Alles kann passieren!

Der Italiener und das Flirten

Als ich noch in Deutschland lebte, gab es dieses Sprichwort, eine Frau würde eher vom Blitz getroffen, als mit Mitte Zwanzig nochmal jemanden kennenzulernen. Hatte das Schicksal mir und meinem aussichtslosen Gefühlsleben auf die Sprünge helfen wollen, als ich genau in diesem Alter für meine gesammelten Treue-Meilen einen Freiflug nach Italien angeboten bekam? Ich hatte mich in meinem Single-Dasein gut eingerichtet, verbrachte die meiste Zeit im Büro, kümmerte mich nebenbei um meine Tanzgruppe und hatte darüber hinaus selten Antrieb, noch etwas zu unternehmen. In Deutschland, so heißt es in einschlägigen Untersuchungen, ergeben sich die meisten Beziehungen im Arbeitsumfeld oder Freundeskreis. Die Gefahr, eine interessante Bekanntschaft zu machen, einfach so unterwegs, in der Bahn, in einem Geschäft, wo auch immer, geht gegen Null.

Ganz anders in Italien! „Ciao Bella!“ ist die Anmach-Formel, mit der Italiener auf Beutezug gehen, so das Klischee. Das mag manchmal stimmen und in vielen Situationen lästig sein, aber aus einem von zehn Flirtversuchen dieser oder raffinierterer Art ergibt sich vielleicht doch etwas Interessantes. Es besteht zumindest die Chance.

Nicht, dass ihr denkt, ich bin an diesem Wochenende im März 1998 nach Bologna geflogen, um einen Mann kennenzulernen! Warum ich allein flog? Weil die Meilen für den Freiflug kurze Zeit später verfallen wären. Und ich auf die Schnelle keine Freundin fand, die ganz spontan ein Vermögen ausgeben wollte, um mich zu begleiten. Vergessen wir nicht: 1998 gab es noch keine Billigflüge und ein Flug nach Italien kostete richtig viel Geld. Einen solchen geschenkt zu bekommen, konnte ich nicht ablehnen. Worauf ich mich bei dieser Reise einließ, und dass sie in gewisser Weise die Weichen für mein späteres Auswandern aus Deutschland stellte, ahnte ich freilich nicht.

Als es soweit war und der geschenkte Flug anstand, war ich gestresst (wie immer), müde (wie oft) und noch am Vorabend hatte ich die Reise gar nicht antreten wollen. Ich hatte meine Haare selbst blondiert und fand das Ergebnis scheußlich, mochte mich nicht im Spiegel sehen. Doch das Ticket konnte nicht umgebucht werden. Ich zog das Ding durch, wildentschlossen, das Beste draus zu machen. Immerhin entkam ich auf diese Art den ungemütlichen, spätwinterlichen Leipziger Temperaturen. Als ich am Freitagnachmittag im frühlingsmilden Bologna landete, musste ich feststellen, dass sich mein Hotel nicht im Stadtzentrum, sondern verdammt weit draußen in einem Gewerbegebiet nahe der Messe befand. Auf dem Weg dorthin traf ich glücklicherweise viele nette Menschen, die mir halfen, meine Unterkunft zu finden. Am Ende des Anreisetages trösteten mich obendrein ein paar köstliche Pralinen. Mit den darin eingewickelten Sprüchen in Sachen Amore konnte ich allerdings nicht viel anfangen. Ehrlich! Ich war nicht auf diesem Trip. Ganz und gar nicht.

Aber das war ja erst der Anfang meiner Kurzreise, und Bologna sollte für einige Jahre fast so etwas wie meine zweite Heimat werden. Deshalb heute die Fortsetzung der kleinen Geschichte, wie in Bologna meine Liebe zu Italien begann. (Wer den ersten Teil verpasst hat, kann ihn hier nachlesen.)

Samstagnachmittag, kurz nach zwei, irgendwo unter den Arkaden

Touristisch betrachtet, bin ich zufrieden. Alle Sehenswürdigkeiten, die ich am ersten Vormittag im Zentrum Bolognas bestaunen durfte, waren im echten Leben noch beeindruckender als im Reiseführer: San Petronio, Santo Stefano, Università. Physiologisch gesehen, bin ich müde und hungrig. Ich sehne mich nach einem ruhigen Plätzchen, etwas Leckerem zu essen, etwas Erfrischendem zu trinken. Im Schatten unter den Arkadengängen bleibe ich stehen und krame in der Handtasche. Wo war nur der verdammte Stadtplan?

Plötzlich stehst du neben mir. Sagst etwas auf Italienisch. Ich zucke mit den Schultern, antworte in Englisch. Du würdest dann schon weitergehen. Aber das tust du nicht. Du willst mich ein Stück begleiten.

