Ich bin kein Typ fürs Spaßbad. Lieber gehe ich Bahnen schwimmen, statt durchs Planschbecken zu hüpfen und über Rutschen zu schlittern. Bei mir löste die Ankündigung, dass ein Aero-GAG-Training im Juli ins Schwimmbad verlegt wird, nur gebremste Freude aus. Aber da war das anschließende gemeinsame Pizzaessen, für das ich spontan ein „Sì“ unter die Umfrage setzte. Monicas Werbefeldzug versprach Gute Laune pur: Wie ein Tag im Villaggio! Ein Nachmittag in der Piscina, Aquagym am Abend und um 21 Uhr Pizzata. Gut, dachte ich, erstmal sage ich zu, eine Ausrede im letzten Moment findet sich immer. Dann schrieb mir eine Freundin, die auch nicht alles mitmacht, aber manchmal die ist, die mir den Tritt in den Hintern verpasst: „Lass uns schon am Nachmittag gehen. Bist du dabei?“ Ich stellte mir vor, wie ich im Spaßbad eine Liege im Schatten suche, mich mit Sonnencreme und leichter Kleidung bedecke und ein Buch raushole. Ein Szenario, dass ich schnell verwarf. Spielverderber wollte ich nicht sein. Eigentlich war ihr „Wir setzen uns an den Beckenrand und halten die Füße ins Wasser“ auch ein schöner Gedanke. Überhaupt lässt sich alles aushalten, wenn man in der richtigen Gesellschaft ist. Ich bat um Bedenkzeit, aber mein innerer Schweinehund* war bereits angestachelt. Nein, ich bin kein Typ fürs Spaßbad. Und mache auch nie Urlaub in einem Villagio. Aber Monica hat immer solche Ideen, die mich erst nerven und mir dann helfen, über meinen Schatten zu springen, der Bequemlichkeit zu entfliehen und Überraschendes zu erleben.
Am Tag vor dem Termin sagte die Freundin, die sich mit mir an den Beckenrand setzen wollte, selbst ab. Mit gutem Grund, keine Drückebergerei. Und ich? Zauderte noch mal heftig. Gehe ich, gehe ich nicht? Ich ging! Beziehungsweise fuhr. Und wie befürchtet (das liegt in meiner Natur), waren schon alle Parkplätze besetzt. Eine gute Ausrede für mich, niemals am Wochenende auf die Idee zu kommen, (für die Kinder) in eines der Freibäder zu fahren. Parken unmöglich! Oft genug erlebt. Nun stand ich um 20 Uhr, pünktlich zur Gymnastikstunde, zwischen den Autos und hoffte, dass Badegäste heimfahren würden. Stattdessen kamen immer mehr Familien, die offensichtlich in die Pizzeria wollten. „Ich stehe draußen und weiß nicht, wohin mit dem Auto“, textete ich an die Gruppe. „Wir warten auf dich!“ kam die fröhliche Antwort. Zweckoptimismus ‒ leichte Übung, wenn man schon drinnen ist. Als ich nach zehn Minuten die Geduld verlor und den Heimweg antreten wollte, wurde doch noch eine Lücke frei. Nun gab es keine Ausrede mehr. Nur die, dass das Kinderbecken, in dem die Aquagymnastinnen turnten, bereits rappelvoll war, so dass ich am Beckenrand im Trockenen blieb. Wir waren zu zweit, ob nun wasserscheu oder nur zu faul zum Umziehen, und durften Monica assistieren, das heißt, neben ihr vorturnen. Wahrscheinlich war ich in dieser Rolle den Blicken der Schaulustigen noch viel mehr ausgesetzt als im Wasser. Aber wenn die Musik passt (Bella Ciao in der Dance-Version) und der Sportsgeist geweckt ist, macht mir gar nichts mehr etwas aus. Ich lege meine nordische Reserviertheit ab.
Apropos nordisch. Monica stellte fest, dass ihre Assistentinnen diesmal beide aus dem Norden kämen. Ich aus Deutschland, die andere aus der Lombardei. Tatsächlich stammen viele Frauen der Gruppe aus dem Süden, aus Kalabrien, Sizilien, Apulien oder Kampanien. Sie haben die Geselligkeit und Spaßbäder praktisch im Blut. Ich gebe zu, dass ich mich manchmal schwertue, aber zugleich dankbar bin für diese kulturellen Tauchgänge. Tauchgang im streng positiven Sinn von erfrischend und belebend. Die „Terroni“, wie die Süditaliener von den Norditalienern spöttisch genannt werden, wissen das Leben zu genießen. Und ich darf ab und zu dabei sein. Der Abend im imaginären Villaggio war wunderbar entspannt, bei köstlicher Pizza und angeregten Gesprächen. Als ich am Tag danach in der Bibliothek über den Titel einer Neuerscheinung, „Cambio vita, vado al sud“ (Ich ändere mein Leben, ich ziehe in den Süden), stolperte, musste ich grinsen und griff zu. Im Untertitel heißt es: „Diventare terroni e vivere felici.“ („Terroni“ werden und glücklich leben). Die Familie beäugte meine neue Lektüre besorgt. Sie trauen mir alles zu.
*Sophie aus Berlin hat für dieses Tier ein viel schöneres Wortspiel: Ferkelwelpe. Wie sie den Kampf mit ihm gewann und warum es sich gleich in mehrfacher Hinsicht gelohnt hat, lest ihr auf ihrem Blog: „Eine Medaille gewinnen“.
Titelfoto: Symbolbild von Pexels.
Wir sind nicht Spaßbad und Ferienpark sozialisiert und betrachten das mit gewisser Skepsis. Aber wenn wir uns in „unbekanntes Gewässer“ wagen, sind wir meist angenehm überrascht. Ich bin ähnlich zurückhaltend wie du, liebe Anke, und freue mich immer, wenn ich etwas Neues in mein Leben aufgenommen habe. Was nicht heißt, dass beim nächsten Mal wieder ein wenig Zurückhaltung überwunden werden muss. Liebe Grüße 😉
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