeinsam mit „meinem“ Radiosender gibt, bei der jede Woche Unternehmen vorgestellt werden, die auf der Suche nach Fachleuten und vor allem jungen Absolventen zur Festanstellung (!) sind. Das „Made in Italy“ fällt da auch gern, aber das darf es ja. 😀

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  5. Ich kann mich einigen Kommentaren nur anschließen. Deutschland war lange bekannt für gute Ideen und Erfindungen, als Land der Dichter und Denker. In der letzten Zeit wird es mir aber leider richtig mulmig und mich beschleicht das Gefühl, dass viele (und vieles) an uns vorbeiziehen und sich das Land mit seinen übermäßigen Vorschriften und der fehlenden Kooperation zwischen den verschiedenen Ressorts selbst im Weg steht. Es ist eigentlich egal, wohin man schaut. Diese Misere trifft auf den Wohnungsbau zu, die Digitalisierung, auf den Gesundheitsbereich genauso wie auf den Bildungsbereich oder den Klimaschutz. Und die beruflichen Aussichten in vielen ländlichen Gebieten sind auch nicht sehr rosig. Abwanderung von jungen Leuten ist dort ja auch ein ganz großes Thema. Ich hatte noch nie so pessimistisch wie im Moment.

    Trotzdem wünsche ich dir ein schönes, sorgloses und entspanntes Wochenende.

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    1. Hoppla, jetzt habe ich deinen Kommentar erst am Sonntagnachmittag im Spam-Ordner gefunden. Trotzdem nachträglich vielen Dank, sowohl für das Teilen deiner besorgten Gedanken, als auch die guten Wünsche. Für dich noch einen schönen Sonntagabend, liebe Roswitha!

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