Ein Nachmittag im Waschsalon

Wer hier regelmäßig mitliest, erinnert sich vielleicht an meinen schwierigen Start mit unserer smarten Waschmaschine. Das Programm „Bewölkter Tag“ habe ich nie benutzt, wie die meisten Programmvorschläge des schlauen Gerätes. Ich komme mit drei Programmen gut über die Runden: Baumwolle 60 Grad plus Trocknen, Gemischtes 30 Grad, Farbiges 30 Grad. Im Winter auch mal Wolle. Punkt. All der andere Schnickschnack und die schlaue Anzeige bei jedem Anstellen des Gerätes, es hätte irgendetwas mit Hilfe von KI optimiert, wecken bei mir keine Begeisterungsstürme. Was mich nun auf die Palme brachte, war, dass das teure Gerät nach einem Jahr plötzlich streikte. Alles gute Zureden und Handanlegen half nichts. Es behauptete, der Wasseranschluss sei blockiert. Für eine Reparatur in Garantie mussten wir den markeneigenen Service rufen, der anderthalb Wochen auf sich warten ließ. Anderthalb Wochen sind für eine vierköpfige Familie, in der die Kinder täglich neue Outfits tragen wollen und immer wieder auch nur Anprobiertes versehentlich in die Wäsche geben, eine Ewigkeit.

Aus Sorge, ich würde mich eines Morgens vorm Familiengericht wiederfinden und angesichts fehlender Kleider im Schrank zu lebenslangem Küchendienst verdonnert werden, begab ich mich zum zweiten Mal in meinem Leben in unseren Waschsalon. Ich sage „unseren“, weil er sich zum Glück ganz in der Nähe in unserem kleinen Ortsteil befindet und nicht von einer halben Stadtbevölkerung frequentiert wird. Der Besucheransturm hält sich in Grenzen, das Ambiente kann als gemütlich bezeichnet werden. Es ist sauber. Und der Duft nach dem hauseigenen Waschpulver … ich mag ihn! Also schnappte ich mir an einem Nachmittag zwei Säcke Wäsche und ein Buch und tat, was ich als fürsorgliche Mutter und Wäscheverantwortliche tun musste. Als ich mir zwei Maschinen gesichert und programmiert und ihnen sogar meinen übriggebliebenen Chip vom ersten Mal angedreht hatte, freute ich mich über die kurze Dauer der Programme und aufs entspannte Lesen. Den Fernseher, der über den Waschmaschinen hing und zehn Jahre alte Folgen „Masterchef“ mit ständiger Werbeunterbrechung wiedergab, hätte ich gern ausgeschaltet. Aber ich war nicht zuhause und eigentlich lenkte er mich auch gar nicht so sehr ab. Das taten die anderen Kunden. Ein paar Frauen kamen und gingen, drei Männer mittleren Alters warteten auf ihre Wäsche. Sie sprachen wenig. Einen kannte ich. Vom Sehen. Vor Jahren waren wir uns häufiger in unserem Viertel begegnet. Er, der seinen Hund ausführte. Ich, die rannte oder sportlich lief. Eins weiß ich noch wie heute: Wenn ich ihn von weitem sah, begann ich zu rennen. Er war so etwas wie der Bruder von Supermann. Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, wen ich meine. Auch er war so ein Typ, der sich immer ein bisschen zu sehr freute, mich zu sehen, und der am liebsten ein Gespräch angefangen hätte, welches ich ‒ mein Tempo beschleunigend ‒ zu vermeiden suchte. Komisch, dass er mich jetzt nicht ansprach. Lag es an meiner Haarfarbe, damals blond und jetzt burgunderrot? Älter war er schließlich auch geworden. Ich wog mich in Sicherheit, aber das Spiel hatte nur noch nicht begonnen. Kaum hatten die anderen beiden Herren den Salon verlassen, war ich um die Lese-Ruhe gebracht. „Un caffè?“, hörte ich fragen. Unwillig schaute ich auf und sah, dass er zu mir schaute und die Frage an mich gerichtet war. „No“, erwiderte ich kurz angebunden und richtete meinen Blick wieder demonstrativ ins Buch. „O magari un tè?“, ließ er nicht locker und erklärte, dass sich doch ein Getränkeautomat im hinteren Teil des Raumes befände. Ich versuchte es mit einem Lächeln und zwei Worten mehr. „No, grazie. Sono a posto!“ (Nein, danke. Ich möchte nichts.) Diese zwei Worte oder vielmehr, wie ich sie aussprach, ließen meinen Gesprächspartner ahnen, dass ich keine Italienerin war. „Non sei italiana, vero?“ Ich atmete tief durch, bestätigte, Deutsche zu sein und beschloss, mich erkennen zu geben. Ich hatte keine Lust auf das übliche Geplänkel. Man könnte besser an bereits bekannte Fakten anschließen und die Unterhaltung etwas konkreter gestalten. „Wir kennen uns“, gab ich kurzerhand zu. „Unsere Kinder waren im selben Kindergarten und Sie gingen immer mit Ihrem Hund spazieren.“ Ob er mich erst jetzt erkannte oder nur den Unwissenden gespielt hatte? „Ach ja, mein Hund. Der ist leider gestorben.“ Das soll vorkommen, dachte ich gelangweilt und überlegte, wie ich mich aus der Affäre ziehen könnte, um zu meiner Lektüre zurückzukehren. Entweder, es kämen bald weitere Kunden oder Kundinnen, oder ich müsste eine Runde auf dem Hof drehen, oder … ja was?

