Am Broadway in Varese

Als mein Mann noch ein Fidanzato war und mir den Hof machte, hatte er meine Interessen erkannt und seine Taktik personalisiert. Statt mich mit Shoppingtouren durch Mailand zu begeistern, setzte er auf kulturelle Highlights. So führte er mich ins Casinò nach Campione, der italienischen Exklave im Schweizer Tessin. „Warst du schon einmal in einer Spielbank?“ fragte er damals galant, ein Kopfschütteln und ehrfurchtsvolle Dankbarkeit erwartend. Ich schmunzelte und erklärte betont beiläufig: „In Las Vegas war ich, sonst noch nicht.“

Mein Fidanzato führte mich auch ins Theater. Ich weiß nicht mehr, welches Musical es war und welche Compagnie auftrat (es wirkte alles etwas provinziell), aber ich erinnere mich gut an seine Frage: „Hast du schon mal ein Musical gesehen?“ „Einige“, gab ich zu, „darunter „Cats“ am Broadway.“ Mein Gatte in spe hat meine Ehrlichkeit wohl krummgenommen, wir gingen später jedenfalls nur noch selten gemeinsam ins Theater. Dabei verliebte ich mich in ihn und nicht in das, was er mir bot.

Jetzt musste ich wieder an meinen ersten Musicalabend in Italien denken. Das Theater Varese setzt in der laufenden Saison auf die sogenannte „leichte“ Unterhaltung. (Dabei ist gerade das Musical schwer zu performende Kunst und fordert Akteure, die gleichermaßen Schauspieler, Sänger und Tänzer sind.) Bislang dominierte das Sprechtheater den Vareser Spielplan, mittlerweile gastieren fast alle aktuellen Show-Produktionen Italiens auch in unserer Provinzhauptstadt. Nach Jahren unfreiwilliger Musical-Abstinenz nehme ich das Angebot gerne wahr, zumal es im unterhaltsamen Genre leichter ist, andere zum Mitgehen zu überreden. Gleich im Januar schleppte ich eine Freundin zu „Sister Act“. Sie kannte den Film, ich weder Hollywoodstreifen noch Bühnenfassung. Es war ein mitreißendes Spektakel, das die tanzenden Nonnen boten, auch wenn bekannte Songs zum Mitsingen fehlten. Im Februar lud ich unsere Kleine zu „Fame“ ein. Im Italienischen, in dem „fame“ Hunger bedeutet, haben Serie, Film und das Musical einen erklärenden Untertitel: „Saranno famosi“ (Sie werden berühmt sein). Das Musical der aufstrebenden jungen Bühnentalente, hungrig nach Ruhm, hatte ich zuletzt in London gesehen. Vor etwa 19 Jahren. Das nachzurechnen, fühlt sich nicht wirklich gut an. Ich fühle mich furchtbar alt. Noch immer singe ich den Titelsong aus dem Stehgreif („Baby, look at me …“) und muss mich beherrschen, meine alten Knochen in Schach zu halten und nicht zu Battement und Pirouette anzusetzen. Das könnte schnell auf eine schmerzhafte Zerrung hinauslaufen. Wenn alles gut geht. Vor dem Event fragte ich mich, ob die Geschichte vom kräftezehrenden Training für den Traum von der großen Showbühne meine Tochter begeistern würde wie mich damals. Ein wenig skeptisch war ich auch, ob die italienische hinter der damaligen Londoner Fassung zurückstehen könnte. Meine Sorgen hatten keinerlei Berechtigung. Wir erlebten großartige Darsteller in einer Inszenierung, der es gelingt, das Stück aus den 80er-Jahren ins Hier und Heute zu holen. Sicher ist unsere Jüngste mit ihren zwölf Jahren noch sehr jung, um alle Botschaften des Stoffes zu verstehen. Aber ich sah an ihren glühenden Wangen und wachen Augen bis kurz vor Mitternacht, dass ich eine gute Entscheidung getroffen hatte, sie mitzunehmen.

Gern hätte ich auch ihrer großen Schwester „Fame“ nahegebracht, doch führte bei ihr an einem Freitagabend kein Weg in den Theatersaal. Für unser gemeinsames Erlebnis war jetzt, Anfang April, Gelegenheit. Der Samstagabend ist der einzige, nach dem sie nicht am darauffolgenden Morgen in die Schule muss. Zu meinem Geburtstag hatte unsere Älteste aus dem locker hingeworfenen Vorschlag ihr Geschenk gemacht. Symbolisch versteht sich. Bestellt und bezahlt habe ich die Karten. Doch darum geht es nicht und ist bei den heutigen Preisen ohnehin selbstverständlich. Allein ihre Begleitung ist ein großes Glück für mich. Normalerweise sind ihre Samstagabende Freundinnen reserviert. Diesmal tanzten die verruchten Mörderinnen aus „Chicago“ auf den Vareser Brettern, die die Welt bedeuten. Wieder ein Stück, das ich bereits kenne. Ich hatte es vor Jahren – wann war das bloß – in der deutschsprachigen Erstaufführung am Theater an der Wien gesehen. Damals tanzte ich selbst noch und wäre am liebsten mit auf die Bühne gesprungen. In Varese beobachteten wir einen jungen Mann in der Sitzreihe neben uns, der sich nach der Pause für seinen eigenen Auftritt aufzuwärmen schien. Ich grinste mitfühlend.

