Lesen! Aber wie und wo?

„Non mi fu mai negato un libro. Mia sorella ed io leggevamo ovunque, come tutti i ragazzi e gli adolescenti della nostra età: a letto sotto le coperte con la lampadina tascabile, nel bagno, nei giardinetti dicendo poi che la lezione era durata più a lungo, sempre e ovunque ve ne fosse l’occasione, si leggeva.“

Mir wurde nie ein Buch verwehrt. Meine Schwester und ich lasen überall, wie alle Kinder und Jugendlichen in unserem Alter: im Bett unter der Bettdecke mit der Taschenlampe, im Bad, auf dem Spielplatz, mit der Behauptung, der Unterricht hätte länger gedauert – immer und überall, wo sich die Gelegenheit bot, wurde gelesen.

Franca Magnani

Una famiglia italiana“*, Feltrinelli, 1. Auflage April 1991, Seite 149. Deutsch: eigene Übersetzung.

Wär hätte das gedacht: Mit den Kindern ist es immer dasselbe, vor neunzig Jahren nicht anders als in der Gegenwart. Nur dass es heute zumeist das Smartphone ist und da weniger gelesen, als geschaut und gescrollt wird. Unsere Jüngste ist neben dem Smartphone auch Büchern nicht abgeneigt, obwohl ihr manchmal die Aufmerksamkeitsspanne einen Knick in die Seiten macht. Aber der Wille zum Lesen, sogar zum Lautlesen und Vorlesen, ist ausgeprägt. Das mache ich mir jetzt zu Nutze. Dazu muss ich erklären: Ich lese ausgesprochen gerne, tue mich aber schwer damit, den richtigen Ort und die passende Position zu finden. Im Liegen lese ich nicht mehr. Ich muss sitzen oder stehen. Eine Zeitlang praktizierte ich es im Gehen. In der Mittagspause erledigte ich sogar drei Dinge auf einmal: Ich lief eine Runde durch den Ort, in der linken Hand das Buch und in der rechten ein belegtes Brot. Seit ich halbtags arbeite, hat sich das mit der Mittagspause und dem Lesespaziergang erledigt. Jetzt lese ich hauptsächlich in den Wartezeiten, die mein Nebenberuf Mamataxifahrerin mit sich bringt.  Während das Kind musiziert oder tanzt, sitze ich im Auto, auf der Parkbank oder in einem netten Café und lese. Im Gehen zu lesen habe ich mir abgewöhnt. Wie sollte ich sonst schimpfen auf die Kinder, die dabei aufs Smartphone gucken? Das wäre dasselbe, aus der Gefahrenperspektive betrachtet.

Es gibt Hörbücher, höre ich da jemanden rufen. Na klar! Leider brachte mir ein entsprechender Versuch Unglück. Ich hatte einmal drei oder vier Hörbücher auf CD von einer Kollegin bekommen und angefangen, sie im Auto auf dem Weg zur Arbeit zu hören. Dazu musste ich auf mein heiß geliebtes Morgenradio und meine Musica Italiana verzichten. Aber egal. Dann fuhr der Autokarosserieschlosser meines Vertrauens mein Auto kaputt, als er es dem Automechaniker seines Vertrauens wegen eines ungeklärten Geräusches vorstellen wollte. Da hatte er es eilig, es war wohl in der Mittagspause, und mit Kohldampf fuhr er zu schnell, als dass er einer Frau, die mit ihrem Wagen an einem Stoppschild zu früh losgefahren war, vielleicht ja auch, weil sie ihn noch nicht gesehen hatte, denn er fuhr ja zu schnell, noch hätte ausweichen können, und als er das instinktiv doch noch tat, stand die Kirche im Weg. Es ist sehr eng an dieser Kreuzung, weshalb man wohl langsam fahren und am Stoppschild wirklich halten soll. Zum Glück hat der wilde Fahrer sich damals nicht verletzt, aber mein Auto, das ohnehin schon ein paar Jahre auf dem Buckel hatte, war hinüber. Mein neues Auto hat nun keinen CD-Player mehr. Und so endete mein kurzer Ausflug ins Reich der Hörbücher.

