Der Italiener und romantische Erinnerungen
Seien wir ehrlich: Wer neigt nicht dazu, Erinnerungen zu romantisieren? Hier im Norden Italiens, speziell in der Pianura Padana (Po-Ebene), schwärmen Leute in meinem Alter sogar selig verklärt vom dicken Nebel in ihrer Jugendzeit. Nicht von jenem im Kopf nach übermäßigem Alkoholkonsum und nicht vom Zigarettenqualm in Kneipen, Diskos und Bars, als das Rauchen dort noch erlaubt war. Nein, die Rede ist tatsächlich vom Wetterphänomen Nebel, dem richtig dicken, bei dem man nur noch eine Armlänge weit sieht. Neulich im Radio überboten sich Moderatoren und Anrufer gegenseitig mit Anekdoten aus den 80er-Jahren in Bezug auf einen Nebel „da tagliare con il coltello“, den man mit dem Messer schneiden konnte. Damals verabredete man sich für den Abend unter einer Bedingung, auf die man keinen Einfluss hatte: Wir treffen uns da und dort, es sei denn, es ist nebelig. Bei Nebel ließen einen die Eltern mit dem Fahrrad oder Moped nicht raus. Einer erzählte, dass auf den Landstraßen in seiner Gegend einander entgegenkommende Fahrer mit den Köpfen zusammenstießen, weil beide sie aus dem Fenster hielten, um nach dem weißen Begrenzungsstreifen zu schauen. Zum Glück fuhren sie nur mit fünf Kilometern pro Stunde.
Noch Anfang der 2000er-Jahre, als ich neu in Italien und als Fußgängerin unterwegs war, gab es im Herbst und Winter auf der Landstraße zwischen Como und Varese so manchen Morgen, an dem die Autofahrer nebelbedingt im Schritttempo neben mir herfuhren. Bei meinem eigenen Auto finde ich die Nebelscheinwerfer heute nur mit Mühe. Ich schalte sie höchstens alle zwei Jahre einmal für 300 Meter ein. Ehe ich sie gefunden habe, bin ich aus dem bisschen Dunst schon wieder heraus.
Heutzutage gibt es statt dicker Suppe feine Nebelschwaden: beim Blick vom Balkon über das bewaldete Tal am Morgen nach einem Regentag. Auf dem Weg ins Büro, zwei Orte weiter, wo die Straße nach einer Kurve den Blick freigibt auf Wiesen und kleine Reihenhäuser, deren Dächer in der Morgensonne frech aus den Nebelschwaden hervor lugen. Jedes Mal denke ich, ich müsste rechts ranfahren und den Zauber im Bild festhalten. Dass ich es dann doch nicht tue, liegt an der Eile auf dem Arbeitsweg, aber noch vielmehr an dem Wissen, dass keine Smartphone-Aufnahme dieses beeindruckende Schauspiel der Natur gebührend wiedergeben könnte.
Nun könnte man fragen, ob der Umstand, dass es heute weniger Nebel gibt als noch vor zwanzig, dreißig Jahren, ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Nebel, wollte man ihn zeichnen, ist weder schwarz noch weiß. Er wäre irgendwas in der Mitte. Und so haben sowohl die Gründe für weniger Nebel als auch die Auswirkungen seines Rückgangs negative und positive Aspekte. Der Rückgang des dunstigen Phänomens kann sowohl mit höheren Temperaturen aufgrund des Klimawandels als auch mit niedrigeren Schadstoffemissionen und somit besserer Luftqualität erklärt werden. Unbestritten vorteilhaft ist, dass wir heute auch im November gute Sicht und weniger nebelbedingte Verkehrsunfälle haben. Eine Kehrseite der Medaille bekommen die Landwirte zu spüren: Ohne Nebel besteht höhere Frostgefahr am Boden. Diese Weisheiten habe ich aus einem Artikel, der anhand statistischer Aufzeichnungen und wissenschaftlicher Erklärungen bestätigt, dass es in der Pianura Padana „meno nebbia di una volta“, weniger Nebel als früher gibt. Sag ich doch! Ob nun der dicke Dunst von früher oder die feinen Schwaden von heute romantischer sind, ist Ansichtssache und untrennbar verbunden mit persönlichen Erinnerungen. Die an Jugendzeiten sind meistens positiv, Nebel hin oder her.
Titelfoto: Symbolbild von Pexels.