Das Aufregendste für mich Teenager-Mama waren jedoch die zwei Stunden vor dem Theater. Ihr müsst wissen, dass die Vorstellungen bei uns erst um 21 Uhr beginnen. (Auch ein Grund, weshalb Theaterbesuche unter der Woche für Berufstätige hart und für Schüler unmöglich sind.) Während es noch im vergangenen Jahr ein Problem war, unsere Tochter mit dem Auto in Varese nach einem Abend mit Freundinnen abzuholen, weil sie sich unserer schämte, und unvorstellbar, gemeinsam durch IHR Revier zu bummeln, lud sie mich diesmal zu einem Aperitivo in ihre Lieblingsbar ein. An einem Samstagabend! Wo sie lauter Leute sehen würde, die sie kennt und die sie kennen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie geehrt ich mich fühlte. Sie hatte ‒ quasi Stammgästin des angesagten Lokals ‒ per App für uns reserviert. Ich gab mir alle Mühe, nicht peinlich zu gucken, zu reden oder zu tun, aber sie zeigte sich tiefenentspannt und gar nicht besorgt. Hach, dass ich das noch erleben durfte! Wie auf Wolken schwebte ich anschließend ins Theater.

Am Tag darauf musste ich dann doch recherchieren und fand im Online-Archiv einen Eintrag und das Programmheft der Wiener „Chicago“-Aufführung von damals. Nun weiß ich wieder, dass ich zum Jahreswechsel 1998 /1999 dort war. Gott, war ich jung! Aber nicht mehr jung genug, um noch den Traum von der großen Showbühne zu träumen. Der bleibt nun meinen Töchtern vorbehalten. Wobei die Showbühne des Lebens auch ein Szenelokal in Varese sein kann.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

16 Kommentare zu „Am Broadway in Varese

    1. Concerto classico? Non li fanno qua da noi. Prossimamente vado con mio marito a una serata con la musica di Pink Floyd. Vediamo. Io, se c’è solo musica, ho un pò paura di addormentarmi. 🙈 😉

      Gefällt 1 Person

  1. „… seine Taktik personalisiert“ das ist herrlich ausgedrückt.
    Sag mal…saranno famosi…war das nicht auch mal eine Talentshow im Fernsehen? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube zu meiner Zeit hieß eine Sendung so, die ich sehr geliebt habe. Natürlich könnte ich eigentlich auch googlen 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Ach, schau an! Mit Herrn Fendrich? Ich meine, an unserem Abend war der andere Darsteller dran. Ich war mit einer Freundin über den Jahreswechsel in Wien, während ich noch in Leipzig wohnte. Der Musicalabend war ein schönes Highlight, aber auch der Silvesterpfad „Servus Euro“ bleibt unvergessen.

      Gefällt 1 Person

      1. Da hast du recht. Bei uns hätte jetzt auch eine Schauspielerin, die man in erster Linie vom Film kennt und die ich da auch sehr mag, mitgewirkt und ich war ganz auf sie fixiert, nachdem ich schon im Vorfeld Kritiken gelesen hatte, die eher nicht so enthusiastisch klangen. Aber am Abend in Varese wurde sie vertreten. Das war meinem Gesamterlebnis sicherlich nicht abträglich.

        Gefällt 1 Person

  2. Wie sich Beziehungen verändern – herrlich! Mit den Töchtern ins Musical zu gehen, zu sehen, was Musik und Tanz mit ihnen macht, ist doch etwas sehr Schönes. Gemeinsame Erlebnisse sind zukünftige gemeinsame Erinnerungen. Das ist immer gut. Auch der Blick in dein tanzendes Leben hat mir gefallen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke, liebe Roswitha. Waren es vor Jahren noch Disney-Stoffe, in die ich meine Töchter begleitete und zu denen ich keine persönliche Beziehung hatte, ist es schön, mit ihnen jetzt nochmal Erlebnisse zu teilen, die ich bereits als Jugendliche und junge Frau hatte. Wer hätte das damals gedacht, auch weil man vielleicht nicht erwarten konnte, dass manche Stücke immer wieder aktuell interpretiert werden können. Selbst „Chicago“, in den 20er-Jahren in Amerika spielend, lässt Anspielungen auf die heutige Gesellschaft zu, wo die Medien, jetzt digital, immer noch nach denselben Gesetzen funktionieren: Stars, Skandale und das Fallenlassen der Protagonisten, sobald die neuere, noch heißere Story sich besser verkaufen lässt.
      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag dir!

      Like

Hinterlasse eine Antwort zu rossitext Antwort abbrechen