Ciao, Signor Gentile!

Es ist eine Zeit der Abschiede. Um mich herum. Freundinnen und Bekannte mussten ihre Eltern begraben oder wissen um die kurze Zeit, die ihnen gemeinsam bleibt. Mein Mann verlor gerade einen guten Freund, der sein liebstes Hobby mit ihm teilte. In all diesen Fällen sind die Verstorbenen keine Bekannten von mir, aber ich fühle und bange mit denen, die Abschied nehmen. Ich weiß selbst, wie das ist.

Manchmal sind die Menschen, die gehen müssen, nur Randfiguren des eigenen Lebens. Menschen, die man kaum beim Namen kannte, aber wenn sie plötzlich nicht mehr da sind, bricht an diesem Rand des Lebens ein Stück weg. So ging es mir, als ich vor wenigen Wochen wie gewohnt den kleinen Schreibwarenladen in unserem Ort ansteuerte, um Kleinigkeiten für das neue Schuljahr zu kaufen. Die Rollläden waren runtergelassen. Da dachte ich noch, dass der nette Mann ‒ in unserer Familie Signor Gentile genannt ‒ wegen Ferien geschlossen hätte, wie die meisten anderen Händler kurz vor Ferragosto. Von seiner befreundeten Geschäftsfrau ein paar Ecken weiter erfuhr ich, dass der kleine Laden zum Verkauf steht. „Kann er nicht mehr arbeiten, ist er in Rente gegangen?“, fragte ich mit einem Funken Hoffnung. Nein, unser Lieblingshändler war bereits im Februar verstorben. Im Februar! Und ich erfuhr es erst im August. Ich konnte nicht glauben, dass es so lange her war, ich nicht erst vor ein paar Wochen bei ihm einen Textmarker oder Radiergummi gekauft hatte. Es kam mir vor, als wäre es gestern gewesen. Ich stammelte wohl ein wenig, als ich der Dame mein Bedauern zum Ausdruck brachte. „Wollen Sie nicht das Geschäft übernehmen?“, fragte sie mich und meinte es nicht im Scherz. Ich schluckte und erklärte, dass ich mich gerade in einer Phase der Neuorientierung befände, ach was, ich gab zu, arbeitslos zu sein. Mir gefallen solche Eingebungen und Zufälle, auch Schicksal genannt. Und insgeheim hoffe ich, dass meine neue Aufgabe irgendwo auf mich wartet und ich nur mit offenen Augen durchs Leben gehen muss, um die Gelegenheit nicht zu verpassen. Aufgewühlt lief ich nach Hause, die Telefonnummer der verkaufenden Witwe in der Tasche. Angerufen habe ich nicht. Mir wurde klar, dass ich nicht in diesem und für dieses Geschäft würde leben können, wie Signor Gentile es getan hatte. Er öffnete morgens um 5:30 Uhr, weil er mit Zeitschriften handelte. Nach der Mittagspause ging es bis 19 Uhr weiter. Auch am Samstag und sogar Sonntagvormittag stand er im Laden. Er nahm Pakete an und sonst noch was. Nur von Schreibwaren lebt es sich nicht mehr. Hin und wieder kam es vor, dass ein Schild „Komme gleich wieder“ an der Tür hing. Sicher wohnte er über dem Geschäft oder gleich um die Ecke.

Ja, etwas Eigenes schwebt mir manchmal durch den Kopf. Aber dann muss es wirklich meins sein, mit Büchern oder Handarbeiten oder Kultur zu tun haben. Das alteingesessene Schreibwarengeschäft war nicht konkurrenzlos im Ort. Ob die treuen Stammkunden auch zu mir kämen, so wie ich extra zu ihm fuhr, statt im Supermarkt zu kaufen oder unterwegs irgendwo anzuhalten? Signor Gentile hatte diesen Sympathiebonus, ich schrieb davon genau heute vor vier Jahren. Gern verlinke ich nochmal auf meinen Blogpost zu der netten Geschichte, die wir bei ihm erlebt haben: „Vom Kugelschreiber, den es nicht gibt“. Danke, Signor Gentile, für die gemeinsame Zeit! Schreibwaren verkauft keiner mit so viel Herz, wie Sie es taten.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

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