Und jetzt einen Caffè!

Da war es wieder: Das meditative Warten, währenddessen man nur die Gasflamme hört. Dann ein kaum vernehmbares Zischen, und schließlich das langersehnte, verheißungsvolle Blubbern, begleitet vom feinen Duft des Kaffees. So geht italienischer Espresso, zubereitet in der Moka auf dem Herd.

Ich hatte es fast vergessen, wie konnte ich nur?

Ich stelle die Flamme aus, warte einen Moment, klappe den Deckel hoch und rühre vorsichtig mit einem kleinen Cucchiaino da Caffè um, bevor ich die köstliche schwarzbraune Flüssigkeit in die bereitstehenden Tässchen gieße. Perfetto!

Die Moka, auf Deutsch auch Espressokocher genannt, ist der italienische Klassiker daheim und besetzt einen kleinen aber bedeutenden Platz in den Familiengeschichten. Wahrscheinlich ist die Moka das Äquivalent zur deutschen Filterkaffeemaschine. Wer in Deutschland hatte, oder wessen Eltern und Großeltern hatten keine Filterkaffeemaschine? Na also! Die Italiener sind unterdessen mit den Geräuschen und dem Duft des Caffè aus der Moka aufgewachsen.

Heutzutage gibt es in beiden Ländern unzählige Arten, Kaffee beziehungsweise Caffè zuzubereiten, jeder schwört auf seine. Oder probiert sie aus, weil andere darauf schwören. Kapselsysteme, Halb- und Vollautomaten inklusive Milchschaumbereiter haben auch in italienische Haushalte Einzug gehalten. In unseren vor anderthalb Jahren. Ausgerechnet mein Mann, der Italiener, hatte mir jahrelang in den Ohren gelegen. Jedes Mal, wenn wir bei meinen deutschen Verwandten zu Besuch waren, schlich er um deren Kaffeeautomaten herum und überschlug sich in Hoheliedern auf die vorzüglichen Heißgetränke. (Er ist im Gegenteil zu mir ein ausgesprochener Cappuccino-Fan.) Ich war taub auf diesem Ohr. Ich sehne mich nicht nach platzraubenden, komplizierten Geräten in meiner Küche.

„Und denke bloß nicht, du müsstest diese tolle Wundermaschine nicht reinigen und warten! Du wirst dich umgucken!“, hielt ich dagegen. „ICH kümmere mich nicht darum!“ war mein trotziger Versuch, ihn von seinem irren Vorhaben abzubringen.

Es kam der Tag, da hatte ich den ewigen Kampf satt und ließ mich breitschlagen. Wenn Mann mit der Tirade beginnt, er dürfe gar nichts bestimmen, ihm wird alles verwehrt, er hat überhaupt keine Freude mehr … Ich schätze, nicht nur in meinem Haushalt läuft das so ab. Irgendwann geben wir Frauen, die wir eine sehr klare Vorstellung davon haben, was wir wirklich brauchen und was nicht, des lieben Frieden willens klein bei.

So kam vor gerade mal anderthalb Jahren ein wahres Prachtexemplar von Kaffeeautomat in unsere Küche. „Design! Schau mal, wie gut sie sich einfügt in unser Ambiente“, waren die überschwenglichen Worte, mit denen mich mein Mann angesichts vollendeter Tatsachen doch noch begeistern wollte. Und ja, ich trank zwar weiterhin weder Cappuccino noch Latte Macchiato, aber an den bequemen Ausstoß von Espresso und Caffè lungo auf Knopfdruck gewöhnte ich mich schnell. Um die Wartung kümmerte sich mein Mann. Er behauptet jetzt jedenfalls, nichts falsch gemacht zu haben. Trotzdem hat unsere Maschine, die dem eleganten Design und der noblen Marke entsprechend einen vierstelligen Betrag gekostet hatte, nach nicht mal zwei Jahren ihren Geist aufgegeben. Bingo! Und jetzt? Wir (mein Mann) diskutieren gerade mit dem Kundenservice zu den Bedingungen der Einsendung und Reparatur. Als erstes kam man uns nämlich mit der Ansage, wenn sie feststellen würden, dass wir das Wartungsprogramm nicht regelmäßig oder nicht sachgemäß durchgeführt hätten, würde uns die Reparatur mindestens einen dreistelligen Betrag kosten. Zur Erinnerung: Das Gerät ist noch in Garantie! 

Nun ist es aber nicht so, dass ich meinem Mann noch zusätzlich die Stimmung vermiese und ihm mit Sprüchen wie „Siehste, DU wolltest das Ding!“ in den Ohren liege. Der schmerzende Umstand, keinen Caffè haben zu können ‒ morgens nicht, nach dem Mittag nicht, und zwischendurch schon gar nicht ‒ ist schlimm genug, auch für mich. Zumal wir uns in der Lombardei just wieder im Lockdown befinden und keinen Abstecher in die nächstgelegene Bar machen können. Da musste schnell eine Lösung her, und mein Mann kam wieder auf sie zurück, auf die gute alte Moka.

Und nun bin ich es, die in romantischen und vergnüglichen Erinnerungen schwelgt und unsere traditionelle Neuanschaffung rituell genießt.

