Supermann

Neulich las ich einen Artikel mit dem skandalverdächtigen Titel „Vittime della sindrome del Vetril“ (Opfer des Vetril-Syndroms). Er wurde mir im Newsfeed vorgeschlagen. Sollte ich mich angesprochen fühlen? Es ging in dem Beitrag um ein Phänomen, für das ein Fensterputzmittel mit seinem Namen herhalten muss: den sogenannten Vetril-Effekt bei Frauen über 50. Sie werden unsichtbar, und das, obwohl sie nicht vollkommen streifenfrei sind. Frauen über 50 sind plötzlich durchsichtig wie frisch mit Vetril gewienerte Fensterscheiben.

Nun, ich weiß, wovon da die Rede ist. Und zwar nicht erst jetzt. Es ist sicher schon wieder zehn Jahre her, als ich in der Mittagspause einmal an einer Horde campierender Soldaten vorbeimusste. Ich war verunsichert, doch es geschah: nichts. In meiner Jugend und noch ziemlich lange danach hagelte es neben Blicken regelmäßig Pfiffe und Sprüche. In jenem Moment wurde mir schmerzhaft bewusst, dass ich vielleicht noch nicht ins Unsichtbar-Stadium, aber doch in eine ruhigere Phase eingetreten war.

Dabei ist das mit dem Nichtgesehen-Werden eigentlich auch ganz schön. In letzter Zeit wünsche ich es mir sogar. Denn es gibt den Super(markt)mann. Ich nenne ihn hier mal so, um weder seinen Namen, den ich nicht weiß, noch den der Supermarktkette, dessen Nennung als Werbung verstanden werden könnte, zu erwähnen.

Sicher kennt ihr solche Situationen auch: Ihr seid unterwegs und hängt irgendwelchen Gedanken nach. Da rückt eine Person rein zufällig in euer Blickfeld und meint, ihr würdet sie absichtlich anschauen. Normalerweise kein Problem. Ihr geht weiter und seht die Person nie wieder. Mir passierte das irgendwann im Frühsommer mit einem Supermarktangestellten, der gerade Sahne-, Soja- und Magermilchjoghurt ins Regal sortierte. Ich war an jenem Samstag mit den Gedanken woanders und nicht wie gewohnt auf den Einkauf fokussiert. Normalerweise arbeite ich meine Liste ab, die in strenger Reihenfolge der Supermarktreihen auf einen Zettel geschrieben ist und drehe keine unnützen Runden. Diesmal musste ich mehrmals zurückgehen, weil ich etwas vergessen hatte. Ich begegnete demselben Angestellten insgesamt dreimal, immer an anderen Orten, an denen er gerade hantierte. Beim dritten Mal sprach er mich an. So begann meine unfreiwillige Bekanntschaft mit Supermann. Er ist ungefähr in meinem Alter, bei Männern kann man das immer schlecht sagen. Er ist nicht mein Typ. Kein bisschen. Gar nicht. Aber dafür kann er ja nichts. Wofür er allerdings etwas kann, ist, dass er mich seither zu verfolgen scheint. Wo immer ich gerade vor einem Regal stehe, biegt er irgendwann um die Ecke oder taucht zwischen den Kisten auf. Seine Augen leuchten dann immer, er strahlt über das ganze Gesicht und grüßt mich, als ob wir gute Bekannte wären. Zweimal passierte es, dass ich einen Mozzarella oder einen Streichkäse nicht fand und er mir behilflich sein konnte. Ein andermal ging er extra nach hinten, um die Hafermilch im Angebot für mich aus dem Lager zu holen.

