Haus am Meer

Masche um Masche, Runde für Runde. Ich habe das Häkeln von Granny Squares für mich entdeckt. Es musste mal etwas Neues sein. Mein Schrank ist voll von gehäkelten Sommerpullis, die Mädchen können sich nicht entscheiden, ob sie auch etwas Handgemachtes wollen. Was also tun, um die Gedanken zu beruhigen, die sich viel zu oft um ungelöste Probleme drehen? Die möchte ich gern als Chancen sehen. Darin bin ich gut! Meine Fantasie hat mich noch immer gerettet, Fantasie, die sich in kreativem Tun entfaltet. Während draußen fünfunddreißig Grad Celsius den Sommer schon im Juni unerträglich machen, drinnen die Luftentfeuchter heiß laufen, die große Tochter ihr Bewerbungsinterview an der Uni vorbereitet und die kleine ihre neue E-Gitarre zum Klingen bringt, widme ich mich meinem handwerklichen Schaffen. Neunundvierzig Quadrate habe ich gehäkelt. Schnell ging das, viel zu schnell. Zum Glück fordert das Vernähen auch noch mal einige Stunden, zehn Fädchen wollen in jedem Teilchen sauber fixiert und versteckt werden. Wie es dann weitergeht, werde ich sehen. Ich arbeite an einem Werk, dessen Ergebnis ich noch nicht kenne. Im Netz finde ich Taschen, Decken, Jacken in der neu entdeckten Großmutter-Technik. Angetan hat es mir ein Hocker-Bezug. Ein farbenfroher Hingucker im Wohnbereich. In unserem? Nein, wenn ich mir meine blau/weiß/grün/türkisen Häkelstückchen anschaue, träume ich von einem Haus am Meer. Ein schöner Traum, dem nachzuhängen gewiss keine schlechte Idee ist.

Überall lese ich jetzt von dem neuen Handarbeitstrend, auch in italienischen Medien. Da gibt es die mobile Häkeltherapie für Alt und Jung, gegen analoge Einsamkeit, für greifbare Erfolgserlebnisse. Da gibt es das fast verlassene Dorf Latera (Provinz Viterbo), das jetzt Anziehungspunkt für Künstler und Touristen ist. Sogar im neu eingerichteten Freizeitzentrum für Jugendliche in Varese wird Häkeln angeboten. Ich habe spontan gefragt, wer die Kurse gibt. Natürlich haben sie schon jemanden. Und mal ehrlich: Um hier Kurse zu geben, müsste ich die italienischen Fachbegriffe lernen. Stäbchen, Luftmasche, feste Masche, Kettmasche. Gut, so viele sind es gar nicht, das sollte zu machen sein.

Meine neunundvierzig Häkelquadrate werde ich einfach liegen lassen, wenn sie fix und fertig sind. Wozu ich sie dann komponiere, entscheide ich später. Das Haus am Meer kommt irgendwann. Vielleicht nicht mein eigenes. Vielleicht werden Kissenbezüge oder ein Bild oder der besagte Hocker ein Geschenk. Erstmal machen. Das war schon immer mein Motto, ich habe es in einer an Alexis Sorbas angelehnten Formulierung seit meiner Jugend im Kopf: „Du musst tanzen, die Musik wird dann schon irgendwoher kommen.“

Genauso ist es mit dem Schreiben. Auch damit muss man einfach anfangen, wenn das Feuer lodert. Essay, Erlebnisprotokoll oder doch ein Roman? Mein Text, von dem ich hier schon zu Jahresbeginn berichtete, nimmt Gestalt an, Seite für Seite. Gerade sammle ich Feedback von Testleserinnen, die mich kennen oder auch nicht. Das ist wichtig zwischendurch, auch, um zu entscheiden, wo die literarische Reise hingeht, will ich möglichst viele mitnehmen. Derweil lese ich hier ein inspirierendes Buch, das noch nicht in deutscher Sprache erschienen ist: „Cose che ti dico mentre dormi“ (sinngemäß: Was ich dir sage, wenn du schläfst) von Enrica Tesio. Auch dieser Text in sechs Teilen ist Autofiktion, aber kein Roman, keine Autobiografie. Jeder Teil ist eine Art Zwiegespräch der Autorin mit einem Menschen, der ihr wichtig ist oder war. Ohne dass diese Menschen zuhören, sie schlafen schließlich. Wir Leser hören zu. Was für ein literarisches Genre ist das bitte? Egal! Ich lese es gern. Für Schubkastendenken ist das Leben zu kurz.

