Auch wenn bald Weihnachten ist oder gerade deshalb, möchte ich euch ein Buch ans Herz legen, das auf der Suche nach Verständnis füreinander unbequeme Fragen zu unangenehmen Themen stellt.
Von Francesca Melandris großartigen, geschichtsbezogenen Romanen habe ich auf dem Blog schon berichtet. „Eva schläft“ und „Alle, außer mir“ las ich in deutscher Ausgabe. In diesem Herbst kam nun ihr neuestes Buch fast gleichzeitig in Italien und Deutschland heraus. Ich war über deutsche Medien darauf aufmerksam geworden, denn die Autorin stellte es auf der Frankfurter Buchmesse persönlich vor. Diesmal holte ich mir die Originalausgabe in der Bibliothek. Bei gleichem Titel: Piedi Freddi* – Kalte Füße**, kann das Bild auf dem Umschlag unterschiedlicher nicht sein. Das deutsche Cover irritiert nahezu. Wie geht denn das: Kalte Füße, und dazu ein Foto von Sonnenblumen unter strahlend blauem Himmel? Obwohl, so strahlend blau ist er gar nicht. Graue Wolken verdunkeln den Horizont, der Wind bläst ungemütlich. Der Zusammenhang von Bild und Titel wird beim Lesen schnell klar. Es geht, zunächst, um die kalten Füße im Kampf der italienischen Soldaten gegen das Erfrieren, auf der sogenannten „Ritirata di Russia“, dem Rückzug aus Russland im Winter 1942/43, der zu großen Teilen die Ukraine betraf. Melandris Vater war heimgekehrt, sogar körperlich unversehrt, ohne erfrorene Gliedmaßen, ohne fehlende Zehen. Er war mit gerade 23 Jahren als Leutnant der Alpini (Gebirgsjäger) für eine Truppe von zwölf Männern verantwortlich gewesen, einige davon doppelt so alt wie er. Die kalten Füße stehen aber auch für eine Legenden-Bildung, erzählen von Opfern und Helden. Im gesamtgesellschaftlichen Gedächtnis fehlt bisweilen die Tatsache, dass dem Rückzug eine Invasion vorausging und dass dieser Eroberungsfeldzug der italienischen Armee an der Seite Hitlerdeutschlands nicht nur Russland, sondern hauptsächlich die Ukraine betraf. Melandri, dessen Vater auch immer von Russland gesprochen hatte, erkennt jetzt die Ortsnamen aus seinen Erzählungen in der Berichterstattung über den aktuellen Krieg in der Ukraine. Das Sonnenblumenfeld auf dem deutschen Buch symbolisiert den Schauplatz zweier Tragödien: der vor 80 Jahren und der, die sich heute abspielt.
Francesca Melandri unterhält sich in ihrem Text mit ihrem Vater, dem Journalisten Franco Melandri, postum. Sie muss ihm dringend Fragen stellen als eine, die zu Friedenszeiten aufgewachsen ist und das Privileg hat, vom Krieg nicht viel, eigentlich gar nichts zu verstehen. Es ist weniger ein Roman als ein langer Brief in einzelnen Kapiteln. Vorangestellt sind den Kapiteln Zitate aus drei Büchern, in denen Franco Melandri seine Kriegserfahrungen literarisch verarbeitet hat. Seine Tochter richtet ihre Fragen zu Krieg und Frieden nicht nur an ihren Vater. Sie stellt Fragen an sich selbst, an uns Leser, an die italienische Gesellschaft. Und das ohne verallgemeinernde Schuldzuweisung. Es gibt keine gemeinschaftliche Schuld aller, an dem, was geschehen ist, aber es gab und gibt eine Verantwortung jedes Einzelnen. Ich verstehe sie so: Wie wir heute die Geschichte aufarbeiten, nachdem die Familienmythen ausgedient haben und das kollektive Schweigen zu bröckeln beginnt, entscheidet darüber, wie wir die Gegenwart verstehen und unser persönliches Stück Verantwortung übernehmen können. Sei es, wen wir wählen, wo wir mitmachen und was wir unterstützen, wozu wir schweigen oder wofür wir unsere Stimme einbringen.
