Frühstück ist fertig!

„Warum gibt es dieses Bauernfrühstück bei uns eigentlich immer am Abend?“, fragt unsere Kleine beim Abendessen. Die Leib- und Magenspeise meines Vaters ist eine der wenigen deutschen Gerichte, die ich meiner italienischen Familie regelmäßig serviere.  Einfach, praktisch, lecker. Nicht superschnell, aber auch nicht allzu aufwändig. Alles passt in eine Pfanne. So ein Hauptgericht gelingt sogar mir, die in unserer Familie nur den Titel einer Contornista (Beilagenköchin) tragen darf. Und es gelingt mir offensichtlich gut, meinen Italienern schmeckt es. Ich schaue unsere Tochter an, freue mich, dass sie mir inmitten unseres italienischen Tischgesprächs eine Frage auf Deutsch stellt. Sie hat also über den Namen des Gerichtes „Bauernfrühstück“ nachgedacht.

„Ich fürchte, dass Italienern eine herzhafte und dazu dermaßen üppige Speise aus Kartoffeln, Speck und Eiern am frühen Morgen im Hals stecken bleiben würde“, antworte ich grinsend. Dann erzähle ich ihr meine Vermutung, dass dieses Gericht wohl früher auf dem deutschen Land ein Frühstück gewesen sein muss. Eins, das die nötige Energie vor schwerer Arbeit auf dem Feld lieferte. Mittlerweile ist es ein normales Essen, das in traditionellen deutschen Restaurants mittags und abends auf der Karte steht.

Mein Blick schwenkt von unserer Tochter, die diese Erklärung offensichtlich überzeugt, zu meinem Mann. Auch er hat seine Portion deutschen Kartoffelschmaus verdrückt und leckt zufrieden die Gabel ab. Ich muss daran denken, wie er mich das allererste Mal auf eine Reise nach Deutschland begleitete. Damals war er noch nicht mein Mann, sondern der Fidanzato. Das bedeutet so viel wie fester Freund, auch wenn die wörtliche Übersetzung „Verlobter“ wäre. Ein Eheversprechen hatten wir uns nach drei Monaten noch nicht gegeben. Mein italienischer fester Freund hatte seine kulinarische Feuerprobe beim ersten Frühstück auf deutschem Boden. Wir übernachteten auf der Fahrt nach Dresden in einem bayerischen Landgasthof in der Nähe der Autobahn. Es gab, als wir spätabends dort anhielten, nur noch ein freies Zimmer, ein Einzelzimmer. Darin stand ein traditionelles Bauerneinzelbett aus Holz. Die Bauern müssen zu den Zeiten, als man solche Betten baute, nicht nur kleiner gewachsen, sondern wegen ihrer schweren Arbeit auch recht mager gewesen sein. Uns Frischverliebten machte es nichts aus. Vielleicht räumte mein Fidanzato irgendwann gentlemanlike das Feld beziehungsweise Bett und verbrachte den Rest der Nacht auf dem Bettvorleger neben mir. Ich kann es nicht mehr genau sagen. Was ich aber nie vergessen werde, ist das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen. Es war derart üppig, voll frischer, verlockender Speisen, dass einem Deutschen kein Wunsch offengeblieben wäre. Es gab einfach alles. Bis auf eins, das hatte ich nach eingehender Inspektion auch der entlegensten Winkel mit Sorge feststellen müssen. Bis auf das, was mein Fidanzato üblicherweise zum Frühstück hatte. Es gab keine Biscotti (Kekse). Nachdem ich meine Runde gedreht, mich selbst bedient hatte und mit meinem Tablett an unseren Tisch kam, wünschte ich ihm augenzwinkernd „Auguri!“(Herzlichen Glückwunsch!). Ich hoffte, die Situation mit Humor vorsorglich zu entschärfen. Innerlich brodelte es jedoch heftig in mir, und die ersten Trennungsängste schlichen sich in meinen noch leeren Magen. Was, um Himmels willen, sollte er Passendes finden? Er würde verzweifelt Biscotti suchen, und irgendwann vorwurfsvoll und mit leeren Händen an den Tisch zurückkehren … 

Ich hatte die Rechnung ohne meinen aufgeschlossenen Italiener gemacht. Es dauerte gar nicht lange, und er kam freudestrahlend anstolziert, mit vollem Tablett und geschwollener Brust wie von einer erfolgreichen Jagd.

Ci voleva anche la birra, ma purtroppo devo ancora guidare.” (Es hätte ein Bier dazugehört, aber leider muss ich ja noch fahren.)

Ahnt ihr jetzt, was er auf dem Teller hatte? Wir waren in Bayern. Richtig: Weißwürste und Brezen. Anbei noch eine große Portion Bratkartoffeln. Seinen Cappuccino ließ er sich an den Tisch bringen, nachdem er den deutschen Filterkaffe als Aqua sporca (schmutziges Wasser) bezeichnet, bei mir gesehen und probiert hatte.

