Ein langes Frühjahr mit Happy End

Heute ist kein Donnerstag wie immer. Mein Mann und ich stehen am Morgen zeitiger auf, um unsere Arbeit im Homeoffice bis zwölf Uhr mittags erledigen zu können. Anschließend haben wir uns freigenommen, dem Anlass entsprechend.

Wir haben einen Tisch reserviert, nur für uns zwei, am See. Nicht an irgendeinem See, nicht in irgendeinem Restaurant. Es ist der Lago di Varese, es ist unser Restaurant. Fünfzehn Jahre ist es nun her, dass wir dort gemeinsam mit Familie und Freunden den schönsten Tag unseres Lebens verbrachten. Einige von ihnen sind schon nicht mehr unter uns, andere sind andere Wege gegangen. Fünfzehn Jahre sind länger, als man denkt.

Buongiorno, sposini!

Mauro begrüßt uns strahlend, während wir die Hände mit Desinfektionsgel einreiben. Seine Kollegin steht mit dem Fieberthermometer bereit, um an unserer Stirn die Temperatur zu messen. Vor fünfzehn Jahren hätte man eine solche Prozedur für ein nettes Gesellschaftsspiel gehalten. Mauro bleibt zwei Schritte vor uns stehen. Seit vergangenem Jahr ersetzt der angedeutete Stoß mit dem Ellenbogen den traditionellen Handschlag unter alten Bekannten.

Ma era ieri, che voi due …  Es war doch erst gestern, dass ihr zwei …

Mauro, der charmante Schmeichler, hatte damals alles mit uns besprochen und geplant.

„In realtà, non è ancora oggi.” Ehrlich gesagt, ist es noch nicht heute, bemerkt mein Mann, und ich ziehe die Schultern hoch und verdrehe die Augen.

Non oggi? Nicht heute?

No, la settimana prossima. Nein, nächste Woche.

Allora siete qua per la prova del menu! Ach, dann seid ihr hier, um das Menü zu testen, scherzt Mauro, während er uns zum Tisch im Garten begleitet.

So könnte man sagen. Mein Mann drückt meine Hand unter dem Tisch und lächelt mir aufmunternd zu. Zwei Flaschen Wasser, una naturale, una gassata, eine still, eine mit Sprudel. Die junge Kellnerin bringt sie automatisch. Ihr nehmt immer den Gewürztraminer von Helena Walch*, richtig? Es ist keine Frage, der Kugelschreiber fliegt schon über den Notizblock. Mauro kennt uns.

No, grazie, oggi meglio di no. Nein danke, heute lieber nicht. Ich ernte einen strafenden Blick meines Mannes.

Wir werden nicht jünger und wir müssen dann noch …, versuche ich zu erklären.

Noch arbeiten, ergänzt Mauro meinen unvollständigen Satz. Wie schade, an so einem sonnigen Tag. Ich verstehe, nur eine Mittagspause. Aber ein Gläschen Prosecco dürfen wir doch offerieren? Mauro schaut uns mitleidig herausfordernd an.

Schnell nickt mein Mann, bevor ich etwas Gegenteiliges hätte sagen können.

Wir lassen uns die gemischten Vorspeisen und gegrillten Branzino (Wolfsbarsch) mit köstlich knusprigen Patate al Forno (Röstkartoffeln aus dem Ofen) schmecken und erinnern uns an den Tag im Juni vor fünfzehn Jahren. Auch damals war es sommerlich warm, nicht zu heiß und für unsere deutschen, österreichischen und britischen Gäste ein italienischer Traumurlaub.

Die raffinierten Kuchen zum Nachtisch sind ein verlockendes Angebot, aber die Zeit wird knapp. Wir nehmen nur due caffè, zwei Espresso.

Una grappa, la prendi? Einen Grappa nimmst du doch? Mauro lacht und zwinkert meinem Mann zu. Ich, die Spielverderberin, werfe diesem einen warnenden Blick zu und schaue demonstrativ auf die Uhr.

La prossima volta! Beim nächsten Mal!

