Behördengänge auf Italienisch

Als ich noch in Deutschland lebte, stellten Ab-, An- und Ummeldungen kein Problem für mich dar. Aber ich hatte vermutlich auch gar nicht so oft das Vergnügen. Ein Wohnsitzwechsel oder zwei, basta.

Erst in Italien bekam ich es in voller Breite mit der staatlichen Administration und den verschiedenen Uffici zu tun. (Uffici sind Büros und ein Begriff für Behörden, nicht zu verwechseln mit den Uffizien in Florenz.) Es ging los mit dem super wichtigen, dich als Bürger definierenden, für alles geltenden Codice Fiscale (die wörtliche Übersetzung Fiskal-Code trifft seine Allgegenwärtigkeit vermutlich besser als der Begriff Steuernummer), kurz darauf brauchte es die Aufenthaltsgenehmigung. Später standen anagrafische Veränderungen wie Wohnortwechsel, Hochzeit und Geburten an. Das volle Programm. Ich erinnere mich gut an das Theater, das es im Vorfeld meiner Hochzeit gab. Irgendwelche Dokumente aus Deutschland waren in Rom hängen geblieben, und ich fürchtete schon, der Termin würde platzen. (Mein Mann hat mir später gestanden, dass er beziehungsweise seine Mittelsmänner dahintersteckten, aber das ist eine andere Geschichte.)

In den ersten Jahren hatte ich die italienischen Behörden gefressen. Irgendwie mussten sie sich gegen mich verschworen haben. Oder findet ihr es normal, dass ich mir von der Arbeit freinahm, in meine damalige Provinzhauptstadt Como fuhr, mich eine Stunde bei der Questura (Polizeipräsidium mit Ausländeramt) anstellte, um dann mit der lapidaren Begründung weggeschickt zu werden, ich solle an einem Dienstag wiederkommen. Wo, um Himmels willen, war definiert, dass Vorgänge wie meiner nur dienstags behandelt würden? Richtig: nirgends! Und dieses ist nur ein konkretes Beispiel für viele ähnliche Momente, in denen Come, prego? (Wie bitte?) noch das Vornehmste war, was mir herausrutschte. Zweimal bekam ich in einer Behörde Schwierigkeiten, weil sich herausstellte, dass eine andere Behörde meine Daten falsch erfasst hatte. Es ging um meinen Geburtsort. Aus Strausberg war im Meldesystem Strasburgo (Straßburg) geworden. Da hatte eine Angestellte wohl nicht so genau hingeschaut und im Eifer des Gefechts mal eben eine Französin aus mir gemacht. In einem anderen Fall ‒ bei der Tessera Sanitaria (Krankenversicherungskarte) ‒ stammte ich plötzlich aus San Marino (hier fehlt mir allerdings die Fantasie, wie es dazu kommen konnte).

Aber egal, alles vergessen und verziehen, das waren Anlaufschwierigkeiten. Mittlerweile habe ich längst die dauerhaft unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, bei meiner Kommune kennt man mich und hat alle Daten (hoffentlich) richtig erfasst. So stellte es auch kein Problem dar, in diesem Januar meine neue Carta di Identità (italienischer Personalausweis) zu beantragen. Es genügte, die alte Karte vorzulegen und ein neues Passbild mitzubringen, bei dessen Anblick sich die nette Angestellte nicht verkneifen konnte, zu behaupten, es sei nicht aktuell, ich sähe viel zu gut darauf aus. Dabei spielte wohl auch eine Rolle, dass ich ungeschminkt und mit Mund-Nasen-Schutz vor ihr saß, während ich für das Foto zwei Tage zuvor beim Friseur gewesen war und mich ein wenig geschminkt hatte. Wie man das als Frau so macht. Aber von diesem heiklen Moment mit Schnappatmung einmal abgesehen, lief alles reibungslos.

Nun benötige ich als deutsche Staatsbürgerin allerdings nach wie vor ein deutsches Dokument, die italienische Carta di Identità gilt nur im Inland. Deshalb lasse ich für mich und meine Kinder (sie haben die doppelte Staatsbürgerschaft) den deutschen Reisepass ausstellen. Dafür ist das Konsulat in Mailand zuständig. Nun sollte man erwarten, dass ich mich freue, alle zehn Jahre (in meinem Fall) oder alle sechs Jahre (im Fall der Kinder) behördlich betrachtet „heimzukehren“. Ich sollte viel entspannter sein. Mit Landsleuten lässt sich doch gut reden, würde man meinen. Stattdessen graut es mir jedes Mal, weil aus für mich unerfindlichen Gründen bei jeder Verlängerung des Ausweises alle Dokumente erneut in Original und Kopie vorgelegt werden müssen. Ich weiß zwar, dass ich alles habe (Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Abmeldung in Deutschland usw. usf.) aber nach einigen Jahren ist mir jedes Mal unwohl und ich fürchte, irgendetwas fehlt. Unverrichteter Dinge wieder heimzufahren, wäre bei der umständlichen Anreise und dem nur langfristig zu bekommendem Termin fatal.

