Lost in Translation

Immer wieder dieses Thema hier auf dem Blog. Mein Thema. Es erfüllt mich mit Glück und es bringt mich zur Verzweiflung. Ich lebe in zwei Sprachen. Ich lese auch in beiden. Italienische Texte verstehe ich intuitiv, egal ob ich einzelne Worte nachschlage oder es bleiben lasse. Ich muss sie für mich selbst nicht übersetzen. Und sehr intuitiv kamen mir neulich am Ende einer Kurzgeschichte die Tränen. Nicht, weil die Story so traurig war. Es ist eine durch und durch positive Geschichte. Berührend, ja, aber es war ‒ das spürte ich ‒ die Art, wie sie erzählt wurde. Von einer jungen Italienerin, Carolina Reguzzoni, die mit diesem Text den Preis „Piero Chiara Giovani 2026“ gewann, der bei uns in Varese ausgetragen wird. Ich hatte mir bei der Veranstaltung zuvor das Büchlein gekauft und mir zur Aufgabe gestellt, aus den 25 Finalist*innen meinen persönlichen Favoriten zu wählen. Die Wette vermasselte ich mir selbst, indem ich die Sammlung vor der Preisverleihung noch gar nicht in die Hand genommen hatte. Das holte ich nach, an einem Nachmittag in der kleinen Bar im Nachbarort, in die ich regelmäßig zum Lesen gehe (und zum Teetrinken oder Eisessen). Nach vielen nett geschriebenen Texten gab es diesen einen, der etwas in mir auslöste. Schon auf dem Rückweg lief ich schneller, meiner Idee entgegen: Diese Geschichte werde ich übersetzen. Um sie hier auf dem Blog zu publizieren. Die Genehmigung würde ich einholen. Kaum zur Tür herein, saß ich bereits am Schreibtisch und legte los. Doch ich kam nicht weit. Der Zauber funktionierte nicht. Schon im zweiten Absatz blieb ich stecken. Es war ein Wortspiel beziehungsweise eine Formulierung, die verschieden gedeutet werden kann. Ich las sie meinem Mann vor, der sie ohne Kontext so interpretierte, wie ich befürchtet hatte. Die Autorin spielt mit einem, sagt es und sagt es nicht, man fühlt es eher, als dass einem die Worte sofort erklären, worum es geht. Dass nämlich der junge Mann, dem die junge Ich-Erzählerin bei der Vorbereitung aufs Mathe-Abi hilft, blind ist. Man ahnt es, der Text tastet sich heran, man begleitet die Annäherung der beiden, bis sie einander sehen, wie keiner sie zuvor gesehen hat. Sie erfinden ein „Spiel“ („Gioco“ war das vorgegebene Schlüsselwort für die Texte), ordnen Dingen, die das Auge nicht sieht, Farben zu. Die Unendlichkeit sei azzurro, himmelblau. Und die Liebe, welche Farbe hat die Liebe, fragt der junge Mann am Ende die junge Frau. An dieser Stelle schlug ich das Buch schnell zu, um nach einem Taschentuch zu kramen. Will man die Geschichte auf Deutsch erzählen, würde es nicht funktionieren. Oder sie würde mit anderen Formulierungen am Ende kitschig klingen, was sie im Italienischen nicht ist. Bravissima, Carolina! Ihr müsst es mir einfach glauben, dieser Preis ist wohlverdient.

So wie es gewiss der Deutsche Buchpreis war, der im Jahr 2013 für den (mir nicht bekannten) Roman „Das Ungeheuer“ an Terézia Mora ging. Mit „Muna oder Die Hälfte des Lebens“ stand sie zehn Jahre später wieder auf der Shortlist, und dieses Buch habe ich jetzt gelesen. In Italienisch. Zufällig griff ich danach in der Bibliothek, war darüber in meinem Newsfeed informiert worden, in welcher Sprache weiß ich gar nicht mehr. Hin und wieder stürze ich mich in dieses Abenteuer, deutsche Originaltitel in der Übersetzung zu lesen. Es ist eine merkwürdige Sache. Ich lese zwischen den Zeilen und manchmal fühle ich, dass da einiges verlorengeht. Der italienische Muttersprachler fühlt das nicht. Wie sollte er. „La metà della vita“ liest sich ungewöhnlich, wenn man in italienischen Sprachmustern denkt. Sicher steckt dahinter der Versuch, „Moras schnörkellose, lakonische Prosa“ (Quelle:*), angemessen zu übertragen. Mora ist gebürtige Ungarin, dort zweisprachig aufgewachsen und lebt seit 1990 in Berlin. Sie schreibt in Deutsch, ihre Werke werden auch ins Ungarische übersetzt. In einem Zeit-Interview bei der Buchmesse darauf angesprochen, warum sie das nicht selbst täte, erklärt sie zum einen, dass sie in ungarischer Sprache keine Schriftstellerin sei. Und außerdem sei es so spannend zu sehen, was daraus wird. Sie hätte schon drei Übersetzerinnen gehabt, die aus verschiedenen Gegenden Ungarns stammten, und das merke man den Texten an. Sie fände das lustig und interessant, eine Übersetzung ist immer auch das Werk der Übersetzerin. (Quelle: **)

Eine sehr erfrischende Einstellung und eine sympathische Frau, Terézia Mora. Sicher hat sie recht. Selbst wenn etwas verloren geht, wird auf der anderen Seite viel gewonnen. Nämlich das Leseerlebnis für alle Interessierten, die der Originalsprache nicht mächtig sind.

Was die prämierte Kurzgeschichte betrifft, so läuft sie mir nicht weg. Vielleicht kann ich in einem zweiten Versuch unbeschwerter an den Text gehen und finde einen Dreh. Alles kann, nichts muss. Jetzt lese ich erst einmal wieder ein deutschsprachiges Buch im Original.

Quellenangaben:

*Kommentar der Buchpreis-Jury: https://www.deutscher-buchpreis.de/archiv/autor/97-mora/

**Autorinnengespräch auf der Frankfurter Buchmesse: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2023-10/terezia-mora-muna-oder-die-haelfte-des-lebens-frankfurter-buchmesse

Auch interessant, weil zweisprachig, das Interview mit Terézia Mora bei Rai Cultura: https://www.raicultura.it/letteratura/articoli/2025/06/Terezia-Mora-La-meta-della-vita-d7c3a412-2909-4bd3-b04e-3660cdb34295.html

Titelfoto: Eigenes Foto von der Preisverleihung „Premio Piero Chiara Giovani“ am 18. Oktober 2026.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

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