Passt!

Mein Leben läuft auf Sparflamme. Wäre es ein Spiel wie „Mensch ärgere dich nicht“, stünde ich wieder auf Anfang, im Homeoffice. Kein Problem. Kennt man ja. Leider ist da diesmal kaum etwas, das sich anfühlt wie: Hach wie schön, etwas länger schlafen. Dafür volle Kanne: Oh wie doof, wieder stundenlang am dafür nicht geeigneten Schreibtisch hocken, ungeschminkt, in Schlabberhose und Strickpullover. Ich warte auf Lebenszeichen der Kollegen, während ich irgendwas mache, das ich für sinnvoll halte, ohne den Plan zu kennen, sofern es denn einen gibt. Wenn ich nicht ins Büro gehe, werde ich träge. Da kann die Sonne noch so schön scheinen, hinaus zieht es mich nicht. Spazierengehen mit Maske, och nö. Den wöchentlichen Einkauf schiebe ich vor mir her, immer noch einen Tag, bis es nicht mehr geht, weil der Kühlschrank leer und die Blicke der Töchter und des Ehemannes vorwurfsvoll sind.

Heute beginnt der Tag anders. Ich muss raus. Behördengang. Keine Aufregung, nein, da bin ich längst routiniert. (Wie abenteuerlich solche Angelegenheiten in Italien sein können, könnt ihr hier nachlesen.) Keine Routine ist, dass ich den Bus nehme, um in den Ort zu fahren. Mein Auto ist zur Durchsicht. Einmal im Jahr ist das Vorschrift, auch wenn ich 2021 nicht annähernd auf entsprechende Kilometer gekommen bin. Der Bus also. Ich stehe an der Haltestelle, eine Stunde später als meine Tochter, die die gleiche Linie hier jeden Tag nimmt. Fast hätte ich beim Losgehen daheim die FFP2 vergessen, allzu gewohnt der Griff nach den OP-Masken. Meine Kiste, deine Kiste. Jeder hat bei uns seine Kiste. FFP2 die Große, seit diese im Öffentlichen Nahverkehr Pflicht sind. Kindermasken 6-12 Jahre die Kleine, Extralarge der Herr. Nur meiner Wenigkeit sind die vom Typ 0815 genehm. Es sei denn, ich fahre mit dem Bus. Zum Glück ist es heute früh nicht so kalt an den Händen, ich halte schon seit zehn Minuten aufgeregt das Busticket in der einen, den Green Pass in der anderen Hand. Kontrollieren will der Fahrer nur das Ticket. Keine Zeit, bei jedem Einsteigenden den Impfstatus zu checken. Dafür gibt es Kontrolleure, die Frau schräg hinter mir hat schon mal einen gesehen, erzählt sie ihrem Sitznachbarn unaufgeregt. Auch ich habe mich hingesetzt, das geht berührungslos. Die Haltestange anfassen? Lieber nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Der Bus um halb acht ist kaum halbvoll, der große Schwung Fahrgäste bereits in der Schule oder am Arbeitsplatz. Wer jetzt fährt, ist entweder zu spät dran oder hat es nicht weit. Mich langweilt das Grau draußen, ich schaue mir lieber die Leute an. Die alte Dame, die den Kontrolleur kennt, fährt vielleicht einkaufen oder muss ihre täglichen commissioni, Besorgungen, machen. Sie trägt eine große, beigebraune Handtasche bei sich und wirkt entspannt, trotz der Maske, die ihr immer wieder zu dicht an die Augen rutscht, so ein kleines Gesicht hat sie. Es scheint, ich bin die Einzige hier, für die diese Busfahrt eine unangenehme Staatsaktion ist. Zwei Sitzreihen schräg vor mir eine junge Frau, eher Mädchen noch, nennen wir sie Marta. Marta scheint sich im Bus zu Hause zu fühlen. Im eigenen Badezimmer gar. In dem hatte sie offensichtlich nicht genug Zeit, das Make-up aufzutragen. Jetzt hat sie ihren Rucksack auf den Knien, das Handy mit der Spiegel-App (das hat mir meine Tochter erklärt, ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt) an die Rückenlehne gestützt, in der linken Hand die Mascara, in der rechten das Bürstchen. Hochkonzentriert trägt sie mehrere Schichten feinster schwarzer Tusche auf. Bei voller Fahrt. Marta ist geübt darin, möchte ich wetten. Sie tut das öfter hier im Bus. Ich an ihrer Stelle hätte das halbe Gesicht voller schwarzer Schmiere. Klar, denke ich, ein gekonntes Augen-Make-up entscheidet heute, da die Lippen nicht sprechen können, einfach über alles. Sei es der professionelle Eindruck im Job, die Liebe auf den ersten Blick …