Von einer Waschmaschine hatte ich mir keine Hilfe erwartet. Genau die sprang in die Bresche. Ihr ahnt nicht, wie: mit einem Defekt! Die Trommel der Maschine, in der eine meiner beiden Waschladungen steckte, drückte plötzlich bei jedem Dreh einen Schwupp Wasser aus dem Rand ihres Bullauges. Die Pfütze am Boden kroch immer weiter in Richtung meiner Füβe. Ich sprang auf und trat zur Seite. Mein alter Bekannter hatte nun auch seinen interessierten Blick von meiner lieblichen Gestalt gelöst und auf das wasserspeiende Ungetüm gelenkt. Erst sah es so aus, als wolle er selbst eingreifen. Dann besann er sich und wählte die Nummer des Betreibers, der auch sofort aus dem daneben liegenden Unterwäschegeschäft zu Hilfe eilte. „Un caso raro“, stellte der nach eingehender Visite des Patienten fest. Ein seltener Fall. So ein Fehler war in all den Jahren noch an keiner Maschine aufgetreten. Er klebte ein dickes „Guasto“ (Defekt) über das Bullauge, nachdem ich meine halbgare Wäsche in die daneben liegende Maschine umgeschichtet hatte und auf Kosten des Hauses den Waschgang noch einmal starten durfte. Es wird an mir liegen, stellte ich selbstkritisch fest. Wie es beim Computer im Büro regelmäßig der Fall ist. Wenn die Bildschirme aller Kollegen ein Dokument fehlerfrei anzeigen, habe ich Streifen drüber. Mal bildlich ausgedrückt.

Aber zurück zur Wäsche. Der Betreiber war ausgesprochen nett und beteuerte mehrmals, dass es ganz gewiss nicht meine Schuld war. Zum Trost schenkte er mir zwei Chips fürs Trocknen. Die halbe Stunde Zeit war nicht verloren, denn ich konnte nun ganz entspannt lesen. Mein alter Bekannter hatte den Salon zwischenzeitlich verlassen.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

16 Kommentare zu „Ein Nachmittag im Waschsalon

  1. Puh! Das ging nochmal gut, liebe Anke. Du hast sozusagen „technische Unterstützung“ von der Waschmaschine im Waschsalon bekommen. 😉Besser hätte es nicht laufen können. Und dazu noch zwei Trocknerchips statt einem erneuten „Kaffee oder Tee“-Angebot: Ein wahrer Erfolg!
    Hab‘ einen schönen Sonntag (ohne Waschsalon hoffentlich) und viele Grüße, Eva

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    1. Ja, erstmal ist das Thema Waschsalon wieder vom Tisch. Und ansonsten, wie du richtig sagst, war es rundum unterhaltsam und es sprang sogar noch eine Geschichte für den Blog dabei heraus. Liebe Grüße und eine erfolgreiche Woche für dich!

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  2. So ein Zufall!
    Ich war letzte Woche zum ersten Mal im Waschsalon, weil meine (zugegeben alte und vom Vormieter kostenlos übernommene) Waschmaschine kein Wasser mehr zog.
    Zum Glück ist Chemnitz eine Universitätsstadt, also gibt es Waschsalons. Und zum Glück lebe ich alleine, so dass meine Wäsche locker für mehr als zwei Wochen reicht, bevor ich waschen muss. Als ich die Waschmaschinen im Salon sah, war ich verdutzt, weil da mehr Wäsche in die Trommel passt, als bei mir in einem Monat zusammenkommt.

    Ich hatte mir ein Buch mitgenommen, aber eigentlich auf flirtende Bekanntschaften und erhellende Gespräche gehofft. Leider war nur eine nervige Mama mit ihrem nervigen Kind da. Die Mama merkte zwar, dass mich das Kind beim Lesen störte, aber dass sie es jede halbe Minute anschrie, endlich leise zu sein, verbesserte die Situation kaum.

    Zum Glück sind diese professionellen Waschmaschinen nicht nur größer, sondern auch schneller als meine zuhause, so dass ich nach 36 Minuten wieder abziehen konnte. Trocknen kann ich die Chose ja auch zuhause.

    Ich habe mir kurz überlegt, ob ich wirklich eine eigene Waschmaschine benötige, wenn es doch diese Salons gibt. Aber eine gebrauchte ist gerade noch drin. Und jetzt, wo Chemnitz bald Europäische Kulturhauptstadt sein wird, kommt ja auch mehr Besuch und es fällt mehr Bettwäsche an.