Während des harten Lockdowns im Frühjahr 2020, als Behörden bei uns nicht einmal auf Termin empfingen, kontrollierte ich meine Ausweise auf ihre Fälligkeiten und war heilfroh, dass es beim Reisepass erst im März 2021 soweit wäre. Also lange nach Corona. Ähem. Dann, im Januar 2021, als ich meinen Termin für den 22. März bekam, dachte ich hoffnungsfroh: Schön, bis dahin wird die Situation in Sachen Virus entspannter sein, wir können wieder das Unangenehme mit dem Angenehmen verbinden, alle zusammen hinfahren und nach der Konsulatsgeschichte nett durch Mailand bummeln.

Der Optimismus vom Beginn des Jahres wurde mittlerweile, wie ihr selbst nur allzugut wisst, von der dritten Welle eiskalt hinweggespült. Für meinen Behördenbesuch in Mailand musste ich zusätzlich zu den allfälligen Dokumenten auch wieder eine Autocertificazione (Selbstbescheinigung) mitführen. Dass der Anlass meiner Reise über die Grenzen der eigenen Kommune hinaus ein triftiger Grund sei, hatte mir vorher unser Nachbar ‒ ein Staatsbediensteter, der selbst mit der Kontrolle zweifelhafter Begründungen zu tun hat ‒ bestätigt.

So machte ich mich am Montag klopfenden Herzens allein auf den Weg in die Hauptstadt der Lombardei, zweitgrößte Stadt Italiens und internationale Modemetropole …

Herrje, jetzt ist meine Einleitung ausführlicher geraten als geplant.  Also erzähle ich euch die Geschichte meines Behördengangs nach Mailand im nächsten Blogpost. Nur so viel: Es gab angenehme und verunsichernde Momente, nervöses Herzrasen und versöhnliche Frühlingsstimmung. Zona Rossa bei strahlend blauem Himmel.

A presto! Bis bald!

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

31 Kommentare zu „Behördengänge auf Italienisch

    1. Oh ja, die Sprache sollte man schon sprechen. Und auf alle unerwarteten Einwände immer die passende Antwort bereithalten. Ich staune selbst, wie ich das ganz am Anfang gemeistert habe.😎

      Gefällt mir

      1. Schreckliche traurig, vor zig Jahren belegte ich um das Herz einer Italienerin zu gewinnen einen VHS Kurs. Dem Lehrer verkaufte ich zwar ein Auto (war ja mein Job), die Angebetete war aber schon nach der 1. Lektion Vergangenheit.. Bella Italia blieb aber haften 😊😊

        Gefällt 2 Personen

  1. Ich hatte mal gehört, dass man in Italien Behördengänge eigentlich nie selber macht, es gebe da Leute, die das für einen erledigen und sich mit den kleinen Tricks auskennen, damit es läuft. Die würden wohl sehr effizient, um nicht zu sagen professionell vorgehen, ohne dass das eine offzielle berufliche Tätigkeit wäre. Na Du weisst schon was ich meine.

    Gefällt 1 Person

    1. Da denkst du wohl an solche Behörden, von denen man etwas will: eine Baugenehmigung, eine Ausnahmeregelung … Da kann ich nicht mitreden. Bei mir ging es bisher nur um Meldesachen. Zum Glück. 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Als sporadische Donna-Leon-Leserin habe ich eine vage Vorstellung von der italienischen Variante von Bürokratie. Manchmal könnte man Menschen in Ländern, in denen Beamte bestechlich sind, beneiden. Es ist einfach menschlicher. Trotzdem möchte ich natürlich nicht ….

    Gefällt 1 Person

    1. Nein, nein, es geht auch mit Geduld und gutem Glauben und der Bereitschaft, notfalls mehrere Anläufe oder Anstellungen (sich anstellen als Substantiv, kann man das so sagen?😉 ) in Kauf zu nehmen.