Ohne das Buch nacherzählen zu wollen und ohne aus der deutschen Fassung zitieren zu können, möchte ich ein paar Gedanken wiedergeben, die ich als wertvoll betrachte: Das Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden, der um jeden Preis. Das Gegenteil von Krieg ist Gerechtigkeit. Und die Wahrheit über die Geschichte erzählen am Ende die Details. Keine abgehobenen Polemiken, über Geopolitik und Kräfteverschiebungen und wie die herbeigeholten Narrative alle lauten.
Auch Franco Melandris Zeitungsartikel vom März 1945, in dem er kurz vor Kriegsende noch ein Hohelied auf den Faschismus als zukunftswürdiges Gesellschaftskonzept für Italien singt, analysiert seine Tochter als ein Pamphlet von Allgemeinplätzen, Phrasen, Ideen. In seinem Buch „Ritorno col matto“, direkt nach dem Krieg geschrieben und 1970 veröffentlicht, schreibt er auf menschlicher Ebene und erkennt, dass der Protagonist, sein Alter Ego, immer nur gut reden konnte, aber nie gewusst hat, was richtig und was falsch war. Der beschriebene Moment, in der bei einem Angriff ein Säugling in den Armen der Mutter zu Tode kommt, ist eine Schlüsselszene und führt auch zum Titel „Rückkehr mit dem Verrückten“: Einer der Männer verliert den Verstand. Nach allem, was er davor schon durchgemacht hatte, war diese eine konkrete menschliche Tragödie für den Soldaten zu viel.
„Nei dettagli ci sono gli errori, ma anche la verità.“ (In den Details stecken die Fehler, aber auch die Wahrheit.) S.202*
Selbst dann, wenn man den anderen nicht versteht, kann und muss man versuchen, sich anzunähern. Das ist die Botschaft, die Melandri in ihrem Buch vermittelt, in der sie private mit historischen und aktuellen Themen geschickt verwebt und die Verbindungen aufzeigt. Die Stärke ihres Textes liegt im Individuellen, das sich mit dem Universellen vermischt. Wie immer bei Melandri, aber diesmal ist das Private keine Fiktion.
Melandris Vater hat sie und ihre Schwestern zu demokratisch gesinnten, kritisch denkenden Persönlichkeiten erzogen. Das ist sein Verdienst, und den spricht sie ihm nicht ab. Ihr Brief an ihn ist versöhnlich, mit Liebe geschrieben, denn Liebe schließt das Stellen unbequemer Fragen nicht aus. Im Gegenteil. Für das Interesse aneinander, für die Kraft, Wahrheiten auszuhalten, braucht es Zuneigung und Verständnis. Erst aus dem Verstehen heraus, warum Menschen wie gehandelt haben, kann der Mut wachsen, uns selbst zu positionieren und Entscheidungen zu treffen, heute und in Zukunft Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir heute kalte Füße kriegen, uns aus der Verantwortung stehlen, werden morgen unsere Kinder und Enkel Briefe schreiben wie Melandri an ihren Vater.
Ich hätte gern die deutsche Übersetzung gelesen, auch, um hier einfacher und direkter darüber schreiben zu können. Aber italienische Bücher lese ich ebenso gern im Original. Die beiden Cover gegenübergestellt, gefällt mir das der deutschen Ausgabe besonders. Und der Titel wurde zurecht wörtlich übersetzt. Da bräuchte die Übersetzerin gegen Ende des Buches gar nicht wie Melandri die englische Redensart „To get cold feet“ heranzuziehen. Schon im Deutschen liegt „Kalte Füße bekommen“ passend bereit, auch diese Bedeutungsebene des Titels zu erklären.
Auf dem Buchrücken des italienischen Originals* steht ein Zitat aus „Ritorno col matto“ (Rückkehr mit dem Verrückten), das ich auch hier zum Abschluss zitieren möchte:
„Vecchio mio, se non facciamo presto ad accendere il fuoco, qui moriamo tutti di freddo.”
(Alter Freund, wenn wir nicht bald das Feuer anzünden, werden wir hier alle erfrieren.)
Ergänzt um die Frage der Autorin, an sich und uns:
„E noi? Faremo in tempo, noi, ad accendere il fuoco?”
(Und wir, werden wir das Feuer rechtzeitig anzünden?)