Die allererste Begegnung mit dieser eigentümlichen „Kanne“ hatten meine Schwester und ich im Urlaub auf Elba, Mitte der 90er-Jahre. Wir wohnten in einem Appartement in einem Villaggio Turistico und durften uns selbst versorgen. Ich glaube, es war mein Schwager, der mit seinem männlichen Tüftelsinn dahinterkam, wie man mit diesem Teil einen Kaffee kochen konnte (wo kam das Wasser rein, wo das Kaffeepulver?). Was uns nervte, war, dass man nur so lächerlich wenig Kaffee auf einmal erhielt. Für die großen Tassen (die in Italien nur mit Tee oder Milch auf den Tisch kommen), mussten wir jeden Morgen drei oder vier Durchgänge kochen. Mein Schwager hatte im Zusammenhang mit dem Frühstückskaffee noch ein weiteres Erlebnis auf Elba, an das er sich sein Lebtag erinnern wird. Für den zweiten Morgen hatte er sich im Negozietto der Ferienanlage Kondensmilch besorgt. Eine kleine runde Metalldose, mit einer Kuh darauf. Der Kaffee aus dieser komischen Kanne war nämlich verdammt stark, den wollte er sich aufhellen. Ihr müsst euch sein Gesicht vorstellen, als er die vermeintliche Sahne öffnete und in ein Dosenfleisch guckte. Welches ihm anschließend mundete, zum Glück. So kann es gehen, wenn man nur nach Bildern einkauft und den Text dazu nicht versteht.

Später, in meinem ersten italienischen Hausstand, hatte ich dann selbst eine Moka. Dumme Gesichter machten auch die beiden Leipziger Umzugsmänner, denen ich nach vollbrachter Kistenschlepperei einen Caffè in der Espressotasse servierte. Ein Witz, meinten sie, und schüttelten mit dem Kopf.

„Nii schlecht, nur ’n büschn kleene“, kritisierte einer.

„Ach Sie sind das, die mit den sieben Zwergen zusammenwohnt“, frotzelte der andere.

Sicher kommt unser Design-Kaffeeautomat bald zurück und ich bin gespannt, wie lange er es dann macht. Eine Reparatur auf eigene Kosten werden wir wohl nicht durchführen lassen. Sehr vornehm, sehr teuer, sehr inakzeptabel.

Auf jeden Fall werde ich künftig hin und wieder auf die einfache Moka zurückgreifen und mir und dem Italiener einen ordentlichen Caffè machen, so wie in guten, alten Zeiten. Jetzt weiß ich ja, wie das geht.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

10 Kommentare zu „Und jetzt einen Caffè!

  1. Grins, deine Charakterisierung des Mannes im Haushalt… Mein Mann hat auch immer einen Vollautomaten im Büro, und regelmäßig geben die Dinger kurz nach Ende der Garantie den Geist auf. Irgendwelche Bastler freuen sich dann immer. Ich habe mir letztens im Melitta-Werksverkauf, wo er einen neuen Automaten erstand, eine Porzellankanne und einen Porzellanfilter in knallrot gegönnt, das ist auch richtig schöner Retro-Chic und ich liebe diesen handgebrühten Kaffee! Jeder genießt auf seine Art. Liebe Grüße, Anja

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      1. Auch bei uns zu Hause sind Mokas in verschiedenen Formen und Größen im Einsatz und sie erinnern mich immer wieder an meinen Schüleraustausch zurück, bei welchem in der Küche meiner italienischen Gastfamilie viele Mokas wie die Orgelpfeifen (von 1 Tasse bis 12 Tassen Fassungsvolumen) schön aufgereiht auf dem Küchenschrank standen.

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  2. In Italien war das für fast 90 Jahre Tradition: daheim trank man Mocca aus der Bialetti, in der Cafèbar den Espresso. Den Espresso im Café gibt’s noch, doch die immer günstigeren Kaffee- und Espressomaschinen für den Hausgebrauch erobern auch die römischen Küchen. Tatsächlich haben Kapselmaschinen auch in Italien in den letzten Jahren kräftig zugelegt. Eigentlich schade, denn die Bialetti – die Firma steckt mittlerweile in großen finanziellen Schwierigkeiten – macht guten Mocca, für den es in Italien sogar speziellen Kaffee gibt. Ich habe daheim davon übrigens vier…

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  3. Die Beschreibung deines Mannes ist herrlich. 😄 Ja, wenn man keine Freude mehr hat und der Mann den Eindruck hat, „er darf nie was“, dann gibt man nach. Auch, wenn es dann der sündhaft teure Kaffeeautomat wird. Bei uns wäre es so, dass der Römer „Ja ja“ zur Wartung und Pflege sagt – und damit meint: „Früher musste man auch nichts warten. Ich mach‘s schon noch. Diesen Sonntag. Oder den Sonntag danach. Oder so.“
    Ich hoffe, die Maschine wird kostenlos repariert und ihr habt noch lange Freude daran 🙂

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    1. Danke! Hier auch schon ein Update: Die Reparatur wird für einen zweistelligen Betrag ausgeführt, uns trifft eine Mitschuld (muss meinem Mann auch die Aufschieberitis in Sachen Wartung austreiben.) Das Verhandeln hat also schon etwas gebracht.

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      1. Zweistellig ist doch noch verkraftbar, besonders, wenn sie schon mit dreistellig drohten. Am Ende wartest du wahrscheinlich die Maschine. So würde es bei uns laufen. Der Römer lernt nämlich nichts aus diesen Situationen. 😄

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