Wir buchen den Tisch für unseren Hochzeitstag nächste Woche und laufen noch ein paar Schritte am Seeufer entlang. Komm, lass uns noch ein Foto machen. Du tust ja so, als wäre heute ein feierlicher Anlass, bemerke ich lachend. Dabei knuffe ich meinen Mann in die Seite, um mich selbst ein wenig aufzumuntern. Die Bank am Ufer ist wie für uns reserviert. Ich könnte ewig hier sitzen und auf den See schauen. Aber es ist Zeit. Fünf vor drei, gleich haben wir unseren Termin. Wir gehen schweren Herzens vom See hinüber zum weithin sichtbaren grün-weißen Zeltkomplex. Es ist kein Festzelt heute, wie es sonst an der Schiranna ‒ so heißt das Seeufer hier ‒ während der traditionellen Sagre (Feste rund um ein kulinarisches Thema) aufgebaut wird.

Wir holen unsere Dokumente heraus. Hand in Hand nähern wir uns dem Eingang, wo uns das routinierte Einlasspersonal pflichtbewusst trennt. Abstand halten, klar.

Ciao, amore, a dopo! Ciao Amore, bis gleich!

Zehn Minuten später stehen wir mit einem Pflaster auf dem linken Oberarm wieder draußen.

In Deutschland krempelt man die Ärmel hoch. Die Italiener sind weniger rational aufklärend, dafür umso emotionaler an die Herausforderung des Frühjahrs 2021 herangegangen. In ihrer Werbung fürs Impfen heißt es: 

L’Italia rinasce con un fiore. Italien wird wiedergeboren, mit einer Blume.

Die Primel, die im Frühling neue Hoffnung bringt, ist das Symbol der italienischen Impfkampagne. Mittlerweile sind es Hortensien und Rosen, aber Hoffnung und Zuversicht blühen. Was mit den Primeln begann, ist zu voller Blüte gekommen. Es geht voran.

Die italienische Anti-Covid-Impfkampagne. Idee und Umsetzung waren umstritten. Aber vielleicht lässt sich auf der Gefühlsebene manchmal mehr erreichen als über den Verstand, wenn es um das Leben und die Gesundheit geht?

*Werbung, leider unbezahlt und ohne Gratisflaschen.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

30 Kommentare zu „Ein langes Frühjahr mit Happy End

  1. Ihr seid der lebende Beweis dafür, dass man sich die Impfung auch nett machen kann. Impfung – auf die entspannte Art sozusagen! 😉
    Ich hoffe, ihr habt einen zauberhaften anniversario nächste Woche und lasst es euch doppelt gut gehen mit Wein, Grappa und Törtchen. 🥳 Ich schicke euch sonnige Grüße nach Italien! ☀️🌷

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    1. Gestern haben meine Tochter und ich uns unglaublich gefreut, als einzig ungeimpfte unserer Familie, endlich auch unsere erste Impfung bekommen zu haben. Wirklich ein Feiertag für uns. Heute nun fuhren mein Mann und ich in den Urlaub. Beim Check Inn reichte für meinen Mann das Vorzeigen seines Impfausweises. Ich stand in der Hotellobby und bohrte mit einem Stäbchen in meiner Nase, weil erst einmal geimpft und noch dazu erst gestern 😏. Nie hätte ich gedacht, einmal an einem solchen Ort derartiges zu tun. Test war negativ. Ich durfte bleiben 😉
      Liest sich wieder sehr gut, Anke und als Zeitdokument wertvoll!