Das gilt auch für meine neue berufliche Bestimmung. In die alten Schubkästen will ich nicht mehr, aber wo mein neuer Platz ist, weiß ich noch nicht. Ich rede darüber, frage an, klopfe sogar an. Es wird sich ergeben. Derweil häkele ich in den Schreib- und Lesepausen und freue mich an jedem kleinen Quadrat in den sommerlichen Farben. Und träume von einem Haus am Meer, in dem meine Arbeit einen schönen Platz erhalten wird.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

22 Kommentare zu „Haus am Meer

  1. Toll, dass du Spaß am Häkeln hast. Mir selbst wurde die Lust daran im Textilgestaltungsunterricht in der Schule genommen und sie kam nie mehr wieder. Dafür nähe ich gerne und gut. 🙂
    Lass es dir gut gehen, liebe Grüße Bea

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    1. Da war dieser Unterricht also ein voller Erfolg! 🙈 Genäht habe ich als junges Mädchen. Da fehlt mir heute die Motivation. Am Stricken und Häkeln mag ich, dass ich es nebenbei und überall tun kann, auch beim Fernsehen.
      Danke, liebe Bea, und hab eine gute Woche!

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    1. Nee, draußen werkeln ist gerade vollkommen ungesund. Oder eben im Schatten still sitzen und nur die Hände mit der Häkelnadel bewegen.😄
      Danke und liebe Grüße zurück!

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  2. … das erinnert mich daran, dass der zweite Strumpf aus dem Handarbeitsunterricht bis heute unvollendet ist.
    Strümpfe stopfen kann ich allerdings- sogar Kunststopfen. Nur dummerweise wird das kaum noch gebraucht. Und wenn es so heiss bleibt, braucht auch bald niemand mehr Strümpfe …

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    1. Na doch, in Sneakern brauchen wir Strümpfe. Das wäre schön, wenn die jungen Mädchen heute noch Sandalen trügen wie wir früher, wieviel Wäsche würde man sparen. Aber gestrickte Socken sind nur für den Winter, das sehe ich auch so. Ans Sockenstricken habe ich mich bislang (noch) nicht rangetraut. Die Idee behalte ich im Hinterkopf, falls irgendwann keine neuen Pullis mehr in den Schrank passen. 😂

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      1. … schlimmer bei den Sneakersocken ist, dass immer wieder mal eine Socke verschwindet- immer wieder! Und Frage steht: wohin?😜
        LG Jutta

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  3. Sehr hübsch und schöne Farben. Ich bin gespannt, was du aus den Quadraten machst. Ich mag Handarbeiten, einfach mal die Hände machen lassen … und drücke die Daumen für’s Schreiben und die Suche.

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  4. Danke für den Text. Das motiviert mich, meinen Häkelpulli endlich fertig zu stellen. Es ist doch schön, selbst etwas zu gestalten.
    Dir viel Glück auf deinen neuen Wegen.

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    1. Genau so ist es! Ich finde es unheimlich spannend, weil ich nie einer Vorlage folge, sondern immer bei der Arbeit entscheide, wie es weitergeht und was daraus wird. Vielen Dank und dir gutes Gelingen für dein Werk!

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  5. Häkeln liegt voll im Trend! Vor allem als kreative Entspannung: Unsere Schüler*innen entdecken es zurzeit wiederum. Häkeln hat irgendwie schon den Charakter, ein wenig Weltkulturerbe zu sein oder zu werden. UNESCO, übernehmen Sie!

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  6. Liebe Anke, was für eine schöne Arbeit! Ich gehöre leider zum Volk der „linken Hände“, und bekomme dennoch hin und wieder grosse Lust, etwas von Hand herzustellen, sei es gesiedete Seife, ein Osterarrangement, eine Tonfigur, eine Glasschale, ein Blumengesteck, einen Blütenkranz… Dann bin ich jeweils auf die Hilfe einer geduldigen, hilfsbereiten Kursleiterin angewiesen – mit dem Resultat, dass ich am Schluss eines der schönsten Werke nach Hause tragen kann. Notabene ohne zu erröten, sondern im Gegenteil voller Stolz! Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude beim Häkeln und viel Glück für Deine berufliche Zukunft. Herzlichst, Elisa

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