Von Bergen, die keine sind

Das hätte ich mir nicht träumen lassen: noch einmal mit dem großen P an der Heckscheibe* das Anfahren am Berg zu üben. An Bergen, wohlgemerkt, die gar keine sind. Nicht mal ein leichter Anstieg. Nur ein Stopp, ein Kreisverkehr oder eine Ausfahrt, wo man nach einem kurzen Halt anfahren muss. Dazu muss ich erwähnen, dass wir im Lombardischen Flachland leben und die Alpen nur dekorativ am Horizont sehen. Der Berg sitzt bei Fahranfängern vermutlich im Kopf. Und die Füße wissen noch nicht so genau, wie sie ihn bezwingen sollen.

Wenn ihr nun denkt, ich muss nach mehr als zwanzig Jahren die Führerscheinprüfung wiederholen, dann erinnert ihr euch vielleicht an meinen Beitrag vom letzten Jahr. Nein, der kleine Angsthase bin diesmal nicht ich, sondern es ist unsere Tochter. Aber was sag ich da? Sie ist gerade kein Angsthase, sondern frohgemut und zuversichtlich und möchte immerzu üben, seit sie ihr „Foglio Rosa“, den Lernführerschein, hat. Mit dem darf sie in Begleitung eines erfahrenen Fahrers direkt nach bestandener Theorie selbst am Steuer sitzen. Anfangs wollte ich die ehrenvolle Aufgabe gern meinem Mann, viel erfahrener als ich, überlassen. Dabei hatte ich nicht mit dem Taten- bzw. Fahrdrang unserer Tochter gerechnet. Beinah jeden Nachmittag fragt sie mich, während der Papa noch im Büro sitzt: Drehen wir eine Runde? Und sie meint damit nicht unsere vielen Kreisverkehre, sondern die umliegenden Straßen im Ort und im Nachbarort. Ich schätze ihren Eifer sehr, habe meine anfänglichen Zweifel überwunden und gelernt, dass man im Notfall (nicht gelingendes Anfahren „am Berg“) auch schnell den Platz wechseln kann. Schade, dass die Wartenden hinter uns das „P“ glatt ignorieren und gern lautstark hupen. Selbst in Situationen, in denen überhaupt kein Anfängerfehler vorliegt. So stand neulich ein Auto in Panne mitten im Kreisverkehr und jeder „normale“ Fahrer musste warten, um daran vorbeizufahren. Es gab definitiv keinen Grund zu drängeln. Mach dir nichts draus, das wirst du oft erleben, versuchte ich meine Tochter zu wappnen. Sie regt sich viel zu sehr auf. Ich kommentiere provokantes Fahrverhalten der anderen zwar auch mit Kraftausdrücken oder Gesten, aber nur, weil man es (in Italien) so macht. Wirklich aufregen will ich mich nicht mehr, man gewöhnt sich irgendwann an die rohen Sitten. Das geht bei mir so weit, dass ich angesichts der vielen negativen Erfahrungen gar keine Rücksichtnahme mehr erwarte. Neulich wollte ich in ein Parkhaus fahren und es funktionierten weder der VIP-Modus (magisches Öffnen der Schranke dank installiertem Telepass) noch der Ticketautomat. Ich war guter Dinge an die Schranke gefahren, auf die Telepass-Magie vertrauend. Doch: kein Piepton, keine Durchfahrt, auch nach kurzem Zurücksetzen nicht. Also fuhr ich noch ein Stück im Rückwärtsgang, um den Ticketschalter zu erreichen. Ich drückte die Taste, die man laut Anweisung drücken muss, um den Parkschein zu ziehen. Nichts. Ich drückte noch einmal. Ich drückte etwas stärker. Ich haute drauf. Nichts. (Schrieb ich nicht erst kürzlich, dass Automaten und ich keine Freunde sind? Da seht ihr es wieder!) Also gestikulierte ich wild in Richtung des Fahrers hinter mir, der sich partout nicht vom Platz rührte. Starrte der mich an, schimpfte der womöglich auf die „Frau am Steuer“? Egal, ich gab ihm zu verstehen, dass auf dieser Seite nichts funktionierte. Dazu winkte ich mit den Unterarmen über Kreuz, wie zwei entgegengesetzt wischende Scheibenwischer. (Verständlich gestikulieren sollte man besser auch in der Fahrschule lernen.) Ich wollte ihm klarmachen, er solle es links von mir bei der anderen Schranke versuchen. Warum, verdammt nochmal, rückte er nicht von der Stelle? Ich schimpfte innerlich auf ihn und fuhr selbst auf die andere Seite. Erst als ich nach dem Einparken um mein Auto herumlief, verstand ich, was geschehen war: Der nachfolgende Fahrer hatte das P gesehen und wollte mir die Vorfahrt gewähren, ließ mir Platz und Zeit, die Spur zu wechseln. Gibt es sie also doch, die netten Verkehrsteilnehmer. Wie schön!         