… interessant wäre ein persönliches Nebelerlebnis aus deiner Jugendzeit, egal ob positiv oder negativ😜
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Die Erinnerungen liegen so dermaβen im Nebel … ich habe gestochert, aber: Nichts! 😉
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Auch in Österreich gab es erst vor wenigen Tagen die Meldung, dass die „Konsistenz“ des Nebels nun dünner sei als zuletzt. Ich mag das Spiel der Natur, sich mit Watte zu bedecken, auch wenn diese durchsichtiger sein soll als früher.
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Weniger Konsistenz, genau. Alles nur noch dünn und flüchtig. 😉
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Es ist eben alles eine Frage der Wahrnehmung: Manche vermissen den dicken Nebel, manche brauchen ihn und manche könnten getrost darauf verzichten! Du hast den Nebel perfekt in Worte gefasst, liebe Anke. 😃 Auf dass du immer den Nebelscheinwerfer rechtzeitig findest oder erst gar nicht brauchst! 😉 Liebe Grüße aus dem nebligen Frankfurt, Eva
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Danke, liebe Eva. Hier haben wir gerade einen Hauch von verspätetem Spätsommer, möchte man meinen. Ich schicke also sonnige Grüße an dich! 🙂🌞
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Uns hat seit Tagen (um nicht Wochen zu schreiben) der Hochnebel im Griff… da schafft es die Sonne gerade nur sehr, sehr selten, sich da mal für ein paar Minuten durchzuboxen… aber es ist Oktober, bald November, da gehört das dazu. Neblige Grüße aus Niederbayern! Barbara
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Umso schöner ist es, wenn die Sonne durchkommt. Derweil sende ich dir ein paar Strahlen, liebe Barbara, wir haben heute blauen Himmel und Sonne satt! 🌞🌞🌞
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Hallo Anke, ich wohne hier im nordbayerischen Nebelwald. Hier sind zwei Bäche, da gibts Nebel satt. Kann nicht bestätigen, dass das weniger wird. Nicht so schlimm, dass ich die Hand nicht vor Augen sehe, aber die Sonne seh ich selten. Manchmal schwierig, emotional und von der Energie her.
Kannst ja die Leute zu mir schicken, wenn ihnen der Nebel fehlt.
Oder in den Harz, da scheint es auch viel Nebel zu geben.
Ich wünsche dir jedenfalls sonnige Tage. Dunkel wird es von alleine
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Danke, Gretl, das werde ich machen. Hi hi. Und du kommst mal her zu uns, aber sag vorher Bescheid, dann bestelle ich dir Sonne, so wie sie heute gerade scheint. 😎😀
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Dies Nebelfoto ist aber sehr romantisch und die Erzählweise sehr lebendig.😊✋💕
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Danke, liebe Gisela. Auch wenn das Bild aus der Datenbank stammt, gibt es die Stimmung gut wieder, die ich hier manchen Morgen auf dem Weg zur Arbeit sehe.
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So schön das Foto aus der Datenbank auch ist, vielleicht könntest Du ja trotzdem mal auf dem Weg zur Arbeit für uns hier…
Generell aber interessant, diese Nebelbeobachtungen. Ob es mehr oder weniger ist als früher, wüsste ich gar nicht, weil wir auch von der Stadt aufs Land gezogen sind. Da ist empirisch dann nix möglich 🙂
Liebe Grüße!
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Ich habe auch nur den halben Beobachtungszeitraum hier miterlebt, stelle aber schon die Veränderung fest. Da glaube ich die krassen Nebelgeschichten aus den 80er- und 90er-Jahren gern.
Danke und liebe Grüße zurück!
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Ich wünsche mir manchmal Nebel, denn in der Innenstadt von Berlin ist dieser eine Rarität. Nebel über den Wiesen erzeugt eine schöne melancholische Stimmung, Nebel auf der Straße – besonders wenn sich plötzlich eine Nebelbank aufbaut – erzeugt bei mir Panik. Ich muss unbedingt nachschauen, wo der Schalter für den Nebelscheinwerfer ist. Mir geht es wie dir!
Liebe Grüße aus dem sonnigen Berlin
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Dann wünsche ich dir allzeit nebelfreie Fahrt, wenn das möglich ist. Aber gucke trotzdem mal nach! Danke und liebe Grüße an dich!
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Ich habe „von früher“ auch mehr Nebel in Erinnerung, auch so richtig dicken. Scheint überall dasselbe zu sein. Über Nebel redet hier aber niemand, für den Radiosender zählt nur Sonne.
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Schade, da wissen sie bei deinem Radio wohl nicht, was für ein dankbares Thema sie verpassen. 😉
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