Auf der anderen Seite im Bus, auf gleicher Höhe wie Marta, sitzt ein junger Mann, höchstens zwanzig. Nennen wir ihn Marco. Marco hatte vorhin verstohlen zu dem Mädchen rüber geschielt. Ob er sich dabei ein Grinsen verkniff, vermochte ich nicht zu erkennen. Nun schaut er unbeeindruckt aus dem Fenster. Mit Kopfhörerstöpseln im Ohr. Man könnte meinen, er lausche klassischer Musik oder Jazz, so ruhig und gelassen, wie er dasitzt und die Ortschaft an sich vorbeiziehen lässt. Aber ich und alle anderen hören mit, was Marco hört. Feinstes Heavy Metal. Das nenne ich Gute-Morgen-Musik.

Marta ist jetzt fertig mit den Augen. Ein kritischer Blick in den Spiegel, oder vielmehr das Handy, das ein Spiegel ist. Sie nickt zufrieden. Doch das Programm geht weiter. Jetzt dreht sie einen Lippenstift auf. Wo will sie den denn …, frage ich mich gerade, aber naturalmente kommt er genau dahin, wo er hingehört. Marta zieht die Maske kurz unters Kinn, trägt den Lippenstift auf, oben sorgsam von der Mitte nach außen, unten von links nach rechts und zurück. „A posto.“ (in Ordnung, passt), murmelt sie. Passt. Eine dezente Farbe, Rosenholz, steht ihr gut. Was muss, das muss. Auch unter der Maske. Ich grinse vor mich hin, während ich zum Ausstieg tippele. Jetzt muss ich mich doch festhalten. Ich blicke zurück und sehe Marta, die ruhig und gelassen aus dem Fenster schaut, wie Marco auf der anderen Seite. Vielleicht steigen sie nachher gemeinsam aus?

Recht hat Marta, ihre Jugend ist jetzt. Und wisst ihr was? Morgen früh trage ich Lippenstift auf. Dann klappt es auch mit den Kollegen. Die sehen zwar die Farbe nicht, aber ich kann sie fühlen.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

27 Kommentare zu „Passt!

  1. Neben der FFP 2 Maske, die ich gern öfter trage als es verlangt wird, nutze ich bei dieser Witterung auch Handschuhe, selbst beim Einkauf. Durchaus könnte ich so auch die Haltestange im Bus nutzen. Nur, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann, wann ich das letzte Mal öffentliche Verkehrsmittel genutzt bzw. mich in ihnen geschminkt habe 😏🤭🚍

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    1. Du bist also bestens ausgerüstet! 👍 Im Bus, nicht öffentlichen, geschminkt haben wir uns im Tanzensemble manchmal, wenn wir spät zum Auftrittsort kamen oder es gar vor Ort nicht ausreichend Garderobenplätze gab. Wir haben immer geflucht, weil es so unbequem war. 😂 Buona serata, liebe Bettina!

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  2. Aaah, liebe Anke, da wirfst du eine interessante Frage auf, die mir schon seit Monaten (Jahren?) unter den Nägeln brennt: verschmiert der Lippenstift nicht unter der Maske? Das ist mein einziger Beweggrund, warum ich auf Ruby Rush und seine Freunde verzichte. Na gut, das war geflunkert. Auch Signorino trug seinen Teil dazu bei. Ich bin gespannt, was du berichtest. 😉

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    1. Also, das Problem mit der Maske stellte sich ja im Homeoffice erstmal nicht. Aber nach Jahren war das Problem ein anderes: Der gute Lippenstift von einst schmeckt mittlerweile ranzig. 😝
      Aber sag mal, liebe Eva. Du vor Signorino, als Flugbegleiterin, warst ja eine Fachfrau in Sachen Make-up. Mich würde da mal interessieren, also wenn du darüber plaudern darfst: Machen die da Vorschriften zur Farbe? Oder heißt es nur: dezent, geschmackvoll, kundenfreundlich oder so? 🤔

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      1. 😄 Da hast du recht. An die Ranzigkeit habe ich gar nicht gedacht. Ich muss gleich mal meine Lippenstifte überprüfen. 🤪

