Von kleinen Tabellen und hohen Titeln

Ci hanno dato un problema, mamma. Sie haben uns vor ein Problem gestellt, Mama.

Vor ein Problem? Euch Kinder in der dritten Klasse? Das finde ich aber gar nicht nett. Sollten sie euch nicht Lösungen aufzeigen?

No, mamma, ci fanno solo problemi. Nein, Mama, sie machen uns nur Probleme.

Na, zeig mal her!

Meine Tochter schiebt mir das kleinkarierte Schulheft rüber, ich hole tief Luft, bemüht, mir meine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, und fange an zu lesen. Bald wird mir klar: Probleme, so nennen sie in Italien die Text- bzw. Sachaufgaben in Mathematik.

Schon zuvor war ich während einer Elternversammlung einmal arg in Bredouille geraten, als plötzlich alle Mütter und sogar zwei Väter angeregt über Tabelline diskutierten. Die kleinen Tabellen. Ich grinste vor mich hin und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, dass ich kaum etwas wusste von dem, was meine Kinder gerade lernten, da sie ihre Hausaufgaben im Hort erledigten. So richtig schlau wurde ich während der Versammlung nicht, worum es ging und warum alle Anwesenden bei diesem Thema so aufgeregt taten, ließ es mir aber nicht anmerken. Zuhause fragte ich dann doch meine Tochter: Sag mal, das mit den kleinen Tabellen, hast du das schon richtig im Griff? Na klar, Mami, das ist doch Babykram. Willst du die Tabellina del due? Hör zu: Ein mal zwei ist zwei, zwei mal zwei ist vier, drei mal zwei ist sechs, vier mal zwei ist acht … Sie meinten das Einmaleins! Mir fiel ein Stein vom Herzen, da konnte ich also doch noch folgen.

Und wie es sich für das sangesfreudige Italien gehört, gibt es auch für die kleine Tabelle der Zwei ein lustiges Lied:

La canzoncina della tabellina del 2

Ganz ohne Musik in der Mathematik kommen die Schüler in der Terza Media, dritte Klasse Mittelschule (das entspricht der achten Klasse) aus. Ich habe es da bereits wirklich schwer, denn italienischsprachige Fachbegriffe und andere Herangehensweisen legen mir zuweilen Stolpersteine in den Weg der Erkenntnis. Gott sei Dank erledigt die Große alles allein, aber hin und wieder will sie mir etwas zeigen. Ich lobe sie für den langen Lösungsweg und kritisiere, dass sie das Ergebnis nicht ordentlich zweimal unterstreicht. Das kreise sie immer freihändig ein. Und was sagt deine Lehrerin ‒ genervter Seitenblick meiner Tochter ‒ ach Entschuldigung, die Prof, dazu? Jeder soll das Ergebnis hervorheben, wie er mag. Ich schüttele angewidert den Kopf. Der Sittenverfall galoppiert sogar in der Mathematikstunde. Ist die Welt, oder zumindest Italien, eigentlich noch zu retten?

Mit der formellen Akkuratesse nehmen es die Italiener wohl nicht so genau. Dafür umso mehr, was persönliche Titel angeht. Jeder, der ein Hochschulstudium abgeschlossen hat, darf sich Dottore bzw. Dottoressa nennen. Also auch ich, und ich kann euch sagen, dass ich mich bis heute nicht daran gewöhnt habe und immer denke, du Schleimer, wenn einer mich am Telefon mit Dottoressa Krügel betitelt. Er kann schließlich gar nicht wissen, dass ich tatsächlich die Uni absolviert habe. Aber im Geschäftsleben kommt ein wenig Honig ums Maul schmieren immer gut, denken sie, während sie dir oder deiner Firma etwas verkaufen wollen. Ein ähnliches Phänomen im Schulwesen: Mittelschullehrer*innen lassen sich gleich mal eben mit Professore (Prof), ansprechen. Wehe, einem Schüler kommt in den ersten Tagen versehentlich noch einmal das von der Grundschule gewohnte Maestra/o (Frau/Herr Lehrer*in) über die Lippen.

Aber zurück zur Mathematik. Dieses Fach gehörte zu meinen Glanzfächern in der Schule, und ich liebte geradezu mathematische Beweise. Was gibt es Schöneres, als am Ende einer langen Herleitung zweimal ordentlich zu unterstreichen und darunter zu schreiben: „w.z.b.w.“ Meine Tochter weiß noch nichts von diesem Hochgefühl, das die Wissenschaft für sie bereithält, anscheinend sind mathematische Beweise erst an der Oberschule dran. Ich wünsche ihr sehr, dass sie auch in der heutigen Zeit, wo es auf jede Frage hundert mögliche Antworten, für jede Option zig Alternativen gibt und alle über alles diskutieren dürfen, zumindest in der Mathestunde hin und wieder noch sagen darf: Was zu beweisen war. Punkt.

Ein geflügeltes Wort in Italien lautet:

La matematica non è un’opinione. Mathematik ist keine Ansichtssache.

Wo sie recht haben, haben sie recht. Und vielleicht gibt es sogar einen guten Grund, warum die Italiener Textaufgaben Probleme nennen. Womöglich ist es viel inspirierender für die Schüler, ein Problem vorgesetzt zu bekommen, welches es zu lösen gilt. Una sfida, urrà! Eine Herausforderung, hurra! Wie langweilig hingegen, immer nur Sachaufgaben bearbeiten zu müssen. Wollen die Deutschen sich lauter künftige Sachbearbeiter heranziehen? Mal ehrlich: Ein herausforderndes, kniffliges Problem oder Arbeit, was wäre euch lieber?

