Gespräche

Heute vor zwei Jahren, Klassentreffen im Ort meiner Kindheit. Ohne mich. Ich hatte keine Lust gehabt, würde man sagen. Dabei hätte ich es in Italienisch anders ausgedrückt. Non me lo sentivo. Ich fühlte mich nicht dementsprechend. Mir war nicht danach zumute gewesen. Natürlich formulierte ich es weder so noch anders, als ich absagte. „Bei mir klappt es diesmal nicht.“ So einfach war es gewesen. Es ging keinen etwas an, was bei mir daheim los war. Ich war in jenem Jahr durch die Hölle gegangen, durch die eine Mutter geht, deren Tochter nicht mehr essen will.

Es war ein Jahr gewesen, in dem ich nur mit wenigen Menschen sprach. Auch mit dir nicht mehr. Nicht darüber. Du hättest es nicht verstanden. Wie solltest du auch. Als Mann, der keine Kinder hat. Ich wollte dich nicht belasten und hatte mir doch gewünscht, dass du fragst, wie es mir geht. Aber deine Nachrichten waren seltsam gewesen. Oberflächlich, für mein Empfinden. Unzusammenhängend, manchmal. Und dann nochmal sehr persönlich, aber nicht die Gegenwart, sondern nur die lang vergangene Vergangenheit betreffend. Unsere Vergangenheit. Ich wusste nicht, was ich mit den Puzzleteilen anfangen sollte. Ich warf sie weg. Egal, hatte ich gedacht. So ist es nun mal. Vielleicht wärst du nicht mehr allein. Glücklich, mit irgendwem. Ich gönnte es dir. Und hakte es ab. Kroch zurück in meinen Kummer.

Wäre ich zum Klassentreffen gefahren, hätte ich vorher bei dir angefragt, ob wir uns sehen wollen. Trotz allem. So wie fünf Jahre zuvor bei gleicher Gelegenheit. Meinen kindischen Stolz hätte ich beiseitegeschoben. Als Frau mit siebenundvierzig war ich noch ganz passabel durchgegangen, mit Anfang fünfzig waren die Sorgenfalten nicht mehr wegzulachen. Und wennschon! Du warst auch längst nicht mehr der schlaksig große, umwerfend hübsche Junge von damals.

Ich fuhr nicht nach Deutschland. Und schrieb dir nicht davon. Um dich zu treffen, an diesem Samstag im Oktober, hätte ich ins Krankenhaus gehen müssen. Und wäre vermutlich zu spät gekommen. Der Tag meines Klassentreffens, zu dem ich nicht fuhr, war dein letzter. Das Jahr, das mich sprachlos gemacht hatte aus Sorge um meine Tochter, war dein letztes Jahr nach der Diagnose.

Diesen Sommer war ich an deinem Grab. Es hat lange gedauert, bis ich es fand. Ich habe mit dir geschimpft, dass du dich versteckst, so wie du es in deinem letzten Jahr getan hast.

Ich rede jetzt mit allen. Manchmal denke ich, es ist zu viel. Und dann erkenne ich, dass einige ähnlich schwere Päckchen tragen, viele mich verstehen und helfen wollen. Und dass ich ihnen helfen kann, einfach nur, indem ich ihnen zuhöre.

Unser letztes Gespräch wird es nie geben.    

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

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