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    1. Danke für deine Rückmeldung, Andreas! Ich selbst grübele ja immer, wer eigentlich die Kunden/Kundinnen sind. Vor allem, ob einige davon immer alles im Salon waschen und gar keine Maschine haben. Ich finde ja, das rechnet sich nicht. Aber natürlich gehe ich dabei vom Wäscheaufkommen einer mehrköpfigen Familie aus, für Singles mag es hinkommen. Ich bezahlte für eine kleine Trommel (bis zu 8 Kilo) fünf Euro, fürs Trocknen der Handtücher nochmal drei Euro. Das finde ich teuer.
      Ich nahm gerne das Buch mit, wäre aber für „erhellende Gespräche“ auch offen gewesen. Für alte, zumal einseitige Flirts hingegen nicht. 😉

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      1. Was wir auch nicht übersehen dürfen:
        Es gibt Menschen, die in Waschsalons waschen müssen, selbst wenn es sich eigentlich nicht rechnet. Weil sie niemals auf einen Schlag die 300 Euro oder so für eine eigene Waschmaschine haben. Die 5 Euro für den Einzelwaschgang hingegen können sie gerade noch abzwacken.

        Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die gar keine eigene Wohnung haben.

        Und manche Leute, so wie ich, haben vielleicht auch einfach einen Heidenbammel, wenn so ein elektrisches Rumpelgerät in der Wohnung umherhüpft und man bei jedem Waschgang Angst vor einer Überschwemmung hat. 🙂

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      2. Du hast recht, manchmal muss man aus ganz anderer Perspektive denken. Zumindest in der Großstadt. Bei uns in der Gegend gibt es aber keine Studenten wie bei dir in Chemnitz, die in WGs leben. Wer hier studiert, wohnt noch bei Mama und Papa. 😉
        Man könnte auch keinen Platz haben für eine Waschmaschine, in sehr kleinen Wohnungen. Oder man hat einfach Angst wie du.
        Der Betreiber hat mir aber im Vertrauen gesagt, er stecke dahinter, dass immer mal, wie in meinem Fall, die heimischen Geräte ausfallen und man zu ihm kommen muss. Das ist ein Komplott. Müsste man mal recherchieren. Womöglich ist das ein ganz großes Ding, zwischen Waschsalonbetreiberlobby und Geräteproduzenten. Weltweit.

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  3. Sieh es positiv, liebe Anke,
    die eine Frau geht in den Waschsalon und wäscht ihre Wäsche. Du aber, du hast den ‘Erlebnisbereich Waschsalon’ mit seinen Höhepunkten und Überraschungen😜
    LG

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    1. Na klar! Auf Dauer rechnet es sich aber nicht von den Kosten her und man verplempert doch Zeit, die man zuhause auf die unterschiedlichste Art nutzen kann. Da muss man nicht dabeisitzen. Vielleicht komme ich für die Winter-Bettdecken im Frühjahr nochmal drauf zurück. In die großen Maschinen passen womöglich sogar vier Stück auf einmal rein und es geht relativ schnell. Liebe Grüße an dich!

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  4. Liebe Anke, wieder ein sehr spannend geschriebener Bericht. Und dankbar hat er mich erst noch gemacht: In unserer neuen Wohnung stehen eine ganz neue Waschmaschine und ein ganz neuer Tumbler. Sie sind zwar etwas langsam, aber beim Warten kann ich zu Hause ja machen, was ich will, z.B. meinen Blog schreiben. Doch selbst wenn ich in einen Waschsalon gehen müsste: In meinem Alter brauche ich mich nicht mehr vor Verehrern zu verstecken! 😀 Da sieht man’s einmal mehr: Das Alter hat ebenfalls Vorteile… Ganz liebe Grüsse aus der Schweiz, Elisa

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    1. Vielen Dank, liebe Elisa. Du sprichst einen interessanten Punkt an, den ich ehrlich gesagt nicht verstehe: Dass es daheim länger dauert, gut, aber soo lange wie mit den neuesten Geräten? Ist das umweltfreundlicher? Für die dicken Winterbettdecken gehe ich vielleicht nochmal in den Waschsalon. Dann werden vielleicht andere Leute da sein und es kann ja auch unterhaltsam sein. Liebe Grüße an dich!

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  5. Ich verstehe es auch nicht ganz, liebe Anke. Aber ein ECO-Programm dauert ewig lange. Also muss ich glauben, dass es stromsparender ist. Ich wünsche Dir, dass es nächstes Mal – wenn es denn sein muss – unterhaltsamer ist im Waschsalon. An sich mag ich es, mit fremden Menschen zu plaudern, z.B. im Bus oder im Zug. Aber eben, es kann auch eine unangenehme Person darunter sein, und dann kann man ja nicht ausweichen. Lieben Gruss, Elisa

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