Italien gegen das restliche Europa

Nein, das ist keine politische Kampfansage. Ich berichte euch heute von einem wunderbaren Fest. Jedes Jahr im November, sozusagen als Abschlussball nach den großen nationalen und internationalen Wettkämpfen, feiert sich die italienische Gymnastik-Bewegung, zu der Rhythmische Sportgymnastik, Geräteturnen, Akrobatik und Aerobic zählen. Der Fastweb Grand Prix di Ginnastica fand diesmal in Busto Arsizio in der Provinz Varese statt, einen Katzensprung von uns entfernt. Wer wie meine Tochter und ich zu Welt- und Europameisterschaften bis nach Stuttgart und München fährt, der kann sich ein Turnfest vor der eigenen Haustür nicht entgehen lassen. Also sicherten wir uns rechtzeitig die besten Plätze (das war gut so, denn die Halle war ausverkauft), und erlebten am vergangenen Samstag einige unserer Turnstars ein weiteres Mal hautnah. Zum Auftakt der Show traten erstmals auch behinderte Sportler und Sportlerinnen auf. Eine Geste mit Symbolkraft: Diversität will im Sport nicht nur toleriert, sondern angemessen gefeiert werden.

Zum Feiern laden sich die Italiener jedes Jahr illustre Gäste ein. Europäische Spitzenturner*innen und Gymnastinnen sind dabei, um sich in einer direkten Challenge mit der italienischen Konkurrenz zu messen. Dieser Wettkampfteil nennt sich dann „Italien gegen das restliche Europa“. Den Rest von Europa vertraten in diesem Jahr: Viktoriia Onopriienko, Rhythmische Sportgymnastin aus der Ukraine, Ilias Geōrgíou, Geräteturner aus Zypern (Barren und Reck), Courtney Tulloch, Geräteturner aus Großbritannien (Ringe) sowie ‒ darüber freuten wir uns besonders ‒ die Deutsche Elisabeth Seitz (Balken und Stufenbarren). Eli Seitz lieferte sich die Challenge an ihrem Paradegerät Stufenbarren erneut mit unserer Italienerin Alice D’Amato, welche sie bei ihrem Sieg bei der EM in München ganz knapp auf den zweiten Platz verwiesen hatte. Natürlich schlagen in unserer deutsch-italienischen Mischfamilie die Herzen für beide Sportlerinnen. Zumal, wenn sie gleichwertige Leistungen zeigen. Am Samstag lieferten sowohl Alice als auch Eli erneut eine brillante Übung ab und wurden dafür beide mit der Traumnote 14,6 belohnt. So ging in diesem Duell ein Punkt sowohl an das Gastgeberland als auch an die Gäste.

Den Pokal des Grand Prix gewann am Ende das italienische Team. Die „Azzurri“ hatten ein absolutes Staraufgebot antreten lassen, allen voran die diesjährige vierfache Weltmeisterin der Rhythmischen Sportgymnastik Sofia Raffaeli. Mit der Wertung der (internationalen) Jury stimmte das Publikum überein, nur an den Ringen gab es lautstark bekundetes Unverständnis, als auch an diesem Gerät der Italiener gewann. Dort hatte es Courtney Tulloch (Mannschaftsgold und Bronze an den Ringen bei der letzten WM in Liverpool) vielleicht ein wenig übertrieben, das Publikum während seiner eindeutig höherwertigen Übung mit einer originellen Extra-Pose unterhalten zu wollen. Ich verstand seine Geste gut. Mir kam das Ganze weniger wie ein bierernster Wettbewerb, sondern vielmehr wie ein Freundschaftsturnier vor. Ein Fest eben. Auch Eli Seitz war sichtlich gut gelaunt, selbst nach ihren Patzern am Balken. Wir beobachteten, wie sie sich anschließend mit ihrer Konkurrentin Giorgia Villa angeregt unterhielt, wobei die Hände der beiden stark zum Einsatz kamen. Wie dumm von uns, dass wir nicht daran gedacht hatten, uns zum Übersetzen anzubieten. Diesen Dienst hätte ich liebend gern, aber sicher noch lieber meine Tochter übernommen. Dann wäre auch ein persönliches Autogramm drin gewesen. Auf das extremsportliche Gerangel am Ausgang, wo die italienischen Nationalturnerinnen (Team-Gold bei der EM in München) am Ende signierten, verzichteten wir. Es wäre ein „Wir gegen die restlichen Fans“ geworden. Vom freundschaftlichen Sportsgeist beseelt, ließen wir den vielen jungen Autogrammjäger*innen den Vortritt.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

14 Kommentare zu „Italien gegen das restliche Europa

    1. Nicht wahr? Die Fotos der Profis, auf denen du die artistische Kunst der Sportler erst richtig bewundern kannst, finden sich auf der Seite der Veranstaltung, zu der ich verlinkt habe, unter „Gallery“. Liebe Grüße!

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  1. Ich freue mich immer über Ausflüge in Regionen, in denen ich nicht so zu Hause bin. Beim Lesen fiel mir dann ein, dass ich als Kind einige Jahre lang im Verein Geräteturnen trainiert habe und es eigentlich immer gemocht habe. Das hatte ich ganz vergessen. Bei internationalen Turnieren bleibe ich ab und zu bei dieser Disziplin hängen. Ich mag es, es hat eine ganz besondere Ästhetik und fasziniert mich noch immer. Ich danke dir, liebe Anke, dass ich teilhaben konnte.

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    1. Gern habe ich dich mitgenommen, liebe Roswita. Ich selbst turnte mit 5 Jahren, nahm an Wettkämpfen der 6- und 7-jährigen teil. Dann ging es um die KJS, Kinder- und Jugend-Sportschule, zu der man in der DDR die hoffnungsvollen Talente schickte, aber der Orthopäde hat mich aussortiert. Als meine Tochter dann mit Turnen anfing, ist das Interesse auch bei mir neu entflammt und wir verfolgen als große Fans unsere italienischen Turner und Turnerinnen, die in den letzten Jahren an die Weltspitze vorgestoßen sind. Eine faszinierende Sportart. Live dabei zu sein, genießen wir immer mit vollem Adrenalin. 😊

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  2. Das wäre eine Veranstaltung gewesen, die meinen Töchtern und mir auch wahnsinnig gut gefallen hätte! Turnen schaue ich mir wirklich gern an, manchmal muss ich mir allerdings die Hände vors Gesicht halten und durch die Finger blinzeln, weil ich zum Beispiel gerade den Sprung zu spannend finde. Aber der war ja nicht dabei, oder? Und bei der Rhythmischen Sportgymnastik fasziniert es mich total, wie die Turnerinnen ihr Gerät an einer Stelle hochwerfen und drei Meter weiter wieder auffangen. Wie machen die das?

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    1. Stimmt, es hätte euch gefallen. Ich habe an euch gedacht, liebe Sophie.
      Sprung war diesmal nicht dabei. Da hatten wir im August bei der EM live das doppelte Unglück miterleben müssen, dass sich erst unsere Asia DʼAmato, und dann die Bulgarin Valentina Georgieva verletzt hat.
      Ich zittere am meisten beim Balken mit. Da kann es schließlich allen passieren, mal aus dem Gleichgewicht zu kommen. Zum Glück ist es da seltener mit Unfällen verbunden.
      Die rhythmischen Sportgymnastinnen sind Primaballerinen, Zirkusartistinnen und Akrobatinnen zugleich. Irre!
      Liebe Grüße und vielleicht klappt es ja mal mit einem gemeinsamen Besuch bei einem Turn-Event?

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