Sieg nach Punkten

Neulich wollte ich einer guten Freundin einer Freundin einen Gefallen tun. Ihre Freundin, die auch meine Freundin ist, hatte im Chat unserer Aero-Gag-Gruppe angefragt, ob jemand Treuepunkte vom Supermarkt verschenken würde. Die würden nämlich in Kürze verfallen. Ich hatte meine aufgebraucht und die letzten jeweils 500 Punkte gemeinnützigen Organisationen zukommen lassen. Auf den restlichen 348 Punkten wäre ich sitzengeblieben. Gern wollte ich sie stattdessen einer Unbekannten, der vielleicht nur ein paar hundert Punkte zu ihrer Wunschprämie fehlten, zukommen lassen. Die gemeinsame Freundin schickte mir also deren Kartennummer.

Beim nächsten Einkauf ‒ einem ohne komplizierte Rabattaktionen ‒ plante ich fünf bis zehn zusätzliche Minuten ein und stellte mich guter Dinge am Serviceschalter an. Endlich an der Reihe, unterbreitete mir die Angestellte einen Vorschlag, der wie eine Anweisung rüberkam: „Treuepunkte spenden? Das können Sie auch dort drüben am Automaten machen.“ „Va bene, aber wo ich nun mal dran bin und vor Ihnen stehe, würde ich es gerne hier erledigen“, antwortete ich selbstsicher. (Nein, es gab keine lange Schlange hinter mir.) Nachdem ich meine Karte und die Empfängerkarte eingescannt hatte, stellte die, die leider schwer schuften musste, eine Frage, die wie ein Befehl klang: „Name und Vorname des Karteninhabers? Auch das Geburtsdatum brauche ich.“ Das hatte ich nicht erwartet. Mir war klar, dass ich als Spenderin alle nötigen Angaben zu meiner Identität und Berechtigung würde erbringen müssen, den Namen der Begünstigten kannte ich nicht. „Wir haben hier Vorschriften, das muss ich wissen!“, bestätigte die Angestellte und wies mich erneut darauf hin, beim nächsten Mal den Automaten zu benutzen. Unverrichteter Dinge drehte ich ab.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich also nur Zeit verschwendet, aber noch nichts erreicht. Doch ich wollte es diesmal wissen und war fest entschlossen, jemandem diesen kleinen Gefallen zu tun, egal, wie viele Steine man mir in den Weg legen würde. Während des Einkaufs schickte mir die Freundin den Namen ihrer Freundin. Weniger aus Gehorsam als in der Absicht, mir vorwurfsvolle Kommentare zu ersparen, stellte ich mich der Herausforderung und ging an den Selbstbedienungsautomaten. Ich muss gestehen, dass ich mit solchen Geräten meine Schwierigkeiten habe. Sei es im Supermarkt zum Bezahlen oder am Bahnhof für die Fahrkarten ‒ zwischen Automaten und mir will einfach keine Freundschaft entstehen. Vielleicht bin ich zu blöd. Ich rede mich immer damit heraus, dass die Abläufe nicht nutzerfreundlich und oft sogar unverständlich seien. Passiert es euch nie, dass der Automat plötzlich blockiert? Mir ständig! Oft kurz vorm Abschluss des Vorgangs, wenn ich schon Zeit und Nerven investiert habe: Der Touch-Screen reagiert nicht oder es kommt irgendeine Fehlermeldung. Als nun das Gerät meine Karte nicht las, fuchtelte ich mit ihr in allen möglichen Neigungswinkeln herum, zog sie von links, von rechts, von oben und unten, erst langsam und dann schnell über die Stelle, die sie lesen sollte. Nichts! Keine Reaktion. Ich brach den Spaß ab. Immer noch – oder jetzt erst recht – war ich von der Idee besessen, dieser unbekannten Freundin meiner Freundin eine Freude zu machen. Weder missmutige Menschen noch streikende Technik würden mich davon abhalten.

Zurück am Serviceschalter, stand diesmal nur ein Kunde vor mir an. Dafür, dass die Punkte in mittlerweile drei Tagen verfallen würden, hatte ich mehr Andrang erwartet. Und hätte in diesem Fall auch mehr Verständnis für die Gereiztheit des Personals gehabt. Zu meiner Erleichterung sah ich, dass die strenge blonde Dame nicht mehr hinter dem Tresen stand. Sie war vermutlich in der Mittagspause, vorhin hungrig und deshalb unleidlich gewesen. Nun trug ich ihrer dunkelhaarigen Kollegin mein Anliegen vor. Die nickte freundlich, scannte meine Karte und den Barcode der Empfängerkarte ein und nannte dann einfach den Vornamen, der zur Empfängerkarte gehört: „Valentina?“ Mit Fragezeichen, so dass ich ihn nur bestätigen brauchte. Der Nachname war gar nicht mehr gefragt und schon gar nicht das Geburtsdatum. Nur meins, aber das kenne ich ja. Erwartungsvoll stand ich da und dachte, es würde noch irgendwelcher Formalitäten bedürfen, aber die Dunkelhaarige lächelte mich an und sagte nur: „Erledigt!“ „Danke“, stammelte ich überrascht und lächelte zurück. Und als plötzlich neben ihr die blonde Kollegin auftauchte, ergänzte ich mit fester Stimme und etwas lauter: „Das ging ja schnell, wie nett von Ihnen!“

Wo ein guter Wille ist, kann Gutes vollbracht werden. Ein Sieg nach Punkten für die Freundlichkeit.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

22 Kommentare zu „Sieg nach Punkten

    1. Stimmt, überall halten die Automaten Einzug. In einem anderen Supermarkt bei uns hetzt die Frau, die sie an der Kasse einsparen, dann immer von einem zum anderen Bezahlautomaten, um den Kund*innen zu helfen.

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  1. Ich mach das bei Hotlines gerne, wenn ich an eine unfreundliche oder inkompetente Person gerate. Einfach bedanken, auflegen und später nochmal versuchen. Oft wird ein unlösbares Problem von einer anderen Person dann gelöst.

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    1. Vielleicht nicht gleich durch die Wand, aber ich bestehe darauf, dass etwas, das einfach sein sollte, auch möglich ist. Die gleiche Angestellte hatte mich auch mal weggeschickt, ich solle doch erst einkaufen gehen, weil sie keine Lust hatte, die bestellten Schulbücher aus dem Lager zu holen. Sie war gerade erst dort gewesen, und dann kam auch noch ich. Unverschämt. Aber wenn ich im Sommer einkaufe, möchte ich mit dem Frischen oder gar Tiefgekühlten schnellstmöglich nachhause und erledige Schalterangelegenheiten vorher.

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  2. Mein alter Friseur sagte immer, Dienstleistung komme von dienen und leisten und hat das seinen Azubis auch eingetrichtert.
    Dieses Personal, dem man anscheinend noch dankbar sein soll, dass sie überhaupt was tun, geht mit zunehmend auf den Senkel.

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  3. Glück gehabt! Manche Automaten sind wirklich mühsam zu bedienen. Wenn man z.B. bei der DB einen Ortsnamen nicht exakt so eingibt, wie die Bahn ihn dort hinterlegt hat, dann findet man einfach gar nichts. Das ist sooo „hilfreich“.

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    1. Und bei uns kann man nicht einfach ein Ticket für Hin- und Rückfahrt buchen, sondern muss jede Strecke einzeln eingeben und auch noch die Abfahrtzeit vorher wissen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? 🙄

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