Fanfieber

Der Himmel weint. Es ist der Sommer, der keiner werden will. Wir schlagen uns abwechselnd mit Infekten der oberen Atemwege herum, das Aerosolgerät läuft im Dauereinsatz. Da trifft es sich gut, dass bei den Fußball-Europameisterschaften nach der Squadra Azzurra, die dem grauen Himmel entsprechend ihrem Namen keine Ehre gemacht hat, nun auch die Deutschen raus sind. Für die tat es mir richtig leid, das war Pech in einem Viertelfinale, das sich nach Sieg anfühlte. Richtig in Feierlaune sind wir in diesem verregneten Jahr ohnehin nicht, wer trinkt schon gern sein Bier im Sommer auf dem heimischen Sofa.

Aber wie ist das eigentlich mit dem Fan sein? Ich gehöre nicht zu denen, die Fußball auf nationaler Ebene verfolgen und dabei mehr als die Regel, dass das Runde ins Eckige muss, verstehen. Trotzdem packt es mich dann doch, alle zwei Jahre. Bei Europa- und Weltmeisterschaften bin ich spätestens ab den K.o.-Runden mit dabei. Genaugenommen war ich es, die den Italienern bei der vergangenen kontinentalen Meisterschaft zum Titelgewinn verholfen hat. Bei der EM 2020, die 2021 ausgetragen wurde, nahm der Fankult bei mir fast religiöse Züge an. Mit Federico Chiesa, dem damals erfolgreichsten Torschützen (was war diesmal mit ihm los?), kam selbst bei mir eine Art Glaube ins Spiel. Glauben, beten, Bier trinken: Beim Finale hatten wir in der ersten Halbzeit Rotwein auf dem Tisch – der brachte kein Glück, mutmaßte mein Mann. Für ein erfolgreiches Spiel musste es Weißbier sein, das hatte schon im Viertel- und Halbfinale funktioniert. Und das tat es dann auch im Finale. Gut für Italien, schlecht für mich, denn es ging bekanntlich bis in die Elfmeter und ich musste so manches Glas lehren, ehe die Azzurri den Pokal in den Händen hielten. Am Montag darauf zahlte ich den Preis. Ich bin keine zwanzig mehr. Aber mit fortschreitendem Alter steigt nicht nur die Begeisterung, sondern auch die Unvernunft. Während ich in meiner Jugend höchstens für einen attraktiven Spieler schwärmte, packt mich jetzt das Mannschaftsfieber. Da ist es gut, zwei Teams im Spiel zu haben. Mein Mann, der Italiener, sieht das genauso und drückt brav für die Deutschen die Daumen, solange sie nicht gegen die Italiener antreten. Und natürlich erst recht, wenn die Italiener bereits raus sind. Alina Schwermer berichtete nach dem Aus für die Azzurri in der TAZ aus Apulien, wie die „Ossis Italiens“ mit der Niederlage umgegangen seien. In ihrem Artikel kommt auch der sogenannte „Campanilismo“ zur Sprache, dass die Italiener im Grunde nur dem eigenen Klub anhängen und es mit der National-Elf nicht so haben. Ist das so? Mein Gatte hat wie jeder Italiener seinen Klub. Doch darüber hinaus den Sinn für die Nation. Wenn ein anderer Klub im Finale der Champions League steht, feuert er den genauso an wie seinen, selbst wenn er in der nationalen Liga der Erzfeind ist. „Sono a favore dell’Italia, in ogni caso.“ (Ich bin für Italien, ist doch klar.) Das nenne ich vor allem eins: Sportsgeist. Der äußert sich ohnehin erst richtig nach dem Ausscheiden der eigenen Mannschaft. Die Italiener gucken weiter, aber für wen sind sie jetzt? Nehmen wir das diesjährige Beispiel: Spanien und die Schweiz hätten im Viertelfinale haushoch gewinnen müssen, damit die eigene Schmach relativiert worden wäre. OK, da komme ich gerade noch so mit. Wenn ich etwas verabscheue, dann ist es das gegen eine Mannschaft sein. Wie unsportlich ist das denn bitte? Mir persönlich sitzt noch die Erinnerung an diesbezügliche Erfahrungen 2014 in den Knochen. Während des Siegeszugs meiner National-Elf musste ich, im Freudentaumel nach jedem Sieg der Deutschen ins Büro schwebend, die unsportlichen Kommentare der (männlichen) Kollegen über mich ergehen lassen. Italien war bereits in der Gruppenphase ausgeschieden. Ich gab nach unserem Sieg trotzdem ein deutsches Bier aus. Die Flaschen hatte ich in ein schwarz-rot-goldenes Kleid gehüllt und am Morgen auf die Schreibtische gestellt. Da kam doch noch ein gequältes Lächeln in die vergrämten Gesichter. Jede Mannschaft, wirklich jede, hätte in jenem Sommer Gold holen dürfen. Nur die eine nicht: Deutschland. Denn so sicherte sich Deutschland den vierten Titel und zog mit Italien in der Gesamtstatistik auf den zweiten Platz nach Brasilien gleich.

Und für wen sind wir jetzt? Eva hat es gut, so schreibt sie, denn ihr italo-albanischer Gatte mit deutscher Staatsbürgerschaft hat sogar alle drei seiner Mannschaften ausscheiden sehen. Nun kann sie entspannt darauf hoffen, dass die Esstischlampe heil bleibt. Bea hat nach hartem Kampf und bitterer Elfmeter-Entscheidung ihre Herzensmannschaft Portugal verloren, aber noch die Oranje im Rennen. Ich glaube, ich werde einfach schauen, wer stärker spielt. Wir werden die Halbfinals und das Finale bestimmt verfolgen, aber es ist nicht das Gleiche. Ich genieße es, eine eigene Mannschaft im Rennen zu haben und anfeuern zu können. Auch wenn ich dafür einen heftigen Kater riskiere.