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      1. Oh, na dann habt schöne Tage zusammen! 👍 Das mit dem in der Nase bohren habe ich mir bisher mangels aushäusiger Aktivitäten oder Anlässe ersparen können, aber früher oder später werde ich auch noch Gelegenheit haben. 😂

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    1. Da steckte natürlich mein Mann dahinter, den Termin so zu wählen, dass wir vorher noch essen gehen konnten. Die Location kennst du ja, wir sind immer wieder gerne dort. 😎

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      1. .. und bestimmt haben wir auf der gleichen Bank gesessen, den Schwänen, Enten und Ruderern zugesehen. Dazu dann eine Speisekarte mit der Qual der Wahl und passenden Weinen. Waren schon schöne Tage..😊

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      2. Gut möglich 😉 An diesem Wochenende sind übrigens die Italienischen Rudermeisterschaften. Heute waren wohl die Jüngsten bereits dran oder es gab Vorrunden, wir haben aber nur die Rai-Übertragungswagen gesehen.

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  2. Das ist eine wirklich nette Geschichte, und ein ganz besonderer Impftermin. So etwas könnte man allen wünschen, vor allem denjenigen, die sehnsüchtig darauf warten, davon gibt es leider immer noch eine ganze Menge.
    Aber ich freue mich sehr für Euch, dass Ihr das geschafft habt, und feiert in der kommenden Woche den besonderen Tag. LG Marie

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    1. Danke, liebe Marie! Unser Impfzentrum heute war natürlich ein zufälliges Privileg, was die Lage betrifft. Mit unserer Tochter gehen wir in ein anderes, das wird nicht so ein schöner „Ausflug“, man muss immer aus den gerade online verfügbaren Terminen/Orten wählen.
      Ich kann sagen, nach Anlaufschwierigkeiten läuft es jetzt in Italien schnell und super organisiert. Ich war hin und weg heute, ohne auch nur eine Minute zu warten, lief es wie am Schnürchen. Die meisten können wohl vollständig geimpft in den Augusturlaub. Ich kenne persönlich keinen, der verzweifelt wartet, jeder der will, konnte einen Termin machen, Risikogruppen sind größtenteils schon durch. LG Anke

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  3. Ich hatte Dienstag meine zweite Impfung. Es ist ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität. Gleichzeitig öffnet – lange erwartet – die Gastro wieder. Beide Momente, die wiedergewonnene (teilweise) Normalität und ein gutes Essen in einem gepflegten Restaurant, dürfen und müssen gewürdigt und ausgekostet werden. In diesem Sinne wünsche ich Euch einen tollen Hochzeitstag!

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    1. Wow, dann hast du erstmal neun (?) Monate Ruhe und kannst durchatmen. Wir bekommen die zweite Dosis auch rechtzeitig vorm Urlaub, in dem wir endlich wieder nach Dresden zu meiner Familie wollen.
      Danke Tom, wir werden anständig feiern! 😊

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    1. Liebe Sabine! Ich drücke die Daumen, dass du bald den Termin bekommst. Ich als Deutsche möchte das italienische Impfsystem an dieser Stelle einmal loben: Man ging, wenn die Altergruppe dran war, ins Internet, und buchte sich seinen Termin. Fertig. Für unsere Tochter hockte mein Mann zwar letzte Woche einen halben Tag davor und fühlte sich an der Onlinebörse, aber das lag nur an unseren zu konkreten Vorstellungen, wann es sein sollte, damit die Zweitimpfung nicht in die Zeit einer Reise fällt. Da mussten wir stundenlang schauen bis sich ein passender Termin ergab.
      Hab ein angenehmes Wochenende! LG Anke

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  4. Ein sehr schöner Text. Man kann sich alles genau vorstellen. Obwohl wir ein paar Jahre am Lago Maggiore gewohnt haben, bin ich fast nie am Lago di Varese gewesen. Schade, im Nachhinein gäbe es noch so viel zu tun. Muss paradiesisch sein jetzt. Goditela! (sagt man das überhaupt so? Mein Italienisch ist ziemlich eingerostet…)

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    1. Bravissima, grazie!😊
      Ich kann mir gut vorstellen, wenn man direkt an einem der Seen wohnt, dass man kaum Ausflüge zu den anderen macht. Für uns sind alle in der Nähe, der Vareser ist am schnellsten zu erreichen. Ich werde mal wieder den Lago Maggiore, speziell Ispra vorschlagen, da waren wir schon sehr lange nicht. 😉

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