        Als ich eingestellt wurde, war das Motto „klassisch-elegant“. Dies galt für Schmuck, Nägel und Makeup. Tatsächlich gibt es einen Tag, an dem eine Fachberaterin kommt und mit den Teilnehmer*innen des Grundlehrgangs über Make-up, Friseur und Schmuck redet. Alle klassisch-eleganten Farben von rubinrot bis Sandelholz sind je nach Typ ok, solange sie die Natürlichkeit jeder/jedes einzelnen unterstreichen. An provokanten Tagen trug ich leuchtendes Rot und an manchen Tagen auch nur Lippenpflegestift (wenn ich spät dran war). Mittlerweile, da mehrere Kolleg*innen geklagt haben, darf man aufgrund des Persönlichkeitsrechtes so gut wie alles tragen. Männer mit Dutt? Kein Problem mehr. Männer mit Gelnägeln – ja, auch das geht (mittlerweile).
        Man muss nur klagen… Nur bei der Kofferfarbe – da lässt meine Firma nicht mit sich reden: Blau, Schwarz, Grau und Silber. Alles andere ist nicht erlaubt. 😄

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      2. Danke für diese interessanten Backstage-Einblicke. Ja klar, die Zeiten ändern sich (außer für die Koffer 😉). Mir schwebte immer noch so ein antikes Bild von Einheitslook nach Vorschrift vor. 🤦‍♀️😂

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      3. 😄 Je nach Land gibt es das sogar: Die Emiraten, Singapur,…. hier spielen Persönlichkeitsrechte keine Rolle. Es gilt das „Friss oder stirb“-Prinzip, bei dem selbst die Größe des Dutts und die leisen Tippelschritte in der Kabine genormt sind. 😉

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  3. Zum Glück schminke ich mir meine Lippen eh nicht, weil es mir einfach nicht steht und ich nichts ekliger finde, als diese verschmierten Ränder an Gläsern und Tassen….
    Aber Öffis benutze ich durchaus. Entspannt. Ist hier in Düsseldorf eh nix los in den Bahnen. Zumindest im Moment. Home Office kann ich trotz Schmuddellook noch genießen, weil ich (und ich bin dankbar!!) Ausgehen kann. Und das häufig tue. Essen, Kino, Bar….alles möglich.
    Halt die Öhrchen steif, liebe Anke. Es wird noch dieses Jahr vorbeigehen.
    Im übrigen finde ich persönlich, dass uns „Alten“ die Zeit gestohlen wird…die Jungen habe eh noch so viel…da macht eines mehr oder weniger, weniger aus, als für Ü60 Jährige…..
    Liebe Grüße nach Italien.

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    1. Oh danke, liebe Nicole. Na klar, Öhrchen steif und Pobacken zusammengekniffen. 😆 Aber den Satz „Es wird noch dieses Jahr vorbeigehen.“, den druck ich mir jetzt ganz groß aus und hänge ihn über meinen provisorischen Schreibtisch. Deine Worte in ‒ hm, wessen denn 🤔 ‒ Gehörgang!
      Wer nun am meisten versäumt? Wir in der „Mitte“ (also bitte😄 ), vielleicht am wenigsten. Den Alten läuft die Zeit davon, den Kindern und Jugendlichen werden kurze doch wertvolle, unwiederbringliche Phasen ihres Lebens wenn nicht geraubt, aber stark beeinträchtigt. Also nochmal: Deine Worte bitte bitte in Gottes oder wer das dann mal regelt Gehörgang!!!
      Liebe Grüße nach Düsseldorf!

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  4. Meine vollste Bewunderung für das Wimperntuschen im Bus. Im Auto als Beifahrer oder an der Ampel….eine Herausforderung, aber machbar. In einem Bus – egal ob in Italien oder Deutschland – wow. Ich hätte mir sicher ein Auge ausgestochen. Schön deine Beobachtungen zu lesen. Seit ich fast dauernd im Homeoffice bin…2 Jahre…unglaublich…fehlen mir die öffentlichen Verkehrsmittel. Ok, anfassen möchte ich nichts mehr, aber man sieht und hört so viel.
    Buon weekend und liebe Grüße

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  5. „zum Glück“ hocke ich seit zwei Jahren im Homeoffice, da blieb die Enttäuschung bei der Rückkehr nach Hause aus. Kopf hoch. Wird schon wieder. Irgendwann wird’s wieder wärmer und heller. Draußen und im Gemüt 😉 Grüße nach Italien

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    1. Danke, na klar wird das wieder. Das Gefühl ist nur manchen Tag stärker als der Verstand. Der war aber nie weg. 😉 Kollegiale Grüße von Homeoffice zu Homeoffice! 🙋‍♀️

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