Den deutschen Frühstücks-Test hatte mein zukünftiger Mann also bravourös gemeistert. Es sollten ihn noch weitere kulinarische Kulturschocks erwarten, aber das sind wieder andere Geschichten. Daheim bevorzugt er bis heute ein italienisches Frühstückchen, mit Brioche, Biscotti oder Fette Biscottate con Marmellata (Zwieback mit Marmelade). Auch deshalb serviere ich Bauernfrühstück ‒ den Namen missachtend, aber wie aus meiner alten Heimat gewohnt ‒ lieber abends oder auch mal als Mittagessen.

Titelbild: Symbolbild von Pexels. Mein Bauernfrühstück war nicht so fotogen, um als Titelbild durchzugehen.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

23 Kommentare zu „Frühstück ist fertig!

  1. Schöne Geschichte, danke. So ein Bauernfrühstück mag ich auch ab und zu. Aber nicht am Morgen, dann könnte ich mich dann gleich wieder hinlegen … oder müsste vorher den Job wechseln

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    1. Bittesehr, danke fürs Lesen! Ja, zum Frühstück ist das nix für uns Stadtmenschen und Schreibtischtäter. Das extremste, selbst für uns Deutsche schwer verdauliche Frühstück hatten wir als Sechzehnjährige im „Lager für Erholung und Arbeit“ in der UdSSR, jetzt Belorussland. Da gab es fetten Bratfisch zu zerkochtem Reis. So schwer war die Feld- oder Waldarbeit dann auch nicht, dass wir so viel Energie benötigt hätten. 😂

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    1. Porridge a pranzo? Mi ricorda i piatti dolci che si mangiano in Germania, tipo riso oppure semolino al latte. Perché no. Ho detto a mio marito che ti piace il caffè in versione “acqua sporca”, mi ha risposto che gli dispiace tanto. 😉

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  2. Bauernfrühstück oder Bratkartoffeln, das einzige Gericht, das unsere Kinder, wenn sie die Wahl haben, sich lieber von ihrem Vater machen lassen. Das kann er einfach besser als ich. Damit erschöpfen sich aber auch schon seine Kochkünste 🤷‍♀️😉
    LG Bettina

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    1. Liebe Ines, mit einem Frühstückslieferservice kann ich leider nicht dienen. 😉
      Wenn du das nächste Mal „Bauernfrühstück“ auf der Karte liest, weißt du, dass sowas dank Auslandsberlinern wie mir auch in Italien gegessen wird. Danke fürs Lesen und liebe Grüße zurück!

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  3. Ich mache das auch ganz gern mal, vor allem im Winter. Und abends, auf jeden Fall. Auch wenn wir ländlich wohnen, so viel Energie am Morgen wäre übertrieben. Außerdem inzwischen ohne Speck, dafür mit Gewürzgurken. Wenn ich besonders gute Laune habe, bekommt mein Mann separat gebratene Speckwürfel als Topping.
    Aber auf jeden Fall schön, über das kulinarische „Über-den-Tellerrand-schauen“ zu lesen.
    Liebe Grüße
    Anja

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    1. Liebe Anja, ihr also auch! 😀 Die Gewürzgurken (und Tomaten) kommen bei uns als Deko beziehungsweise frische Beilage auf den Teller. Über kulinarische Kulturunterschiede lässt es sich schreiben, da gibt es in einer italienisch-deutschen Familie immer wieder zu schmunzeln. Danke und hab ein angenehmes Wochenende! (Vielleicht mit Inspirationen aus deinem neuen Kochbuch?)

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  4. Eine schöne Geschichte, die mir Appetit macht. Dieser Kakao lacht mich auf Deinem Foto so verführerisch an, dass ich gleich in die Küche gehe und mir einen mache. Ist doch Kakao, oder? Liebe Grüße in den Süden aus dem hohen Norden, wo der Frühling mindestens so schön ist, wie bei Euch. Wenn auch wahrscheinlich ganz anders…..🌞

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    1. Oh, das kann ich nicht genau sagen, ob das Kakao ist. Das Foto ist ja, wie unter dem Text vermerkt, ein Symbolbild von der Bilddatenbank. Aber ein Kakao war natürlich schnell gemacht, zum Glück bekamst du nicht unstillbaren Heißhunger auf Bayerische Weißwurst oder Bauernfrühstück.😉
      Bei uns macht der Frühling gerade eine Pause, oder zumindest der Sonnenschein. Regen gehört auch zum April!
      Danke fürs Lesen und liebe Grüße hoch in den Norden zu dir, Regine!

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  5. Eine wunderbare Geschichte! Und ich stelle gerade beschämt fest, dass ich meinem Kindern hier im schwedischen „Exil“ noch nie Bauernfrühstück serviert habe. Das muss unbedingt nachgeholt werden! Mal sehen, ob sie auch Fragen bezüglich des Namens haben!

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    1. Das freut mich, danke. Ja, ein Bauernfrühstück solltest du mal machen, wird bestimmt ein Erfolg. Kann man Kartoffeln aus der Pfanne nicht mögen? Vielleicht berichtest du ja, wie es ankam. Viele Grüße vom südlichen ins nordische Exil. 😉

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    1. Bellissimo, vero? Abbiamo un verbo apposto per tante cose, dove in italiano si usa “fare”. Per esempio, fare la doccia, si dice: “duschen” etc.
      Ogni tanto, per scherzare, dico “colazionare”. 😂😎

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