      Gefällt 1 Person

  3. Herrje, jetzt fieberte ich so mit und du lässt uns nach dieser fulminanten Einleitung in einer strikten Quarantäne sitzen. Nur die Spannung auf das, was da noch folgen möge, und wir, müssen so zusammen ausharren. Hoffentlich dauert dieser Zustand nicht länger als 10 Tage!

    Man munkelt, dass die Verhältnisse im italienischen Konsulat Frankfurts die gleichen sind. Importiert, sozusagen. Am sportello ist auch pünktlich zur Öffnungszeit niemand anzutreffen. Egal, ob man einen bestätigten Termin hat, weit und breit ist keine konsularische Menschenseele.

    Erst zwei Stunden später, mühsam durch die Gänge schlürfend, lässt sich ein Konsulatsmitarbeiter mit einer Tasse in der Hand blicken. Dann beginnt der erste Kunde des Tages, der einen vollkommen falsch ausgefüllten Antrag dabei hat. Aber man handelt mit Menschlichkeit – anders geht es ja gar nicht. Man füllt also diesen elendig langen Antrag mit ihm zusammen aus, auf dass die anderen bitte warten mögen. Um 12 Uhr schließt man dennoch pünktlich. Man sei schließlich in Deutschland, da lege man viel wert auf Pünktlichkeit. È il resto? Si attaca al ca…vollo, wie der Römer sehr direkt im eher unflätigen Dialekt Roms ausdrückt.

    Auf dass du bald Licht ins Dunkel bringst! Liebe Grüße aus Frankfurt, Eva

    Gefällt 1 Person

    1. Der Römer hatte selbst noch nicht das Vergnügen im Konsulat in Frankfurt? Wenn es dann so weit ist, musst du berichten. Aber sieh es mal so: Die Italiener sind doch eigentlich immer außer sich vor Freude, wenn sie Landsleute im Ausland treffen. Sollte das im Fall von Treffen mit Beamten nicht gelten?
      Nein, keine Quarantäne. 😂 Die Fortsetzung ist schon im Layout. 💪
      Einen unbürokratischen, entspannten Abend wünsche ich euch!😀

      Gefällt 1 Person

      1. Die Geschichte hörte er von einer Freundin, die den Pass der Tochter beantragen wollte und sie war sehr unleidlich über die Begegnung ihrer Landsleute. So sehr, dass sie sagte: “Wenn ich den deutschen Pass habe, dann geb’ ich den Italienischen auf.” Ob sie das am Ende macht? Wohl kaum! 😄

        😍 Ich kann’s kaum erwarten!

        Das wünsche ich euch auch! 😃

        Gefällt 1 Person

  4. Stimmt es eigentlich, dass Behördengänger und Warteschlangenplatzhalter in Italien (noch) Berufe sind? Als guter Beobachter ist mir nicht entgangen, dass obiges Foto ein altertümlich anmutendes Dokument enthält, welches ich niemals weder besessen noch jemals gebraucht hätte: die Abstammungsurkunde. Und was ist das lustige Dokument in gelb? Rätsel über Rätsel… Ich bin auf Denen nächsten Beitrag gespannt!

    Gefällt 1 Person

    1. Also wenn es diese Berufe gäbe, wäre es beim nächsten Mal eine Überlegung wert. 😂 Derartige Angebote wurden mir noch nicht unterbreitet. Beim Pass wäre das Problem, wie der Delegierte dann meinen Finger für den Abdruck mitführen könnte. 🤔

      Gefällt 1 Person

    2. Die Abstammungsurkunde habe ich vom Standesamt in meinem Geburtsort, vermutlich brauchte ich sie für die Eheschließung in Italien.
      Das Gelbe ist das Internationale Familienbuch. Bei unserer Hochzeit ausgestellt und überreicht, sind darin auch unsere beiden Töchter eingetragen. Platz wäre noch für vier weitere Kinder, aber das hätten wir uns eher überlegen müssen. 😂

      Gefällt 1 Person

  5. Ach, da kommen Erinnerungen hoch! 🙂 Als ich in den 2000ern nach Deutschland ausgewandert bin, hatte ich an alles gedacht – nur nicht ans ummelden. Galt ein Jahr als verschollenen, ohne es zu wissen. Zum Glück gab es keine großen Probleme. *lacht

    Gefällt 1 Person

      1. Tatsächlich weiß ich das gar nicht mehr so genau, bei einem Behördengang kam es dann heraus, da meinte die Beamtin, ich gelte als verschollenen und ich meinte, „oh, wow, was ich da wohl spannendes gemacht habe?“ Fand sie gar nicht so witzig wie ich. Bin aus Österreich.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: