15 Tage

Italiener haben es gut. Bei ihnen dauern zwei Wochen 15 Tage.

Schon oft bin ich über das Phänomen gestolpert, dass in Italien von 15 Tagen gesprochen wird, wenn eigentlich 14 gemeint sind, nämlich ein Zeitraum von zwei Wochen. Als ich nun eine deutschsprachige E-Mail von der Deutsch-Italienischen Handelskammer in Mailand bekam, in der man mich freundlich zum Update meines Profils innerhalb von 15(!) Tagen bat, bekam ich Lust, der Sache auf den Grund zu gehen.

Dass es die Italiener mit Zeitangaben nicht so genau nehmen, ist hinlänglich bekannt. Aber alle zwei Wochen einen Tag dazu zu schummeln ist ein starkes Stück. Ich frage mich, ob ich es im Ernstfall genau nehmen darf und am 15. Tag eine fällige Sache erledigen kann, statt innerhalb von zwei Wochen. Wenn ich herumfrage, staunen alle bloß, was ich mir für unsinnige Gedanken mache. Ma si dice così. So sagt man eben.

Auch das allwissende Netz gibt mir keine zufriedenstellende Erklärung. In einem Forum finden sich zumindest unterhaltsame Begründungen. Da lese ich Sachen wie: Jede Hand hat fünf Finger, der (italienische) Mensch sei es also gewohnt, in Fünferschritten zu zählen.

Einen interessanten Ansatz hat mein Kaffeepausenkollege entwickelt. (Den kennt ihr bereits als Protagonisten bei Sonderwünsche an der Frischetheke und Schimpfen auf Italienisch.) Es gehe gar nicht um zwei Wochen, sondern um einen halben Monat. Der hat schließlich im Schnitt dreißig Tage. Kompliment für die unkonventionelle Idee. Aber wer denkt und rechnet denn bitte in halben Monaten?

Wenn man in Italien die Wettervorhersagen googelt, wird großspurig ein Zeitraum von 15 Tagen angeboten. So offeriert ilmeteo.it „15 Tage Vorhersage“. Und was zeigt die Seite an? Zwei Wochen, nämlich 14 Tage, den heutigen Tag mitgerechnet. Ich schaue am Montag und sehe Voraussagen bis zum Sonntag der Folgewoche. So werden die Italiener veräppelt. Vermutlich merken sie es gar nicht, denn bei den gegenwärtigen Wetterkapriolen kommt ohnehin niemand auf die Idee, Wetterdienste zwei Wochen im Voraus zu befragen.

Zum Vergleich und der Neugier halber konsultiere ich auch die deutschsprachige Suchmaschine. Wetter.com in Deutschland wirbt mit einem Trend für 16 Tage. Und tatsächlich, der Dienst hält, was er verspricht: Am Montag, den 15. Juli sagt er das Wetter bis einschließlich Dienstag, den 30. Juli voraus.

Nun würde ich gerne die Probe aufs Exempel machen und es bei der Handelskammer drauf ankommen lassen. Ich werde am genau 15. Tag versuchen, mein Profil upzudaten. Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch ein neues eröffnen. Aber erst nach meinen 15 Tagen Urlaub. Das sind ‒ jetzt kommt das Überraschungsmoment ‒ sage und schreibe ganze drei (!) Wochen. Für den Urlaub zählen zum Glück nur die Wochenarbeitstage. Da gibt es nichts zu interpretieren.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

18 Kommentare zu „15 Tage

  1. Bei dir lerne ich so viel, liebe Anke! 15 Tage – ein halber Monat – das klingt schon wieder herrlich pragmatisch. Der eine Tag hin oder her, wird man südlich der Alpen sagen.
    Dazu habe ich das Hybrid in meinem Haushalt befragt: Auch in Albanien sagt man 15 Tage. Ein halber Monat eben. Wer will da so genau sein? Man weiß doch, was gemeint ist. Pi-mal-Daumen. Und ich glaube, hier sind wir wieder bei der deutschen Korrektheit und der südländischen Gelassenheit. 😉
    Dir wünsche ich drei Wochen voller Erholung und gutem Essen mit deinen Lieben und schicke dir liebe Grüße aus Frankfurt, Eva

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    1. Tatsächlich, dann war das Argument meines Kollegen gar nicht so abwegig. Ich hielt ihn nur für gewitzt. Interessant, wie viele hier von anderen Ländern /Sprachen zu diesem Thema etwas beizutragen haben. So macht Bloggen Freude.
      Danke und hab auch du ein erholsames Wochenende, liebe Eva. Mein Urlaub beginnt übrigens erst im August. Ich habe noch – Pi mal Daumen ‒ 15 Tage zu arbeiten.

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    1. Danke, Dieter. Vielleicht hat dieser großzügige Umgang mit den Zahlen bei Tagen auch etwas mit dem südländischen Lebensgenuss zu tun, dem Savoir-vivre. Sie haben einfach mehr davon.

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  2. Ich bin jetzt neugierig geworden und habe im Netz nach dem französischen Gebrauch gefragt. Bei einem Leserforum fand ich diese Antwort:
    „das hängt davon ab… (siehe z.B. die Schweiz)
    Selbst wenn ich mich jetzt gegen die gesamte Kollegenschaft stellen muss, so kann man leider nicht sagen, dass „quinze jours“ oder „huit jours“ in einem juristischen Kontext automatisch dem Zeitraum von 14 Tagen (= 2 Wochen) oder 7 Tagen (= 1 Woche) entspricht.