Da war dieses Lächeln. Warum bist du nicht einfach an mir vorbeigegangen? Warum habe ich mich auf ein Gespräch eingelassen? Und irgendwann in deine Augen gesehen? Vielleicht war es der Zauber Bolognas, der süße Duft des Frühlings, der mir in den Kopf gestiegen war. Du musst es gesehen haben. Oder welchen Grund gab es, dass du ausgerechnet mich angesprochen hast? Ich lasse mich nicht ansprechen. Es sei denn, ich bin ein Wochenende allein in der magischsten Stadt Italiens.

Ich gehe weiter, mit dir an meiner Seite, und rede drauflos. Ich lasse mich drauf ein. Dein Englisch klingt holprig, aber es wird besser mit der Zeit. Wir lachen viel. Dein Gesicht taucht erst viele Szenen später auf, am Anfang sind da nur Gesprächsfetzen. Von Religion und Ostberlin, Wohnungsmieten, Pinienzapfen. Worüber man eben so spricht.

Giardini Margherita heißt der Park, in den italienische Studenten gehen, die in Bologna eine deutsche Touristin an der Angel haben. Sorry, I am hungry, stammele ich vorsichtig, als ich beim Anblick der ausgedehnten Grünflächen die Chance auf eine kulinarische Stärkung in einem Ristorante schwinden sehe. Damals wusste ich noch nicht, dass man in Italien vor vierzehn Uhr einkehren muss, um zum Mittagessen noch bedient zu werden. Um vierzehn Uhr, spätestens vierzehn Uhr dreißig schließt die Küche, basta. Aber es gibt einen Kiosk im Park und viele freie Bänke. Für uns beide je ein Panino als Hauptgang und ein Gelato zum Dessert. Buono? Yes! Du berührst meine Hand. Der Ring gefällt dir. Ausgerechnet, wo ich doch nie Schmuck trage. Du glaubst nicht, dass ich ihn selbst gekauft hatte. Dass er kein Geschenk eines Lovers war. Ich ziehe meine Hand weg und denke: So läuft der Hase. Immer noch nicht dein Gesicht.

Später, viel zu früh, versuchst du, mich zu küssen. Ich lasse es zu. Wie gut sie schmecken, deine Baci. Meine Bremsen im Kopf ‒ deutsche Qualitätsarbeit und immer zuverlässig ‒ versagen den Dienst. Es fühlt sich richtig an. Es ist richtig. Wie im Film. Wo bin ich? In einem fremden Land mit einem fremden Mann irgendwo auf der Straße, ein verliebtes Paar spielend. Ja, ein Spiel ist es an diesem Nachmittag. Du hast mich nicht getroffen, du hast mich erwischt. Ich bin plötzlich Hauptdarstellerin in einem Kinofilm. Oben auf der Aussichtsplattform des Torre agli Asinelli machen wir Fotos von uns, genau wie die anderen Pärchen.

Später in der Bar gehört die obere Etage uns allein. Un Aperitivo, don’t you know? Der Cocktail ein bisschen zu süß. Wir reden jetzt weniger. Dein Haar so niedlich verwuschelt, als wir aufstehen. Du magst mich sehr gern, sagst du. Ich mag dich auch, aber ob sehr, weiß ich noch nicht. Das sage ich. Und das ist die Wahrheit. Ich kenne dich nicht. Ich gehe nicht mit zu dir. Auch nicht, als du mir erklärst, nur für mich kochen zu wollen und schwörst, mich nicht anzufassen, wenn ich nicht will. Sicher gehst du davon aus, dass ich schon wollen würde. Wir laufen unter den Portici entlang, du hältst meine Hand. Ich erkenne die Haltestelle, an der ich am Morgen ausgestiegen war. Mein Bus, sage ich und bleibe stehen. Noch einmal schlägst du vor, zu dir nach Hause zu fahren. Nein, ich muss los. Es ist gerade zwanzig Uhr, aber es ist der letzte Bus, der heute Abend zu meinem Hotel fährt.

Ciao. See you tomorrow?

Da, an der Bushaltestelle, das erste Mal dein Gesicht. Und Traurigkeit in deinen Augen. Ja, ich würde dich anrufen. Mal sehen, denke ich. Morgen ist ein neuer Tag, an dem alles passieren kann.

PS: Vielleicht ist euch aufgefallen, dass die Fotos nicht aus dem frühlingshaften März 1998 stammen können. Ich finde keine Bilder von damals und habe auf aktuellere vom Dezember 2019 zurückgegriffen. Keine Ahnung, wo die Aufnahmen von meiner ersten Bologna-Reise abgeblieben sind, ich habe die entlegensten Ecken im Keller durchsucht. Schade. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die schönsten Bilder ohnehin die der Erinnerung sind, gespeichert im Kopf und im Herzen.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

10 Kommentare zu „Alles kann passieren!

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