*P steht in Italien für Principiante, wie das A für Anfänger.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

20 Kommentare zu „Von Bergen, die keine sind

  1. Toll, dass deine Tochter so viel Mut hat und Deine Parkhausgeschichte ist herzerfrischend ermutigend.
    Anfahren am Berg….ja, neben rückwärts Einparken mein Angstthema. Ich erwarb meinen Führerschein auf der flachen Nordseeinsel Föhr. Damals ohne Ampel und Kreisverkehr. Na ja, und eben ohne Berge. Wir übten am Deich. Ich reise heute noch allein und mit dem Auto nur in den Norden.

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    1. Danke, liebe Regine. Ja, wo man Autofahren lernt, prägt einen schon. Ich bin zum Beispiel die engen Gassen gewöhnt, in denen den deutschen Touristen aus dem Norden eher mulmig wird. Dir weiterhin allzeit gute Fahrt im schönen Norden!

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  2. In Österreich ist es ein „L“, es steht für „Lernfahrt“ und bietet keinerlei „Welpenschutz“ mehr. Laut Reglement darf es nur angebracht sein bzw. werden, wenn tatsächlich eine „L“-ernfahrt stattfindet. Die Leute sind zu faul, belassen es in der Heckscheibe und in Folge hat es seine Hinweiskraft verwirkt.

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    1. Ich bin nicht faul, aber die Klebestreifen täglich abzureißen und wieder anzubringen ruiniert das offizielle Dokument mit dem P, das wir von der Fahrschule haben. Das hängt jetzt drin und gut, auch wenn ich selbst fahre.

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  3. Das ist sehr witzig,jedoch verstehe ich etwas nicht. Darf der Fahrschüler in Italien ohne praktische Fahrstunden mit dem Fahrlehrer schon in einem privaten Auto in Begleitung fahren? Wer tritt auf die Kupplung oder Bremse, wenn der Fahrschüler einen Fehler macht???

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    1. Ja, dürfen darf er. Natürlich macht das keiner. Wir haben mit der Tochter auch erst Runden im Industriegebiet gedreht, sonntags, also ohne Verkehr. Nach drei offiziellen Fahrstunden darf sie nun auch auf die Straße. Die Bremse und Kupplung tritt der Beifahrer nur in Gedanken. 😉 Gibt es diese Regelung in Deutschland etwa nicht?

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  4. Gut für mich, dass es damals noch nicht gab, das begleitete Fahren für Fahranfänger. 1964 in Görlitz hatte von meinen Bekannten niemand ein Auto – aber ich habe es für das Motorrad und das Auto mit den Mindeststunden geschafft – der Verkehr hatte ja nichts mit dem heutigen zu tun.

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    1. Brava! Ja, das waren andere Zeiten. Weil meine Eltern bis „zum Schluss“ kein Auto hatten, kam ich selbst auch erst spät zum Führerschein, machte ihn erst in Italien. Damals war ich Single und hatte auch kein begleitetes Üben außerhalb der Fahrschule. Ich übte dann mit Führerschein und erstem eigenen Auto, zum Glück war August und die Straßen waren frei.😉

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      1. Ich habe zwar 64 die Prüfung bestanden, bin aber dann bis 1974, wo wir uns einen gebrauchten Trabant zum Neupreis dieses Auto gekauft haben, nicht einmal gefahren. Mein Gatte hatte keinen Führerschein, also musste ich alles allein machen. – Wie schön, denn als er dann einen hatte, war das Auto früh immer weg, auch wenn es anders ausgemacht war.
        Gute Nacht!

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      2. Na eben, so war das früher: Führerschein, aber kein Auto. Und bei dir dann: Auto, aber schon weg. Schweinerei!
        Buona notte!🙂

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  5. An die Übungsfahrten unserer Kinder erinnere ich mich noch gut. Mein Mann machte daraus gern einen Ausflug der ganzen Familie, obwohl ich lieber zuhause geblieben wäre. Aber ich kann mich nicht beschweren. Er bot auch oft Übungsfahrten an, an denen ich nicht teilnehmen musste. Das war auch den Kindern lieber. Ich bin einfach zu pingelig 😉

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