Die unheimlichste Begegnung hatten Supermann und ich am Tag, an dem Silvio Berlusconi beerdigt wurde. Als ich ins Parkhaus fuhr und dieses halbleer war – ungewöhnlich für einen Mittwochnachmittag – fiel es mir ein: Um 15 Uhr begann die Trauerfeier im Mailänder Dom und wurde im Fernsehen übertragen. Gut, dachte ich, das Einkaufen würde schneller gehen, wenn viele der üblichen Kunden daheim vor dem Bildschirm säßen. Doch im Markt war es nicht nur leer, sondern auch … irgendwas fühlte sich anders an. Es war verdammt leise. Die Unterhaltungsmusik aus den Lautsprechern fehlte. Sollten sie die etwa wegen … Noch ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, vernahm ich eine Durchsage, von der ich nur Bruchstücke verstand. Etwas von „Beileidsbekundung“ oder so. Dann gingen die Lichter aus. Wir wenigen Kunden standen im Halbdunklen. Eine Schweigeminute, verstand nun auch ich und blieb stehen. Und wer kreuzte in diesem Moment des innigen Gedenkens meinen Weg? Obwohl ich gar nicht vor dem Milchregal stand? Supermann! Diesmal nickte er freilich nur, statt zu plaudern. Der Situation angemessen. Unheimlich war es trotzdem. Zum Glück gingen die Lichter kurz darauf wieder an, ich konnte meinen Wagen weiterschieben und den Einkauf hinter mich bringen. Sogar ein paar Takte Popmusik hörte ich leise klimpern. Sie verstummten allerdings so schnell wieder, wie sie eingesetzt hatten. Vermutlich hatte jemand den Verantwortlichen zurechtgewiesen. 

Wisst ihr, was das Dümmste an der ganzen Sache ist? Das Problem bin ich selbst. Ich verkrampfe mich beim Versuch, ihm nicht zu begegnen. Dabei liegt das gar nicht in meiner Macht. Und doch spüre ich diese Verunsicherung. Lieber unsichtbar sein als wie eine wirken, die jemanden sucht. Sein vertrauliches „Ciao!“ beantworte ich längst mit einem sachlichen „Buongiorno!“. Ich nenne ihn im Scherz meinen „Stalker“. Dabei ist noch gar nicht klar, wer hier wen stalkt, und womöglich sieht er es gerade andersherum. Es begab sich nämlich, dass ich herausfand, wo er wohnt. Ich hatte einen Tag frei und beschlossen, die seltene Gelegenheit touristisch zu nutzen. Allein und tiefenentspannt spazierte ich an einer Seepromenade entlang und genoss meinen Ausflug. An einem Freitag, der kein Feiertag war, waren nur wenige Leute unterwegs. Ich hatte mich gerade mit meinem Buch auf eine Bank gesetzt, als ein Jogger des Wegs kam. Der grinste mir schon von Weitem zu und ich ahnte Schlimmes, bevor ich ihn überhaupt erkannte. „Cosa ci fai qua?“ Was machst du hier, war seine Frage, und ich fragte ihn, was er denn hier mache, statt in der Arbeit zu sein. So allein auf der Bank und ohne Einkaufswagen, den ich geschäftig hätte weiterschieben können, musste ich mich auf ein kurzes Gespräch einlassen. Die Einladung auf einen Caffè lehnte ich dankend ab. Ich hatte tatsächlich gerade einen getrunken. Nun konnte er sagen, ich würde ihn stalken. Na prima!

Nach diesem traumatischen Erlebnis am See dachte ich sogar eine Weile daran, wegen des Supermanns den Supermarkt zu wechseln. Dabei gäbe es eine viel einfachere Lösung: Ich schicke künftig den Gatten zum Einkaufen. Soll der sich doch mit der netten Kassiererin unterhalten.   

PS: Im Titel des eingangs zitierten Artikels hieß es auch noch: „Si diventa invisibili ma anche libere e felici.“ Frau wird unsichtbar, aber auch frei und glücklich. Schön wär’s!

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

38 Kommentare zu „Supermann

    1. Gute Idee! Wir sind jedoch unverbesserliche Zeit-Optimierer und gehen nur einzeln einkaufen, ich in neunzig Prozent der Fälle. Ich versuche es schon mit verschiedenen Zeiten. Aber seine Schichten ändern sich offensichtlich auch. Ich werde an mir arbeiten, es einfach entspannt sehen und unverbindlich nett sein.