Doch zurück zu mir nach Hause, zurück in die Gegenwart: Wenn ich in meiner Freizeit nicht meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehe und schreibe, muss ich entscheiden, ob ich handarbeite oder lese. Beides zusammen geht leider nicht. Da ich beim Stricken oder Häkeln gleichzeitig fernsehen kann, ist diese Kombination mein Favorit. Das Buch bleibt derweil liegen. Leider. Bis ich auf den Deal mit meiner Tochter kam. Eigentlich kam sie darauf, oder wir beide. Sie langweilte sich und wollte mir vorlesen. Wenn sie das aus ihren Büchern tut, bin ich es, die sich langweilt. Fantasy, Romance oder was auch immer ‒ meins ist das nicht. Aber nun lag da das schöne Buch von Franca Magnani auf meinem Tisch, geschichtlich interessant und sympathisch geschrieben. Die spätere Journalistin berichtet aus ihrer Kindheit mit der Familie im Schweizer Exil in den dreißiger Jahren und erzählt aus einer Perspektive, die auch italienischen Kindern von heute Geschichte und politische Themen von damals nahebringt. Da unsere Tochter in der Schule gerade die Zeit des Faschismus behandelt, erzählte ich ihr hin und wieder von dem, was ich gerade las. Und so kam eins und eins zusammen und meine Tochter auf die Idee, mir einfach aus meinem Buch vorzulesen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen! Sie liest, ich stricke, und über das Gelesene unterhalten können wir uns auch dabei. Eine dreifache Win-win-Situation. Obendrein übt mein Kind deutsch, denn einige Begriffe in Form von Züricher Straßennamen, Einrichtungen und kulturellen Traditionen kommen auch darin vor. Das Buch habe ich in der Bibliothek derweil verlängert, zu einem guten Zweck. Ich lasse es mir weiter vorlesen und werde zu gegebener Zeit noch darüber schreiben. Es ist ein wunderbar erzählter, lohnenswerter Stoff.

An dieser Stelle noch die Fortsetzung des oben angeschnittenen Zitats, weil es so gut zum Thema passt:

„I due rubinetti dell’acqua ‒ quella fredda e quella calda ‒ erano inseriti nel muro, sopra l’acquaio di cucina, in modo tale di lasciare uno spazio fra muro e rubinetti nel quale si poteva incastrare – aperto – un libro di medio spessore. … Il sistema resse finché non fummo scoperte in flagrante. Lavare i piatti in quel modo era una broccionata, urlò nostro padre. Riprendemmo a lavare i piatti con il sistema ortodosso.” (Zwei Wasserhähne ‒ der kalte und der heiße ‒ waren so in die Wand über dem Spülbecken eingelassen, dass da zwischen der Wand und den Wasserhähnen ein Zwischenraum war, in den man ein mittelstarkes Buch geöffnet einklemmen konnte. … Das System funktionierte, bis wir auf frischer Tat ertappt wurden. Das Geschirrspülen auf diese Weise war eine Broccionata, rief unser Vater, eine Schlamperei. Nun wurde also wieder nach der herkömmlichen Methode abgewaschen.) S. 149

*Werbung, wie immer unbezahlt. „Una famiglia italiana“ ist die italienische Ausgabe, mit Änderungen und Ergänzungen, des 1990 bei Kiepenheuer & Witsch Köln erschienenen deutschen Originaltitels „Eine italienische Familie“.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

12 Kommentare zu „Lesen! Aber wie und wo?

  1. Wenn das keine Win-Win-Situation für euch beide ist, dann weiß ich auch nicht. Klasse! Und was für ein schöner Mutter-Tochter-Moment.🤩 Alle Daumen sind gedrückt, dass deine Vorleserin noch lange Spaß daran hat und du währenddessen in Ruhe handarbeiten kannst. 😃

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  2. Einander vorlesen und darüber sprechen, das gehört zu unseren Lieblingsbeschäftigungen im Strandkorb in Binz. Das haben mein Mann und ich vor einigen Jahren für uns entdeckt. Schön, was sich zwischen Mutter und Tochter ergeben kann. Meine Mutter hat mir damals Schullektüre vorgelesen, wenn ich es über die großen Ferien nicht geschafft habe. Das waren noch Zeiten, liebe Anke. Viele Grüße!

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    1. Mit deinem Mann hast du Glück. Ihr schwimmt auf einer Welle, wenn ihr im Strandkorb sitzt. 😄
      Danke für deine Gedanken und Erinnerungen zum Thema, und liebe Sonntagsgrüße!

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    1. Ja, perfekt. Und wenn ich zwischendurch weiterlese – gerade sitze ich in der Frühlingssonne, während sie tanzt – erzähle ich ihr das Stück, das sie verpasst hat.

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