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

38 Kommentare zu „Von kleinen Tabellen und hohen Titeln

  1. Den Fächern Biologie, Physik und Chemie konnte ich wenig abgewinnen. Bei Mathematik ging es mir wie dir, Anke. Dieses Gefühl nach dem Proberechnen, bei dem man die Lösung bestätigt sah, das Ergebnis doppelt unterstreichen zu können, dann w.z.b.w und vielleicht noch einen Antwortsatz hinzuzufügen – unvergleichlich schön! 😉

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  2. In meiner Lieblingspizzeria in Brüssel wurde ich immer mit lautem Ruf quer durch den Saal mit „Buon giorno dottore, nostro amico tedesco“ begrüsst, obwohl der auch nicht wusste, dass ich (abgebrochener) Student der Literaturwissenschaft war. Und meine Kinder hatten in der Schule eine Maitresse, die sie Madame nannten. Ich hatte eine Madame und mehrere Mätressen. Nee, Quatsch. Zu gerne würde ich aber mal in Wien beim Heurigen als „Herr Hofrat“ begrüsst werden. Man kann halt nicht alles haben.

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  3. Du magst recht haben, deutsche Schulen züchten Sachbearbeiter – hoch spezialisierte Fachsachbearbeiter, inzwischen mit Bachelor und Master. Und das ist wohl auch so gewollt. Die widersprechen den Politikern nicht so häufig und machen das was von ihnen verlangt wird. 😁😒😁😊😂😢😢😢
    Dazu passt ein Zitat eines klugen Mannes, der gesagt hat: „In Deutschland lernen die Abiturienten Bewerbungen schreiben, in Amerika Business Pläne“ und wollte damit sagen, die Amerikaner üben Kreativität, die Deutschen üben Abarbeiten.
    Sind die Italiener vielleicht die Amerikaner Europas?

    LG, der WoMolix war da 😉

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    1. Statt guter Bewerbungen oder Business-Pläne helfen in Italien, so scheint es, leider immer noch am ehesten gute Beziehungen. Wir bleiben also beim B. Da ist dann Kreativität gefragt, solche aufzutreiben, wenn man sie eigentlich nicht hat.
      Sachbearbeiter ist eine der schaurigsten Berufsbezeichnungen, die ich kenne. Und ja, „bearbeiten“ impliziert auch irgendwie, dass man keine eigenen Ideen einbringen soll. Ich hoffe aber, das ist ein historisch bedingter Wortgebrauch und heute in der Praxis meist anders.
      Liebe Grüβe ins WoMo 😊

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      1. Ohhh, An Vitamin B habe ich gar nicht gedacht. Ja, das ist in Italien auch sehr wichtig. Der Unterschied zu Deutschland ist, Die Italiener kennen immer Einen, der einen Anderen kennt und sie haben die Kreativität eine gute Story aufzubauen um einen Kontakt zu dem Anderen erfolgreich zu gestalten.

        LG, der WoMolix war da 😉

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    1. Die habe ich vom Schulheft meiner Tochter „geklaut“. Sie bekommen in der Grundschule sogenannte „schede“, Bildvordrucke zum Ausmalen, um die Hefte dekorativ einzuschlagen. Ausgemalt wird fast die halbe Grundschulzeit lang, ist hier eine Art Lehrmethode. Auch in Englisch: Male die zu den Wörtern passenden Bilder in grün/gelb/rot aus usw. 😂

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  4. Herrlich, mit welchen „Problemen“ der Nachwuchs in Italien getriezt wird. Und umso besser, dass deine Mädels so selbstständig sind. Mein Tipp, wenn sie bei den Textaufgaben doch irgendwann Hilfe brauchen: Du postest bei Facebook die Aufgabe mit dem vorgestellten Satz „Nur einer von 10 Leuten kann diese Aufgabe richtig lösen.“. Und schon läuft die Sache! 😉

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    1. Na, zum Glück reicht es, in der Karte die Position „Coperto“ zu suchen. Da stecken Messer, Gabeln, Servietten und alles schon drin. Sonst könnte man ja feilschen und sagen: Ich esse alles nur mit dem Löffel, Serviette bringe ich meine eigene mit. 😂

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  5. Nein, Mathematik ist nicht mein Ding, war es nie und wird es auch nie sein. Heute beherrsche ich alle vier Grundrechenarten, Prozentrechnen und den Dreisatz. Mehr habe ich nie gebraucht. Wer trotzdem mehr über Mathematik weiß und heute noch eine Kurvendiskussion aus dem Ärmel schütteln kann, der hat meine höchste Bewunderung!

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    1. Kurven werden im wahren Leben gefahren, nicht diskutiert, stimmts? 😉 Also sieh es entspannt, und mit der „höheren“ Mathematik geht es wohl den Menschen wie den Leuten. Nicht gebraucht, schnell vergessen.

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    1. Ach herrje, gleich wird es schwül? Nein, so mag man den langersehnten Sommer dann auch wieder nicht … 😂
      Es freut mich, dass dir meine Einblicke in den italienischen Alltag gefallen. Hab ein schönes, wohltemperiertes Wochenende!😀

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