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  1. Ich weiß gar nicht, wo das Problem ist😉?
    Einerseits möchtest du nicht unsichtbar sein und dann ergibt sich eine Flirt-Gelegenheit, die du negierst. Okay, er war nicht dein Typ, aber du wolltest ihn ja auch nicht heiraten. Für ihn war es eine Unterbrechung des Alltages, nicht nur Regale füllen, nein, auch mal gucken. Ich finde, man bekommt immer das zurück, was man gibt. Hier wäre es Freundlichkeit und Aufmerksamkeit gewesen, für dich und für ihn.
    LG

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    1. Nein, du hast Recht, es ist nicht wirklich ein Problem. Aber doch erstaunlich, wie man sich in so widersprüchliche Gefühle verstricken kann. Ich meine, zum (unverbindlichen) Flirten braucht es zwei, bei denen es passt. Wenn es für einen von beiden stört, sollte das der andere merken, oder nicht? Ich sage mal, die Zeit wird’s richten, und er sich eine andere ausgucken.
      Danke für deinen Kommentar und die Anregung, denn mit der Freundlichkeit im Allgemeinen hast du einen wichtigen Punkt getroffen, an dem ich selbst auf jeden Fall arbeiten kann.

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      1. 😉vor ca 20 Jahren, als ich Ende 40 war, sagte mir ein Kollege, als wir über die Unsichtbarkeit der Frauen in der Öffentlichkeit sprachen, folgendes:
        Wenn du in die Straßenbahn oder Bus einsteigst und keiner schaut mehr, dann bist du alt!
        Das hat sich eigenartigerweise eingeprägt. Ich gebe aber zu, dass ich manchmal auch nur angelächelt werde, weil man mir einen Platz anbietet😜
        Ich nehme ihn, den Platz, so wie ich auch unverfänglich flirte bzw. darauf eingehe, wenn es sich ergibt.
        Soviele nächste Gelegenheiten wird es nicht mehr geben😉

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      2. Da fällt mir ein: Das mit dem Platzanbieten geschieht ja auch Schwangeren. Wenn man also vielleicht noch nicht ganz so alt ist, aber aussieht wie schwanger … oh je, ich spinne mal lieber nicht weiter und sage, öffentliche Verkehrsmittel sind nicht der geeignete Ort, um das Sichtbarsein zu prüfen. 😅
        Deine positive Einstellung zum Flirten gefällt mir! Ich muss an mir arbeiten. Liebe Grüße!

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  2. Es ist schon interessant, wie man sich verspannen kann und dadurch seltsame Situationen entstehen können. Und ich kann dir sagen, damit bist du nicht allein. Danke für diesen Text – mitten aus dem Leben.

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    1. Liebe Roswitha, genau, du sagst es, ich bin verspannt. Wir sitzen also manchmal im selben Boot? Na dann, lass uns das Leben entspannter angehen! Ein Lächeln zu viel gibt es eigentlich nicht.

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  3. Das „Vetrilsyndrom“ greift immer mehr um sich. Kaum ein Mann traut sich, einer Frau hinterherzupfeifen, einen Spruch loszulassen oder gezielt zu blicken.
    Selbst gesittete Komplimente werden überdacht und bleiben, aus heute leider begründeten Bedenken, lieber unausgesprochen.
    Zu groß ist die Sorge, wegen Übergriffigkeit oder gar sexualisierter Belästigung oder Gewalt, zur Rechenschaft gezogen zu werden.
    Oder liegt es doch an meinem fortgeschrittenen Alter?
    Nachdenkliche Grüße von Bettina.

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    1. Liebe Bettina, da sprichst du noch einen ganz anderen Aspekt an, den ich hier nicht habe einfließen lassen. Auch, weil es keinen Anlass zur Sorge gibt. Das Wort „stalken“ habe ich bewusst in Anführungszeichen gesetzt, weil ich es hier mit einem Augenzwinkern meine. Interessant, welche Verbindung du herstellst. Vermutlich ist dieses Thema und die Sensibilität in Deutschland viel gröβer. Allerdings kommen mir da Bedenken im Hinblick auf die Chance, überhaupt noch jemanden kennenzulernen. Das (unverbindliche) Flirten auf offener Straße war in Deutschland schon vor zwanzig, dreißig Jahren praktisch nicht existent. Wie hieß es immer: Man hat eher die Chance, vom Blitz getroffen als von jemandem nett angesprochen zu werden. Oh je, ein weites Feld. Das gäbe nicht einen, sondern viele Artikel, meine ich.
      Danke und liebe Grüße zu dir!