    Grundsätzlich haben alle Antworter natürlich Recht, dass quinze jours und huit jours in der französischen Allgemeinsprache den deutschen 14 Tagen bzw. 7 Tagen (= 2 Wochen/1 Woche) entsprechen. Die Zählweise ist eben anders, da der erste Tag bei Zeitangaben wie heute in einer Woche (= aujourd’hui en 8) mitgezählt wird. Nur – und das ist ein ganz häufiges Problem im Rechtsfranzösisch – gibt es eine juristisch von der Allgemeinsprache abweichende Auslegung. Es gibt in der französischen Rechtssprache nur sehr wenige rein juristische Begriffe (im Gegensatz zum Englischen zum Beispiel), wodurch es häufiger eine allgemeinsprachliche und eine juristische Auslegung gibt.

    15 jours/8 jours werden z.B. in den amtlichen Übersetzungen der großen französischen Kodizes mit 15/8 Tagen wiedergegeben und nicht durch 2/1 Woche(n) ersetzt. Interessanterweise gibt es im schweizerischen Zivilgesetzbuch sogar einen eigenen Artikel, der sich genau mit diesem Problem beschäftigt. Denn in der Schweiz wird die Problematik der „quinze jours“ ja besonders virulent, da es zwar eine gemeinsame Rechtsordnung gibt, aber die sowohl im Französischen als auch Deutschen ausgedrückt wird (!). In der Schweiz ist eindeutig geregelt, dass Fristen, in denen „quinze jours“ und „huit jours“ vorkommen, im Deutschen als „fünfzehn Tage“ und „acht Tage“ auszulegen sind. Allerdings – und hier sieht man die weitreichende Problematik des Ganzen – gibt es zahlreiche Rechtskommentare, die darauf hinweisen, dass diese „quinze jours“ bzw. „huit jours“ von den Parteien – eben gemäss der Allgemeinsprache – als „2 Wochen“ bzw. „1 Woche“ verstanden werden können. Wenn beide davon ausgegangen sind und beide vor Gericht überzeugend darlegen können, dass der Vertrag in diesem Verständnis geschlossen wurde, ist eine Auslegung nach allgemeinsprachlichem Verständnis möglich. In Luxemburg z.B. kenne ich es auch so, dass bei solchen Fristen 15/8 Tage verstanden wird.

    Ich habe auch schon unzählige Male Franzosen auf die Probe gestellt und um ganz ehrlich zu sein, wenn man drei Muttersprachler fragt, bekommt man 4 Antworten. Mir ist schon gesagt worden, man verstünde eindeutig 2 Wochen darunter, andere meinten, in einem juristischen Kontext bedeute der Zeitraum *eindeutig* und immer 15 Tage, wieder andere meinten sogar, man nähme es in Frankreich mit den Fristen nicht so genau (hier wollte man sich wohl um eine eindeutige Festlegung drücken).

    Selbst in amtlichen Übersetzungen der EU wechselt man bei der Übersetzung ständig zwischen 2 Wochen und 15 Tagen.

    Angesichst dessen, dass man bedenken muss, dass es auch je nach Rechtsordnung und Parteiwillen unterschiedliche Auslegungen geben kann, mache ich immer eine Anmekung, in der ich auf das Problem hinweise und gleichzeitig klarstelle, dass es sich hier um kein rein sprachliches Problem, sondern um eine Frage der juristischen Auslegung handelt.

    Kurzum: Die Frage der quinze jours begegnet einem ständig, aber selbst juristische Wörterbücher drücken sich um eine klare Festlegung herum!“

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    1. Ein spannendes Thema, wenn es in den rechtlichen Bereich geht. Danke für deine Recherche, liebe Gerda. Und das in einem Land mit mehreren Sprachen. Na, für irgendwas müssen die Juristen ja ihr dickes Geld verdienen. Wenn alle Dinge eindeutig wären, könnte jeder selbst urteilen. 😉

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    1. La comodità delle 5 dita? 😉 Infatti, tanti mi dicono di non aver mai pensato. Così si dice, così è. In Italia (e come si legge nei commenti anche in Francia, Svizzera Francese e Albania). Buona serata, cara Luisella!

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  3. Liebe Anke, umgangssprachlich verstehen wir in der französischen Schweiz – und auch in Frankreich – quinze jours als zwei Wochen, also 14 Tage. Ich habe dies bis jetzt nie hinterfragt und weiss von keiner Diskussion darüber. Aber eben, Rechtsdinge sind keine Alltagsdinge, da kommt man mit dem gesunden Menschenverstand nicht weit. So oder so, es ist eine interessante Frage, die Dich hier beschäftigt hat. Danke Dir und liebe Grüsse, Elisa

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    1. Wenn man aus einer anderen Kultur kommt und nicht mit einer Redewendung aufgewachsen ist, dann stolpert man drüber. Ich freue mich, dass ich so viele Rückmeldungen zu diesem Thema bekomme. Auch für deine vielen Dank und herzliche Grüße an dich, liebe Elisa!

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  4. In Österreich ist umgangssprachlich rasch einmal die Rede von „acht Tagen“, vor oder zurück, gemeint damit eine Woche mit eigentlich sieben Tagen. Ausgangstag wird also mitgezählt. Das muss wohl irgendwie so ein Ding sein, die uns gegebene Zeit zu dehnen 😉 und sie wird dennoch nicht mehr. Liebe Grüße, Peter

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    1. Wie blöd, es wäre doch klasse, wenn es so einfach wäre, unsere Zeit zu verlängern. Danke für deinen Kommentar und hab ein angenehmes, laaanges Wochenende. (Der achte Tag ist kein doppelter Montag, hoffe ich.😉)

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