Zum Glück gibt es bald die Olympischen Spiele. Da ist wieder für alle etwas zum Mitfiebern dabei. Und beim Geräteturnen muss ich kein Bier trinken, um den Athlet*innen zum Sieg zu verhelfen, nur ganz fest die Daumen drücken.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

19 Kommentare zu „Fanfieber

  1. Hallo liebe Anke, ja du hast vollkommen recht: Alle zwei Jahre werde auch ich zum Fan der Meisterschaften und gucke fasziniert und guter Stimmung in fröhlicher Runde 🥳 die Spiele, die zeitlich passen. Und in dieser EM waren es wirklich viele Spiele und die Augen an den folgenden Morgenden entsprechend klein. 😞
    Und wie du richtig schreibst: Ich hoffe jetzt auf den Sieg der Oranje.
    🙂
    Danke für den anschaulichen Beitrag, Anke, viel 🟠-Grüße Bea

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  2. Ich finde es auch schade, wenn die „eigene“ Mannschaft raus ist aus dem Turnier. Für das deutsche Team hätte ich mich wirklich sehr gefreut, wenn es das Viertelfinale gewonnen hätte, aber auch für mich selbst, weil die EM jetzt einfach nicht mehr so spannend ist wie vorher.
    Und für wen sind wir jetzt (wo auch die Rumänen nicht mehr mit dabei sind)? Zwei meiner Töchter für England, die ja eher zufällig ins Halbfinale gestolpert sind, eine für Spanien, weil „die es wirklich verdient hätten“ (neben Deutschland die beste Mannschaft im Turnier). Mein Mann ist für Frankreich. Und ich? Ich muss noch überlegen. 😉

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    1. Dann überlegen wir mal zusammen, ein paar Tage ist ja noch Zeit. 🙂
      Liebe Grüße nach Berlin! Habt ihr da eigentlich viel Stress wegen dem Trubel während der EM?

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  3. Liebe Anke,
    zuerst: Gute Besserung! 💐 Auf dass sich der Infekt baldmöglichst verzieht!
    Deine Geste 2014 ist wunderbar und zeigt von wahrem Sportsgeist. Genau dieses Miteinander, anstatt Gegeneinander, ist es doch, was den Sport ausmacht.
    Mein Gatte hat nun beschlossen, dass er für die Oranje ist. Sie sind Deutschland am nächsten. Für wen der wenigen verbleibenden seid ihr? Oder seid ihr für alle ein bisschen?
    Liebe Grüße, Eva

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    1. Für alle ein bisschen ist ein interessanter Ansatz … Müsste ich mich entscheiden, vielleicht Spanien, dai.
      Danke, es geht schon besser. Erkältet sein im Sommer ist wirklich blöd.
      Herzliche Grüße nach Frankfurt! 😘

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    1. Gute Stimmung ist die Hauptsache, liebe Ilka. Und ich finde es auch vollkommen berechtigt, seine eigenen Kriterien für die Unterstützung der einen oder anderen Mannschaft zu finden. Danke für deinen originellen Ansatz! 😆 👍

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  4. Mir geht es da genau wie dir! Ich schaue keine Bundesliga und fiebere dafür sehr bei EM und WM mit. Ich bin, nachdem ich das Glück hatte, die tolle Stimmung der österreichischen Spiele diesmal live miterleben zu dürfen, in einer verrückten Aktion mit dem überteuerten Zug für nur ein paar Stunden von München nach Berlin gefahren um die Italiener live – und traurigerweise ausscheiden – zu sehen. Dadurch ist nun auch für mich das weitere Zusehen jetzt weniger emotional und wie bei dir auch gut für die Gesundheit …. nach Tagen in Zügen mit eigenartigen Sandwiches. (Wien Düsseldorf Essen Berlin Wien München Berlin München in nur drei Wochen) 😄

    Schöne Spiele trotzdem noch! Un abbraccio. Die nächste WM ist unterwegs :-).

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    1. Gerade lässt er sich blicken … bis zu den nächsten Unwettern, die schon vorhergesagt sind. Danke und Grüße ins EM-Getümmel nach Berlin!

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  5. Mich hat das jetzt drei Jahre lang brennend interessiert, weshalb Italien 2021 den Titel gewonnen hat. 🙂

    Als Italien 1990 aus der WM ausgeschieden war, hat hier die Eisdiele drei Tage geschlossen gehabt. Und am vierten Tage die blöden Sprüche kassiert. 🙂

    Ich finde es immer ganz nett, wenn die deutsche Mannschaft ausscheidet. Dann scheint es gleich mehr um den Sport zu gehen als zuvor und manches wird dann gar nicht mehr so schöngeredet. – Und ich kann fast jedem Kick etwas abgewinnen. Auch zu sehen, wie es die Außenseiter versuchen, mehr als nur Außenseiter zu sein.

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    1. Klar, der Blick eines Profis auf diesen Sport ist ein vollkommen anderer, da spielt fan(atische) Irrationalität keine Rolle.
      Danke für deinen Kommentar, lieber Herr Ballblog. Und: Psst! Das mit dem EM-Gewinn der Italiener damals bleibt aber hier unter uns auf dem Blog. 😉

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