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      1. Ja, sicher hast du recht mit der Sensibilität in Deutschland. Auch hier ist unser Vaterland unter Garantie wieder einmal „Musterschüler“. Wobei der Osten wohl, und das sehe ich als angenehm, hier ein wenig hinterherhinkt 😉. Ehrlich gesagt denke ich schon lange darüber nach, einen Artikel zu genau diesem Thema zu schreiben. Aber, wie du schon sagst, es ist ein weites Feld und kann zu einem ganz heißen Eisen werden. Zum Flirten fällt mir, wenn auch nicht ganz passend, eine schöne Aussage des österreichischen Schauspielers Ernst Stankowski ein: „Der Flirt ist ein Spiel, bei dem man nicht weiß, ob man noch in der Qualifikation ist, oder schon im Finale.“ Ohne Flirt sind deine/ unsere Bedenken zum Kennenlernen berechtigt. Und das Leben macht weniger Spaß. Schönes Thema! Liebe Grüße!

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      2. Vielleicht wirst du ja auch mal durch eine konkrete Situation zum Schreiben angeregt, ohne Angst vor heißem Pflaster. Wie und wann auch immer du es vielleicht angehst, ich freue mich aufs Lesen. 😊 Danke, und liebe Grüβe an dich!

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  4. Ich habe deinen Text gerade mit einem sehr breiten Grinsen gelesen. Auch ein bisschen ungläubig. Beides hat nicht mit deiner Erzählung zu tun, sondern dass es mir im Moment so unglaublich ähnlich geht.
    Fast möchte ich den Supermarkt wechseln und mache es nur nicht, weil es schrecklich albern wäre. In meinem Fall ist der Mitarbeiter gerade mal Ende zwanzig und flirtet ganz sicher nicht mit mir. Aber er grinst mich an – jedes Mal – und verwickelt mich in ein Gespräch. Erzählt von seinen Rückschmerzen, fragt was ich schönes am Wochenende gemacht habe usw. Das alles irritiert mich, weil ich in den letzten Monaten genau den Effekt erlebe, von dem ich nicht wusste, dass er Verilsyndorm genannt wird. Mit 47 wird man als Frau unsichtbar. Teils zweifellos auch angenehm, aber auch etwas an das man sich erstmal gewöhnen muss. Ich frag mich also immer in diesem Supermarkt, was der Kerl eigentlich von mir will und unterstelle ihm Mitleid. Das ist hoffentlich quatsch, denn so schlimm steht es um mich auch nicht nicht. Aber es irritiert mich und ich merke, dass ich anfange mich zu verstecken. Bescheuert und nach deinem Text etwas, dass mich schmunzeln lässt. Über mich selbst.

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    1. Liebe Mitzi, dann hat mein Text ja etwas Positives bewirkt. So weit kommt es noch, dass wir den Markt wechseln oder uns verstecken! Dein Bekannter scheint aber wirklich ans Eingemachte zu gehen, wenn er dir von seinen gesundheitlichen Problemen erzählt. Hm, das muss man mögen und Zeit dafür haben. Vielleicht erinnerst du ihn an seine große Schwester oder wen auch immer, du bist ihm sympathisch. Mitleid spielt da auf keinen Fall eine Rolle, das wage ich mal von hier aus zu behaupten! Also, nicht unterkriegen lassen und freundlich zurückstrahlen. Zu der Einstellung komme ich auch gerade, während ich die anregenden Kommentare hier lese. Liebe Grüße nach München!

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      1. Liebe Anke, wir verstecken uns sicher nicht! Das sehe ich ganz genauso. Ich werde mich daran gewöhnen und eigentlich ist es ja auch ganz nett. Deine Idee mit der großen Schwester (vielleicht eher Mutter) könnte ganz gut passen.
        Liebe Grüße

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  5. Du schreibst über ein hochinteressantes und immens wichtiges Thema: Nähe und Distanz, wer oder was regelt die eine, die andere? Da wäre generell einmal ein breiterer gesellschaftlicher Diskurs dazu angebracht.
    Nebenbei muss ich rasch meiner Verblüffung Ausdruck geben: Landesweite Schweigeminute zu Berlusconis Beerdigung???!!! Na bumm!

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    1. Hallo Peter, na das mit der Schweigeminute war nicht landesweit vorgeschrieben, sondern wurde von Institutionen oder in diesem Fall der (sicher zu dessen Firmenimperium gehörenden) Supermarkkette angesetzt. Ich war auch überrascht.

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