PS: Neulich trank ich auf dem Weihnachtsmarkt im Nachbarort bei den Alpini einen sehr guten Glühwein. Ich sagte ihnen nicht, dass ich den jährlichen Nationalen Gedenktag zu ihren Ehren am 26. Januar, im Jahr 2022 eingeführt, nicht feiern werde. Und hoffte bei mir, dass auch sie persönlich mit der Wahl von Tag und Anlass nicht einverstanden sind. Lasst uns die Alpini für ihr vielseitiges Engagement zu Friedenszeiten feiern, im Zivilschutz, im Katastrophenschutz. Ich hatte zu Zeiten der Pandemie meinen Termin in einem Impfstützpunkt, wo die netten Männer mit Feder am Hut das organisatorische Sagen hatten. Aber per Gesetz an ihr „Heldentum“ bei der Schlacht von Nikolaevka im zweiten Weltkrieg zu denken und diese in Zusammenhang zu setzen mit der Pflege von Werten wie der „Verteidigung der nationalen Souveränität“, ist eine schwer auszuhaltende Verklärung, man muss es Geschichtsrevisionismus nennen. (Der Gesetzestext zur Einführung des Gedenktages kann hier nachgelesen werden, in Italienisch.)
Zum Weiterhören: Francesca Melandri spricht im Interview mit Deutschlandfunk Kultur über ihr Buch „Kalte Füße“.
*Francesca Melandri, Piedi Freddi, Bompiani, August 2024 / **Francesca Melandri, Kalte Füße, Wagenbach, September 2024.
Hinweis: Die Übersetzungen der Zitate sind meine eigenen und nicht der deutschen Veröffentlichung entnommen.
Liebe Anke, zurzeit habe leider ich selten Gelegenheit, mich in deine Texte zu vertiefen. Heute bot sich die Gelegenheit und ich bin eingetaucht in deinen komplexen Text, der so viele Themen anschneidet, die im Moment hochaktuell sind. Es ist ein Text, den ich nicht einfach überfliegen kann. Er eignet sich nicht für einen kurzen Moment der Unterhaltung. Das ist gut und erinnert daran, dass es wichtig ist, uns unbequemen Fragen und Themen zu stellen und nicht auszuweichen und wach und offen zu bleiben, uns aus unserer Blase hinauszubewegen. Das fällt oft so schwer.
Mir fiel auf, dass es keine Kommentare zu deinem Beitrag gibt – das hat mich irritiert. Nach dem Lesen des Beitrags musste ich mir den von dir besprochenen Song von Michele Zarrillo anhören. Das hat gut getan. Es muss eben beides geben – etwas für die Seele und auch die Konfrontation mit dem manchmal schwer Ertragbaren.
Viele liebe Grüße aus dem tristen Berlin!
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Liebe Roswitha, vielen lieben Dank, dass du dir nicht nur die Zeit genommen hast, in diesen zugegeben komplexen Text mit schwierigen Themen einzusteigen, sondern dich auch „getraut“ hast, zu kommentieren. Ehrlich gesagt hatte ich statt einer Sprachlosigkeit eher erwartet, den ein oder anderen kritischen Ton zu hören, denn wenn es um Krieg und Frieden geht, gehen die „Meinungen“ heute ja oft auseinander. Gerade deshalb empfehle ich das Buch von Melandri, die viele wertvolle Gedanken darin entwickelt, und zwar von einem zutiefst humanistischen Standpunkt aus, Polemik und schnelle Urteile vermeidend. Für mich war die Lektüre eine Bereicherung.
Wenn ich aus dem Fenster schaue, ist es heute auch bei uns trist. Nieselregen. Aber ich werde später einen Beitrag posten, der wieder gewohnt heiter ist und mit Bildern unterlegt, die ich am vergangenen Wochenende bei strahlendem Sonnenschein fotografiert habe. Vielleicht heitert er dich auch wieder auf!
Liebe Grüße nach Berlin!
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Heute Abend werde ich mir erstmal den Beitrag auf Deutschlandfunk Kultur: Das Trauma des Vaters im Ukraine-Feldzug anhören. Ich werde mir das Buch als Hörbuch kaufen. Ich ahne bereits, dass ich einzelne Passagen mehrmals anhören möchte. Danke für die Leseempfehlung und ich hoffe, dass weitere Kommentare folgen. Liebe Grüße Roswitha
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Sehr gern, dann wünsche ich gute Lektüre bzw. gutes Hörerlebnis!
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