Drehen wir eine Runde!

Der Italiener und der Kreisverkehr

Vielleicht haben manche von euch doch noch die Sommerferien 2020 in Bella Italia verbracht, oder ihr erinnert euch an vergangene Jahre. Wenn ihr im Auto unterwegs wart, möchte ich wetten, dass eure Nerven auf die Probe gestellt wurden.

Der deutsche Autofahrer hat es schwer auf der Autostrada, der Autobahn. Es scheint kein Rechtsfahrgebot zu gelten, überholt wird, wo es sich gerade ergibt, und das Tempolimit ist ein gutgemeinter Hinweis. Obwohl, in dieser Hinsicht können die Deutschen von ganzem Herzen mitfühlen: Welche Frechheit, mit einem Alfa, Lamborghini oder gar Ferrari auf 130 beschränkt zu werden, eine Zumutung!

Aber all das wilde und unkalkulierbare Fahrverhalten auf der Autobahn ist nichts gegen den Stress, dem ein Deutscher im Stadt- und Ortsverkehr ausgesetzt ist, sobald er an einen Kreisverkehr kommt. Und an Kreisverkehre kommt er ständig. Viel öfter, als er es aus seiner Heimat gewohnt ist, und noch viel öfter, als ihm hier in Italien lieb ist.  Am italienischen Kreisverkehr, der Rotonda oder auch Rotatoria, kommt dem Deutschen der Angstschweiß.

Der durchschnittlich umsichtige deutsche Autofahrer muss für seine Ausflüge die doppelte Fahrzeit einplanen, denn er steht an den Einfahrten zum Kreisverkehr wie festgenagelt. Er weiß nicht, wann er dran ist.  Alle, die von links kommen, blinken gar nicht, oder aber links, bevor sie rechts an der Ausfahrt vorher abbiegen. Ehe der Deutsche das begriffen hat, ist es zu spät, und es kommt schon der nächste einheimische Verkehrsteilnehmer in die Kurve, von dem er nicht weiß, wo er hinwill.

Noch interessanter wird es, wenn der Kreisverkehr zwei Spuren hat. Der Deutsche reiht sich links ein und wartet brav, denn er will ja weiter rum. Schade nur, dass rechts von ihm galant einer nach dem anderen reinfährt. Und zwar nicht, um sogleich rechts rauszufahren. Auch die Rechtsreinfahrer drehen in zwei von drei Fällen die Runde zu einer anderen Ausfahrt. Wo es dann wieder ein reines Glücksspiel ist, ihre Absicht zu erkennen. Es gibt schließlich drei Varianten des Blinkersetzens: links, rechts oder gar nicht.

Nicht, dass es in Italien keine Regeln für den Kreisverkehr gibt.

Es kennt sie bloß keiner.

Gefühlt kommt in Italien auf neun Kreisverkehre eine Kreuzung. Das sind so wenige, und davon haben die meisten eine Ampel. Es bleibt offen, ob die Vorfahrtsregeln an einer nicht beampelten Kreuzung überhaupt jemandem bekannt sind. (Mich eingeschlossen, denn ich habe in Italien den Führerschein gemacht, aber zu dieser Erfahrung ein andermal vielleicht mehr.)

Bei uns im Ort gibt es einen Kreisverkehr, oben im Bild, der hätte beim Wettbewerb „Kleinster Kreisverkehr der Welt“ beste Chancen auf den Hauptgewinn.

Aber wir sind froh, dass auch dort ein Kreisverkehr ist. Denn der ist rund, und mit Rundem kann sich der Italiener arrangieren. Vielleicht macht es einfach auch Spaß zu schauen, wie man sich am besten einfädelt.

Fahrvergnügen, italienisch interpretiert.

Eckige Kreuzungen mit deutschem „Erst ich, dann du“? Lieber nicht. Sei geschmeidig, fahre intuitiv! Die Quizfrage ist immer dieselbe: Wie wird sich der andere verhalten? Blinkt er, oder blinkt er nicht? Blinkt er falsch, oder ‒ und das könnte zum unangenehmen Missverständnis führen ‒ ausnahmsweise richtig?

Kreisverkehre sind rund. Rund wie der Kopf, der ja bekanntlich deshalb rund ist, damit die Gedanken die Richtung wechseln können. Die Deutschen sind gut im Geradeaus. Und rechts vor links an der Kreuzung. Die Italiener sind flexibel. Erst mal fahren und dann sehen. Alles wird gut.

Wie heißt es so schön:

Drehen wir eine Runde – Facciamoci un giro!

3 Kommentare zu „Drehen wir eine Runde!

  1. Das kann ich nur bestätigen. Mindestens der apulische Italiener gibt die Richtung im Kreisverkehr immer mit dem Blinker an vor allem, wenn es rund nach links geht. Ich glaube, die Meisten sind der Meinung, dass man auch durch Kreisverkehre eigentlich immer irgendwie geradeaus fährt. Der Kreis ist nur Schikane.

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    1. Hallo Corinna, stimmt, da fällt mir auch noch ein: Das angenommene Geradeausfahren auf einer Hauptstraβe wird auch gerne damit zum Ausdruck gebracht, nochmal anständig aufs Gas zu treten, wenn man sich dem Kreisverkehr nähert 🙂
      Ich wünsche dir weiterhin viel Fahrvergnügen!
      Gruβ aus Malnate nach Puglia, Anke

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      1. Haha… Ja, da hast du recht. Die freundlichen, gutmütigen Italiener verwandeln sich im Auto sofort in egoistische Monster. Gern auch angewendet: hupen, sobald man sich einer Kreuzung nähert, um auszudrücken, dass man nicht anhalten wird – für niemanden.

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