Warten, noch dazu mit Gepäck auf der Straße, ist nicht meine Stärke. Eine Stunde habe ich rumgebracht, mich dazu in ein Straßenlokal gesetzt, meinen Trolley neben dem Stuhl, den Rucksack auf den Knien. Ich komme nicht in das gebuchte Apartment im Stadtzentrum von Turin, eine Rezeption scheint es nicht zu geben. Ein schweres Tor versperrt mir den Zugang zum Palazzo. Die Geheimzahl nebst Bedienungsanleitung hat meine Freundin, die noch im Flieger sitzt oder gerade gelandet ist. Als fast Italienerin hatte ich vor ein paar Tagen selbst mit der Verwalterin telefoniert und es hatte so geklungen, als ob uns auch vor der offiziellen Bezugszeit jemand reinlassen könnte, das Zimmermädchen zum Beispiel.
Als ich nun eine junge Frau sehe, die sich erfolgreich an dem großen Tor zu schaffen macht und es öffnet, spreche ich sie an. Natürlich frage ich nicht, ob sie die Putzfrau sei, sondern formuliere etwas in der Art, ob sie mit den Gäste-Suiten zu tun habe. Nein, das hätte sie nicht, sie wohne hier, aber sie hält mir das Tor auf, so dass ich ihr in den Hauseingang folge. Da gibt es sogar ein Sportello, ein kleines Fenster wie an einem Ticket- Schalter. Ich gucke, ob da einer sitzt. Natürlich nicht. Vor vielen Jahren sicher mal ein Hauswart, so etwas gab es zu besseren Zeiten in den großen Palazzi, den italienischen Stadthäusern. „Niemand da“, stelle ich fest, und begründe kurz meine Situation. „Meine Freundinnen kommen später aus Deutschland, nur sie haben die Zugangsdaten.“ Ich denke bei mir, dass so etwas eigentlich jeder behaupten kann. Die junge Frau schaut erst meinen Koffer, dann mich mitfühlend an. „Mit den Suiten kann ich dir nicht helfen, ich wohne hier“, erklärt sie noch einmal. Ich muss den Eindruck erwecken, als ob ich das nicht verstanden hätte. „Wenn du deinen Koffer hierlassen möchtest, kann ich ihn bei mir unterstellen.“ Möchte ich das? Ich bin irritiert von ihrer unkomplizierten Art und dem spontanen Angebot. Sicher wäre es bequemer, ohne Gepäck herumzubummeln. Trotzdem zögere ich und sage wie zur Entschuldigung, dass ich gehofft hatte, im Foyer eine Toilette zu finden. Da lächelt sie und fordert mich auf, ihr zu folgen. „Dann komm schnell hoch, du kannst bei mir gehen.“ Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. So viel Freundlichkeit und so grenzenloses Vertrauen. Ich selbst würde bestimmt keiner Fremden anbieten, mein Bad zu benutzen, ohne dass wir uns kurz kennengelernt hätten. Obwohl meine Frage keine Bitte war, habe ich das Gefühl, dass ich jetzt keinen Rückzieher machen kann.
Auf dem Weg zum Fahrstuhl erzählt meine Helferin, dass sie in der Mittagspause sei und dann wieder ins Geschäft zurückmüsse, sie arbeite in einem Schuhladen. „Du arbeitest, am 1. Mai?“ Sie nickt und zuckt resigniert mit den Schultern. „Das ist der Kapitalismus“, erklärt sie mir und ich verstehe sie gut, komme ich doch ursprünglich aus einem anderen System. Da ging man am Maifeiertag demonstrieren und anschließend zum Volksfest oder in den Garten. Im Fahrstuhl beschließe ich, mich vorzustellen. „Ich heiße Anke, das ist eine deutsche Form von Anna, und du?“ „Ich bin die Niko. Wenn meine Mitbewohner da sein sollten, dann sagst du, du seist meine Freundin.“ Okay, alles klar. Also ihr Name eher nicht. War Nico nicht die Abkürzung von Nicola und in Italien ein Männername? Egal, ich beschließe für mich, dass Niko, die sympathische junge Schuhverkäuferin, sich mir „k“ schreibt und ihr Name kaum ungewöhnlicher ist als meiner.
Auf einmal fühle auch ich mich jung, wie bei meinem ersten Italienbesuch. In Bologna hatte ich Schwierigkeiten, das Hotel zu finden und war auf meinem Weg vielen netten Menschen begegnet, die mir weiterhalfen. Die Situation erinnert mich an damals, auch wenn ich ein Vierteljahrhundert älter bin. Vielleicht trägt mein neuer, jugendlich anmutender Kurzhaarschnitt dazu bei, dass mir Niko so ungezwungen ihr Vertrauen schenkt. Ich schätze sie auf Mitte, höchstens Ende zwanzig. Meinen Rollkoffer hinter mir her ziehend, folge ich ihr über eine weitere Treppe bis unter das Dach. Ganz hinten ist ihre WG. Davor ein Abstellraum, offen, eine Art Nische. „Da lässt du den Koffer“, bestimmt Niko, während sie die Tür aufschließt. Tatsächlich sind zwei Mitbewohnerinnen in der Küche zugange, die gleich links neben der Eingangstür vom Flur abgeht. Meine Helferin stellt mich wie vereinbart als ihre Freundin vor und geht voraus zum Badezimmer. „Es sieht etwas chaotisch aus, die Waschmaschine läuft auch gerade, so ist es nun mal“, entschuldigt sie sich. „Kein Problem“, stammele ich. Als ich mich im Anschluss zum Gehen anschicke, fragt Niko, ob ich ein Glas Wasser möchte und ob es mir gut ginge. „Nein danke, das habe ich selbst und ja, es geht mir gut“, antworte ich verlegen und bedanke mich noch einmal wortreich für ihre Hilfe. Bevor ich mich verabschiede, erklärt sie mir, in welchem Geschäft sie arbeitet, falls ich später noch etwas brauche. Ich denke sofort, dass ich vorbeigehen sollte, um mich erkenntlich zu zeigen oder einfach Hallo zu sagen. (Mein schlechtes Namengedächtnis soll mir leider einen Strich durch die Rechnung machen, weder das Geschäft noch die Straße bleibt hängen.) Ich gehe die Treppe runter, nehme den Fahrstuhl und habe am Ausgang die Hand schon auf der Klinke, die sich von innen leicht öffnen lässt. Mir ist klar, wenn ich jetzt das Haus verlasse, komme ich so schnell nicht wieder an den Koffer. Oder habe ich kein Vertrauen? Bin ich es, die nach einer so großzügigen Geste nun besorgt ist um den läppischen Inhalt ihres Trolleys? Nein, und ich hoffe, Niko denkt es nicht, sollte sie hören, dass ich zurückkomme und den Koffer doch wieder an mich nehme. Man weiß ja nie. Ich habe lieber jederzeit Zugriff auf meine Sachen, wie ich es bei der Gepäckabgabe an Rezeptionen gewohnt bin. Eine Viertelstunde später stehe ich erneut auf der Straße vor dem verschlossenen Tor und habe nichts gewonnen. Falsch! Und ob ich etwas gewonnen habe: eine wunderbare Erfahrung. Danke, liebe Niko!
Titelfoto: Piazza San Carlo, Turin
Es gibt sie also doch noch, diese herzensguten Menschen, die immer hilfsbereit sind und sich sofort kümmern.
Das freut mich sehr! 🙂
Ein schönes Beispiel dafür, wie es gehen sollte, liebe Anke. 💫
Viele Grüße Bea
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Tolle Erfahrung, so sollte es sein. Leider herrscht oft ein Misstrauen.
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