Campioncini

Manchmal bekommt man die Antwort auf eine lang gehegte Frage unerwartet und nebenbei. So ging es mir gestern in der Farmacia (Apotheke) im Nachbarort. Bei der kaufe ich nur ein- oder zweimal im Jahr, wenn ich gerade in der Gegend bin und wir etwas brauchen. In meiner Stammapotheke beim Supermarkt hingegen lasse ich richtig viel Geld, für all die Medikamente und Hilfsmittelchen, die man ohne Rezept kaufen muss oder möchte. Was mich in den ersten Jahren in Italien enttäuschte, waren nicht nur die im Vergleich zu meiner alten Heimat höheren Preise für banale Hustensäfte oder Handcremes, sondern vor allem, dass ich nie Campioncini (Pröbchen) dazubekam, wie ich es aus Deutschland kannte. Als die Kinder noch klein waren, schwörte ich auf einen deutschen Hustensaft und deckte mich in jedem Urlaub damit ein. Als man mir dort regelmäßig Cremeproben und Taschentücher und Lutschtabletten und Traubenzucker als Werbung dazupackte, hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, würde ich doch nicht wiederkommen. Wo, verdammt, so fragte ich mich, blieben die Samples in Italien? Die Vertreter würden sie doch auch hier dalassen, um ihre Kosmetika und Gesundheitsmittel mit Hilfe der Apotheken unter die Leute zu bringen. Natürlich wagte ich mich nie, eine so vertrauliche Frage unserem Apotheker des Vertrauens zu stellen. Was sollte er antworten? An seiner Stelle antwortete mir nun viele Jahre später die Kollegin im Nachbarort. Ich selbst wollte nur ein Rezept einlösen, aber eine ältere Kundin war schon länger im Gespräch am anderen Bedientisch. Es ging um Haarpflegemittel. Sie hatte offensichtlich Beratungsbedarf und zeigte sich unentschlossen, vermutlich spielte auch der stattliche Preis eine Rolle dabei. Die Apothekerin, die mich bediente, war mit einem Ohr bei den Verkaufsverhandlungen ihres Kollegen und mischte sich schließlich ein. Als die Kundin noch einmal fragte, ob dieses Shampoo wirklich gut sei, bestätigte sie:

Sì, sì, è buono, molto nutriente. Lo ho usato anch’io.“ (Ja, es ist gut, sehr reichhaltig. Ich habe es auch schon benutzt.)

Und dann:

Avevo dei campioncini.“ (Ich hatte Pröbchen davon.)

Natürlich hatte mein Mann, dem ich das Ganze brühwarm berichtete, eine Erklärung parat. Es seien die Hersteller, die in italienischen Apotheken sparen, indem sie nur wenige Samples für die Verkäufer dalassen, die dann als Testimonials auftreten könnten. Hm, ich weiß nicht, welcher Interpretation ich Glauben schenke: meinem Argwohn oder der freundschaftlichen Version unter Landsleuten.

Nun ist es aber nicht so, dass wir von unserer Stammapotheke als treue Kunden gar nichts bekommen. Zu Weihnachten gibt es alle paar Jahre mal ein Gadget. Der Einkaufswagenchip kam letzten Dezember genau zur richtigen Zeit, war meiner doch gerade kaputtgegangen. Mit Namen und Adresse der Apotheke darauf habe ich immer vor Augen, wo ich kaufen soll. Bei teuren Cremes und Wässerchen für die Schönheit halte ich mich allerdings zurück. Die würde ich gerne vorher testen. Da bleibt mir nur der Weg in die Parfümerie, denn dort gibt es Campioncini. Manchmal.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

9 Kommentare zu „Campioncini

  1. Oh ja, die guten alten Pröbchen in Deutschland! Das hatte ich ja schon fast vergessen. Hier in Schweden gibt es in den Apotheken auch rein gar nichts. Noch nicht einmal die „Medizini“ mit den niedlichen Tierpostern – meine Mutter muss uns die aktuellen Ausgaben inklusive Traubenzuckerpröbchen regelmäßig in den hohen Norden schicken …

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    1. Ja, die guten Beziehungen in die alte Heimat muss man pflegen. 😊 Meine Mutter hob für mich auch eine Zeit lang die Proben auf, als ich noch auf der Suche nach der idealen Gesichtscreme war. Ich hoffe, ihr habt genug Platz im Haus für die vielen Poster. 😉

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      1. Ja, das mit den zu vielen Postern ist tatsächlich ein Problem. Also für mich, nicht für meine Kinder. Ich habe jetzt allerdings damit angefangen, die Poster als Geschenkpapier einzusetzen – das kommt bei Kindergeburtstagen super an. Also ein großes Dank an die großzügigen deutschen Apotheken 😊.

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    1. … e se sei venuta da Italia, non manca niente. Il problema è quando ti eri abituata. Inoltre, veramente, la differenza dei prezzi fra Germania e Italia è allucinante. Rimani male, di non essere “gratificata” per la tua fedeltà. Non hanno bisogno di coccolare i clienti, sembra. Intanto comprano lo stesso.

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  2. Liebe Anke, bei uns in der Schweiz gibt es auch nur selten Pröbchen, wir nennen sie Müsterchen, und dann meistens in einer Apotheke während meiner Ferien, wo ich sonst nie hingehe. Auf dem heimischen Wochenmarkt geht es mir ähnlich. Kennt man mich an einem Stand nicht, gibt’s viel eher ein Extra. Mein Fazit: Mit den Pröbchen/Dreingaben will man neue Kunden werben.
    In den Parfümerien sind Müsterchen jedoch eher Usus. Elisa

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